06/11/26

Bitte werkimmanent – ein Plädoyer

Es gibt in der Geschichte der Literatur und der Kunstinterpretation absolut lästige, völlig überflüssige Fragen, die mit penetranter Regelmäßigkeit beim kleinsten Anlass immer wieder an die Oberfläche gespült werden und zu denen jeder sich irgendwann genötigt sieht, Stellung zu nehmen, auch wenn er es nicht vorhatte und er sich darüber ärgert, dass er sich doch zu dieser nutzlosen und im Kern idiotischen Debatte hat hinreißen lassen. Was im Volksmund die lebensbewegende philosophische Ergründung dessen ist, ob das Ei oder das Huhn usw., ist anderswo der Streit um die Einbeziehung der Persönlichkeit, Moralvorstellungen, politischen Meinung und des allgemeinen Benehmens eines Künstlers oder Schriftstellers in der Deutung, Rezeption und Kommerzialisierung seines Werkes. Eine Frage ist es im Grunde nicht, sondern viel mehr ein Fragenkomplex: Soll das Werk für sich betrachtet werden oder soll der Lebenswandel und die Positionierung des Künstlers dabei eine Rolle spielen? Ist es für einen Künstler Pflicht, sich zu politischen und moralischen Themen zu äußern? Sollen Werke aus Museen und Verlagsprogrammen verbannt werden, wenn die Person des Künstlers von unserer Gesellschaft nachträglich als „problematisch“ betrachtet wird?

Immer häufiger wird diese Frage mit ja beantwortet – erst recht in den Social Media – und dies nicht nur aus Laienmund. Vor einigen Monaten echauffierten auf LinkedIn die Rezeption von Balthus‘ und Gauguins Gemälden und der Gedanke an ihre Zwangsentfernung aus Sammlungen die Gemüter, vor wenigen Jahren wurde Peter Handkes Haltung zu Frauen in Foren zu einem Totschlagargument gegen das Lesen seiner Werke.
Diese Ansätze sind zweifelsohne ehrenhaft und von unbestritten moralischer Größe.  Kann ich bis zu einem gewissen Grad die Empörung der zeitgeistgetränkten Allgemeinbevölkerung nachvollziehen und entschuldigen, so verwundern mich solche Reaktionen, wenn sie von Geisteswissenschaftlern kommen, und dies aus zwei Gründen.

Geschichte und Kunstgeschichte, Textinterpretation und Übersetzungsarbeit lehren uns eins: Der Kontext, nicht zuletzt der historische und soziale Kontext ist immer wichtig, ja entscheidend, um etwas zu verstehen und objektiv zu beurteilen.
Soziologie und Anthropologie haben uns Welten eröffnet, die uns fremd waren, und im Namen der Diversität, Toleranz, kulturellen Sensibilität und der Abkehr von kolonialistischem machtkulturellem Streben dazu erzogen, Praktiken, die in unserer Gesellschaft als fragwürdig gelten oder gar gesetzlich verboten sind, zu akzeptieren und zu relativieren: Wir stellen in Ausstellungen Schrumpfköpfe und nach wie vor verwendete Skarifizierungswerkzeuge als Zeugnisse einer respektverdienenden Kultur neutral besetzt aus, wir beschreiben informativ wertfrei Himmelsbestattungen, Ayahuasca-Zeremonien und Tieropferrituale oder Polygamie.
Der Kontext – sei er historisch oder gesellschafts- und kulturhistorisch – bereichert also an einer Stelle die Wahrnehmung anderer Kulturen, darf aber, ob der moralischen Rückständigkeit, in der Beurteilung unserer eigenen kulturellen und künstlerischen Vergangenheit paradoxerweise nicht relevant sein. Davon abgesehen, dass die Grenze zwischen Moral und Zensur hier einen schmalen Grat beschreibt und unangenehme Erinnerungen an Willkür und Bücherverbrennungen wachruft, stellt sich an diesem Punkt nicht nur die Frage nach moralischer Hybris und dem Recht auf Maßstabsetzung, sondern auch diejenige der Fähigkeit unserer Gesellschaft, das Urteilsvermögen zum Zwecke der freien Selbstentscheidung zu schulen und zu fördern. Sind wir nicht mehr in der Lage, Werke einem Kontext, einer Zeit, einem Zeitgeist und seinen – aus heutiger Sicht auch negativen – Facetten zuzuordnen und Unterschiede zwischen früheren Moralvorstellungen und heutigen zu erkennen, dann hat unser Bildungs- und Erziehungssystem nicht nur in Kategorien von Pisa-Daten versagt.

Vor allem aber zeugt diese Tendenz von einem tiefen Unverständnis dessen, was künstlerisches und literarisches Schaffen sind, und wirft somit ein befremdliches Licht gerade auf diejenigen, deren Aufgabe es ist, die so entstandenen Werke zu kuratieren und zu interpretieren.
Wird sich hemmungslos darüber lustig gemacht, dass weniger gebildete Zuschauer möglicherweise die Figur in einer Fernsehserie mit dem Schauspieler verwechseln und diesem die guten oder schlechten Eigenschaften zuschreiben, die die Rolle innehat, so ist die heutige Bildungsoberschicht dennoch offenbar selbst nicht in der Lage, Werk und Person zu trennen. Dieses erstaunliche Armutszeugnis hat einen Grund, auch wenn dieser keine Entschuldigung sein kann: In dem Maße, wie durch kaufmännisch motivierte Irrungen der Verlags- und Galerie-Politik und durch Social Media nach der Sichtbarkeit von Künstlern und Autoren gelechzt wird, die sich mitunter in der Bringschuld sehen, sich zu inszenieren, um ihren Marktanteil zu steigern, vergessen auch diejenigen, die über Veröffentlichungen, Interpretationen, Kritiken und Ausstellungen entscheiden, dass dies eben nur dies ist, nämlich eine Marketing- und Markeninszenierung. Sie haben es offenbar verlernt, das Werk an sich als ästhetische Suche, ästhetische Antwort und ästhetische Größe zu betrachten. Allein die Tatsache, dass sie krampfhaft und fieberhaft nach den Verbindungen zur Person graben und kleinste Details oder den Lebenswandel zum interpretatorischen oder bewertenden Werkzeug machen, zeigt hinreichend, wie weit sie sich vom Werk entfernt haben, wie unsicher sie in der rein ästhetischen Deutung geworden sind und wie wenig sie über kreative Arbeit wissen.
Ihre Forderungen nach Moralität der Person als Grundlage des Werkes entkleidet Werk und Schaffen ihres ästhetischen Auftrags, ignoriert die Schaffensabsicht – und das ist das Gegenteil eines literatur- oder kunstwissenschaftlichen Ansatzes.

Moral sollte in Gesellschaft, Handel, Politik eine wesentliche Rolle spielen, was sie leider nicht tut und nie getan hat. Die Frage nach der Moral in der Rezeption und Bewertung von Kunst und Literatur aber ist fehl am Platz. Es sollte erlaubt sein, die Person, ihren Lebenswandel, ihre Perversionen, ihre politische Meinung abzulehnen, aber die Qualität ihrer Arbeit immanent dennoch schätzen zu können und mögen zu dürfen.
Die Forderung nach einer werkimmanent(er)en, ästhetikgebundenen Interpretation von Text und Kunst mag altmodisch sein und einigen obsolet erscheinen, aber sie ist das, was den Unterschied zwischen zeitlosen literarischen und künstlerischen Werten und Zeitgeistmeinung ausmacht.

06/10/26

Was Verlagskataloge über uns verraten

Es ist die Jahreszeit der Verlagskataloge. Alle paar Tage erhalte ich welche, kleine, wundervolle Überraschungen. Dass es sie noch auf Papier gibt, dass sie verschickt werden und sie meinen Briefkasten für ein paar Wochen im Jahr wieder zu dem magischen Ort machen, der er einst war, schenkt mir einen Trost, der weit über die reine Nostalgie hinausgeht. Es ist, als gäbe es auf dieser Welt doch noch etwas, das in Ordnung ist, das noch nicht zerstört und vergessen ist, das noch „normal“ ist.

