06/10/26

Was Verlagskataloge über uns verraten

Es ist die Jahreszeit der Verlagskataloge. Alle paar Tage erhalte ich welche, kleine, wundervolle Überraschungen. Dass es sie noch auf Papier gibt, dass sie verschickt werden und sie meinen Briefkasten für ein paar Wochen im Jahr wieder zu dem magischen Ort machen, der er einst war, schenkt mir einen Trost, der weit über die reine Nostalgie hinausgeht. Es ist, als gäbe es auf dieser Welt doch noch etwas, das in Ordnung ist, das noch nicht zerstört und vergessen ist, das noch „normal“ ist.

Von diesen Gedanken abgesehen ist mir allerdings aufgefallen, wie viel die Art, wie wir mit solchen Katalogen umgehen, wie wir sie lesen und nutzen, über uns verrät: nicht nur über unsere thematischen Vorlieben, sondern auch über unsere grundsätzliche Einstellung zu den Dingen, über unsere Art zu denken, unsere Prioritäten, über unsere momentane psychologische Verfassung, unsere private und berufliche Biographie und nicht zuletzt unser Alter und unseren derzeitigen Platz im Leben.

Zu den Katalogen, die ich in letzter Zeit erhalten habe, gehört derjenige eines bekannten Kunstbuchverlags. Habe ich mich früher gierig darauf gestürzt und alle Titel herausgeschrieben, die ich zu lesen oder zu kaufen gedachte – er erschien mir zu schön, um darin etwas anzukreuzen oder zu unterstreichen –, blättere ich ihn in den letzten Jahren nur noch sehr schnell und oberflächlich durch, bevor  er seinen Weg in die hintere Reihe des Bücherschranks findet. Es ist nicht so, dass mich sein Inhalt grundsätzlich nicht mehr interessieren würde. Das Angebot hat sich verändert, entspricht zunehmend dem, was offizielle Kunstpolitik begrüßt, erwartet und fördert und meinen Vorstellungen nicht unbedingt entspricht, ist kommerzieller geworden. Aber für die abgekühlte Liebe ist dies zugegebenermaßen nicht der einzige, nicht einmal der wichtigste Grund: Es handelt sich um einen deutschen Verlag, der Bücher in deutscher Sprache publiziert, dessen Zielgruppe also deutschsprachig ist … seinen Katalog aber ausschließlich in englischer Sprache druckt. Einen solchen Unsinn muss ich nicht unterstützen. Tatsächlich überlege ich, ob ich diese Kataloge nicht abbestelle, denn ein solcher Verlag will mich als Kundin offenbar nicht. Ich bin wohl nicht woke genug, zu alt, zu konservativ.

Ein weiterer Katalog, den ich jedes Jahr mit Freude erwarte und der mich nie enttäuscht hat, kommt von einem französischen Verlag und wendet sich an Liebhaber von Literaturklassikern und Bibliophile. Diese Bände können um des Sammelns willen erworben werden und stellen eine große Versuchung dar, aber ich betrachte sie primär als Bücher, als die kuratierten Textsammlungen, die sie sind. Doch meine Art, diesen Katalog zu lesen und zu bearbeiten, gibt mehr von mir preis, als mir über lange Jahre bewusst war. Welche Bücher ich am Rand neben dem Titel mit drei langen roten Strichen (sobald wie möglich kaufen), zwei schwarzen Strichen (wichtig, aber nicht so dringend) oder einem Bleistiftstrich (es wäre schön, wenn…, aber kein Muss) kennzeichne, zeigt, wie sich Erfahrung und Wechselfälle des Lebens in den Büchern, mit denen wir uns umgeben, auswirken.

