03/15/21

Kolumne – ein im deutschen Sprachraum in Verruf geratenes Genre

Kolumnen sind eine sehr alte Textform und im Grunde in vielfacher Hinsicht die Vorgänger mancher heutiger Blogbeiträge. Ihre Geschichte allerdings hat in den letzten Jahren eine unschöne Wendung genommen, und es ist zu befürchten, dass sie dem Zeitgeist anheimfallen – widersprüchlicherweise, leben wir doch in einer Welt, in der jeder über die elektronischen gesellschaftlichen Netzwerke seine Meinung kundtun kann und von dieser Möglichkeit reichlicher bis übermäßiger Gebrauch gemacht wird.

In früheren Zeiten galten Kolumnen nach dem investigativen Journalismus als prestigereiche Sparte des Zeitungswesens. Kolumnist zu werden bedeutete eine Beförderung und ein erhebliches Ansehen.
In der Tat erfordert die Kolumne besondere stilistische Fähigkeiten, die weit über diejenigen hinausgehen, die für die gewöhnliche Berichterstattung notwendig sind. Die wöchentliche Kolumne war in der säkularen Welt der Zeitung das, war der Messe die Predigt war.

Mit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts jedoch begann das Blatt, sich zu wenden. Immer häufiger wurden Kolumnen – in der breiten öffentlichen Vorstellung, aber durch das Aufkommen der Online-Medien und des damit verbundenen Dilettantismus’ auch zum Teil in der journalistischen Szene – mit anderen Formen verwechselt. Die Grenzen zwischen Kolumne, Glosse, Kommentar und Leitartikel wurden zunehmend unscharf. Noch hätten sich die unterschiedlichen Ansätze gegenseitig bereichern können, aber es sollte anders kommen.

Mit der Jahrtausendwende entglitt die Kolumne schließlich dem Journalismus und verlor eines ihrer wichtigsten Merkmale: die Konstante des vertrauten und professionellen Autors. Gastartikeleitelkeit einerseits und die immer dringendere, wirtschaftlich bedingte Unumgänglichkeit eines Gebots der Attraktivität in einer sich selbst aufgebenden Branche andererseits führten dazu, dass der Kolumnist seine Funktion und seine journalistischen Eigenschaften einbüßte. Prominente (oder welche, die es gerne wären) wechselten sich nunmehr ab und änderten die Spielregeln nach Gutdünken und Imageimperativen. Eine verheerende Mischung aus Profilierungssucht und Leserheischerei leitete den Weg zu einem sinkenden Niveau von Textqualität und Themen ein.

Heute ist das Wesen dessen, was eine Kolumne ist und sein sollte, weitgehend vergessen und wird von Lesern überhaupt nicht mehr verstanden, wie die Kommentarfunktion bekannter deutscher Online-Magazine veranschaulicht.
Kolumnen werden besonders gern angegriffen und als grundsätzlich überflüssig betrachtet. Sie sind das bevorzugte Ziel von Rechthabereien und Wortklaubereien und fallen damit, wie viele andere Dinge im Bereich Text, Kunst und Kultur, dem allgemeinen Schrei nach nackten und somit undifferenzierten Daten und vermeintlich objektiven Fakten zum Opfer – als freue sich die Menschheit darauf, endlich von gefühlsneutralen Robotern abgelöst und ersetzt zu werden, als bettelte sie regelrecht darum. Meistens wird nicht die geäußerte Meinung, also der Inhalt kritisiert, sondern das Genre an sich, weil seine Daseinsberechtigung, sein Zweck, seine Absicht und sein Nutzen schlicht nicht mehr bekannt und nicht mehr verstanden werden, und mit einer Reihe falscher Vorstellungen einhergehen.

Dass ein Genre komplett und zudem in relativ kurzer Zeit obsolet wird, ist in der Geschichte des Textes ungewöhnlich und bedauerlich. Dass es ausgerechnet in Deutschland der Fall ist, verwundert allerdings zugegebenermaßen leider wenig. Text- und Formerziehung werden unter dem Vorwand teils historischer Altlasten, die es abzutragen gebe, teils einer erklärten resoluten Zukunftsorientiertheit, tatsächlich wohl eher aufgrund kultur- und mentalitätsgewachsener Denkmuster und Werte grundsätzlich, wissentlich und gezielt vernachlässigt bzw. unterbunden.

So bleibt nur zu hoffen, dass diese Krankheit des Textvergessens nicht allzu sehr um sich greift, sich innerhalb unserer Sprachgrenzen eindämmen lässt und nicht auch noch sie zu einer vernichtenden Pandemie wird.

03/6/21

Das Frühstück der Ruderer

Zu den Vorzügen meiner Kindheit gehörte, dass ich in der präschubladischen Ära groß werden durfte, was ich rückblickend sehr zu schätzen weiß. Ich bin in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Meine Urgroßeltern waren allesamt nicht Landwirte, sondern Kleinstbauern (die angemessene Bezeichnung wäre vermutlich „Selbstversorger“), meine Mutter hatte mit 14 Jahren die Schulbank gegen eine Schneiderlehre getauscht, mein Vater war mit 11 aus dem Familienumfeld gerissen, und ohne dass nach seinen Wünschen gefragt worden wäre, auf eine Kadettenschule geschickt worden, und war am Tage meiner Geburt, der meine bis dahin als Supermarktkassiererin arbeitende Mutter für den Rest ihres Lebens zur Hausfrau machte, eine Art Bürobote, was er noch einige Jahre bleiben sollte. Dass ich zur Literaturwissenschaftlerin und Kunstliebhaberin werden sollte, war alles andere als vorgezeichnet, denn ich stamme nach heutigen Maßstäben aus einer „armen“ und „bildungsfernen“ Schicht – nur wussten wir es damals nicht, weil es solche Etiketten nicht gab, und so ging ich meinen Weg, ohne mich darum zu kümmern und ohne zu ahnen, dass ich weniger Chancen hatte als andere. Tatsächlich habe ich es nie gemerkt oder gespürt, und meine Biographie spricht dafür, dass es nie so war.

Dementsprechend war es auch nicht selbstverständlich, dass ich mit Dingen der Kunst überhaupt in Berührung kam. Meine Eltern besaßen keine Bücher, Geld für Museumsbesuche wäre nicht vorhanden gewesen. Die Malerei entdeckte ich zufällig dank einer schokoladensüchtigen Großfamilie aus der Nachbarschaft, deren fünf Kinder über Monate eifrig Sammelpunkte aus Schokoladentafel-, Kakao- und Schokoladenkeksverpackungen ausschnitten, bis sie ein kleines Sammelalbum gefüllt hatten, einschickten und das entsprechende Geschenk bekamen: Es war eine spielkartengroße Schachtel voller Kärtchen zu allen möglichen berühmten Werken europäischer Malerei. Sie hatten kein Interesse daran, und ich bekam das wertvolle Päckchen, mit dem ich mich glücklich stundenlang beschäftigte und das ich wie einen Schatz hütete. Auf der Vorderseite einer jeden Karte war das Gemälde abgebildet, auf der Rückseite standen Titel, Künstler, eine kurze Biographie und Genreerklärung.
Ich war 6 Jahre alt, und dieses Werbegeschenk eröffnete mir ein fantastisches und offenbar unerschöpfliches Universum, das ich nie mehr verlassen sollte.
Wie Kinder nun einmal sind, kümmerte ich mich kaum um ein ausgewogenes und objektives Urteil, und schnell hatte ich – ein für allemal, wie ich damals dachte – insgeheim entschieden, welche Maler und welche Genres ich mochte und welche nicht. Turner, Watteau, Sisley, Constable, Gainsborough, Le Nain, Degas, Monet, Rembrandt etwa liebte ich ebenso innig wie die Stilleben der holländischen Meister. Cézannes Pfirsiche gefielen mir, seine Porträts allerdings überhaupt nicht, bei seinen Landschaften war ich mir nicht sicher, was ich davon halten sollte, denn seine Bäume waren in Ordnung, aber ich mochte keine Berge, und seine graue Nemesis traf bei mir auf achselzuckende Gleichgültigkeit. Toulouse-Lautrecs Werke fand ich gruselig bis abstoßend, Delacroix, Redon und Manet langweilten mich. Von Van Gogh und Picasso dachte die Unschuld meines Unwissens spontan, dass sie nicht malen konnten, und Renoirs Bilder fand ich wegen der vielen Pinktöne, der allgegenwärtigen Üppigkeit und der zu rosigen Bäckchen schlicht nur peinlich und kitschig.
Ein Gemälde jedoch faszinierte mich, und meine kindlich resolute Schwarz-Weiß-Sicht der Dinge konnte sich nicht erklären, wieso. Immer wieder griff ich zu der kleinen Karte: Ich konnte die Augen nicht davon lassen und konnte zugleich nicht glauben, dass das, was ich sah, wirklich von dem Mann stammen sollte, der so übertrieben adrette Mädchen auf Schaukeln, ordinär herausgeputzte Koketten oder Gärten voller unrealistischer Blütenpracht dargestellt hatte. Das Frühstück der Ruderer zog mich immer wieder in seinen Bann. Ich wusste nicht, warum, und ich konnte nichts dagegen tun.