Von diesen Gedanken abgesehen ist mir allerdings aufgefallen, wie viel die Art, wie wir mit solchen Katalogen umgehen, wie wir sie lesen und nutzen, über uns verrät: nicht nur über unsere thematischen Vorlieben, sondern auch über unsere grundsätzliche Einstellung zu den Dingen, über unsere Art zu denken, unsere Prioritäten, über unsere momentane psychologische Verfassung, unsere private und berufliche Biographie und nicht zuletzt unser Alter und unseren derzeitigen Platz im Leben.

Zu den Katalogen, die ich in letzter Zeit erhalten habe, gehört derjenige eines bekannten Kunstbuchverlags. Habe ich mich früher gierig darauf gestürzt und alle Titel herausgeschrieben, die ich zu lesen oder zu kaufen gedachte – er erschien mir zu schön, um darin etwas anzukreuzen oder zu unterstreichen –, blättere ich ihn in den letzten Jahren nur noch sehr schnell und oberflächlich durch, bevor  er seinen Weg in die hintere Reihe des Bücherschranks findet. Es ist nicht so, dass mich sein Inhalt grundsätzlich nicht mehr interessieren würde. Das Angebot hat sich verändert, entspricht zunehmend dem, was offizielle Kunstpolitik begrüßt, erwartet und fördert und meinen Vorstellungen nicht unbedingt entspricht, ist kommerzieller geworden. Aber für die abgekühlte Liebe ist dies zugegebenermaßen nicht der einzige, nicht einmal der wichtigste Grund: Es handelt sich um einen deutschen Verlag, der Bücher in deutscher Sprache publiziert, dessen Zielgruppe also deutschsprachig ist … seinen Katalog aber ausschließlich in englischer Sprache druckt. Einen solchen Unsinn muss ich nicht unterstützen. Tatsächlich überlege ich, ob ich diese Kataloge nicht abbestelle, denn ein solcher Verlag will mich als Kundin offenbar nicht. Ich bin wohl nicht woke genug, zu alt, zu konservativ.

Ein weiterer Katalog, den ich jedes Jahr mit Freude erwarte und der mich nie enttäuscht hat, kommt von einem französischen Verlag und wendet sich an Liebhaber von Literaturklassikern und Bibliophile. Diese Bände können um des Sammelns willen erworben werden und stellen eine große Versuchung dar, aber ich betrachte sie primär als Bücher, als die kuratierten Textsammlungen, die sie sind. Doch meine Art, diesen Katalog zu lesen und zu bearbeiten, gibt mehr von mir preis, als mir über lange Jahre bewusst war. Welche Bücher ich am Rand neben dem Titel mit drei langen roten Strichen (sobald wie möglich kaufen), zwei schwarzen Strichen (wichtig, aber nicht so dringend) oder einem Bleistiftstrich (es wäre schön, wenn…, aber kein Muss) kennzeichne, zeigt, wie sich Erfahrung und Wechselfälle des Lebens in den Büchern, mit denen wir uns umgeben, auswirken.

Meine berufliche Biographie, meine langjährige Tätigkeit als Übersetzerin und vor allem mein sich daraus unvermeidlich ergebender Einblick in die moderne Übersetzungsarbeit, die Texttreue anders bewertet, als ich es tue, außerdem meine Kenntnis der Verlagsbranche haben hier Spuren hinterlassen, ja tiefe Furchen und Narben: Fremdsprachige Literatur lese ich nur noch, wenn ich in der Lage bin, sie im Originaltext zu genießen, ich kaufe prinzipiell keine Übersetzungen mehr, weiß ich doch zu gut um die Diskrepanzen, die heutige Übersetzungsarbeit und -auffassung mit sich bringen. Wenn Übersetzer als „zweite Autoren“ und „kreative Bearbeiter“ gefeiert werden, muss ich mir ihre Werke nicht antun, ich möchte den Autor lesen, nicht, was sie mit Segen eines zielpublikumsbesorgten Verlags daraus erfinden.
Die allgemeine wirtschaftliche bzw. meine Einschätzung derselben spielt in meinem Zugang zu diesem und anderen Katalogen ebenso eine Rolle. Mein Glaube an eine bessere Zukunft, an bessere Zeiten scheint mir im Laufe der Jahre abhanden gekommen zu sein. Habe ich in meiner Jugend und noch vor einem Jahrzehnt viele Titel mit dem Hintergedanken angekreuzt, dass ich sie mir eines Tages leisten können würde, so ist dies heute nicht mehr der Fall. Ich beobachte, dass ich nur noch die Bücher berücksichtige, die „unbedingt sein müssten“, weil sie zu meiner Arbeitsausstattung gehören sollten und müssten und ich sie nicht mehr ausleihen müsste, wenn ich sie brauche.
Meine Auswahl ist zudem ein deprimierendes Spiegelbild meines Alters und meiner reich(lich)en Lese-Erfahrung. Literarische Enttäuschungen, Distanz zu in der Jugend möglicherweise überschätzten Werken, eine – vielleicht zu lange? – Liste bereits gelesener Texte, die den Wert von Literatur als Notwendigkeit zuweilen erschüttern und Raum für Frustration bieten, haben eine gewisse Verbitterung hinterlassen, die in zunehmender Vorsicht ihren Ausdruck findet. Der beruflichen Biographie kommen also die Altlasten der privaten hinzu.

Mit dem Alter wird die Frage des physikalischen Platzes beim Durchblättern eines Katalogs nicht zuletzt zu einem nennenswerten Faktor. Als ich noch Anfang 20 war, pflegte ich regelmäßigen Kontakt zu einem belesenen Ehepaar, das ob der Endlichkeit der Regalmeter in ihrem Eigenheim irgendwann den Entschluss gefasst hatte, nur noch die Bücher zu kaufen, die sie bereits gelesen hatten und von denen sie sicher waren, dass sie auch in Zukunft den Wunsch haben würden, sie immer wieder zu lesen. Damals erschien mir dieser Ansatz recht skurril und radikal, ja undenkbar. Heute geht es mir nicht anders.

Die Tatsache, dass ich solche Kataloge beim Erscheinen einer neuen Ausgabe nicht entsorge, sondern sammle, ist ebenfalls eine Aussage. Für mich sind sie Nostalgie, kostbare Zeugnisse einer bestimmten Zeit, kleine emotionale Oasen, hoffnungsvolle Momente des Versinkens und Genießens, der gespannten, aufgeregten Erwartung. Es gibt kaum etwas Schöneres, als beim Umblättern einer Seite in einem alten Verlagskatalog jene Freunde zu entdecken, die man selbst in der Jugend so oft gelesen hat, die man besitzt, die man nicht missen möchte, und dabei in der neuen Ausgabe mit einem gerührten Seufzer zu bemerken, wie wunderbar es doch ist, dass sie immer noch verlegt werden.

Verlagskataloge auf Papier sind Seismographen unserer Gesellschaft, Lackmuspapiere des Zeitgeists, Erinnerungskapseln, Zeugnis unserer persönlichen individuellen Entwicklung und die Brücke zu jener Welt, nach der sich zu sehnen echte Leser niemals aufhören.

