Es ist die Jahreszeit der Verlagskataloge. Alle paar Tage erhalte ich welche, kleine, wundervolle Überraschungen. Dass es sie noch auf Papier gibt, dass sie verschickt werden und sie meinen Briefkasten für ein paar Wochen im Jahr wieder zu dem magischen Ort machen, der er einst war, schenkt mir einen Trost, der weit über die reine Nostalgie hinausgeht. Es ist, als gäbe es auf dieser Welt doch noch etwas, das in Ordnung ist, das noch nicht zerstört und vergessen ist, das noch „normal“ ist.
Von diesen Gedanken abgesehen ist mir allerdings aufgefallen, wie viel die Art, wie wir mit solchen Katalogen umgehen, wie wir sie lesen und nutzen, über uns verrät: nicht nur über unsere thematischen Vorlieben, sondern auch über unsere grundsätzliche Einstellung zu den Dingen, über unsere Art zu denken, unsere Prioritäten, über unsere momentane psychologische Verfassung, unsere private und berufliche Biographie und nicht zuletzt unser Alter und unseren derzeitigen Platz im Leben.
Zu den Katalogen, die ich in letzter Zeit erhalten habe, gehört derjenige eines bekannten Kunstbuchverlags. Habe ich mich früher gierig darauf gestürzt und alle Titel herausgeschrieben, die ich zu lesen oder zu kaufen gedachte – er erschien mir zu schön, um darin etwas anzukreuzen oder zu unterstreichen –, blättere ich ihn in den letzten Jahren nur noch sehr schnell und oberflächlich durch, bevor er seinen Weg in die hintere Reihe des Bücherschranks findet. Es ist nicht so, dass mich sein Inhalt grundsätzlich nicht mehr interessieren würde. Das Angebot hat sich verändert, entspricht zunehmend dem, was offizielle Kunstpolitik begrüßt, erwartet und fördert und meinen Vorstellungen nicht unbedingt entspricht, ist kommerzieller geworden. Aber für die abgekühlte Liebe ist dies zugegebenermaßen nicht der einzige, nicht einmal der wichtigste Grund: Es handelt sich um einen deutschen Verlag, der Bücher in deutscher Sprache publiziert, dessen Zielgruppe also deutschsprachig ist … seinen Katalog aber ausschließlich in englischer Sprache druckt. Einen solchen Unsinn muss ich nicht unterstützen. Tatsächlich überlege ich, ob ich diese Kataloge nicht abbestelle, denn ein solcher Verlag will mich als Kundin offenbar nicht. Ich bin wohl nicht woke genug, zu alt, zu konservativ.
Ein weiterer Katalog, den ich jedes Jahr mit Freude erwarte und der mich nie enttäuscht hat, kommt von einem französischen Verlag und wendet sich an Liebhaber von Literaturklassikern und Bibliophile. Diese Bände können um des Sammelns willen erworben werden und stellen eine große Versuchung dar, aber ich betrachte sie primär als Bücher, als die kuratierten Textsammlungen, die sie sind. Doch meine Art, diesen Katalog zu lesen und zu bearbeiten, gibt mehr von mir preis, als mir über lange Jahre bewusst war. Welche Bücher ich am Rand neben dem Titel mit drei langen roten Strichen (sobald wie möglich kaufen), zwei schwarzen Strichen (wichtig, aber nicht so dringend) oder einem Bleistiftstrich (es wäre schön, wenn…, aber kein Muss) kennzeichne, zeigt, wie sich Erfahrung und Wechselfälle des Lebens in den Büchern, mit denen wir uns umgeben, auswirken.
