06/11/26

Bitte werkimmanent – ein Plädoyer

Es gibt in der Geschichte der Literatur und der Kunstinterpretation absolut lästige, völlig überflüssige Fragen, die mit penetranter Regelmäßigkeit beim kleinsten Anlass immer wieder an die Oberfläche gespült werden und zu denen jeder sich irgendwann genötigt sieht, Stellung zu nehmen, auch wenn er es nicht vorhatte und er sich darüber ärgert, dass er sich doch zu dieser nutzlosen und im Kern idiotischen Debatte hat hinreißen lassen. Was im Volksmund die lebensbewegende philosophische Ergründung dessen ist, ob das Ei oder das Huhn usw., ist anderswo der Streit um die Einbeziehung der Persönlichkeit, Moralvorstellungen, politischen Meinung und des allgemeinen Benehmens eines Künstlers oder Schriftstellers in der Deutung, Rezeption und Kommerzialisierung seines Werkes. Eine Frage ist es im Grunde nicht, sondern viel mehr ein Fragenkomplex: Soll das Werk für sich betrachtet werden oder soll der Lebenswandel und die Positionierung des Künstlers dabei eine Rolle spielen? Ist es für einen Künstler Pflicht, sich zu politischen und moralischen Themen zu äußern? Sollen Werke aus Museen und Verlagsprogrammen verbannt werden, wenn die Person des Künstlers von unserer Gesellschaft nachträglich als „problematisch“ betrachtet wird?

Immer häufiger wird diese Frage mit ja beantwortet – erst recht in den Social Media – und dies nicht nur aus Laienmund. Vor einigen Monaten echauffierten auf LinkedIn die Rezeption von Balthus‘ und Gauguins Gemälden und der Gedanke an ihre Zwangsentfernung aus Sammlungen die Gemüter, vor wenigen Jahren wurde Peter Handkes Haltung zu Frauen in Foren zu einem Totschlagargument gegen das Lesen seiner Werke.
Diese Ansätze sind zweifelsohne ehrenhaft und von unbestritten moralischer Größe.  Kann ich bis zu einem gewissen Grad die Empörung der zeitgeistgetränkten Allgemeinbevölkerung nachvollziehen und entschuldigen, so verwundern mich solche Reaktionen, wenn sie von Geisteswissenschaftlern kommen, und dies aus zwei Gründen.

Geschichte und Kunstgeschichte, Textinterpretation und Übersetzungsarbeit lehren uns eins: Der Kontext, nicht zuletzt der historische und soziale Kontext ist immer wichtig, ja entscheidend, um etwas zu verstehen und objektiv zu beurteilen.
Soziologie und Anthropologie haben uns Welten eröffnet, die uns fremd waren, und im Namen der Diversität, Toleranz, kulturellen Sensibilität und der Abkehr von kolonialistischem machtkulturellem Streben dazu erzogen, Praktiken, die in unserer Gesellschaft als fragwürdig gelten oder gar gesetzlich verboten sind, zu akzeptieren und zu relativieren: Wir stellen in Ausstellungen Schrumpfköpfe und nach wie vor verwendete Skarifizierungswerkzeuge als Zeugnisse einer respektverdienenden Kultur neutral besetzt aus, wir beschreiben informativ wertfrei Himmelsbestattungen, Ayahuasca-Zeremonien und Tieropferrituale oder Polygamie.
Der Kontext – sei er historisch oder gesellschafts- und kulturhistorisch – bereichert also an einer Stelle die Wahrnehmung anderer Kulturen, darf aber, ob der moralischen Rückständigkeit, in der Beurteilung unserer eigenen kulturellen und künstlerischen Vergangenheit paradoxerweise nicht relevant sein. Davon abgesehen, dass die Grenze zwischen Moral und Zensur hier einen schmalen Grat beschreibt und unangenehme Erinnerungen an Willkür und Bücherverbrennungen wachruft, stellt sich an diesem Punkt nicht nur die Frage nach moralischer Hybris und dem Recht auf Maßstabsetzung, sondern auch diejenige der Fähigkeit unserer Gesellschaft, das Urteilsvermögen zum Zwecke der freien Selbstentscheidung zu schulen und zu fördern. Sind wir nicht mehr in der Lage, Werke einem Kontext, einer Zeit, einem Zeitgeist und seinen – aus heutiger Sicht auch negativen – Facetten zuzuordnen und Unterschiede zwischen früheren Moralvorstellungen und heutigen zu erkennen, dann hat unser Bildungs- und Erziehungssystem nicht nur in Kategorien von Pisa-Daten versagt.