02/25/26

Podcasts und der Verlust der Schriftlichkeit

Sterben durch Podcasts der (populär)wissenschaftliche Text und die Möglichkeit zu Informationszugang und autodidaktischer (Fort)Bildung? Eine kritische Kolumne

Geht es nur mir so? Wer schnell und gerne liest, scheint heute im Nachteil zu sein. Auch fachliche und akademische Informationen werden extern immer häufiger nicht mehr in Textform, sondern als Podcast veröffentlicht.
Sicher sehe ich da etwas falsch. Sicher missverstehe ich dieses Medium und ich lasse mich sehr gern aufklären (man ist nie zu alt, um dazu zu lernen). Ein Podcast ist für mich eine abrufbare Radiosendung. Radio gehört habe ich in meiner Studentenzeit …  ein paar Minuten beim Kochen und Spülen, weil es ein Radio in der WG-Küche gab. Meistens Musik oder die Nachrichten. Und wenn die Spüle leer und das Geschirr eingeräumt war, stellte ich das Radio ab, denn um die Sendung ging es mir ja nie, nur um die Geräuschkulisse. Ansonsten habe ich nie Radio gehört. Es war langweilig, verstaubt, etwas für „alte Leute“. Ich wurde älter, aber offenbar nicht reifer, denn das Bedürfnis, Radio zu hören, verspürte und begriff ich nie. Bis heute nicht. Irgendwann, als ich dann einen Fernseher besaß, ersetzte er als Geräuschkulisse beim Kochen und Spülen das Radio und der kleine Weltempfänger verschwand in eine Schublade, wo er heute noch sein Dasein fristet. Er wird „für alle Fälle“ behalten, man weiß ja nie.
Einem einstündigen Podcast zum Thema „Stand der mediävistischen Forschung“ oder „Barockarchitektur“ zuzuhören, während ich etwas ganz anderes tue, mich vornehmlich also dem Haushalt widme, erscheint mir wenig zielführend. Zum einen hätte das Thema nicht meine ungeteilte Aufmerksamkeit, ob durch die von mir verursachte Geräuschkulisse oder weil meine Gedanken halb bei der anderen Beschäftigung sind; des Weiteren könnte ich mir von den Dingen und Quellen, die ich selbst nachschlagen will, keine Notizen machen, ohne mich zu unterbrechen. Oder ich müsste die Sendung während meiner Arbeitszeit nochmal hören, was ja nicht Sinn der Sache sein kann.
Ich bewundere aufrichtig Menschen, die Podcasts hören und ihren Sinn und Nutzen schätzen. Warum  immer mehr Podcasts wie Pilze aus dem Boden schießen und was deren Vorteil sein soll, ist mir ein Rätsel.  Für mich ist das ein Kuriosum, das ich wirklich gern verstehen würde.
Einen gedruckten Text in der Länge eines 60-minütigen Podcast-Skripts könnte ich in 5 bis 7 Minuten erfassen und die Informationen stünden mir dauerhaft für späteres Nachschlagen zur Verfügung. Warum sollte ich also so viel Zeit mobilisieren?
Ich nehme gern den Einwand entgegen, dass Podcasts nur einen populärwissenschaftlichen Einstieg bieten sollen. Ganz stimmt dies zwar seit geraumer Zeit nicht mehr, denn immer häufiger vermitteln auch namhafte Forscher und etablierte Akademiker auf diese Weise einen Einblick in ihre Wissenschaft oder den Fortschritt ihrer Arbeiten – insbesondere im Bereich Kunst und Geisteswissenschaften – und auch Museen haben nun dieses Medium der Kulturvermittlung entdeckt, aber lassen wir dieses Argument vorerst als Arbeitshypothese gelten. Auch hier hätte ich in der Zeit, die ich für einen einzigen Podcast aufbringen müsste, mindestens eine Ausgabe jeweils des @National Geographic und eines @geomagazin samt des  gesamten Feuilletonteils einer der großen Zeitungen und einer zusätzlichen Kunst-Zeitschrift durchgelesen, die auch noch als Ausgangspunkt für weitere vertiefende und anspruchsvollere oder akademische Lektüren „bleiben“ würden, ohne dass ich mitschreiben oder das Ganze noch einmal auf der Suche nach einem bestimmten Punkt später durchspulen muss. Was also die Sache mit den Podcasts soll, erschließt sich mir nicht.
Es tut mir um die vielen  sehr begeisterten und engagierten Podcast-Autoren leid, die ihre Leidenschaft und ihr Wissen zu teilen versuchen. Für mich bedeutet die Podcast-Flut in erster Linie, dass ich zu vielen Informationen keinen Zugang mehr habe, die ich früher regelmäßig in nun verwaisten und aufgegebenen Fachblogs oder nicht mehr veröffentlichten Zeitschriften gelesen hätte. Aktiv nach neuen Erkenntnissen oder Entdeckungen zu suchen, von denen man nicht weiß, dass es sie gibt, ist kaum eine Lösung, erst recht nicht, wenn man sich für eine breite Palette an Themengebieten interessiert. Dazu wäre Information da: Einem aufzuzeigen, was es Neues gibt, Suchfährten für eigene Recherchen zu eröffnen. Aber diese Information muss ja auch in einer vertretbaren Zeit verfügbar sein und das bedeutet: schnell erfassbar, sortierbar, weiter nutzbar  und strukturiert archivierbar sein – was ich (ich lasse mich gerne eines Besseren belehren) in Podcasts irgendwie nicht sehe.
Irgendwann werde ich vielleicht verstehen, was an Podcasts so toll sein soll. Vielleicht.

Podcasts haben wie Hörbücher als Lektüre-Ersatz für sehbehinderte Menschen zweifelsohne eine Daseinsberechtigung, eine unendlich wichtige sogar, oder viel mehr: Sie haben sie in diesem Zusammenhang gehabt, denn die zunehmende Vervielfältigung des Angebots stellt auch das in Frage.
In anderen Kontexten allerdings ist ihr Nutzen heute eher kritisch zu bewerten und sie erweisen sich sogar in ihrer ursprünglichen Absicht als kontraproduktiv. Nicht nur, weil sie für den wirklich interessierten und autodidaktischen Laien zeitraubend unpraktisch und unflexibel sind.
Sie sind – und dies ist besonders tragisch – die Fortsetzung einer Entwicklung, die mit den Piktogrammen begonnen hat, mit Globisch ihre Fortsetzung fand hat und nun in der Abschaffung der Schriftlichkeit und dem Tod des Textes ihren Zielpunkt erreicht. Die vermeintliche Demokratisierung des Zugangs zu fachlichen Informationen wird zu genau ihrem Gegenteil – und Demokratisierung ist schon deshalb der falsche Begriff. Die Abschaffung von Text ermöglicht es nicht, dass bildungsferne Menschen Zugang zu qualitativ besseren Informationen finden, sie bedient in erster Linie die Bequemlichkeit und Eitelkeit des Mainstreams und führt zu einer Einebnung nach unten. Der Autor wird zum Influencer, der sich im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit vieler genötigt wähnt, immer unterhaltsamere und vereinfachtere Inhalte produzieren zu müssen. Die „Hemmschwelle“ – auch wenn mir das Wort zutiefst widerstrebt –, Fachblogs oder populärwissenschaftliche Zeitschriften zu lesen, bedingte eine kleinere Leserschaft, die willens und in der Lage war, Inhalt und Textqualität wahrzunehmen und für die die Person des Autors keine wirkliche Bedeutung hatte. Dies sicherte wiederum zum einen eine gleichbleibende Qualität, da Konkurrenz und Sichtbarkeit keine Rolle spielten und für eine eingeschworene „Community“ von Gleichgesinnten geschrieben wurde, zum anderen  dass diejenigen, die sich intellektuell wirklich weiterentwickeln wollten und den Zugang zu dieser Gemeinschaft suchten, sich verhältnismäßig tatsächlich darum bemühen mussten und schon dadurch Horizont und Kenntnisstand erweiterten.  Menschen werden nicht dadurch klüger und gebildeter, dass ihnen alles einfach gemacht wird. Das Prinzip der Inklusion kann in diesem Zusammenhang zu einem zweischneidigen Schwert werden, wenn Bildung nicht parallel für andere Zielgruppen extern zugänglich bleibt, sondern zu einer Ware wird, die auf Beliebtheit angewiesen ist. Alle wichtigen Dinge im Leben sind diejenigen, die nicht ohne Mühe zu haben sind, um die es sich zu kämpfen lohnt. Die Rolle des Podcast-Autors als Influencer  verkehrt das Streben nach oben zum Beugen nach unten und holt den Mainstream keineswegs mehr aus seiner Unwissenheit heraus. Die Sprache wird immer einfacher, mitunter kindlich gestaltet, die Themen werden angepasst und so zerkleinert und zerteilt, dass sie nicht mehr nur leichter verdaulich sind, sondern überhaupt nicht gekaut werden müssen – ein an einem Stück herunterzuschluckender Brei ist keine Erziehung für die Geschmacksknospen. Das vermittelte Wissen fügt sich – von wenigen Ausnahmen abgesehen, von denen ich hörte, doch wie lange wird es diese noch geben? – den Gesetzen dieses Influencertums, bleibt oberflächlich und wird dadurch zeitlich flüchtig – wie eben eine schnell vergessene Radiosendung.