Mit den Jahren, der damit unvermeidlichen Reife und mit zunehmender Bildung veränderte sich naturgemäß mein allzu undifferenziertes Urteil, und meine Meinung zu vielen Künstlern gewann selbstverständlich schnell und deutlich an Milde und Verstand.
Doch sollte es noch viele weitere Jahre dauern, bis ich begriff, warum ich zu diesem Werk, dessen Thema mich nicht einmal interessierte, das ich nicht einmal wirklich schön fand, eine so unerklärliche Verbindung gespürt hatte. Erst vor einiger Zeit, als mir das Bild, an das ich länger nicht mehr gedacht hatte, anlässlich einer Recherche zufällig wieder begegnete, wurde es mir auf einmal klar: Das Frühstück der Ruderer ist eine Momentaufnahme voller Geschichten. Es ist voller Geräusche und voller Lärm, voller Stimmen und Dialoge, voller Düfte und Gestank, voller Hitze und Wind, voller Lachen und Streit, voller Intrigen und Neugier, voller Fragen und Rätsel. Es ist Raum, Atmosphäre – es ist Text.

Zu den Bildern, die ich gerne besitzen würde, gehört es nach wie vor nicht. Aber heute weiß ich, dass ich an dem Tag, an dem ich dieses Kärtchen in Händen hielt, zum ersten Mal schrieb – ohne Stift, ohne Papier, ohne Worte zwar, aber ich schrieb. Was ich spürte, war, was mein Leben werden sollte. Daran zurückzudenken ist nicht schön, nicht rührend oder bestätigend, sondern vielmehr erschreckend. Es zeigt, wie unausweichlich Kunst bestimmen kann, was wir sind und werden, und wie wenig wir in dieser Gleichung zu sagen haben. Kunst und Schreiben habe ich mir nicht ausgesucht. Ich kann nicht anders – ob ich will oder nicht.

03/4/21

Amanda Gorman und Marieke Lucas Rijneveld – die Macht der Einfalt und des ängstlichen Mittelmaßes

Die Versuchung ist groß, sich wider besseres Wissen an dieser Diskussion zu beteiligen. Natürlich ist sie müßig. Natürlich ist sie kein Dialog, sondern ein paralleler Monolog von zwei Fronten, die nicht miteinander kommunizieren wollen und können. Natürlich ändert eine weitere überflüssige Meinung nichts daran. Anfangs fiel es mir leicht, mich zurückzuhalten. Weil ich weiß, dass es Zeitverschwendung ist, sich zu äußern. Je mehr Zeit vergeht, je mehr Unsinn in die Medien hineinfindet, desto unmöglicher wird es mir. Die Vernunft sagt, dass es keinen Sinn hat, sogar kontraproduktiv ist, ja masochistisch. Aber die Liebe zum Text ist stärker, lässt ein Schweigen nicht zu.

 

Zu viele Missstände offenbart diese Debatte: Das sektiererische rechthaberische Denken der pseudointellektuellen Gutmenschen „Geschmacksrichtung 2021“ habe ich mittlerweile gelernt, vornehm dezidiert zu ignorieren. Durch stillen Rückzug und freiwillige Isolierung, durch selbstgewählte Einsiedlerei, durch den Verzicht auf das Lesen von Nachrichten aus dem sogenannten „Literatur-Betrieb“ – welch ein viel sagendes Wort! – ist es durchaus noch möglich, sich davor zu schützen. Das katastrophale Unverständnis dessen, was Schreiben und Text sind, ist allerdings ungebrochen schmerzlich, und gerade dieser Schmerz bahnt sich zuweilen durch einen unnützen, doch befreienden Schrei seinen Weg hinaus.

Was ist passiert?
In einem ersten Schritt wird der jungen holländischen Dichterin mangelnde Qualifikation vorgeworfen, weil sie sich unsicher in Bezug auf ihre Englisch-Kenntnisse geäußert habe.
Schreibende, Textkundige und Textliebhaber wissen, dass sprachlicher Nuancenreichtum nur in Ausnahmefällen in einer Fremdsprache erreicht wird. Was Marieke Lucas Rijneveld mit Einsicht einschränkend über die Möglichkeit, selbst in englischer Sprache zu dichten, gesagt hat, wird nun als „Beweis“ mangelnder Qualifikation angeführt. Dass es sich vielleicht sogar um falsche Bescheidenheit, um Tiefstapelei gehandelt haben könnte, um die Demut einer jungen Virtuosin vor dem Instrument Sprache in all seinen Facetten und Schwierigkeiten – daran scheint niemand gedacht zu haben. Angesichts der allenthalben herrschenden Selbstüberschätzung mag es wenig überraschend sein, jedoch ist es in keiner Weise entschuldbar(er). Texte zu Ende in ihrer Gesamtheit kontextuell richtig interpretieren zu lernen, wäre vor einer solchen Kritik wünschenswert gewesen.

Der quasi zweite Stein wird im Anschluss von denjenigen geworfen, die zu unterstreichen nicht müde werden, dass sie nur in ihre Muttersprache übersetzen, weil sie in der Fremdsprache nicht gut genug dafür sein könnten. Pikant.
Gerade diese Übersetzerzunft ergießt sich in Hohn und Genugtuung.
Sollte nicht ausgerechnet sie es besser wissen? Nein, gerade sie versteht es nicht und nutzt marketingwirksam die Gunst der Stunde, um eine vermeintliche Professionalität in den Vordergrund zu stellen, die längst zur Hybris geworden ist – stellt sie doch die Zielgruppe ohne jede Rücksicht und ohne jeden Respekt über den Ausgangstext. Dass eben eine Branche, die ihre Aufgabe allen Beteuerungen, Worthülsen und Selbstverherrlichungen zum Trotz neuerdings nicht mehr in der Vermittlung von Unterschieden und Besonderheiten anderer Kulturen, Denk- und Schreibweisen, sondern in der Anpassung an die Vorstellungen, Erwartungen und Wünsche einer Leserschaft sieht, und ganz nebenbei dadurch beweist, dass sie entweder vom Wesen eines Textes und des Schreibens nichts versteht, indem sie unumwunden und mit geradezu belustigend tragischem Stolz erklärt, die Zielgruppe konsequent über die Textabsicht zu stellen, oder aber dass das Wesen eines Textes und des Schreibens ihr schlicht egal sind und sie für die passende Honorarrechnung jede Ethik gern über Bord wirft, überrascht nicht.
Die ästhetischen Werte, die Amanda Gorman in Marieke Lucas Rijneveld gesehen hatte, den Gleichklang ihrer Tonalitäten, zählen für dieses seltsam von sich eingenommene Völkchen nicht mehr. Paul Celan, Gottsched, Rilke … allesamt wären es nach der Meinung der selbsternannten „Sprachmittler“ nicht würdig gewesen, die mitunter genialen und bis heute nie wieder erreichten Übersetzungen zu liefern, die sie der Welt geschenkt haben – schließlich waren sie „nur“ Schriftsteller, „nur“ Dichter, nicht hauptberuflich Übersetzer!

 

Was wären nur diese Kritiker geworden, bevor die Fotografie erfunden wurde? Was hätten sie nur in Jahrhunderten zu tun gehabt, in denen kein fesches Bild des Autors auf der Rückseite des Bucheinbands prangte? Sollen nun alle Übersetzungen von Alexandre Dumas’ Bücher dringend neugeschrieben werden und die vorhandenen vorsichtshalber schleunigst aus allen Bibliotheken entfernt werden? Was tun bei Autoren, die sich als Pseudonym einen geschlechtsneutralen Vornamen aussuchen? Wäre es nicht besser, sie gar nicht mehr zu übersetzen?

Ich bekomme für meine Arbeit viele Komplimente und höre viele Adjektive, die alle sehr großzügig sind. Nicht einmal einen winzigen Bruchteil davon verdiene ich, und auch wenn sie aufrichtig sind, machen sie mich eher verlegen, als dass ich mich über sie freuen würde. Einen Satz aber habe ich mit größter Freude und, wie ich zugebe, mit einigem Stolz gehört, und er erfüllt mich heute noch mit Dankbarkeit, weil er für mich das schönste Kompliment ist, das man einem Autor überhaupt machen kann. Eine eher flüchtige Bekannte, allerdings vom Fach, mit der ich einige Zeit korrespondiert hatte, schrieb mir einmal: „Deine Texte sind so unglaublich. Wenn ich nicht wüsste, ob Du ein Mann oder eine Frau bist, würde ich es an Deinen Texten nicht erkennen. Ich könnte auch nicht sagen, ob Du jung oder alt bist.“
Was Frau Deul, der Aktivistin (eine wahnsinnig gut geschützte und streng überwachte Berufsbezeichnung, die eine hach! so herausragende und komplizierte Ausbildung erfordert) und Mode(!)-Journalistin, wohl dazu einfallen würde? Vermutlich dürfte mich nach ihren Maßstäben niemand übersetzen – eigentlich ist mir dieser Gedanke eine Erleichterung.

Wenn nur zwei Menschen mit ähnlicher Biographie einander wirklich, ernsthaft und echt verstehen können und nur sie die gleiche Sprache sprechen, sollte überhaupt noch übersetzt werden? Bedeutet das nicht viel eher, dass ihre Sprache ihnen so eigen ist, dass der Versuch gar nicht erst unternommen werden kann, sie zu vermitteln, sie außerhalb ihres engen Kreises erlebbar zu machen, weil der Rezipient immer einen nicht zu überbrückenden Mangel aufweisen wird und das „Über-Setzen“ von vornherein scheitern muss? Schlimmer noch: Sollte überhaupt noch veröffentlicht werden, es sei denn für die eigene Zwillingsschwester, den eigenen Zwillingsbruder?
Die Argumente sind bekannt: Übersetzungen seien zwar nur eine Krücke, aber eine Krücke sei besser, als gar nicht laufen zu können, und uns blieben ohne Übersetzungen viele Werke der Weltliteratur verborgen. So gelange zumindest ein Teil dessen, was gemeint sei, zu uns, wenn nicht die ganze Schönheit, die ein Buch ausmache. Dass ein Teil des Textes unwiederbringlich durch die Übertragung verloren geht, ist also normal, zulässig, unumgänglich, gar nicht so schlimm, und welcher das sein darf, entscheidet der Übersetzer – Anmaßung als Berufsbeschreibung.
Aber die Frage lässt sich vertiefen: Wie viele Werke weißer Literatur wurden und werden durch Weiße in afrikanische Sprachen übersetzt? Hätte man seinerzeit Seiji Ozawa verbieten sollen, westliche Musik zu dirigieren, weil er sie nicht verstehen könne? Hatte Jessie Norman das Recht, italienische Opern zu singen? Schließlich – so offenbar der grundlegende Gedanke des einfältigen Bildungsmobs, der den Shitstorm losgetreten hat – können Schwarze und Weiße nicht gleich oder annähernd ähnlich denken, haben nicht denselben Erfahrungshorizont und können einander daher zwangsläufig nicht verstehen, sie sind sich fremd und werden es unvermeidlich bleiben. Jeder solle also bei seinem Leisten bleiben, in seinem kleinen, begrenzten Kulturkreis, in seinem geistigen Lockdown. Für mich ist DAS Rassismus in Reinkultur, streng genommen Apartheid, und das Gegenteil dessen, was Übersetzung sein sollte.

