Bitte werkimmanent – ein Plädoyer
Es gibt in der Geschichte der Literatur und der Kunstinterpretation absolut lästige, völlig überflüssige Fragen, die mit penetranter Regelmäßigkeit beim kleinsten Anlass immer wieder an die Oberfläche gespült werden und zu denen jeder sich irgendwann genötigt sieht, Stellung zu nehmen, auch wenn er es nicht vorhatte und er sich darüber ärgert, dass er sich doch zu dieser nutzlosen und im Kern idiotischen Debatte hat hinreißen lassen. Was im Volksmund die lebensbewegende philosophische Ergründung dessen ist, ob das Ei oder das Huhn usw., ist anderswo der Streit um die Einbeziehung der Persönlichkeit, Moralvorstellungen, politischen Meinung und des allgemeinen Benehmens eines Künstlers oder Schriftstellers in der Deutung, Rezeption und Kommerzialisierung seines Werkes. Eine Frage ist es im Grunde nicht, sondern viel mehr ein Fragenkomplex: Soll das Werk für sich betrachtet werden oder soll der Lebenswandel und die Positionierung des Künstlers dabei eine Rolle spielen? Ist es für einen Künstler Pflicht, sich zu politischen und moralischen Themen zu äußern? Sollen Werke aus Museen und Verlagsprogrammen verbannt werden, wenn die Person des Künstlers von unserer Gesellschaft nachträglich als „problematisch“ betrachtet wird?
Immer häufiger wird diese Frage mit ja beantwortet – erst recht in den Social Media – und dies nicht nur aus Laienmund. Vor einigen Monaten echauffierten auf LinkedIn die Rezeption von Balthus‘ und Gauguins Gemälden und der Gedanke an ihre Zwangsentfernung aus Sammlungen die Gemüter, vor wenigen Jahren wurde Peter Handkes Haltung zu Frauen in Foren zu einem Totschlagargument gegen das Lesen seiner Werke.
Diese Ansätze sind zweifelsohne ehrenhaft und von unbestritten moralischer Größe. Kann ich bis zu einem gewissen Grad die Empörung der zeitgeistgetränkten Allgemeinbevölkerung nachvollziehen und entschuldigen, so verwundern mich solche Reaktionen, wenn sie von Geisteswissenschaftlern kommen, und dies aus zwei Gründen.
Geschichte und Kunstgeschichte, Textinterpretation und Übersetzungsarbeit lehren uns eins: Der Kontext, nicht zuletzt der historische und soziale Kontext ist immer wichtig, ja entscheidend, um etwas zu verstehen und objektiv zu beurteilen.
Soziologie und Anthropologie haben uns Welten eröffnet, die uns fremd waren, und im Namen der Diversität, Toleranz, kulturellen Sensibilität und der Abkehr von kolonialistischem machtkulturellem Streben dazu erzogen, Praktiken, die in unserer Gesellschaft als fragwürdig gelten oder gar gesetzlich verboten sind, zu akzeptieren und zu relativieren: Wir stellen in Ausstellungen Schrumpfköpfe und nach wie vor verwendete Skarifizierungswerkzeuge als Zeugnisse einer respektverdienenden Kultur neutral besetzt aus, wir beschreiben informativ wertfrei Himmelsbestattungen, Ayahuasca-Zeremonien und Tieropferrituale oder Polygamie.
Der Kontext – sei er historisch oder gesellschafts- und kulturhistorisch – bereichert also an einer Stelle die Wahrnehmung anderer Kulturen, darf aber, ob der moralischen Rückständigkeit, in der Beurteilung unserer eigenen kulturellen und künstlerischen Vergangenheit paradoxerweise nicht relevant sein. Davon abgesehen, dass die Grenze zwischen Moral und Zensur hier einen schmalen Grat beschreibt und unangenehme Erinnerungen an Willkür und Bücherverbrennungen wachruft, stellt sich an diesem Punkt nicht nur die Frage nach moralischer Hybris und dem Recht auf Maßstabsetzung, sondern auch diejenige der Fähigkeit unserer Gesellschaft, das Urteilsvermögen zum Zwecke der freien Selbstentscheidung zu schulen und zu fördern. Sind wir nicht mehr in der Lage, Werke einem Kontext, einer Zeit, einem Zeitgeist und seinen – aus heutiger Sicht auch negativen – Facetten zuzuordnen und Unterschiede zwischen früheren Moralvorstellungen und heutigen zu erkennen, dann hat unser Bildungs- und Erziehungssystem nicht nur in Kategorien von Pisa-Daten versagt.
Vor allem aber zeugt diese Tendenz von einem tiefen Unverständnis dessen, was künstlerisches und literarisches Schaffen sind, und wirft somit ein befremdliches Licht gerade auf diejenigen, deren Aufgabe es ist, die so entstandenen Werke zu kuratieren und zu interpretieren.
Wird sich hemmungslos darüber lustig gemacht, dass weniger gebildete Zuschauer möglicherweise die Figur in einer Fernsehserie mit dem Schauspieler verwechseln und diesem die guten oder schlechten Eigenschaften zuschreiben, die die Rolle innehat, so ist die heutige Bildungsoberschicht dennoch offenbar selbst nicht in der Lage, Werk und Person zu trennen. Dieses erstaunliche Armutszeugnis hat einen Grund, auch wenn dieser keine Entschuldigung sein kann: In dem Maße, wie durch kaufmännisch motivierte Irrungen der Verlags- und Galerie-Politik und durch Social Media nach der Sichtbarkeit von Künstlern und Autoren gelechzt wird, die sich mitunter in der Bringschuld sehen, sich zu inszenieren, um ihren Marktanteil zu steigern, vergessen auch diejenigen, die über Veröffentlichungen, Interpretationen, Kritiken und Ausstellungen entscheiden, dass dies eben nur dies ist, nämlich eine Marketing- und Markeninszenierung. Sie haben es offenbar verlernt, das Werk an sich als ästhetische Suche, ästhetische Antwort und ästhetische Größe zu betrachten. Allein die Tatsache, dass sie krampfhaft und fieberhaft nach den Verbindungen zur Person graben und kleinste Details oder den Lebenswandel zum interpretatorischen oder bewertenden Werkzeug machen, zeigt hinreichend, wie weit sie sich vom Werk entfernt haben, wie unsicher sie in der rein ästhetischen Deutung geworden sind und wie wenig sie über kreative Arbeit wissen.
Ihre Forderungen nach Moralität der Person als Grundlage des Werkes entkleidet Werk und Schaffen ihres ästhetischen Auftrags, ignoriert die Schaffensabsicht – und das ist das Gegenteil eines literatur- oder kunstwissenschaftlichen Ansatzes.
Moral sollte in Gesellschaft, Handel, Politik eine wesentliche Rolle spielen, was sie leider nicht tut und nie getan hat. Die Frage nach der Moral in der Rezeption und Bewertung von Kunst und Literatur aber ist fehl am Platz. Es sollte erlaubt sein, die Person, ihren Lebenswandel, ihre Perversionen, ihre politische Meinung abzulehnen, aber die Qualität ihrer Arbeit immanent dennoch schätzen zu können und mögen zu dürfen.
Die Forderung nach einer werkimmanent(er)en, ästhetikgebundenen Interpretation von Text und Kunst mag altmodisch sein und einigen obsolet erscheinen, aber sie ist das, was den Unterschied zwischen zeitlosen literarischen und künstlerischen Werten und Zeitgeistmeinung ausmacht.