Podcasts einen Nutzen zuzuschreiben, fällt angesichts dessen schwer: Von ihrer limitativen Unflexibilität für den wirklich autodidaktisch interessierten und schon kundigen Laien, die unverhältnismäßig viel Zeit für eine im Vergleich viel zu geringe Informationsmenge zu mobilisieren zwingt, über ihre materielle Flüchtigkeit bzw. den Aufwand, der dazu nötig wäre, sie als Quelle vertiefender Lektüren dauerhaft und effizient zu nutzen, bis hin zu der Einebnung des populärwissenschaftlichen Bildungszugangs nach unten durch ökonomische Zwänge des gnadenlos wettbewerbsorientierten Influencertums und die Ablösung der Schriftlichkeit, die sie bedingen – es will mir nicht so recht gelingen, die allgemeine Begeisterung zu teilen. Aber wie gesagt: Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren.

10/10/25

Der Fluch des Internet

Meine besten Texte sind niemals diejenigen, die ich online veröffentliche. Tatsächlich zwingt die Veröffentlichung im Internet dazu, eine Erwartungshaltung zu bedienen –widersprüchlicherweise gerade dann, wenn diese Texte als Werbung oder Marketing in eigener Sache, was ein Blog nun einmal ist, eine konkrete Funktion erfüllen sollen.
Es entsteht dadurch eine Art Zugzwang-Situation: Solche Artikel sollen erklären, vermitteln, überzeugen, demonstrieren, schlimmstenfalls rechtfertigen, eine Meinung vertreten … ob man will oder nicht. Es bleibt also nicht aus, dass diesen Texten ein gewisser selbstgerechter oder altklug belehrender Charakter innewohnt.
Dies entwickelt sich zu einem doppelten Ärgernis, denn sie vermitteln den Eindruck, man würde sich und die eigenen Aussagen fürchterlich ernst nehmen und von dem überzeugt sein, was man schreibt. Dabei entsteht Marketing nur aus dem Zwang heraus, sich zeigen und profilieren zu müssen.
Dies ist paradox. Gerade dadurch wird alles Mögliche zur Schau gestellt, aber das, was man wirklich ist, spielt dabei keine Rolle – es sei denn, man verbringt seine Zeit damit, eben das immer und immer wieder zu wiederholen, nämlich dass man sich eigentlich gar nicht zeigen will. Und je häufiger man dies tut, desto unglaubwürdiger klingt es vermutlich, desto mehr kann dies als Pose missverstanden werden, gerade weil und obwohl es das einzige Aufrichtige ist, das man von sich gibt.
In meinem Fall führt es dazu, dass dieses Blog teilweise über Monate oder Jahre verwaist bleibt, auch wenn dies geschäftlich kontraproduktiv ist. Und so genieße ich es, in meiner kleinen Oase etwas anders verfahren zu dürfen und nur dann zu veröffentlichen, wenn und was ich wirklich will.

03/30/25

Deutschland 2020 – Kritische Chronik einer dystopischen Dichotomie

Dass die Presse in letzter Zeit mit vielen Artikeln, Podcasts und Rückblicken das fünfjährige Jubiläum der Corona-Pandemie und der ersten Lockdowns so ausführlich beging, war für mich überraschend. Ein Blick aus dem Fenster und selbst der kurze Gang zum Supermarkt zwischendurch zeigt es auffallend: In den meisten Köpfen ist diese Zeit vergessen, vorbei, bereits weit entfernt. Außerdem schien es skurril, gerade solche Erinnerungen gewissermaßen zu „feiern“.
Meine eigenen Corona-Chroniken, die ursprünglich aus ganz anderem Grund entstanden waren, schliefen seitdem in der virtuellen Schublade meines Computers, und ich dachte, dass sie auch dort bleiben würden. Aber das Interesse schien doch groß, die Rezeption dieser Tage zu hinterfragen.
So erschien diese Woche ein diskretes Bändchen

Deutschland 2020
Kritische Chronik einer dystopischen Dichotomie
96 Seiten, im Taschenbuchformat 125×190, nur 6 mm dick,
auf cremefarbenem Papier und im altmodischen Garamond-Look.

Es vereint beschreibende Momentaufnahmen, bissige und mitunter unbequeme Kommentare, Kolumnen und private Gedanken und gibt in Aufzeichnungen unterschiedlichster Größe den sehr persönlichen, kritischen Blick einer in Deutschland lebenden ausländischen Künstlerin, Geisteswissenschaftlerin und Schreibenden wieder.

Zu kaufen auf https://www.epubli.com/shop/deutschland-2020-9783819066160

09/3/24

Gestaltete und handillustrierte Texte

Neben der Entwicklung von künstlerischen Textkonzepten biete ich meinen Kunden auch die Möglichkeit, mit Illustrationen ihren Text auf unerwartete und aufmerksamkeitsstarke Weise zu inszenieren.
Illustrationen eignen sich nicht nur für Bücher. Durch Illustrationen kann ein Briefumschlag bzw. Brief zum Unikat werden, das  subtil und zielsicher den Eindruck eines außergewöhnlichen und hochwertigen Unternehmens vermittelt. Das optische Element überrascht vom ersten Augenblick an, erweckt Neugier, jeder Brief bleibt durch seine Einzigartigkeit, durch die perfekte Harmonie zwischen Rahmen und Inhalt und durch die gezeigte Sorgfalt und Originalität unvergesslich.
Noch ist dies keine bezahlte Leistung: Die Projekte, die hier vorgestellt werden, entstanden als Geschenk für zwei Kundinnen … und als Werbung in eigener Sache.

04/29/21

Stillleben sind die Zukunft des Marketings

Bild: Martine Paulauskas

Seien wir ehrlich: Die Produkte und Leistungen, die uns angeboten werden, sind austauschbar und werden immer austauschbarer. Asiaten essen Pizza, Europäer industrielle Ramen-Instant-Suppen, sie alle trinken Coffee to go einer großer amerikanischen Kette. Unsere Herkunft ist auch nicht mehr an unserer Kleidung oder Inneneinrichtung zu erkennen. Wir schreiben kontinentübergreifend auf den gleichen Computern jene Nachrichten, die auf der ganzen Welt zeitgleich auf einförmigen Netzwerken und Messengern zu lesen sind.

 

Marketing in der Sackgasse
Unter diesen Umständen fällt es immer schwerer, gleichförmige und oft gleichwertige Produkte überhaupt noch erfolgreich zu verkaufen. Der Vorzug wird demjenigen gegeben, der sich finanziell die quantitativ umfangreichere Kampagne leisten kann. Auch sie wird schnell langweilig, und es bleibt fast nur, auf die Mundpropaganda-Wirkung von Trendsettern und Influencern zu setzen.
Einen kleinen Schönheitsfehler hat diese Strategie schon: Eine volatile Welt erfordert ein volatiles und somit minderwertiges Geschäft, kurzlebige und damit kostspielige und unsichere Ansätze. Will sich das Marketing aus dieser prekären Lage befreien, werden tiefgründigere Überlegungen und fundiertere Mechanismen erforderlich sein.