Diese Debatte ist allerdings nicht nur ein Politikum, sondern auch Ausdruck der vollkommenen Textblindheit unserer Zeit im Allgemeinen und in der Übersetzungsbranche im Besonderen. Selbst Literatur und textnahe Berufe haben sich anstecken lassen: Es geht lediglich um die Information, um Daten, um Fakten, nicht um Stilistik, Form, Klang, Farbe und Schönheit. Texte werden auf ihren Inhalt und die Biographie ihres Autors reduziert. Textästhetik und werkimmanente Rezeption sind von der Vorstellung dessen, was Text ist, verschwunden.
Hier wurde eine Kleinigkeit übersehen: Gerade Dichtung ist mehr als Lebenslauf und Inhalt, mehr als Thema und Anliegen. Übersetzer und selbsternannte Werteschützer haben es offenbar vergessen: Echte Kunst ist universal, sie vermittelt dadurch, dass sie ist.
Die in den letzten Jahren immer stärker und lauter gewordenen voyeuristischen Forderungen des Publikums – im weitesten Sinn, zählen dazu nämlich Leser, Zuschauer, Konsumenten der Inhalte auf Sozialen Netzwerken – zeigen Wirkung. Die aus Gründen des Marketings unvermeidlich gewordene Entblößung von Autoren und Künstlern, die dazu gedrängt werden, sich privat als Person „zu zeigen“, führt zu verhängnisvollen Vermengungen von Biographien und Außenwahrnehmung.
Amanda Gorman ist eine tatsächlich auch politisch engagierte Künstlerin. Sie auf dieses Engagement, ihre Vergangenheit und ihre Hautfarbe reduzieren zu wollen, ist eine Frechheit und eine Beleidigung. Ihre Sprache wäre auch so machtvoll, wenn sie über andere Dinge schreiben würde. Dies zu verkennen, ist schlicht dumm und blind.

 

Marieke Lucas Rijneveld tut mir zutiefst leid. Ich kann mir unschwer vorstellen, wie es ihr geht, und es tut mir – auch aufgrund ihres Alters – an der Seele weh. Ich hoffe, dass sie über die Narben, die diese Erfahrung hinterlassen wird, hinwegkommt. Sie war auch aus Amanda Gormans Sicht die richtige Wahl, weil sie die richtige Klangfarbe eingebracht hätte, die richtige Linie, das richtige Handwerk, den richtigen Geist, die richtige „Wellenlänge“. Amanda Gorman hatte keine Bedenken hautfarblicher Natur. Weil sie eben keine Rassistin ist. Aber Respekt und Gleichbehandlung aller Menschen ohne Ansehen von Herkunft, Geschlecht und Farbe haben in unserer Welt der so selbstgerechten wie unterbeschäftigten Mediokrität nichts zu melden.

 

Ich würde mir wünschen, dass Marieke die Gelegenheit bekommt, in Zusammenarbeit mit der Autorin parallel zu der nun angestrebten Übersetzung ihre eigene vorzulegen. Ich könnte mir vorstellen, dass manche überrascht wären. Und ich würde lachen, wenn sich eines Tages herausstellt, dass sie die bessere Wahl gewesen wäre.

02/20/16

Umberto Eco hat uns verlassen

Es ist für die Geschichte des Geistes, der Kultur, der Literatur und der Sprache ein schrecklicher Tag – aus meiner (vielleicht zu persönlichen) Sicht der traurigste und deprimierendste seit dem Tode Thomas Manns. Es bleiben bei aller Einsicht, bei allem Wissen um die Unumgänglichkeit der Dinge die überwältigende Hilflosigkeit und das unendlich schmerzliche Gefühl zurück, dass mit dem gestrigen Abend der letzte Anker geisteswissenschaftlicher Intelligenz und Virtuosität sich für immer auflöste und uns bodenloser und verzweifelter Leere anheimgab. Dieser Verlust ist unermesslich.

12/7/15

Texte als Geschenk

Dass Texte ein unvergleichlich wertvolles Geschenk sein können, weiß jeder, der als Kind ein Buch bekommen hat, in das er sich verliebt hat und das er heute noch wie einen Schatz hütet. Auch die Entdeckung eines bestimmten Werks der großen Literatur ist oft eine unvergessliche, lebensbegleitende Bereicherung. Doch Texte können auch auf andere Weise zum Geschenk werden.

Dies lernte ich, als ich 12 Jahre alt war.
C., die Tochter einer Freundin meiner Mutter, wurde 18, und da ich in unserer Familie von Kindesbeinen an für die private Korrespondenz aller Art zuständig war, schrieb ich die Glückwunschkarte, die sie von uns bekommen sollte. Ich mochte das Mädchen sehr, sah in ihr wohl ein wenig die große Schwester, die ich nie hatte, und so fiel es mir leicht, mich in sie hineinzudenken und eine kleine Botschaft zu schreiben, die zu ihr passte, mit Wünschen, die ich von Herzen meinte.
Als sich eine Woche nach der großen Party unsere Mütter wieder trafen, hieß es, meine Karte habe auf C. einen unvergesslichen Eindruck gemacht, und sie sei von meinem Text absolut sprachlos und überwältigt gewesen.
Ich war zugegebenermaßen darüber sehr verlegen und auch reichlich verwundert, denn ich wusste überhaupt nicht, was an meinem Text so besonders gewesen sein sollte – hatte ich doch lediglich meine Gedanken an sie zu Papier gebracht. Ich vergaß die Angelegenheit und das aus meiner Sicht übertrieben überschwängliche Lob schnell wieder. Wenige Tage später kam C. selbst vorbei. Es war ihr deutlich anzumerken, wie tief gerührt sie noch immer war, und dass ihr meine Worte wichtig waren und bleiben würden. An jenem Tag begriff ich zum ersten Mal, dass nicht nur ein Buch ein Geschenk sein kann und dass es manchmal nur weniger Zeilen bedarf, um jemandem eine wirkliche und kostbare Freude zu machen.
Zwei Jahre später, als die Freundin meiner Mutter einer Verwandten zum 80. Geburtstag gratulieren wollte, bat sie mich, die Karte für sie zu schreiben. Sie gab mir Fotos von der alten Dame, erzählte mir von ihrer Lebensgeschichte und von dem Verhältnis, das die beiden verband. Es war wunderbar spannend und aufregend, auf diese Weise einen Menschen kennenzulernen, dem ich niemals begegnen würde, dem ich aber einen Nachmittag lang so nah sein durfte, dass ich die Zuneigung, die sich hinter der Bitte unserer Bekannten offenbarte, regelrecht spüren konnte. Es hieß, dieser kleine Text habe der Dame von allen Geschenken am meisten bedeutet. Ich bekam zum Dank eine große Schachtel handgemachter Pralinen vom besten Konditor der Stadt – rückblickend war dies also wohl mein erster bezahlter Auftrag.
Erst als ich schon erwachsen war, durfte ich selbst erleben, wie es sich anfühlt, einen Brief zu bekommen, den man niemals wieder vergisst und der einen noch nach Jahrzehnten zu Tränen rührt, ganz gleich, wie oft man ihn schon gelesen hat und wie auswendig man ihn kennt.

Ich finde es schade, dass Menschen tatsächlich so selten daran denken, Texte zu verschenken.
Dabei gibt es dazu so viele Gelegenheiten: Geburtstage, Hochzeiten, Geburten, Weihnachten, Einladungen, oder auch Todesfälle können zum Beispiel Anlass sein, aber Karten und Reden sind nur ein winziger Aspekt dessen, was der Text als Geschenk sein kann.
Eine schöne Idee ist es, jemandem eine eigens für ihn geschriebene Geschichte zu schenken. Es müssen nicht gleich ein Roman oder Memoiren sein. Schon eine halbe Seite kann genügen, um einen geliebten Menschen zum Lächeln zu bringen und ihm das Gefühl zu geben, dass er in unserem Leben einen unvergleichlichen Platz innehat. Die nacherzählte Geschichte einer geteilten Kindheitserinnerung kann sowohl für ein Kind an einem wichtigen Geburtstag, als auch für die Eltern an Weihnachten oder am Hochzeitstag einen unermesslichen Wert annehmen. Ein Heftchen mit dem Bericht einer gemeinsamen Reise mit der besten Freundin ist mehr als nur eine kleine Aufmerksamkeit, es macht einen schönen Urlaub zu einem unauslöschlichen kleinen Kunstwerk, das für immer verbindet. Es ist auch möglich, die beschenkte Person in eine fiktionale Handlung einzubinden, die widerspiegelt, wie andere sie sehen und schätzen. Texte können sogar als Vermächtnis über Jahre hinweg gesammelt werden, um etwa bei einer Hochzeit, oder an dem Tag, an dem der Nachwuchs zum ersten Mal in eine eigene Wohnung zieht, überreicht zu werden. Und sie können ein materielles Geschenk ideal ergänzen.