Vor allem aber zeugt diese Tendenz von einem tiefen Unverständnis dessen, was künstlerisches und literarisches Schaffen sind, und wirft somit ein befremdliches Licht gerade auf diejenigen, deren Aufgabe es ist, die so entstandenen Werke zu kuratieren und zu interpretieren.
Wird sich hemmungslos darüber lustig gemacht, dass weniger gebildete Zuschauer möglicherweise die Figur in einer Fernsehserie mit dem Schauspieler verwechseln und diesem die guten oder schlechten Eigenschaften zuschreiben, die die Rolle innehat, so ist die heutige Bildungsoberschicht dennoch offenbar selbst nicht in der Lage, Werk und Person zu trennen. Dieses erstaunliche Armutszeugnis hat einen Grund, auch wenn dieser keine Entschuldigung sein kann: In dem Maße, wie durch kaufmännisch motivierte Irrungen der Verlags- und Galerie-Politik und durch Social Media nach der Sichtbarkeit von Künstlern und Autoren gelechzt wird, die sich mitunter in der Bringschuld sehen, sich zu inszenieren, um ihren Marktanteil zu steigern, vergessen auch diejenigen, die über Veröffentlichungen, Interpretationen, Kritiken und Ausstellungen entscheiden, dass dies eben nur dies ist, nämlich eine Marketing- und Markeninszenierung. Sie haben es offenbar verlernt, das Werk an sich als ästhetische Suche, ästhetische Antwort und ästhetische Größe zu betrachten. Allein die Tatsache, dass sie krampfhaft und fieberhaft nach den Verbindungen zur Person graben und kleinste Details oder den Lebenswandel zum interpretatorischen oder bewertenden Werkzeug machen, zeigt hinreichend, wie weit sie sich vom Werk entfernt haben, wie unsicher sie in der rein ästhetischen Deutung geworden sind und wie wenig sie über kreative Arbeit wissen.
Ihre Forderungen nach Moralität der Person als Grundlage des Werkes entkleidet Werk und Schaffen ihres ästhetischen Auftrags, ignoriert die Schaffensabsicht – und das ist das Gegenteil eines literatur- oder kunstwissenschaftlichen Ansatzes.

Moral sollte in Gesellschaft, Handel, Politik eine wesentliche Rolle spielen, was sie leider nicht tut und nie getan hat. Die Frage nach der Moral in der Rezeption und Bewertung von Kunst und Literatur aber ist fehl am Platz. Es sollte erlaubt sein, die Person, ihren Lebenswandel, ihre Perversionen, ihre politische Meinung abzulehnen, aber die Qualität ihrer Arbeit immanent dennoch schätzen zu können und mögen zu dürfen.
Die Forderung nach einer werkimmanent(er)en, ästhetikgebundenen Interpretation von Text und Kunst mag altmodisch sein und einigen obsolet erscheinen, aber sie ist das, was den Unterschied zwischen zeitlosen literarischen und künstlerischen Werten und Zeitgeistmeinung ausmacht.