Meine berufliche Biographie, meine langjährige Tätigkeit als Übersetzerin und vor allem mein sich daraus unvermeidlich ergebender Einblick in die moderne Übersetzungsarbeit, die Texttreue anders bewertet, als ich es tue, außerdem meine Kenntnis der Verlagsbranche haben hier Spuren hinterlassen, ja tiefe Furchen und Narben: Fremdsprachige Literatur lese ich nur noch, wenn ich in der Lage bin, sie im Originaltext zu genießen, ich kaufe prinzipiell keine Übersetzungen mehr, weiß ich doch zu gut um die Diskrepanzen, die heutige Übersetzungsarbeit und -auffassung mit sich bringen. Wenn Übersetzer als „zweite Autoren“ und „kreative Bearbeiter“ gefeiert werden, muss ich mir ihre Werke nicht antun, ich möchte den Autor lesen, nicht, was sie mit Segen eines zielpublikumsbesorgten Verlags daraus erfinden.
Die allgemeine wirtschaftliche bzw. meine Einschätzung derselben spielt in meinem Zugang zu diesem und anderen Katalogen ebenso eine Rolle. Mein Glaube an eine bessere Zukunft, an bessere Zeiten scheint mir im Laufe der Jahre abhanden gekommen zu sein. Habe ich in meiner Jugend und noch vor einem Jahrzehnt viele Titel mit dem Hintergedanken angekreuzt, dass ich sie mir eines Tages leisten können würde, so ist dies heute nicht mehr der Fall. Ich beobachte, dass ich nur noch die Bücher berücksichtige, die „unbedingt sein müssten“, weil sie zu meiner Arbeitsausstattung gehören sollten und müssten und ich sie nicht mehr ausleihen müsste, wenn ich sie brauche.
Meine Auswahl ist zudem ein deprimierendes Spiegelbild meines Alters und meiner reich(lich)en Lese-Erfahrung. Literarische Enttäuschungen, Distanz zu in der Jugend möglicherweise überschätzten Werken, eine – vielleicht zu lange? – Liste bereits gelesener Texte, die den Wert von Literatur als Notwendigkeit zuweilen erschüttern und Raum für Frustration bieten, haben eine gewisse Verbitterung hinterlassen, die in zunehmender Vorsicht ihren Ausdruck findet. Der beruflichen Biographie kommen also die Altlasten der privaten hinzu.

Mit dem Alter wird die Frage des physikalischen Platzes beim Durchblättern eines Katalogs nicht zuletzt zu einem nennenswerten Faktor. Als ich noch Anfang 20 war, pflegte ich regelmäßigen Kontakt zu einem belesenen Ehepaar, das ob der Endlichkeit der Regalmeter in ihrem Eigenheim irgendwann den Entschluss gefasst hatte, nur noch die Bücher zu kaufen, die sie bereits gelesen hatten und von denen sie sicher waren, dass sie auch in Zukunft den Wunsch haben würden, sie immer wieder zu lesen. Damals erschien mir dieser Ansatz recht skurril und radikal, ja undenkbar. Heute geht es mir nicht anders.

Die Tatsache, dass ich solche Kataloge beim Erscheinen einer neuen Ausgabe nicht entsorge, sondern sammle, ist ebenfalls eine Aussage. Für mich sind sie Nostalgie, kostbare Zeugnisse einer bestimmten Zeit, kleine emotionale Oasen, hoffnungsvolle Momente des Versinkens und Genießens, der gespannten, aufgeregten Erwartung. Es gibt kaum etwas Schöneres, als beim Umblättern einer Seite in einem alten Verlagskatalog jene Freunde zu entdecken, die man selbst in der Jugend so oft gelesen hat, die man besitzt, die man nicht missen möchte, und dabei in der neuen Ausgabe mit einem gerührten Seufzer zu bemerken, wie wunderbar es doch ist, dass sie immer noch verlegt werden.

Verlagskataloge auf Papier sind Seismographen unserer Gesellschaft, Lackmuspapiere des Zeitgeists, Erinnerungskapseln, Zeugnis unserer persönlichen individuellen Entwicklung und die Brücke zu jener Welt, nach der sich zu sehnen echte Leser niemals aufhören.

02/25/26

Podcasts und der Verlust der Schriftlichkeit

Sterben durch Podcasts der (populär)wissenschaftliche Text und die Möglichkeit zu Informationszugang und autodidaktischer (Fort)Bildung? Eine kritische Kolumne