So alt, so aktuell …
Methodologisch liegt die Lösung nah, die Bildende Kunst zeigt sie auf. Als Momentaufnahme mit rein ästhetischem Wert bietet das Stillleben alle Elemente, die Produktplazierung in unserer Zeit braucht. Es ist Produktporträt, Foodporn, Inszenierung und Storytelling zugleich.
Von den antiken Darstellungen von Obst und Wein über die Meister des 16. Jahrhunderts bis hin zu impressionistischen Werken oder der zeitgenössischen hyperrealistischen Malerei – Stillleben wirken durch die Stimmung, die sie vermitteln, aber auch und vor allem durch die Verbindung zwischen Komposition und der Fantasie des Betrachters, in diesem Falle also des Verbrauchers und potentiellen Käufers, der für sich, ob bewusst oder unbewusst, die Geschichte erzählt und zu Ende führt, sie nach seiner eigenen Vorstellungswelt gestaltet und moderiert.
Stillleben sind mehr als deskriptive Tableaus, sie sind eine Anleitung zum Fragen, Träumen, Wünschen, sie sind Belehrung und Angebot.

… so wirksam
Ob auf Instagram, Pinterest oder im Text – es sind die Stillleben, die uns zum Begehren anregen, die uns inspirieren, motivieren, überzeugen. In unserer sinnesüberflutenden Umgebung, in der Fülle und dem Überfluss der medialen Angebote und Entscheidungen, ist es das Stillleben, das der Werbung neue Wege der Einzigartigkeit aufzeigt.
Dies ist nicht nur der Beweis für die Zeitlosigkeit darstellender Genres und Werte, sondern auch ein Indiz dafür, wie sehr Ästhetik und Kunst in der Wirtschaft von morgen als Ausdrucksmittel, aber vor allem als Verkaufsargument und Differenzierungswerkzeug fungieren werden.

 

Der kaufmännische Erfolg von morgen ist nicht eine Innovation, ein Wundermittel, einen betriebswirtschaftlichen Jargonbegriff entfernt – nur ein Gemälde und die Geschichte, die es jedem einzelnen erzählt.

03/15/21

Kolumne – ein im deutschen Sprachraum in Verruf geratenes Genre

Kolumnen sind eine sehr alte Textform und im Grunde in vielfacher Hinsicht die Vorgänger mancher heutiger Blogbeiträge. Ihre Geschichte allerdings hat in den letzten Jahren eine unschöne Wendung genommen, und es ist zu befürchten, dass sie dem Zeitgeist anheimfallen – widersprüchlicherweise, leben wir doch in einer Welt, in der jeder über die elektronischen gesellschaftlichen Netzwerke seine Meinung kundtun kann und von dieser Möglichkeit reichlicher bis übermäßiger Gebrauch gemacht wird.

In früheren Zeiten galten Kolumnen nach dem investigativen Journalismus als prestigereiche Sparte des Zeitungswesens. Kolumnist zu werden bedeutete eine Beförderung und ein erhebliches Ansehen.
In der Tat erfordert die Kolumne besondere stilistische Fähigkeiten, die weit über diejenigen hinausgehen, die für die gewöhnliche Berichterstattung notwendig sind. Die wöchentliche Kolumne war in der säkularen Welt der Zeitung das, war der Messe die Predigt war.

Mit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts jedoch begann das Blatt, sich zu wenden. Immer häufiger wurden Kolumnen – in der breiten öffentlichen Vorstellung, aber durch das Aufkommen der Online-Medien und des damit verbundenen Dilettantismus’ auch zum Teil in der journalistischen Szene – mit anderen Formen verwechselt. Die Grenzen zwischen Kolumne, Glosse, Kommentar und Leitartikel wurden zunehmend unscharf. Noch hätten sich die unterschiedlichen Ansätze gegenseitig bereichern können, aber es sollte anders kommen.

Mit der Jahrtausendwende entglitt die Kolumne schließlich dem Journalismus und verlor eines ihrer wichtigsten Merkmale: die Konstante des vertrauten und professionellen Autors. Gastartikeleitelkeit einerseits und die immer dringendere, wirtschaftlich bedingte Unumgänglichkeit eines Gebots der Attraktivität in einer sich selbst aufgebenden Branche andererseits führten dazu, dass der Kolumnist seine Funktion und seine journalistischen Eigenschaften einbüßte. Prominente (oder welche, die es gerne wären) wechselten sich nunmehr ab und änderten die Spielregeln nach Gutdünken und Imageimperativen. Eine verheerende Mischung aus Profilierungssucht und Leserheischerei leitete den Weg zu einem sinkenden Niveau von Textqualität und Themen ein.

Heute ist das Wesen dessen, was eine Kolumne ist und sein sollte, weitgehend vergessen und wird von Lesern überhaupt nicht mehr verstanden, wie die Kommentarfunktion bekannter deutscher Online-Magazine veranschaulicht.
Kolumnen werden besonders gern angegriffen und als grundsätzlich überflüssig betrachtet. Sie sind das bevorzugte Ziel von Rechthabereien und Wortklaubereien und fallen damit, wie viele andere Dinge im Bereich Text, Kunst und Kultur, dem allgemeinen Schrei nach nackten und somit undifferenzierten Daten und vermeintlich objektiven Fakten zum Opfer – als freue sich die Menschheit darauf, endlich von gefühlsneutralen Robotern abgelöst und ersetzt zu werden, als bettelte sie regelrecht darum. Meistens wird nicht die geäußerte Meinung, also der Inhalt kritisiert, sondern das Genre an sich, weil seine Daseinsberechtigung, sein Zweck, seine Absicht und sein Nutzen schlicht nicht mehr bekannt und nicht mehr verstanden werden, und mit einer Reihe falscher Vorstellungen einhergehen.

Dass ein Genre komplett und zudem in relativ kurzer Zeit obsolet wird, ist in der Geschichte des Textes ungewöhnlich und bedauerlich. Dass es ausgerechnet in Deutschland der Fall ist, verwundert allerdings zugegebenermaßen leider wenig. Text- und Formerziehung werden unter dem Vorwand teils historischer Altlasten, die es abzutragen gebe, teils einer erklärten resoluten Zukunftsorientiertheit, tatsächlich wohl eher aufgrund kultur- und mentalitätsgewachsener Denkmuster und Werte grundsätzlich, wissentlich und gezielt vernachlässigt bzw. unterbunden.

So bleibt nur zu hoffen, dass diese Krankheit des Textvergessens nicht allzu sehr um sich greift, sich innerhalb unserer Sprachgrenzen eindämmen lässt und nicht auch noch sie zu einer vernichtenden Pandemie wird.

03/12/21

Saisonales Schreiben und seine Bedeutung

Obwohl ich dieses Blog schon einige Zeit führe und ziemlich genau zeige, womit ich mich beschäftige, fällt es vielen Menschen schwer, zu begreifen, was ich tue. Im Grunde genommen fällt es ihnen eher schwer zu begreifen, was ich nicht tue. Ich frage mich manchmal, wie oft in den vergangenen Jahren ich berichtigend die Sätze aussprechen musste: „Ich bin aber nicht Texterin“, „Nein, ich schreibe keine Werbeclaims“. Wenn ich jedes Mal einen Euro dafür bekommen hätte … Nun ja, Sie wissen schon …

Künstlerisches Schreiben ist eine Grenzdisziplin und wird als solche missverstanden, ja unverstanden. Es hat sicher damit zu tun, dass immer das Bekannte und Naheliegende angenommen wird. Das Ungewöhnliche braucht Erklärungen.

Ein wichtiger Aspekt, der meinen Arbeitsprozess gut verdeutlicht, ist das saisonale Schreiben.
Im Gegensatz zu Textern brauchen Künstler die sinnliche Anregung, den Augenblick, die Unmittelbarkeit der Erfahrung.
Natürlich schreibe ich zuweilen auch aus der Erinnerung an diese sinnliche Wahrnehmung heraus, aber dennoch bleibt selbst in diesem Fall die Unmittelbarkeit wichtig, und es gibt immer einen konkreten Anlass, einen Auslöser, der die Erinnerung wieder regelrecht fühlbar, spürbar zum Leben erweckt und so die Unmittelbarkeit wiederherstellt: Es kann ein Licht, eine Farbe, ein Geruch, ein Zufall, ein Erlebnis, eine Begegnung sein – ja, so lächerlich und abgedroschen es klingen mag: eine Art Madeleine.
Texter sind in der Lage – und das ist mehr als nur bewundernswert –, über „tote“ Dinge zu schreiben, d.h. über Dinge, zu denen sie keinen sinnlichen Bezug haben und für die sie sich nicht einmal interessieren. Künstler dagegen brauchen die Lebendigkeit und die Echtheit der Erfahrung, um zu malen oder zu schreiben. Daran ändert auch die Notwendigkeit von Auftragsarbeit nichts.