04/29/21

Stillleben sind die Zukunft des Marketings

Bild: Martine Paulauskas

Seien wir ehrlich: Die Produkte und Leistungen, die uns angeboten werden, sind austauschbar und werden immer austauschbarer. Asiaten essen Pizza, Europäer industrielle Ramen-Instant-Suppen, sie alle trinken Coffee to go einer großer amerikanischen Kette. Unsere Herkunft ist auch nicht mehr an unserer Kleidung oder Inneneinrichtung zu erkennen. Wir schreiben kontinentübergreifend auf den gleichen Computern jene Nachrichten, die auf der ganzen Welt zeitgleich auf einförmigen Netzwerken und Messengern zu lesen sind.

 

Marketing in der Sackgasse
Unter diesen Umständen fällt es immer schwerer, gleichförmige und oft gleichwertige Produkte überhaupt noch erfolgreich zu verkaufen. Der Vorzug wird demjenigen gegeben, der sich finanziell die quantitativ umfangreichere Kampagne leisten kann. Auch sie wird schnell langweilig, und es bleibt fast nur, auf die Mundpropaganda-Wirkung von Trendsettern und Influencern zu setzen.
Einen kleinen Schönheitsfehler hat diese Strategie schon: Eine volatile Welt erfordert ein volatiles und somit minderwertiges Geschäft, kurzlebige und damit kostspielige und unsichere Ansätze. Will sich das Marketing aus dieser prekären Lage befreien, werden tiefgründigere Überlegungen und fundiertere Mechanismen erforderlich sein.

So alt, so aktuell …
Methodologisch liegt die Lösung nah, die Bildende Kunst zeigt sie auf. Als Momentaufnahme mit rein ästhetischem Wert bietet das Stillleben alle Elemente, die Produktplazierung in unserer Zeit braucht. Es ist Produktporträt, Foodporn, Inszenierung und Storytelling zugleich.
Von den antiken Darstellungen von Obst und Wein über die Meister des 16. Jahrhunderts bis hin zu impressionistischen Werken oder der zeitgenössischen hyperrealistischen Malerei – Stillleben wirken durch die Stimmung, die sie vermitteln, aber auch und vor allem durch die Verbindung zwischen Komposition und der Fantasie des Betrachters, in diesem Falle also des Verbrauchers und potentiellen Käufers, der für sich, ob bewusst oder unbewusst, die Geschichte erzählt und zu Ende führt, sie nach seiner eigenen Vorstellungswelt gestaltet und moderiert.
Stillleben sind mehr als deskriptive Tableaus, sie sind eine Anleitung zum Fragen, Träumen, Wünschen, sie sind Belehrung und Angebot.

… so wirksam
Ob auf Instagram, Pinterest oder im Text – es sind die Stillleben, die uns zum Begehren anregen, die uns inspirieren, motivieren, überzeugen. In unserer sinnesüberflutenden Umgebung, in der Fülle und dem Überfluss der medialen Angebote und Entscheidungen, ist es das Stillleben, das der Werbung neue Wege der Einzigartigkeit aufzeigt.
Dies ist nicht nur der Beweis für die Zeitlosigkeit darstellender Genres und Werte, sondern auch ein Indiz dafür, wie sehr Ästhetik und Kunst in der Wirtschaft von morgen als Ausdrucksmittel, aber vor allem als Verkaufsargument und Differenzierungswerkzeug fungieren werden.

 

Der kaufmännische Erfolg von morgen ist nicht eine Innovation, ein Wundermittel, einen betriebswirtschaftlichen Jargonbegriff entfernt – nur ein Gemälde und die Geschichte, die es jedem einzelnen erzählt.

03/15/21

Kolumne – ein im deutschen Sprachraum in Verruf geratenes Genre

Kolumnen sind eine sehr alte Textform und im Grunde in vielfacher Hinsicht die Vorgänger mancher heutiger Blogbeiträge. Ihre Geschichte allerdings hat in den letzten Jahren eine unschöne Wendung genommen, und es ist zu befürchten, dass sie dem Zeitgeist anheimfallen – widersprüchlicherweise, leben wir doch in einer Welt, in der jeder über die elektronischen gesellschaftlichen Netzwerke seine Meinung kundtun kann und von dieser Möglichkeit reichlicher bis übermäßiger Gebrauch gemacht wird.