Texte sind lebendig und präsent, und als solche die originellsten und persönlichsten Geschenke, die man sich vorstellen kann. Sie überraschen und berühren, sie sind unvergänglich und einzigartig. Sie können uns in der Brieftasche über Jahre hinweg begleiten, in einer Schublade zu unserem geheimsten Juwel werden, an der Wand der ständigen Aufmunterung dienen. Und immer, immer zeigen sie uns, was wir anderen bedeuten.

Zu Weihnachten einen kleinen, schönen, emotionalen, poetischen, lustigen Text überreichen oder versenden? Ich helfe gern.

09/13/15

Schreiben lernen?

Es beginnt mit einem schwärmerischen Kompliment und endet mit einer Frage: „Ich wünschte, ich könnte auch so schreiben wie du. Kann man das lernen?“ Diese Satzfolge ist mir so vertraut, dass hier ein Klischee angebracht ist: Würde ich jedes Mal, wenn ich diese Bemerkung höre, einen Euro bekommen, würde mein Bankkonto … Nun ja.

Der Wunsch, „gut“ – was dies auch immer heißen mag – schreiben zu können, ist weit verbreitet, auch wenn ich wohl nie ganz begreifen werde, wieso. Für mich ist das Schreiben etwas Normales, Alltägliches, eine Tätigkeit wie jede andere auch, nichts Besonderes eben, und vielleicht entgeht mir deshalb der Grund für diese Sehnsucht. Die Antwort auf die Frage jedenfalls ist widersprüchlich und eines klaren Jeins würdig.

Tatsächlich ist Schreiben in erster Linie ein Handwerk, und als solches erlernbar. Es gibt in dieser Sache keinen nennenswerten Unterschied zwischen einem Tischler, einem Goldschmied, einem Mechaniker oder einem Schreibenden.
Wie in den meisten Bereichen auch, gründet Können auf dem Wechselspiel von Lernen und Üben, und wie bei fast allen erlernbaren Fertigkeiten auch, ist ein früher Beginn bereits in sehr, sehr jungen Jahren für das Erreichen eines hohen Niveaus unerlässlich. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand, der erst mit vierzig zum Sport findet, eine Goldmedaille bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen gewinnt, ist eher gering, und dies trifft auch auf das Schreiben zu.
„Lernen“ bedeutet hier weniger die Aneignung konkreter Techniken – diese ergibt sich eher aus dem Üben –, als vielmehr Lesen. Liest ein Kind früh sehr viel und sehr hochwertige Literatur, wobei Qualität und Quantität in diesem Fall gleichermaßen entscheidend sind, bekommt es ganz automatisch das nötige Rüstzeug.
Selbstverständlich ist es in jedem Alter möglich, sich an Neuem zu versuchen, oder vernachlässigte Fähigkeiten weiterzuentwickeln oder zu verbessern. Es sollte demjenigen allerdings immer bewusst bleiben, dass „besser“ nicht notwendigerweise mit „herausragend“ gleichzusetzen ist. Ob beim Musizieren, Malen oder Schreiben: Nur jahrelanges Üben und ein sehr großer täglicher Arbeitsaufwand ermöglichen es, zu einer gewissen Virtuosität zu gelangen, und deshalb lässt sich Zeit nur bedingt nachholen, auch wenn der Versuch auf jeden Fall löblich und zu unterstützen ist.

Handwerkliche Tätigkeiten und Sport haben jedoch eine weitere Gemeinsamkeit, und an diesem Punkt offenbart sich der tückische Charakter der anfänglichen Frage: Interesse, Begeisterung und Einsatzbereitschaft genügen nicht, wenn nicht eine grundsätzliche naturgegebene Basis vorhanden ist. Wer zwei linke Füße hat, wird es sicher niemals zu einem Tennisspieler von Weltrang bringen, wer zwei linke Hände hat, wird unwahrscheinlich zu einem neuen Monet erwachsen – und wenn er noch so verbissen übt.
Doch woraus besteht Schreibtalent überhaupt? Welche Eigenschaften muss man „mitbringen“, um gut schreiben zu können? Es gibt vermutlich Millionen von Definitionen, und ich kann nur versuchen, meine eigene hinzuzufügen.

Im Gegensatz zu dem, was viele anführen, wird der berühmte „besondere Sinn für das Wort“ durch reichliche frühkindliche Lektüre vermittelt und zählt aus meiner Sicht daher zum Erlernten und nicht zum Angeborenen. Sprachgefühl ist die Fähigkeit zu wissen, wann man mit welchem Wort welche Wirkung erzielt – ähnlich wie ein Maler weiß, welche Farbe in seinem Gemälde welche Stimmung wiedergibt. Es geht lediglich um die richtige Verwendung des richtigen Werkzeugs am richtigen Platz im richtigen Augenblick. Dieses Wissen wird zum Teil bewusst, zum Teil intuitiv erworben. Der Maler studiert hierzu die Werke anderer, der (künftige) Schreibende liest.
Zu den Faktoren, auf die Lernen und Üben keinen Einfluss haben, die also das eigentliche Talent darstellen, gehören vor allem eine übersteigerte Sinneswahrnehmung und ein abnormales Gespür für Dinge und Stimmungen. Beide haben durchaus eine psychologische Komponente. Diese Fähigkeiten gehen weit über eine sehr hohe Beobachtungsgabe hinaus und können als rezipierende Überempfindlichkeit und Scharfsichtigkeit bezeichnet werden. Sie betreffen das gesamte Spektrum natürlicher und menschlicher Erscheinungen: Licht, Farben, Düfte, Formen, Strukturen, Wetter, Geräusche, Bildkompositionen, Ästhetik, Situation, Zusammenhänge, Details, Ungesagtes, Verschwiegenes, Angedeutetes, Unbewusstes.
Diese übersteigerte, überspitzte, empathisch-seismographische Blickschärfe, diese andere Art, die Dinge zu sehen, ist meiner Meinung nach das, was als „Talent“ bezeichnet werden kann, denn sie ist allgegenwärtig, ungewollt und unkontrollierbar.

Auch wenn man Talent nicht steuern kann, kann jeder bis zu einem gewissen Grad alles erlernen – ob Schwimmen, Schreinern oder Schreiben. Seinen Schreibstil zu verbessern und einen neuen Zugang zum Text zu finden, ist immer eine belohnende und bereichernde Erfahrung. Fortschritte und Erfolg sind eine relative Angelegenheit, und der einzige Maßstab sollten die eigenen Ziele sein, nicht die Texte anderer.

04/7/15

Wörter und Bilder

Zu den bekanntesten Seiten der Weltliteratur gehört zweifelsohne Romain Rollands Beschreibung seines kindlichen Verhältnisses zu Wörtern und den Bildern und Empfindungen, die er mit ihnen verband. Beeindruckend ist diese Erzählung nicht nur wegen der Prägnanz, mit der die Entstehung von Assoziationen in der frühen Vorstellungswelt eines sehr jungen Menschen geschildert wird, und die jede linguistische Abhandlung zu diesem Thema in wenigen Zeilen überflüssig macht. Verblüffend ist sie, weil jeder, der sich im Erwachsenenleben beruflich dem Schreiben widmet, diese Momente auf sehr ähnliche oder gar identische Weise erlebt hat und sich lächelnd in die eigene Vergangenheit zurückversetzt fühlt.

Wenn auch mit dem natürlichen und akademischen Reifeprozess manche Aspekte dieser innigen Beziehung zum Wort sich verändern mögen, so bleibt diese Art von Freundschaft zu dem, was nun weniger Wunder denn Werkzeug wurde, bis zu einem gewissen Grad erhalten. Bestimmte Wörter werden zu Begleitern, zu einem vertrauten Zuhause, zu einem Sinnbild unserer selbst, zu einer Projizierung einer Welt, wie wir uns wünschen, dass sie sein könnte.

Ein solches Wort, das ich nicht missen möchte, weil ihm für mich eine unvergleichliche Schönheit innewohnt, ist das Wort „Aufzeichnungen”.

Was mir an ihm so gefällt, ist zunächst, dass es so reizend altmodisch ist. Natürlich kann man auch in Bezug auf elektronische Daten, Ton- oder Filmaufnahmen von Aufzeichnungen sprechen. Was ich aber in diesem Wort sehe, wenn ich es höre, lese oder schreibe, ist etwas ganz anderes.

Ich sehe die Tagebücher von Abenteurern, Naturforschern, Anthropologen, Ethnologen und Archäologen, die akribisch, aber auch voller Respekt, Neugier und Bewunderung die Welt nachzuzeichnen versuchten, die sie mit Staunen entdeckten.
Ich sehe die sorgfältig geführten Chroniken von Zeitzeugen, die im Kerzenschein längst vergangener Jahrhunderte ihre Feder in schmutzige Tintenfässchen tauchten, um das für sich und andere festzuhalten, was ihre Gegenwart unserer Geschichte schenkte, um Erlebtes zu begreifen und zu vermitteln.
Ich sehe all jene, die ihren vermeintlich unbedeutenden Alltag niederschrieben und unbewusst und ungewollt zu historischen Quellen wurden.
Ich sehe die Reisenden, die uns Unbekanntes nahebrachten und unsere Träume beflügelten.
Ich sehe Abermillionen von Seiten, wunderschöne ruhige Handschriften, hektische Skizzen, detailreiche Zeichnungen, ein Kompendium unseres Wissens und unserer Geschichte.