Saisonales und damit künstlerisches Schreiben bedeutet in erster Linie, dass dem Schreiben ein Kontext gegeben werden muss: ein Raum, ein Ort, eine Stimmung, ein fassbarer Gegenstand, ein Wunsch, eine Situation, eine eindrucksstarke Erinnerung, ein Bild, ein Gefühl.
Der Unterschied zum Texter ist dem zwischen impressionistischer Malerei und moderner kaufmännischer Illustration oder Sketchnotes sehr ähnlich. Deshalb ist der Titel meiner Website „Impressionistische Texte“*. Während ein Maler auch bei Kommissionen ab einem Foto weiterhin in einem sehr erkennbaren Stil malt, kommt der Illustrator mit dem einfachen Befehl „Malen Sie mir ein paar Tomaten“ auch ohne lebendige Vorlage zurecht und greift dabei kontextfrei auf die Sicherheit seines handwerklichen Könnens und auf in seinem (Hirn-, aber auch Muskel-)Gedächtnis gespeicherte Muster und Schablonen zurück. Auch deshalb malt der Impressionist einen situativen Hintergrund, während der moderne kaufmännische Illustrator für die Bebilderung einer Speisekarte oder eines Supermarktprospekts etwa dies nicht braucht. Dies bedeutet nicht, dass einige Illustratoren nicht auch großartige Kunstwerke schaffen, bei denen der Unterschied zwischen Malerei und Illustration mitunter schwer zu erfassen ist oder sogar verschmilzt und die dem Betrachter zu Recht größte Bewunderung und Ehrfurcht abnötigen. Die Grenzen zwischen Tierporträts, botanischer Malerei und Illustration sind je nach Qualität in der Tat sehr fließend – hier wären viele Namen bemerkenswerter Künstler zu nennen. Aber in den meisten Fällen unterscheidet sich das Anliegen eines Illustrators, dessen Aufgabe es ist, Sushi-Häppchen auf eine Preisliste zu bringen, von demjenigen eines Kunstmalers in Auftragsarbeit.

Wenn potentielle Auftraggeber begreifen, dass ein wichtiger Teil meiner Arbeit saisonal ist, dann verstehen sie besser, was ich für sie tun kann und was nicht. Ich schreibe nicht auf Knopfdruck. Das können andere sehr viel besser. Ich fühle mich in den Textraum ein und gestalte ihn so, wie ich ihn erspüre. Ich erzähle von Stimmungen, Atmosphären – und sie sind nie von ihrem Kontext gelöst. Ein Hotelfenster im Winter erzählt nicht die gleichen Geschichten wie der Liegestuhl im Sommer oder die Frühstücksterrasse im Herbst. Die Gerüche des Weihnachtsmarkts sind nicht die des Apfelsaftfestes. Auch die Geräusche vor dem Hofladen folgen dem Rhythmus der Jahreszeiten.

Alles, was das Leben – auch meiner Auftraggeber – verändert, verändert auch die Texte, die ich für sie schreibe. Weil jeder Moment an einem bestimmten Ort einzigartig ist. Das ist saisonales, impressionistisches Schreiben. Nicht Texten.

*Dieser Satz bezog sich auf den Websitestand von 2021.

06/21/17

Unvergesslich: Was bleibt, ist das Besondere

Ein eidetisches oder ein perfektes autobiographisches Gedächtnis haben die wenigsten Menschen. Die meisten können sich nicht an alle Einzelheiten ihres Lebens erinnern, sondern lediglich an die Tage, die sich durch eine Besonderheit von anderen unterscheiden – sei es, weil sie ungewöhnlich schön, warm, kalt, traurig, glücklich, tragisch, sonnig, verregnet waren oder einen Meilenstein ihrer Biographie bildeten. Was uns bleibt und begleitet, ist nicht die Regel, sondern die Ausnahme, das Einzigartige.

Was im Privatleben gilt, ist im geschäftlichen Umfeld umso entscheidender. Aufmerksamkeit für ein Unternehmen, ein Produkt oder eine Idee zu generieren, ist angesichts der heutigen Fülle an Informationen, die zu kanalisieren und zu verarbeiten sind, nicht nur eine ohne erhebliches Budget kaum zu bewältigende Herausforderung, sondern bei weitem nicht mehr genug. Der im vergangenen Jahrhundert noch wirksame Überraschungsmoment wird mittlerweile nur dann in Erfolg umgewandelt, wenn er nicht zu flüchtig ist – wenn er auch in unseren Zeiten überreizter Sinne und unbändiger Inhaltsüberflutung erinnerungswürdig ist. Will sich ein Unternehmen dauerhaft ins Gedächtnis einprägen, muss es sich nicht nur von Wettbewerbern, sondern vor allem von der ganzen Vielfalt des Alltags abheben. Erlebnismarketing muss ebenso allzu logische und vorhersehbare Pfade verlassen. So werden selbst kleine Unternehmen mit überschaubaren Mitteln zu einer langfristig beachteten Marke.

Dies erfordert eine Qualität von Einzigartigkeit, die weit über die von Werbung und Positionierung ermöglichten Kategorien hinaus gehen muss. Dieser Weg kann etwa über besondere Formen der Kommunikation führen. Papier und Handschrift zum Beispiel bieten die Möglichkeit einer individuellen und daher positiv registrierten, wertschaffenden Kundenansprache.
Newsletter und Artketing sind hierbei nur ein Aspekt. Handgeschriebene und verzierte Dankeskarten auf besonderen Materialien – es muss nicht einmal immer Papier sein – runden nach einem umfangreichen Auftrag die Beziehung zum Kunden ab und schaffen ein emotionales Verhältnis, das mit keiner traditionellen Werbung zu erreichen wäre. Auch persönliche Geschichten als Verkaufsgeschenk neben der üblichen Weinflasche verstärken die Nachhaltigkeit der Erinnerung … und sind noch lange in greifbarer Nähe, wenn der Präsentkorb längst leer ist. Geschäftseröffnungen bieten Anlass für Textevents, die unzählige Facetten annehmen können: Text-Installationen können als ausgestelltes analoges Blog die Etappen der Firmengründung abbilden, Erzähler können den Besucher vor Ort und live mit Geschichten und Textporträts zum Mitnehmen beschenken.

Der Text als Kunst, Momentaufnahme und Geschichte ist für Unternehmen aller Größen und unabhängig von ihrem Werbe-Etat ein ideales Instrument, um Einzigartigkeit zu erschaffen – und damit dauerhaft unverwechselbar und unvergesslich zu werden.

03/14/17

Einzigartigkeit erschaffen

Täglich habe ich beruflich mit Menschen zu tun, die drei Dinge gemein haben: Sie sind Kleinstunternehmer, sie haben in den frühen 90er Jahren als Dienstleister gegründet … und sie glauben in keiner Weise daran, dass ihr Unternehmen einen Sinn oder einen Wert hat. „Im Grunde machen wir auch nur das, was alle in der Branche machen“ ist dabei der Satz, den ich am häufigsten höre. Marketing habe für sie daher keinen Nutzen, lohne sich nicht, sie seien viel zu klein und austauschbar; sie seien darauf angewiesen, sich auf Mundpropaganda zu verlassen, sie könnten aktiv keine Neukunden generieren.

Diese desillusionierte Einstellung überrascht mich immer wieder und stimmt mich bis zu einem gewissen Grad verständnislos nachdenklich: Wenn sie derart der Ansicht sind, dass ihre geschäftliche Tätigkeit dem Markt und somit dem Kunden nichts zu bieten hat, was es nicht schon tausendfach gäbe, und sie ohnehin nie wieder auf den berühmten Grünen Zweig kommen können… warum bringen diese Unternehmer die Konsequenz nicht auf und schließen ihre Firma einfach?
Doch bei aller Unlogik ist ihre Denkweise andererseits nachvollziehbar, wenn auch erschreckend engsichtig, eingleisig, phantasielos und nicht mehr zeitgemäß.