In früheren Zeiten galten Kolumnen nach dem investigativen Journalismus als prestigereiche Sparte des Zeitungswesens. Kolumnist zu werden bedeutete eine Beförderung und ein erhebliches Ansehen.
In der Tat erfordert die Kolumne besondere stilistische Fähigkeiten, die weit über diejenigen hinausgehen, die für die gewöhnliche Berichterstattung notwendig sind. Die wöchentliche Kolumne war in der säkularen Welt der Zeitung das, war der Messe die Predigt war.

Mit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts jedoch begann das Blatt, sich zu wenden. Immer häufiger wurden Kolumnen – in der breiten öffentlichen Vorstellung, aber durch das Aufkommen der Online-Medien und des damit verbundenen Dilettantismus’ auch zum Teil in der journalistischen Szene – mit anderen Formen verwechselt. Die Grenzen zwischen Kolumne, Glosse, Kommentar und Leitartikel wurden zunehmend unscharf. Noch hätten sich die unterschiedlichen Ansätze gegenseitig bereichern können, aber es sollte anders kommen.

Mit der Jahrtausendwende entglitt die Kolumne schließlich dem Journalismus und verlor eines ihrer wichtigsten Merkmale: die Konstante des vertrauten und professionellen Autors. Gastartikeleitelkeit einerseits und die immer dringendere, wirtschaftlich bedingte Unumgänglichkeit eines Gebots der Attraktivität in einer sich selbst aufgebenden Branche andererseits führten dazu, dass der Kolumnist seine Funktion und seine journalistischen Eigenschaften einbüßte. Prominente (oder welche, die es gerne wären) wechselten sich nunmehr ab und änderten die Spielregeln nach Gutdünken und Imageimperativen. Eine verheerende Mischung aus Profilierungssucht und Leserheischerei leitete den Weg zu einem sinkenden Niveau von Textqualität und Themen ein.

Heute ist das Wesen dessen, was eine Kolumne ist und sein sollte, weitgehend vergessen und wird von Lesern überhaupt nicht mehr verstanden, wie die Kommentarfunktion bekannter deutscher Online-Magazine veranschaulicht.
Kolumnen werden besonders gern angegriffen und als grundsätzlich überflüssig betrachtet. Sie sind das bevorzugte Ziel von Rechthabereien und Wortklaubereien und fallen damit, wie viele andere Dinge im Bereich Text, Kunst und Kultur, dem allgemeinen Schrei nach nackten und somit undifferenzierten Daten und vermeintlich objektiven Fakten zum Opfer – als freue sich die Menschheit darauf, endlich von gefühlsneutralen Robotern abgelöst und ersetzt zu werden, als bettelte sie regelrecht darum. Meistens wird nicht die geäußerte Meinung, also der Inhalt kritisiert, sondern das Genre an sich, weil seine Daseinsberechtigung, sein Zweck, seine Absicht und sein Nutzen schlicht nicht mehr bekannt und nicht mehr verstanden werden, und mit einer Reihe falscher Vorstellungen einhergehen.

Dass ein Genre komplett und zudem in relativ kurzer Zeit obsolet wird, ist in der Geschichte des Textes ungewöhnlich und bedauerlich. Dass es ausgerechnet in Deutschland der Fall ist, verwundert allerdings zugegebenermaßen leider wenig. Text- und Formerziehung werden unter dem Vorwand teils historischer Altlasten, die es abzutragen gebe, teils einer erklärten resoluten Zukunftsorientiertheit, tatsächlich wohl eher aufgrund kultur- und mentalitätsgewachsener Denkmuster und Werte grundsätzlich, wissentlich und gezielt vernachlässigt bzw. unterbunden.

So bleibt nur zu hoffen, dass diese Krankheit des Textvergessens nicht allzu sehr um sich greift, sich innerhalb unserer Sprachgrenzen eindämmen lässt und nicht auch noch sie zu einer vernichtenden Pandemie wird.