Meine berufliche Biographie, meine langjährige Tätigkeit als Übersetzerin und vor allem mein sich daraus unvermeidlich ergebender Einblick in die moderne Übersetzungsarbeit, die Texttreue anders bewertet, als ich es tue, außerdem meine Kenntnis der Verlagsbranche haben hier Spuren hinterlassen, ja tiefe Furchen und Narben: Fremdsprachige Literatur lese ich nur noch, wenn ich in der Lage bin, sie im Originaltext zu genießen, ich kaufe prinzipiell keine Übersetzungen mehr, weiß ich doch zu gut um die Diskrepanzen, die heutige Übersetzungsarbeit und -auffassung mit sich bringen. Wenn Übersetzer als „zweite Autoren“ und „kreative Bearbeiter“ gefeiert werden, muss ich mir ihre Werke nicht antun, ich möchte den Autor lesen, nicht, was sie mit Segen eines zielpublikumsbesorgten Verlags daraus erfinden.
Die allgemeine wirtschaftliche bzw. meine Einschätzung derselben spielt in meinem Zugang zu diesem und anderen Katalogen ebenso eine Rolle. Mein Glaube an eine bessere Zukunft, an bessere Zeiten scheint mir im Laufe der Jahre abhanden gekommen zu sein. Habe ich in meiner Jugend und noch vor einem Jahrzehnt viele Titel mit dem Hintergedanken angekreuzt, dass ich sie mir eines Tages leisten können würde, so ist dies heute nicht mehr der Fall. Ich beobachte, dass ich nur noch die Bücher berücksichtige, die „unbedingt sein müssten“, weil sie zu meiner Arbeitsausstattung gehören sollten und müssten und ich sie nicht mehr ausleihen müsste, wenn ich sie brauche.
Meine Auswahl ist zudem ein deprimierendes Spiegelbild meines Alters und meiner reich(lich)en Lese-Erfahrung. Literarische Enttäuschungen, Distanz zu in der Jugend möglicherweise überschätzten Werken, eine – vielleicht zu lange? – Liste bereits gelesener Texte, die den Wert von Literatur als Notwendigkeit zuweilen erschüttern und Raum für Frustration bieten, haben eine gewisse Verbitterung hinterlassen, die in zunehmender Vorsicht ihren Ausdruck findet. Der beruflichen Biographie kommen also die Altlasten der privaten hinzu.
Mit dem Alter wird die Frage des physikalischen Platzes beim Durchblättern eines Katalogs nicht zuletzt zu einem nennenswerten Faktor. Als ich noch Anfang 20 war, pflegte ich regelmäßigen Kontakt zu einem belesenen Ehepaar, das ob der Endlichkeit der Regalmeter in ihrem Eigenheim irgendwann den Entschluss gefasst hatte, nur noch die Bücher zu kaufen, die sie bereits gelesen hatten und von denen sie sicher waren, dass sie auch in Zukunft den Wunsch haben würden, sie immer wieder zu lesen. Damals erschien mir dieser Ansatz recht skurril und radikal, ja undenkbar. Heute geht es mir nicht anders.
Die Tatsache, dass ich solche Kataloge beim Erscheinen einer neuen Ausgabe nicht entsorge, sondern sammle, ist ebenfalls eine Aussage. Für mich sind sie Nostalgie, kostbare Zeugnisse einer bestimmten Zeit, kleine emotionale Oasen, hoffnungsvolle Momente des Versinkens und Genießens, der gespannten, aufgeregten Erwartung. Es gibt kaum etwas Schöneres, als beim Umblättern einer Seite in einem alten Verlagskatalog jene Freunde zu entdecken, die man selbst in der Jugend so oft gelesen hat, die man besitzt, die man nicht missen möchte, und dabei in der neuen Ausgabe mit einem gerührten Seufzer zu bemerken, wie wunderbar es doch ist, dass sie immer noch verlegt werden.
Verlagskataloge auf Papier sind Seismographen unserer Gesellschaft, Lackmuspapiere des Zeitgeists, Erinnerungskapseln, Zeugnis unserer persönlichen individuellen Entwicklung und die Brücke zu jener Welt, nach der sich zu sehnen echte Leser niemals aufhören.