Selbst wenn die aktuelle Form der Aufzeichnung, das Blog, sich weder Papier noch Tinte als Medium ausgesucht hat, mag ich es für das, was es darstellt: Es setzt das Bedürfnis des Menschen fort, zu bewahren.

Meine Vorstellung hat ein für alle Mal beschlossen, in der Aufzeichnung das idyllisch-kitschige Bild eines handschriftlich geführten Notizbuchs zu sehen. Dieses Wort ist für mich deshalb so wunderschön, weil es eine dokumentarische, differenzierte, gleichermaßen analytische und synthetische Ruhe ausstrahlt. Es verkörpert den Rückzug, die wohlwollende Distanz, das Innehalten, die objektive und zurückhaltende Demut, die ich als die eigentliche Aufgabe des Schreibens betrachte. Aufzeichnungen sind die Übertragung einer Momentaufnahme auf Papier. Sie sind das, was Schreiben sein sollte.

02/16/15

Der ärgerlichste Satz der Welt

Neun kleine Silben, die mit schöner Regelmäßigkeit fröhlich und arglos in die Runde geworfen werden. Es klingt harmlos. Aber für mich bilden sie den ärgerlichsten Satz der Welt: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.”

Ärgerlich ist dieses Geflügelte Wort für mich nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht, weil Unternehmen sich bei knappem Budget im Zweifelsfall für das Bild und gegen den Text entscheiden.
Was mich daran regelrecht wütend macht, ist, dass dieser Satz zutiefst falsch, zutiefst dumm und infolgedessen zutiefst gefährlich ist.

Wenn es wirklich so wäre, dass ein Bild mehr sagt als tausend Worte, würden wir uns noch immer ausschließlich Stummfilme anschauen. Aber die Erfahrung hat gezeigt, dass Texte, namentlich Dialoge, nicht nur überflüssiges Beiwerk sind, sondern Drehbuch und Bilder gleichermaßen wichtig und für ein gelungenes Ergebnis unentbehrlich sind. Ohne intelligente Texte gibt es keine intelligente Darstellung und nur sehr rudimentäre Geschichten, die über Klamauk nicht hinausgehen. Selbst einfachste Formen der Erzählung wie Comics und Cartoons nutzen Bild UND Text. Kunstkataloge und Abermillionen Seiten kunstgeschichtlicher Analysen von Gemälden, Skulpturen und Installationen zeugen davon, dass Bilder durchaus Text brauchen, um in all ihren Facetten verstanden und genossen zu werden. Bildende Künstler, die es ja wissen müssen, veröffentlichen auf ihren Internetseiten – mitunter sehr wortreich – ihre Statements und beweisen hinlänglich, dass sie sehr wohl um die Notwendigkeit und den Wert einer textlichen Vorstellung ihrer Werke wissen. Bilder brauchen Worte, sie ersetzen sie nicht.

Dieser Satz ist auch deswegen entsetzlich dumm, weil er zeigt, dass hier zwischen Information, Mitteilung und Kommunikation nicht unterschieden wird.
Für die einfache Kennzeichnung eines Gegenstands mag in einigen Fällen ein Bild, im konkreten Fall ein Piktogramm genügen: „Da ist eine Toilette”, „dort ist ein Notausgang”, „in 1000 m Essensmöglichkeit”. Für eine wirkliche Information, eine Mitteilung oder differenzierte Kommunikation – insbesondere Unternehmenskommunikation –, aber auch jede Form zwischenmenschlicher Interaktion, die über das bloße Zeigen auf etwas hinausgeht, die also im eigentlichen oder erweiterten Sinne einen Dialog darstellt, ist das zu wenig. Der Satz, ein Bild sage mehr als tausend Worte impliziert in diesem Kontext nichts anderes, als dass wir wirkliche Kommunikation nicht mehr brauchen und nicht mehr wollen, dass wir uns mit einem ausgestreckten Mittelfinger begnügen wollen und uns ein Streit nicht mehr als Inhalt und Austausch interessiert, dass wir hiermit also unsere spezifische Eigenschaft als Mensch mutwillig aufgeben und uns freiwillig auf die Entwicklungsstufe putziger haariger Primaten zurückbegeben.
Wenn ein Bild mehr sagen würde als tausend Worte, hätte der Mensch niemals den Drang verspürt, eine Sprache in Form von Graphemen und Lexemen zu entwickeln. Er würde weiterhin grunzend auf Dinge zeigen und sich mit Zeichnungen an Höhlenwänden verewigen. Der Glaube, dieser dumme Satz hätte tatsächlich irgendeine Form von Berechtigung, zeugt also in erster Linie von primitivem und kulturfernem Denken.

In Kategorien von Unternehmenskommunikation und Produktvorstellungen bedeutet der Verzicht auf Text, dass der Kunde mit einem Bruchteil dessen, was ihm bei der Kaufentscheidung helfen sollte, auskommen muss und wie ein süßes Äffchen mit begrenztem Verstand und Gefühlsleben behandelt wird – eine in Zeiten, in denen Angebote sich immer weniger objektiv voneinander unterscheiden, gefährliche Strategie.

Ein Bild ersetzt keinen Text. Idealerweise unterstützt es einen Text. Es kann ihn schmücken, unterstreichen, sogar einleiten. Tausend Worte aber können es erweitern, präzisieren, erklären, vertiefen. Ein Bild kann ein Rahmen sein, ein Detail festhalten, einen Augenblick einfrieren. Ein Text kann Zwischentöne modellieren, die Zeit strecken, raffen und verwischen. Ein Bild kann einen wichtigen Aspekt einer Sache verdeutlichen. Ein Text kann alle Facetten eines Bildes aufdecken.
Ist ein Text ein eingerichteter Raum, so ist das Bild mit einem Blumenstrauß zu vergleichen. Es ist die letzte Kleinigkeit, die die Dinge schöner macht. Es ist nicht die ganze Einrichtung.

Ein Bild sagt nicht mehr als tausend Worte. Ein Wort kann tausend Bilder erschaffen.

01/13/15

Vom Malen und Schreiben

Die enge Verwandtschaft zwischen Schreiben und Malen thematisiere ich auf meiner Internetseite und ich spreche sie auch in vielen Blogartikeln immer wieder ausführlich an.
Dieser unmittelbare Vergleich ist ein wichtiger, vielleicht der wichtigste Bestandteil meines Selbstverständnisses. Er ist mein künstlerisches Statement, mein Programm, mein Glaubensbekenntnis und somit ein Leitmotiv meiner Selbstvorstellung.
Doch wie vielschichtig die Ähnlichkeit der Prozesse in beiden Medien tatsächlich ist, wird auch mir manchmal erst auf Umwegen und fast überraschend bewusst.

In letzter Zeit ist mir bei dem Entwurf einiger Artikel für das Musterbücher-Blog aufgefallen, dass die Farbe Braun zur Zeit quantitativ einen erheblichen Platz in meinen Artikeln einnimmt.
Bedenkt man, wie Schreiben entsteht, ist es allerdings nicht verwunderlich.

Künstlerische Arbeit bedeutet in erster Linie eine über längere Zeit ungewöhnlich intensive Auseinandersetzung – sei es mit einem Motiv, sei es mit einem technischen schöpferischen Mittel.
Bei bildenden Künstlern impliziert dies eine zuweilen anstrengende, nicht selten quälende bis selbstzerstörerische Erforschung. Cézanne malte unentwegt denselben Berg, Giacometti verzweifelte an der Darstellung des menschlichen Kopfes, Picasso hatte seine Blaue Periode.
Werkzyklen sind in den meisten Fällen nicht geplant. Sie ergeben sich auf sehr spontane und natürliche Weise aus der unauslöschlichen Neugier, dem Durst nach Perfektion, dem kindlichen Heißhunger nach Details, dem innigen Bedürfnis, zu begreifen, zu erfassen, zu entschlüsseln und zu zeigen. Ist das Interesse einmal geweckt, verändert sich die Sicht aller Dinge und wird themenzentriert, d.h. immer einseitiger und immer vielseitiger zugleich. Facetten gewinnen an Selbständigkeit, es beginnt eine Sucht nach der Suche und eine Suche nach der Sucht. Wie in einem Wahn meint der Künstler, das Thema überall zu finden und zu entdecken. Diese obsessive Verzerrung des Blicks und der Wirklichkeit schenkt ihm im Gegenzug eine enthüllende Schärfe und Weitsicht. Es ist der Weg des Verstehens und der Erkenntnis über die dornigen Pfade der Leidenschaft.

Wenn also die Farbe Braun in diesen Wochen häufiger in meinem Kopf ist, dann zeigt dies vor allem, wie nah Schreiben und Malen einander doch sind, und wie sehr das theoretische Prinzip, das als mein Credo und meine Triebkraft bezeichnet werden kann, manchmal ganz unbewusst gelebt werden kann.
Es ist für mich ein besonders schöner Gedanke, der mich mit den Gleichgesinnten verbindet, die sich wie ich bemühen, festzuhalten und darzustellen, der meiner Arbeit also Sinn und Halt gibt.

12/21/14

Meilensteine

Der Fall der Berliner Mauer oder die Anschläge des 11. September sind Meilensteine der Geschichte, die trotz der seither verstrichenen Zeit noch nicht ganz den Sprung in die rein theoretische Welt historischer Begebenheiten geschafft haben: Wer alt genug ist, kann sich in der Regel daran erinnern und weiß noch zu sagen, wo er oder sie war und was er oder sie dachte. Diese Tage sind vergangen, aber lebendig und präsent.
Neben solchen übergreifenden Ereignissen kennt jede persönliche Lebensgeschichte ihre eigenen Meilensteine – freudige und traurige, private und berufliche, große und kleine.

Jedes Jahr um die Weihnachtszeit wird mir deutlicher als sonst bewusst, wie sehr eine fast nebensächliche Kleinigkeit mein Leben verändert hat – die Rechtschreibreform.
Sie ist nun schon länger in Kraft, aber die Einschnitte, die sie für mich bedeutet hat, sind tiefgreifend, vielfältig und erstaunlich gegenwärtig.

Die beruflichen Aspekte waren dabei fast unerheblich.
Ich biete meinen Auftraggebern an, die Rechtschreibung zu wählen, die ihrem Selbstverständnis oder ihrem Geschmack entspricht. Wenn ich um Rat gebeten werde, empfehle ich die gemäßigte Rechtschreibung, die die größte Akzeptanz findet. Diese Mechanismen waren schnell erlernt.

Viel gravierender und präsenter sind die Auswirkungen der Rechtschreibreform heute auf mein privates Verhalten.
Zunächst lebe ich seitdem in einer Art Trichotomie. Handschriftliche Texte – also auch private Korrespondenz – schreibe ich in Alter Rechtschreibung. Sie ist logischer, sinnlicher, ästhetischer, sprachfreundlicher und einfach „richtiger”, wie das im Internet reichlich kommentierte Beispiel von Erich Kästners heißersehnten Kartoffeln zweifelsfrei zeigt. Berufliche Korrespondenz und eMails tippe ich, wie alle Texte, die ich am Computer entwerfe, in gemäßigter Rechtschreibung. Meine Blogs wiederum schreibe ich zwar im Prinzip in gemäßigter Rechtschreibung, jedoch unter Umgehung der Regeln und Vorgaben, die ich als zu sprachverunstaltend betrachte.
Neben solchen erworbenen Eigenheiten hat die Rechtschreibreform mein Kaufverhalten stark verändert: Bücher, die vor 1996 verfasst wurden, kaufe ich nur noch im Antiquariat in entsprechenden älteren Ausgaben – ich weigere mich, die schöne Sprache Stefan Zweigs etwa durch dieses unsägliche politische Trauerspiel verstümmelt zu lesen. Ebenso verschenke ich heute keine Klassiker der deutschen Literatur mehr. Überhaupt kaufe ich auch für mich weniger Bücher und flüchte stattdessen lieber zu den guten alten Freunden in meiner Bibliothek.

Die Rechtschreibreform war nicht mehr als eine hässliche Fußnote der Bildungspolitikgeschichte und hat die große Bedeutung sicher nicht verdient, die ihr zuteil wurde. Für mich wurde sie zu einem Meilenstein – einem kleinen, aber deprimierenden.

09/25/14

Die Sucht nach Papier

Dass Schreibende ein wenig „anders” sind, habe ich schon als Kind gemerkt, auch wenn ich es damals sicher nicht mit diesen Worten ausgedrückt hätte.
Mein Lieblingsort in der ganzen Stadt war kein Spielplatz, kein Park, kein Schwimmbad, und auch nicht das Haus meines Großvaters oder der Garten einer Freundin. Es war ein Buch- und Schreibwarenladen, ein altes, properes, nach Papier duftendes Geschäft, das nur wenige Schritte von meinem Elternhaus entfernt für mich den Himmel auf Erden darstellte.

Ich habe seitdem viele Buchläden und Schreibwarengeschäfte betreten. Etwas Vergleichbares konnte ich nie finden.
Es gab dort nichts, was es nicht gab, und man konnte alles bekommen, ganz gleich, wie abstrus, selten, teuer, klein, eigen oder unbekannt das Gewünschte war – gegebenenfalls wurde es in Windeseile am anderen Ende der Welt bestellt.
Das Geheimnis dieses Wunderlands, dieses 50 m² kleinen Paradieses war eine Art Zauberformel. Das „Hinterzimmer” bestand aus einem etwa 100 m² großen und 5 m hohen Lagerraum, der bis zur Decke mit eng gesetzten stabilen, antiken Holzregalen und einem komplizierten Gefüge aus waghalsig knarzenden Leitern regelrecht vollgestopft war. Es empfahl sich, sehr schlank zu sein, um sich durch dieses merkwürdige Labyrinth durchzuschlängeln. Eine weitere Besonderheit war die Stringenz, mit der Geschäft und Lager organisiert waren. Trotz einer beeindruckenden Warenmenge und des völligen Fehlens von Beschriftungen musste nie gesucht werden. Jeder Handgriff saß in Sekundenschnelle. Die Hauptzutat in diesem Zauberkessel war aber eine heute kaum vorstellbare Liebe zu Buch, Papier und Schrift. Die beiden älteren Damen, denen das Geschäft gehörte, und ihre langjährige Angestellte waren keine Verkäuferinnen. Sie waren gebildet, belesen, kundig und lebten mit Leidenschaft das, was sie taten. Sie hatten keinen Beruf, sondern eine Berufung. Mit ihnen konnte man stundenlang gleichermaßen über Ibsens Dramen, den Koran, die Bindung eines Clairefontaine-Heftes, die Eigenschaften englischer Aquarellfarben, den Unterschied zwischen Parker- und Waterman-Tintenleitern oder die Herstellung von Hahnemühle-Papieren reden. Beratung war keine Serviceleistung, Fachsimpeln keine Gunst, sondern eine Selbstverständlichkeit. Es gab keine Neuerscheinung, die sie nicht gelesen hatten, und auf ihren Rat war Verlass.

Schon als kleines Kind ging ich jeden Tag an diesem wunderbaren Ort vorbei, und er zog mich magisch an. Hätte ich damals Taschengeld bekommen, wäre es sofort und vollständig in die immer perfekt gewachste Mahagoni-Schublade, die als Kasse diente, gewandert. Standen andere vor Weihnachten mit gierigen Augen vor dem Spielzeugladen oder dem Süßigkeitengeschäft, so drückte ich mir die Nase an dem Schaufenster platt, in dem Romane, Bilderbände, Füller, Notizbücher und Schreibtischaccessoires zwischen der festlichen Dekoration gekonnt beleuchtet glitzerten.
Im Teenageralter besuchte ich die alten Damen fast jeden Tag. Andere hatten einen Stammplattenladen oder sogar schon eine Stammkneipe, ich hatte mein Buch- und Schreibwarengeschäft. Ich war wohl ein wenig wie ein Comic-Hund, der jeden Morgen zuverlässig um dieselbe Zeit in dieselbe Metzgerei trippelt, sich von allen streicheln lässt, und nach und nach vom Kuriosum zum Maskottchen wird. Tatsächlich wurde aus einer aus jugendlicher Sicht reichlich schrulligen Gewohnheit so etwas wie ein zweites Zuhause, ein Refugium in schwierigen Lebenssituationen, ein Lebensmittelpunkt. Ich hatte dort viele „erste Male”: meine ersten Schulhefte, mein erstes Buch, meine ersten Aquarellstifte, meinen ersten Füller, meinen ersten Studentenjob – unvergessliche und wunderschöne Augenblicke. Und meinen ersten schmerzlichen Abschied, als das Geschäft für immer schloss.

Viele Dinge mögen sich geändert haben. Mein Bedürfnis, mich mit Büchern und Schreibwaren zu umgeben, blieb ungebrochen. Meine Vorräte an Bleistiften, Kugelschreibern, Tintenpatronen und –gläschen und vor allem an Notizbüchern und Schreibblöcken sind recht beeindruckend – je nach Gesichtspunkt auch ein wenig verrückt. Im Falle einer wie auch immer gearteten Katastrophe hätte ich ganz sicher nicht genug Lebensmittel im Haus, um eine Woche zu überleben; Papier und Stifte würden aber für Jahre reichen.
Dieser Spleen treibt seltsame Blüten: Ob im Küchenregal, in der Handtasche, im Badezimmerschrank oder im Nachttischchen, es sind immer mindestens ein Schreibblock oder ein Notizbuch und zwei Stifte griffbereit. Im Sommer ist selbst der Balkon für alle Fälle ausgestattet – nicht selten findet sich im Herbst zwischen zwei nunmehr leeren Töpfen ein verwaister Bleistift.

09/7/14

Der Kreative und das Pflichtbewusstsein

Zu meinen ausgeprägten Charaktereigenschaften gehört ein außergewöhnliches Maß an Selbstdisziplin und ein sehr hartnäckiges Pflichtbewusstsein. Während ich Erstere als meine wichtigste Waffe empfinde und dankbar dafür bin, dass sie mir in sehr schweren und dunklen Zeiten immer geholfen hat, trotz gesundheitlicher Behinderung unbeirrt meinen Weg zu gehen, ist Zweiteres eher kontraproduktiv. Zugegeben: Ich hatte nie Probleme, einen Abgabetermin einzuhalten und bin meistens reichlich zu früh mit einem Auftrag fertig, aber von dieser praktischen Seite mal abgesehen, muss ich in dieser Hinsicht jeden Tag aufs Neue lernen, gegen meine eigene Natur zu kämpfen. Schließlich gibt es für Selbständige immer etwas zu tun. Sind Aufträge und Buchhaltung erledigt, geht die Suche nach neuen Auftraggebern weiter. Ich bin zwar alles andere als ein Workaholic, aber solange mir mein Kontostand keine absolute Sicherheit für mindestens ein Jahr signalisiert, plagt mich das schlechte Gewissen, wenn ich auch nur daran denke, mir ein paar Stunden freizunehmen. Rekreative und regenerierende Tätigkeiten wie Malen, Lesen oder Sozialleben bleiben auf der Strecke, und ich kann mich auch nicht mit der Ausrede überlisten, sie würden der weiteren Arbeitsfähigkeit dienen. Das schlechte Gewissen ist lauter als die Vernunft.
Es war in früheren Zeiten anders  – nicht zuletzt, weil mir sogar Kunden vor Augen führten, dass ich zu viel arbeite, und es nicht normal sei, dass ich Tag und Nacht am Schreibtisch zu erreichen sei. Damals war es auch kein Problem, einen Arzt- oder Frisörtermin oder einen Einkaufsbummel mitten am Nachmittag einzurichten. Diese Zeiten sind vorbei. Begünstigt durch technische Mittel, deren Nutzen längst das richtig Maß verloren hat, hat sich Leistungsethik immer stärker in unsere Gesellschaft eingeschlichen. Dieselben Kunden, die mich einst regelrecht dazu aufforderten, frische Luft schnappen zu gehen, sind heute ungehalten, wenn ihre eMail wegen eines kleinen Abstechers über die Toilette nicht klickwendend beantwortet wird. Die schlechte Presse, der Freie und Künstler immer mehr und immer aggressiver ausgesetzt werden, tut ihr Übriges. Ist man „von Haus aus“ ohnehin für eine strenge Arbeitsmoral anfällig, wird es heikel. Das Gefühl, immer zu wenig zu tun, wird zum Dauerzustand.
Für Trost und gute Laune sorgte ganz unverhofft ein zufällig entdecktes Interview mit dem Comiczeichner Giorgio Cavazzano, der auf die Frage nach seinem Tagesablauf ausführlich erklärte, wie er konsequent die Pausen einhält, die sowohl zur Erhaltung seiner kreativen und physischen Leistungsfähigkeit als auch eines ausgeglichenen Sozial‑ und Privatlebens nötig sind. Seine Arbeitszeiten von 9 bis 13 Uhr und von 15 bis 17 Uhr bieten Raum für Golfpartien und Treffen mit Freunden am Mittag, und der nicht verhandelbare Feierabend ermöglicht ihm, sich seiner Familie zu widmen.
Tatsächlich entsprechen diese sechs Stunden sehr konzentrierter Kreativität ziemlich genau dem, was meiner Erfahrung nach als gesundheitlich wünschenswert betrachtet werden kann. Hier darf nicht vergessen werden, dass das selbstvergessene, ablenkungsfreie Arbeiten eines Kreativen nicht mit einer normalen Bürotätigkeit verglichen werden kann und darf. Sie ist wesentlich intensiver und dadurch geistig und körperlich deutlich anstrengender. Es ist etwa so, als würde man Leistungssport auf höchstem Niveau betreiben oder aber hobbymäßig joggen.
Auch wenn es mir im Gegensatz zu Herrn Cavazzano nicht so bald gelingen wird, mich ab und zu zu einer freien Stunde zu überreden oder meinen Auftraggebern gegenüber einen erstrebenswerten Rhythmus durchzusetzen, so hat mich doch dieser Artikel bestätigt, getröstet, bestärkt und mir auf erfrischende Weise Mut gemacht. So müsste es wirklich sein  – und ich halte mich zur Zeit ein wenig an seinen Worten fest.

08/22/14

Über die Jahrhunderte hinweg

Zu dem „Spendenbutton“ in meiner Sidebar habe ich ein sehr freundschaftliches Verhältnis. Es ist nicht so, dass er mir zu Reichtum verhelfen würde. Aber seine Bedeutung gefällt mir. Er symbolisiert mein Selbstverständnis, das, was meine Arbeit ausmacht. Er erinnert mich sozusagen daran, was ich bin und tue. Vor allem verbindet er mich mit einer jahrhundertealten Tradition und mit dem künstlerischen Wesen meiner Arbeit.
Zu allen Zeiten hatten Künstler vier Möglichkeiten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten: Brotjobs, Lehrtätigkeiten, Auftragsarbeiten und Mäzenatentum.
Brotjobs  – also Beschäftigungen, die das Einkommen sichern sollen, aber ganz und gar kunstfremd sind, können Vor‑ und Nachteile haben. Sie halten Sorgen fern und somit den Geist für den kreativen Prozess frei. Nichtsdestotrotz sind sie ein Kompromiss, und Kompromisse sind immer faul. Sie bedeuten, dass der Drang, zu malen, zu komponieren, zu schreiben … sich nach der Uhr richten muss, womit nicht jeder zurechtkommt. Des weiteren degradieren sie den eigenen Lebensinhalt zu einer Nebensache, zu einem Hobby  – mit der Gefahr, dass er eines Tages wirklich dazu verkommt. Brotjobs erfordern außerdem eine eiserne Gesundheit, wenn nach einem anstrengenden 8‑Stunden-Tag die wirkliche Arbeit erst beginnen soll. Brotjobs sind frustrierend und auf Dauer schon deshalb keine Lösung, weil jeder irgendwann erkennt, dass er in sich den Wunsch trägt, sein Geld mit einer Tätigkeit zu verdienen, in der er einen Sinn sieht bzw. mit der er sich identifizieren kann. Gegen die eigene Berufung zu leben, ist mehr als nur eine Unannehmlichkeit, und es ist etwas ganz anderes, als „nur“ in einem verhassten Job festzustecken. Es hat nichts mit der Unlust zu tun, die jeden Arbeitnehmer mal befallen kann. Es ist nicht nur unerfreulich und anstrengend. Es geht um viel mehr als nur das, nämlich um die mutwillige Verneinung der eigenen Identität, der eigenen Existenz. Es macht im wörtlichsten medizinischen Sinn des Wortes krank  – ich weiß, wovon ich hier rede  –, bis man eines Tages die Kraft nicht mehr aufbringt, sich mit der Lüge zu arrangieren und Stunde und Stunde gegen den eigenen Körper und die eigene Natur zu kämpfen. Brotjobs sind insbesondere für Anfänger oder als zeitweilige Unterstützung sehr sinnvoll, aber sie sind keine Lebenslösung.
Einen Mittelweg bietet die Lehrtätigkeit. Sie ermöglicht es, in einem thematisch nahen Umfeld zu verbleiben. Komponisten erteilen Klavierunterricht, Maler leiten Ateliers, Schreibende veranstalten Workshops. Allerdings ist diese Art des Gelderwerbs nicht viel weniger prekär als die Kunst selbst.
Was Künstlern im Laufe der Jahrhunderte wirklich immer dazu verholfen hat, von dem, was sie können, zu leben, sind Auftraggeber und Mäzene. Während sich in der Vergangenheit beide oft in einer Person fanden  – dem Künstler wurden Kost und Obdach angeboten, und er malte oder komponierte im Gegenzug im Auftrag und zum Ruhme seines Gönners  –, sind diese Funktionen heute streng getrennt. Auftraggeber sehen sich als Kunde im kaufmännischen Sinne und stellen keine wirkliche Verbindung zwischen sich und dem, was für sie geschaffen wurde, her. Der Kauf von Kunst ist für sie eine geschäftliche Transaktion mit einem konkreten Nutzen. Gleichwohl sind ihre Aufträge notwendiger denn je. Künstler brauchen nicht nur das Geld. Sie brauchen das Gefühl, dass das, was sie tun, geschätzt, gesucht, begehrt wird. Und sie brauchen die Ausgeglichenheit des Gebens und Nehmens, der Leistung und Zahlung, die dem Wert ihrer Arbeit eine objektive, messbare Dimension verleiht.
Die Beweggründe eines heutigen Mäzens wiederum können recht unterschiedlich sein. Bestenfalls beruht seine Unterstützung auf der Überzeugung, dass Kunst frei sein muss und erhaltens‑ und förderungswert ist. Dies ist Mäzenatentum alter Schule und ist nicht nur dem Einkommen des Künstlers zuträglich, sondern auch seinem Selbstwertgefühl. Andere mögen darin ein eher karitatives Engagement sehen und genießen in erster Linie das gute Gefühl, das ihnen das Schenken vermittelt. Jeder, der eine Münze in das Kreidekästchen eines Straßenmalers oder den Hut einer Saxophonistin wirft und einen Moment bei seinem Bild oder ihrer Musik verweilt, erfüllt die Funktion eines Mäzens  – ebenso wie jeder, der in einem Blog auf den Spendenbutton klickt. Es ist ein Dankeschön, eine Ermutigung.
Auftraggeber und Mäzene sind Teil einer langen Geschichte: Sie tragen dazu bei, dass nicht nur Autos und Taschentelefone produziert werden, sondern auch der schöpferische Prozess niemals aufhört, dass Dinge entstehen, die Sinne und Seele erfreuen, dass Schönes als Wert nicht vergessen wird. Während die Beziehung zwischen dem Künstler und seinem Auftraggeber von ihrer sachlichen Prägung profitiert und ggfs. auf der gleichen sachlichen Ebene beendet werden kann, ist das Verhältnis zu einem Mäzen natürlich vielschichtiger und widersprüchlicher. Es schafft für den Künstler eine neue Aufgabe: Er muss sich von den Vorstellungen lösen lernen, aus der Dankbarkeit eine freiheitshemmende Verpflichtung erwachsen zu lassen. Er muss sich vor Augen führen, dass eine lange Linie von dem nach der Gauklervorstellung auf dem mittelalterlichen Markt herumgereichten Säckchen über das Kreidedöschen des Malers und dem Hut der Straßenmusikerin bis zu ihm führt. Über die Jahrhunderte hinweg. Und deshalb mag ich meinen Spendenbutton.

07/1/14

Die Bezeichnung „Textkünstlerin“

Eine gute Freundin zeigte sich neulich darüber überrascht, dass ich auf meiner Facebook-Fanseite als Berufsbezeichnung „Textkünstlerin“ eingetragen habe. Sie schickte sich schon an, mich für ein ganz atypisches und möglicherweise neu entdecktes Selbstwertgefühl zu loben – vorschnell und ungerechtfertigterweise allerdings, denn es handelt sich dabei um eine sehr pragmatische Entscheidung und den Versuch, Klarheit zu schaffen.