Ihr deprimierender Defätismus ist hauptsächlich auf zwei Faktoren zurückzuführen.
Zum einen haben sie ihr Unternehmen zu einer Zeit ins Leben gerufen, als noch keine Nische notwendig war, um Erfolg zu haben, weil der Wettbewerb schlicht begrenzt und die Nachfrage unerschöpflich war. Das Internet steckte in den Kinderschühchen, Solopreneure hatten wenn überhaupt nur selten Websites, und die Konkurrenz setzte sich lediglich aus einigen wenigen Einträgen im Telefonbuch zusammen. Für den Kunden waren die Vergleichs- und Recherchemöglichkeiten beschränkt. De facto rekrutierte jedes Unternehmen seine Kundschaft in einem geographisch sehr übersichtlichen Umkreis und war eher als lokal zu bezeichnen. Zudem war der Bedarf an Dienstleistungen nach dem Übergang der EWG in die EG in vielen Branchen auf einmal riesig, und die entsprechenden finanziellen Mittel waren beim Kunden auch reichlich vorhanden. Die Wahrheit ist: Man musste nichts Besonderes haben, bieten, können oder wollen, um relativ bequem mitunter viel Geld zu verdienen.
Zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre später ist die Realität allerdings eine ganz andere. Die Konkurrenz ist mausklicknah erreichbar und transparent – weltweit. Wer sich nicht von anderen zu unterscheiden weiß, wer von Anfang an plan- und imagelos lediglich mit dem damals günstigen Strom geschwommen war, ohne sich zu fragen, was morgen sein könnte, wer Produkt und Werbung nicht regelmäßig angepasst hat oder nun die Energie und das Interesse nicht aufbringen will, neue Wege zu gehen und sich neu zu positionieren, merkt auch wirtschaftlich sehr schnell, wie entbehrlich er für Markt und Kunde geworden ist. Überforderung, Frust und Verbitterung sind das Ergebnis.

Neben dieser fragwürdigen unternehmerischen Haltung ist das Missverständnis aber nicht zuletzt in gleichem Maße inhaltlicher Natur.
Gerade bei Unternehmern besagter Generation herrscht allgemein eine zwar charmant ehrliche, jedoch schmerzlich naive Auffassung dessen, was eine Nische ist – und es ist nicht minder erstaunlich: Während die meisten von ihnen im privaten Bereich der Überzeugung sind, dass sie mit Massenware einer bekannten schwedischen Möbel-Marke und einigen Gegenständen einer großen Deko-Accessoires-Kette wirklich ein individuelles, originelles und für sie typisches Zuhause gestalten können, das sie widerspiegelt und in dem sie sich auf gelungene Weise ausdrücken können, weigern sie sich zu glauben, dass durchaus zugängliche Mittel dazu beitragen können, sich in der Geschäftswelt einen sehr persönlichen und eigenständigen Platz einzurichten – wenn man sie nur zu suchen und zu finden weiß.

Selbstverständlich können Nischen im Sinne eines nie da gewesenen Produkts oder einer lang ersehnten Dienstleistung ein Weg sein, sich zu positionieren. Und natürlich handelt es sich hier nur noch um sehr wenige Ausnahmen – denn, wie die langjährigen Solopreneure es realistischerweise erkannt haben: In vielen Branchen ist alles schon mal da gewesen und bereits vorhanden.
Verkannt wird aber tragischerweise, dass nicht unbedingt das Produkt allein zu einer geldbringenden und langfristig kundenbindenden Aufmerksamkeit führen muss.
Einzigartigkeit ist in einer heutzutage immer bunteren, quirligeren und präsenteren Welt nicht mehr gegeben, sie muss erschaffen werden.
Einzigartigkeit kann und sollte so viel mehr sein als ein Inhalt.
Einzigartigkeit kann eine Geschichte sein, eine Idee, eine Farbe, eine Denkweise, ein Anspruch, eine Strategie, ein Werbemittel, eine Stimme, eine Persönlichkeit, eine Schrulle, ein Charakterzug, eine Pose und vieles mehr … Sie zu finden, aufzuzeigen, stimmig, verständlich, überzeugend und konsequent zu vermitteln, zu einem „Stempel“ zu verklären, bedeutet Selbstreflexion und Arbeit. Eben in diesem Kontext ist ein künstlerischer Ansatz hilfreich, denn die Kunst ist und bleibt die Suche nach dem Ungewöhnlichen, dem Unverwechselbaren, der eigenen prägnanten und unter Tausenden einzigartigen Handschrift.

Gerade deshalb ist künstlerische Arbeit in diesen disruptiven Zeiten so wertvoll. Wenn ich auf TextLoft mit einem Kunden aus der Wirtschaft zusammenarbeitet, ist das, was aus der eigenen Persönlichkeit des Unternehmens und dem besonderen Blick des Künstlers entsteht, genau die Wiedererkennbarkeit, die als „Marke“ bezeichnet wird und die den Unterschied zwischen gesichtsloser Masse und nachhaltigem Erfolg bedeutet.

03/21/16

Was künstlerische Textarbeit dem Unternehmen bieten kann

Für Start-ups und Kleinunternehmen ist es selbstverständlich, Logo, Visitenkarten, Briefpapier, Internet-Layouts, Firmenschilder, Büroeinrichtung und dergleichen mit der größten Sorgfalt auszusuchen.

Dies ist nachvollziehbar: Das grafische Erscheinungsbild ist ein wichtiger Ausdruck des Selbstverständnisses und soll zu einer systematischen Wiedererkennbarkeit, einer eindeutigen Vermittlung der Unternehmensphilosophie, einer subtilen Zielgruppenbestimmung und -eingrenzung, und einer starken und einzigartigen Positionierung beitragen. Dementsprechend wird der Zusammenarbeit mit Designern eine hohe Aufmerksamkeit und Wertstellung zuteil.
Doch die Identität eines Unternehmens lebt nicht von optischen Botschaften allein.
Vielmehr sind diese ohne eine gleichwertige textliche Gestaltung nur ein leerer Raum. Texte erst verleihen dem grafischen Auftritt eine Struktur, eine Stimme, eine Persönlichkeit.
Die textliche Unternehmensidentität sollte daher mit derselben Sorgfalt, Leidenschaft und Kompromisslosigkeit durchdacht, ausgesucht und erarbeitet werden, die auch den optischen Merkmalen gewidmet wird.

Ob unkonventionell, zeitlos, charakterstark, kompromisslos originell, klassisch, anspruchsvoll, individualistisch, stimmungsvoll, sachlich, ausdrucksstark, emotional, puristisch, künstlerisch, überschwänglich …
Die Texte, die das Unternehmen nach außen darstellen, sollten in ihrer Tonart und Farbgebung genau wiedergeben und vermitteln, wie es wahrgenommen werden möchte. Sie müssen der prägnante, stimmige und schlüssige Ausdruck des Images sein, das es anstrebt. Nur so entsteht die Art von Glaubwürdigkeit und Wiedererkennbarkeit, die als Authentizität bezeichnet wird.

Es ist das, was ich tue: Mit den Werkzeugen der künstlerischen Textarbeit richte ich Ihren ganz persönlichen Text-Raum individuell ein – durch die Ausarbeitung  einer konsequenten, differenzierten und wiedererkennbaren sprachlichen Klang- und Farbgebung, die Definition einer eindeutigen und einzigartigen Positionierung über individuelle und originelle Texte, die Vermittlung einer nachvollziehbaren und überzeugenden USP.

So stellt sich eine persönliche emotionale Ansprache ein. Ideale Orte und Welten der Markenbildung und Kundenbindung entstehen. Produkte, Leistungen, Projekte werden zu faszinierenden und lebendigen Geschichten, die inspirieren, Träume anregen und Begierde wecken und dem textlichen und virtuellen Verkaufsraum originelle Ideen eröffnen.

Ihr Unternehmen wird unverwechselbar, Ihre Kommunikation wird unvergesslich.

02/20/16

Umberto Eco hat uns verlassen

Es ist für die Geschichte des Geistes, der Kultur, der Literatur und der Sprache ein schrecklicher Tag – aus meiner (vielleicht zu persönlichen) Sicht der traurigste und deprimierendste seit dem Tode Thomas Manns. Es bleiben bei aller Einsicht, bei allem Wissen um die Unumgänglichkeit der Dinge die überwältigende Hilflosigkeit und das unendlich schmerzliche Gefühl zurück, dass mit dem gestrigen Abend der letzte Anker geisteswissenschaftlicher Intelligenz und Virtuosität sich für immer auflöste und uns bodenloser und verzweifelter Leere anheimgab. Dieser Verlust ist unermesslich.

02/14/16

Zeit-Räume

Im TextLoft ist oft von Raum die Rede: von Text-Räumen, also reellen und virtuellen Räumen, in denen Text entsteht, vom leeren Raum einer Seite, der durch Strukturen und Worte zu einem Text eingerichtet wird … Die Analogie von Text und Raum ist auf der Website allgegenwärtig.

Räume sind auch ein wesentlicher Bestandteil nicht nur meiner Textauffassung, sondern meiner Arbeitsweise.
Wenn ich für das Projekt eines Auftraggebers intensiv in seine Themenwelt eintauche und selbstvergessen über Tage und Wochen hinweg nur noch in seinem Universum mit all seinen Farben, Bildern und Stimmungen lebe, schließe ich mich im Grunde in seinen Räumen ein. Außenwelt, Kalender, der Alltag und seine Erfordernisse, Gesundheit und Wohlbefinden treten zurück, und das Leben findet nur noch in diesem entrückten Auftragsraum statt. Es ist keineswegs die ruhige Zurückgezogenheit einer klösterlichen Klausur, sondern viel mehr eine erforschende Besessenheit. „Zum Raum wird hier die Zeit“ heißt es in der vermutlich schönsten Zeile von Wagners Parzifal. Tatsächlich entsteht durch die Suche nach dem Text, nach seinem Duft, seinem Licht und seinem Wesen, ein kleiner hermetischer Bereich, der ein wenig an die stereotypische Vorstellung der mythischen Schriftstellerhütte erinnert.

Still und entspannt dagegen sind die Zeit-Räume, in denen ich für dieses Blog oder die Musterbücher – und natürlich vor allem auf Kunst:Text schreibe. Wie ein Urlaub sind sie eine winzige, fast private und genüssliche Enklave aus Wahrhaftigkeit. Wohltuende Unwesentlichkeiten und perfekte Selbstbestimmtheit erfinden Stunden und Ziele neu.

Die Gesprächszeiten, die auf der Website angegeben sind, begrenzen ihrerseits einen weiteren Zeit-Raum. Er ist ein Patio, ein kleiner und einladender, etwas öffentlicherer Platz voller Begegnung und sommerlicher Leichtigkeit.

In all diesen verschiedenen Facetten gefällt mir der Gedanke, dass meine Arbeitswelt in gewisser Hinsicht einem englischen Garten gleicht, in dem sich die Vielfalt und der Reiz aus der Strukturierung eines riesigen Raums in viele kleine, subtil definierte und völlig unterschiedliche thematische Bereiche mit eigener Nutzung und eigenem Charakter ergeben. Und wer hat schon das Glück, einen Garten zu leben?

12/9/15

Weihnachtskarten – Lust oder Frust?

Ob als Karte, eCard oder eMail – Weihnachten ist die Gelegenheit, Verwandten, Freunden, Kollegen, Mitarbeitern, Geschäftspartnern oder Kunden einige Zeilen zukommen zu lassen. Die ursprünglich religiöse Bedeutung des Festes spielt dabei ebenso wie die tatsächliche Welt- und Glaubensanschauung des Adressaten eine eher untergeordnete Rolle. Der Akt des Schreibens wird hier bestenfalls unreflektiert als Konvention, schlimmstenfalls als notwendiges Übel hingenommen. Doch was genau ist eine Weihnachtskarte? Und was könnte sie sein?

Privat geht es oft vor allem darum, Verbindungen, die während des Jahres in der allgemeinen Hektik des Alltags vernachlässigt oder zumindest wenig intensiv gepflegt werden, zu erneuern und aufrechtzuerhalten, Menschen zu sagen und zu zeigen, dass wir sie nicht vergessen, dass wir an sie denken und ihnen Gutes wünschen. Die Motivationen können hierbei allerdings rechts unterschiedlich sein: Gewohnheit, aufrichtiges Interesse, Herzlichkeit, schlechtes Gewissen, Pflichtgefühl, Mitleid, Berechnung, Selbstdarstellung, Zuneigung … Die Liste ließe sich fortführen.
Im beruflichen Bereich ist das Ende des Jahres nicht nur rechnerisch die Zeit der Bestandsaufnahmen und Bilanzen. Partnerschaften werden bewertet und neu gewichtet, die Qualität der Zusammenarbeit beurteilt. Ob den Kunden gegenüber geäußerte Dankbarkeit und die manchmal unverhohlene Hoffnung auf weitere Aufträge tatsächlich empfunden werden oder längst zur automatischen Floskel verkommen sind, ist nicht nur von dem Wert der geschäftlichen Beziehung abhängig, sondern spiegelt auch das Selbstverständnis und Selbstbild eines Unternehmens wider.

In den meisten Fällen zeigen sich Menschen angesichts der alljährlichen Übung „Weihnachtskarte“ hilflos. Sie greifen auf althergebrachte Formulierungen zurück, die ihnen die Sicherheit geben, nichts Falsches zu tun, der Etikette zu genügen, nicht unangenehm aufzufallen, und die ihnen ermöglichen, die Aufgabe schnell und möglichst mühefrei hinter sich zu bringen.
Es ist schade, denn die Weihnachtskarte wird so zur verpassten Chance.
Der Text wird genauso rasch überflogen, wie er geschrieben wurde, kaum wahrgenommen, und berührt in seiner förmlichen Steifheit und unpersönlichen Phantasielosigkeit nicht wirklich. Er wird als das rezipiert, was er ist: das Produkt einer sinnleeren Konvention, ein gedankenlos hingeworfener Gruß ohne tiefere Bedeutung.

Dabei kann eine Weihnachtskarte zu einem unvergesslichen Erlebnis und einem unersetzlichen Schatz werden, und im beruflichen Bereich eine weit höhere Wirkung erzielen als jede teure Werbung.
Richtig eingesetzt können Worte kostbar wie Brokat, tröstlich wie heiße Schokolade, strahlend wie Gold, weich wie Federn, zart wie ein Windhauch, frisch wie Wasser, süß wie Honig, duftend wie Blumen sein. Das „Geheimnis“ einer gelungenen, sinnvollen und beachteten Weihnachtskarte besteht in Individualität und Originalität, also darin, die Worte so zu wählen, als seien sie ein Geschenk: Sie sollten wohlüberlegt sein und zu der Person passen, der sie gelten, sie in ihrer Denkart und Gefühlswelt ansprechen und für sie einzigartig sein. Sachlich oder überschwänglich, still oder laut, leicht oder kraftvoll … eine „gute“ Weihnachtskarte sagt nichts über denjenigen aus, der sie schreibt, jedoch alles über denjenigen, der sie liest. Sorgsam ausgesuchte Adjektive und eine differenzierte Tonart sind hier die wichtigsten Instrumente. Inspiration ist weniger relevant als Einfühlungsvermögen – wie immer, wenn es ums Schreiben geht.

Wer keine Zeit oder Lust hat, sich in die Adressaten seiner Weihnachtskarten oder -mails hineinzudenken, und dennoch unvergessliche Post verschicken möchte, muss nicht gleich verzweifeln: Es gibt ja TextLoft!