Geht es nur mir so? Wer schnell und gerne liest, scheint heute im Nachteil zu sein. Auch fachliche und akademische Informationen werden extern immer häufiger nicht mehr in Textform, sondern als Podcast veröffentlicht.
Sicher sehe ich da etwas falsch. Sicher missverstehe ich dieses Medium und ich lasse mich sehr gern aufklären (man ist nie zu alt, um dazu zu lernen). Ein Podcast ist für mich eine abrufbare Radiosendung. Radio gehört habe ich in meiner Studentenzeit …  ein paar Minuten beim Kochen und Spülen, weil es ein Radio in der WG-Küche gab. Meistens Musik oder die Nachrichten. Und wenn die Spüle leer und das Geschirr eingeräumt war, stellte ich das Radio ab, denn um die Sendung ging es mir ja nie, nur um die Geräuschkulisse. Ansonsten habe ich nie Radio gehört. Es war langweilig, verstaubt, etwas für „alte Leute“. Ich wurde älter, aber offenbar nicht reifer, denn das Bedürfnis, Radio zu hören, verspürte und begriff ich nie. Bis heute nicht. Irgendwann, als ich dann einen Fernseher besaß, ersetzte er als Geräuschkulisse beim Kochen und Spülen das Radio und der kleine Weltempfänger verschwand in eine Schublade, wo er heute noch sein Dasein fristet. Er wird „für alle Fälle“ behalten, man weiß ja nie.
Einem einstündigen Podcast zum Thema „Stand der mediävistischen Forschung“ oder „Barockarchitektur“ zuzuhören, während ich etwas ganz anderes tue, mich vornehmlich also dem Haushalt widme, erscheint mir wenig zielführend. Zum einen hätte das Thema nicht meine ungeteilte Aufmerksamkeit, ob durch die von mir verursachte Geräuschkulisse oder weil meine Gedanken halb bei der anderen Beschäftigung sind; des Weiteren könnte ich mir von den Dingen und Quellen, die ich selbst nachschlagen will, keine Notizen machen, ohne mich zu unterbrechen. Oder ich müsste die Sendung während meiner Arbeitszeit nochmal hören, was ja nicht Sinn der Sache sein kann.
Ich bewundere aufrichtig Menschen, die Podcasts hören und ihren Sinn und Nutzen schätzen. Warum  immer mehr Podcasts wie Pilze aus dem Boden schießen und was deren Vorteil sein soll, ist mir ein Rätsel.  Für mich ist das ein Kuriosum, das ich wirklich gern verstehen würde.
Einen gedruckten Text in der Länge eines 60-minütigen Podcast-Skripts könnte ich in 5 bis 7 Minuten erfassen und die Informationen stünden mir dauerhaft für späteres Nachschlagen zur Verfügung. Warum sollte ich also so viel Zeit mobilisieren?
Ich nehme gern den Einwand entgegen, dass Podcasts nur einen populärwissenschaftlichen Einstieg bieten sollen. Ganz stimmt dies zwar seit geraumer Zeit nicht mehr, denn immer häufiger vermitteln auch namhafte Forscher und etablierte Akademiker auf diese Weise einen Einblick in ihre Wissenschaft oder den Fortschritt ihrer Arbeiten – insbesondere im Bereich Kunst und Geisteswissenschaften – und auch Museen haben nun dieses Medium der Kulturvermittlung entdeckt, aber lassen wir dieses Argument vorerst als Arbeitshypothese gelten. Auch hier hätte ich in der Zeit, die ich für einen einzigen Podcast aufbringen müsste, mindestens eine Ausgabe jeweils des @National Geographic und eines @geomagazin samt des  gesamten Feuilletonteils einer der großen Zeitungen und einer zusätzlichen Kunst-Zeitschrift durchgelesen, die auch noch als Ausgangspunkt für weitere vertiefende und anspruchsvollere oder akademische Lektüren „bleiben“ würden, ohne dass ich mitschreiben oder das Ganze noch einmal auf der Suche nach einem bestimmten Punkt später durchspulen muss. Was also die Sache mit den Podcasts soll, erschließt sich mir nicht.
Es tut mir um die vielen  sehr begeisterten und engagierten Podcast-Autoren leid, die ihre Leidenschaft und ihr Wissen zu teilen versuchen. Für mich bedeutet die Podcast-Flut in erster Linie, dass ich zu vielen Informationen keinen Zugang mehr habe, die ich früher regelmäßig in nun verwaisten und aufgegebenen Fachblogs oder nicht mehr veröffentlichten Zeitschriften gelesen hätte. Aktiv nach neuen Erkenntnissen oder Entdeckungen zu suchen, von denen man nicht weiß, dass es sie gibt, ist kaum eine Lösung, erst recht nicht, wenn man sich für eine breite Palette an Themengebieten interessiert. Dazu wäre Information da: Einem aufzuzeigen, was es Neues gibt, Suchfährten für eigene Recherchen zu eröffnen. Aber diese Information muss ja auch in einer vertretbaren Zeit verfügbar sein und das bedeutet: schnell erfassbar, sortierbar, weiter nutzbar  und strukturiert archivierbar sein – was ich (ich lasse mich gerne eines Besseren belehren) in Podcasts irgendwie nicht sehe.
Irgendwann werde ich vielleicht verstehen, was an Podcasts so toll sein soll. Vielleicht.