Als ich das Projekt „TextLoft“ ins Leben rief, ging es vor allem darum, Texten und Textkäufern einen Raum zu geben, in dem die ästhetischen Werte, also die Schönheit des Produkts „Text“, im Vordergrund stehen. Was für mich ganz selbstverständlich ist, muss für andere aber nicht notwendigerweise einleuchtend sein – erst recht nicht, wenn man bedenkt, dass ich damit einen sehr eigenwilligen und im deutschen Sprachraum erstmaligen Weg gehe. Eine Berufsbezeichnung ist nichts an sich Wichtiges, sie ist nur ein Wort. Nichtsdestotrotz kann sie hilfreich sein, um eine bestimmte Art von Leistung von anderen, mit ihr eng verwandten, abzugrenzen und das eigene Selbstverständnis in kurzer und prägnanter Form darzulegen.
Ich bin nicht Schriftstellerin, denn ich schreibe und veröffentliche nichts, was annähernd literarischen Kriterien entspräche.
Ich bin auch nicht Autorin – auch wenn ich in der Vergangenheit an einigen Publikationen mitgearbeitet habe. Dass ich Kriminalromane schreibe, ist eine Freizeitbeschäftigung, die nichts mit einer bezahlten Tätigkeit zu tun hat.
Ich bin auch nicht Werbetexterin. Ich entwickle keine Claims und schreibe nicht nach Vorgaben und einer kurzen Einarbeitungszeit alltagstaugliche Texte zu jedem beliebigen Thema.

Für mich ist das Schreiben die Fortsetzung der Innenarchitektur, der Malerei, der Bildhauerei, der Fotografie mit anderen Mitteln.

Wenn ich im Auftrag schreibe, dann in meinem eigenen, erkennbaren Stil und innerhalb einer bestimmten Auswahl an Themen, die mit diesem Stil harmonieren. Ähnlich verhält es sich, wenn ein Maler oder ein Bildhauer gebeten werden, ein Porträt oder eine bestimmte Dekoration anzufertigen. Im fertigen Werk bleibt im Rahmen der Auftragsbeschreibung und der Wünsche des Kunden ihre Handschrift immer präsent, deutlich und unverwechselbar – auch Jahrzehnte später werden das Bild oder die Skulptur mühelos dem Künstler und nicht seinem Auftraggeber zugeordnet. Der Sinn von TextLoft ist es, genau diese Art von Arbeiten zu schaffen, und in dieser Hinsicht ist mein Ansatz kein primär kaufmännischer, sondern ein künstlerischer. Ich male mit Worten, lasse mit Absätzen Strukturen und Skulpturen entstehen, gebe, wie bildende Künstler auch, Stimmungen, Farben, Düfte, Licht und Klänge wieder.

Dass ich mich also auf Facebook als Textkünstlerin bezeichne, ist vor allem der Ehrlichkeit geschuldet und soll auch Interessenten helfen, zu verstehen, was ich ihnen anbieten kann und was sie bei mir nicht bekommen. Künstlerische Arbeit ist nämlich auch immer mehr oder weniger genregebunden. Ich schreibe keine Sockenbeschreibungen für einen Versandkatalog, blogge nicht über elektronische Geräte oder Investment. Sehr wohl aber kann ich einem Restaurantbesitzer helfen, seine Spezialitäten so vorzustellen, dass der Leser sie zu schmecken meint, Touristen die Stimmen eines ganzen Landes plastisch und greifbar vermitteln, oder ein neues Parfüm so beschreiben, dass man es nicht einmal selbst riechen muss, um es kaufen zu wollen.
Ich tue also genau das, was Künstler eben tun: Augenblicke und Bilder einfangen und teilen. Und ja: Ein Hinweis auf meine Preisvorstellungen ist diese Berufsbezeichnung auch.
So fügt sich ein Mosaik zu einem Begriff zusammen. Er klingt merkwürdig und hochtrabend. Vielleicht sogar ein wenig lächerlich. Aber er trifft den Kern der Sache.

04/27/14

Wenn alte Freunde sterben

Freundschaften zu pflegen, ist nicht immer einfach. Im Laufe der Zeit ändern sich Dinge, Orte und Menschen. Werte und Prioritäten, Vergangenheit und Zukunft kollidieren zuweilen. Geschichten scheinen an Bedeutung zu verlieren, Gemeinsamkeiten verblassen. Selten und immer seltener begleiten einen Freunde wirklich ein Leben lang. Dies ist umso mehr der Fall, wenn man einen eher künstlerischen Beruf ergreift. Unkonventionelle Tagesabläufe, die egozentrische Konzentration auf für Außenstehende kaum nachvollziehbare Inhalte und die kompromisslose Selbstaufgabe, die mit den paradoxen Verpflichtungen eines Freien einhergehen, sind wenig förderlich. Missverständnisse und ausgelassene Gelegenheiten treiben in ewig fruchtbar gewähnte Böden unmerklich aber stetig Risse, bis aus Dialog Entfremdung und schließlich Schweigen wird. Aber auch unter herkömmlicheren Lebensbedingungen sind – nicht zuletzt durch die Schnell- und Kurzlebigkeit der allen Smileys zum Trotz zunehmend unpersönlicheren Kommunikation, die uns eMails und SMS bescheren – langjährige Beziehungen mehr Herausforderung denn Selbstverständlichkeit.
Schreibende sind hier im Vorteil und haben tatsächlich großes Glück, denn sie kennen auch andere Arten von Freundschaften, die nichts erschüttern kann und in denen sie Halt, Nähe, Geborgenheit, Trost und Freude finden. Dazu zählt natürlich auf jeden Fall die innige Beziehung zur eigenen Bibliothek, aber auch manche Utensilien können zu unersetzlichen Vertrauten werden. Es kann eine Schreibmaschine sein, oder auch etwas ganz Unscheinbares.

Meine beiden engsten Freunde bekam ich im Alter von 11 Jahren.
Der erste ist ein Füllfederhalter der Marke Waterman aus der „Torsade“-Reihe, die kaum jemand noch kennt und über die selbst der Hersteller heute nur noch müde und selbstironisch schmunzelt. Die Goldfeder passte sofort zu meiner komplizierten und eigentlich überhaupt nicht füllertauglichen Handschrift, der Körper war leicht, schmal, perfekt für das sehr hastige Schreiben, und die sogenannten „langen“ Waterman-Patronen sicherten mir trotz der begrenzten Gesamtlänge von weniger als 12 cm einen Tintenvorrat für einen ganzen Tag – ja, ich schrieb schon damals sehr viel -. Von der ersten Sekunde an bestand zwischen uns eine einzigartige Verbindung. Er begleitete mich, wohin meine Reisen mich immer führen mochten, schrieb Prüfungen, lange Briefe, Romane und Sachbücher. Er bewahrte mich vor Heimweh, denn wenn er bei mir war, war ich zuhause. Im Gegenzug wachte ich über ihn und schütze ihn vor allen Fährnissen. Vor einigen Jahren und trotz aller Pflege jedoch brach eines Tages das Gewinde in der Kappe ab. Es dauerte Monate, bis ich endlich jemanden finden konnte, der bereit war, zu versuchen, ihn zu retten. Mir war bewusst, dass Materialwert und Reparaturkosten in keinerlei Verhältnis stehen konnten, aber es war mir ganz gleich, ich konnte und wollte mir nicht vorstellen, ohne ihn sein zu müssen. Doch dieser erste Zwischenfall war ein Warnsignal gewesen, auch wenn ich es nicht wahrhaben wollte. Kurze Zeit später begann der Tintenleiter zu lecken, die geliebte Feder kratzte, verhakte sich immer häufiger, bis sie gar nicht mehr schrieb. Dieser Füller mag kein besonders hochwertiges Schreibgerät gewesen sein, aber er war weit über dreißig Jahre lang mein bester Freund. Einige Jahre sind seitdem vergangen, doch der Abschied schmerzt noch immer. Diese Freundschaft war unersetzlich, und die Leere, die er hinterlassen hat, können andere Schreibgeräte nicht füllen. Ich schreibe heute wieder mit Einwegkugelschreibern – wie zu der Zeit, bevor es ihn gab. Er liegt nun geschützt in einer besonders schönen Schachtel … sozusagen für den Rest der Ewigkeit. Und er fehlt mir. Jeden Tag. So ist es eben, wenn gute Freunde sterben.
Ein weiterer treuer Begleiter, der ebenso lang an meiner Seite war, ist ein ganz durchschnittliches Holzlineal, das neben anstrengenden und unbequemen Trips in Reise-, Hand- und Aktentaschen einiges durchzustehen hatte. Es trug von einer unsanften Begegnung mit einer herunterfallenden Enzyklopädie, einem zu heftigen Zwiegespräch mit einem Reißverschluss, einem Machtkampf mit einem Cutter und durch die ungeschickte Spielerei eines Bekannten etliche Blessuren davon, die unser langes gemeinsames Leben spiegeln. Je mehr Jahre vergingen, umso hartnäckiger versuchte ich, die Tatsache zu verleugnen, dass es trotz all seinen Bemühungen seiner Aufgabe, einen annähernd geraden Strich zu ziehen, längst nicht mehr gewachsen war, und ich es gehen lassen sollte. Für seine letzte Ruhe wurde ein Platz gefunden, der der Schönheit seines mittlerweile patinierten Holzes entspricht.

Schreibende denken anders, leben anders und trauern anders. Manchmal eben um einen kaputten Füller und ein abgenutztes Lineal.