Podcasts haben wie Hörbücher als Lektüre-Ersatz für sehbehinderte Menschen zweifelsohne eine Daseinsberechtigung, eine unendlich wichtige sogar, oder viel mehr: Sie haben sie in diesem Zusammenhang gehabt, denn die zunehmende Vervielfältigung des Angebots stellt auch das in Frage.
In anderen Kontexten allerdings ist ihr Nutzen heute eher kritisch zu bewerten und sie erweisen sich sogar in ihrer ursprünglichen Absicht als kontraproduktiv. Nicht nur, weil sie für den wirklich interessierten und autodidaktischen Laien zeitraubend unpraktisch und unflexibel sind.
Sie sind – und dies ist besonders tragisch – die Fortsetzung einer Entwicklung, die mit den Piktogrammen begonnen hat, mit Globisch ihre Fortsetzung fand hat und nun in der Abschaffung der Schriftlichkeit und dem Tod des Textes ihren Zielpunkt erreicht. Die vermeintliche Demokratisierung des Zugangs zu fachlichen Informationen wird zu genau ihrem Gegenteil – und Demokratisierung ist schon deshalb der falsche Begriff. Die Abschaffung von Text ermöglicht es nicht, dass bildungsferne Menschen Zugang zu qualitativ besseren Informationen finden, sie bedient in erster Linie die Bequemlichkeit und Eitelkeit des Mainstreams und führt zu einer Einebnung nach unten. Der Autor wird zum Influencer, der sich im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit vieler genötigt wähnt, immer unterhaltsamere und vereinfachtere Inhalte produzieren zu müssen. Die „Hemmschwelle“ – auch wenn mir das Wort zutiefst widerstrebt –, Fachblogs oder populärwissenschaftliche Zeitschriften zu lesen, bedingte eine kleinere Leserschaft, die willens und in der Lage war, Inhalt und Textqualität wahrzunehmen und für die die Person des Autors keine wirkliche Bedeutung hatte. Dies sicherte wiederum zum einen eine gleichbleibende Qualität, da Konkurrenz und Sichtbarkeit keine Rolle spielten und für eine eingeschworene „Community“ von Gleichgesinnten geschrieben wurde, zum anderen  dass diejenigen, die sich intellektuell wirklich weiterentwickeln wollten und den Zugang zu dieser Gemeinschaft suchten, sich verhältnismäßig tatsächlich darum bemühen mussten und schon dadurch Horizont und Kenntnisstand erweiterten.  Menschen werden nicht dadurch klüger und gebildeter, dass ihnen alles einfach gemacht wird. Das Prinzip der Inklusion kann in diesem Zusammenhang zu einem zweischneidigen Schwert werden, wenn Bildung nicht parallel für andere Zielgruppen extern zugänglich bleibt, sondern zu einer Ware wird, die auf Beliebtheit angewiesen ist. Alle wichtigen Dinge im Leben sind diejenigen, die nicht ohne Mühe zu haben sind, um die es sich zu kämpfen lohnt. Die Rolle des Podcast-Autors als Influencer  verkehrt das Streben nach oben zum Beugen nach unten und holt den Mainstream keineswegs mehr aus seiner Unwissenheit heraus. Die Sprache wird immer einfacher, mitunter kindlich gestaltet, die Themen werden angepasst und so zerkleinert und zerteilt, dass sie nicht mehr nur leichter verdaulich sind, sondern überhaupt nicht gekaut werden müssen – ein an einem Stück herunterzuschluckender Brei ist keine Erziehung für die Geschmacksknospen. Das vermittelte Wissen fügt sich – von wenigen Ausnahmen abgesehen, von denen ich hörte, doch wie lange wird es diese noch geben? – den Gesetzen dieses Influencertums, bleibt oberflächlich und wird dadurch zeitlich flüchtig – wie eben eine schnell vergessene Radiosendung.

Podcasts einen Nutzen zuzuschreiben, fällt angesichts dessen schwer: Von ihrer limitativen Unflexibilität für den wirklich autodidaktisch interessierten und schon kundigen Laien, die unverhältnismäßig viel Zeit für eine im Vergleich viel zu geringe Informationsmenge zu mobilisieren zwingt, über ihre materielle Flüchtigkeit bzw. den Aufwand, der dazu nötig wäre, sie als Quelle vertiefender Lektüren dauerhaft und effizient zu nutzen, bis hin zu der Einebnung des populärwissenschaftlichen Bildungszugangs nach unten durch ökonomische Zwänge des gnadenlos wettbewerbsorientierten Influencertums und die Ablösung der Schriftlichkeit, die sie bedingen – es will mir nicht so recht gelingen, die allgemeine Begeisterung zu teilen. Aber wie gesagt: Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren.