02/26/15

Von normalen und anderen Schreibtagen – auf frischer Tat

Genau so … sollte ein Tag nicht laufen.

Es begann wie immer. Aufstehen, Badezimmer, Kaffee … Was ein Schreiberling am Morgen eben so tut, bevor das erste Wort geschrieben wird.

Der Regel nach folgt dann der Blick in die elektronischen Postfächer. Seltsam, die Kundin, der gestern ein fertiger Text zugesandt wurde und die den eMail-Empfang bisher immer systematisch bestätigt hat, hat ihre Post offenbar nicht geöffnet. Es ist beunruhigend, zumal die Rechnung auch schon zu ihr unterwegs ist. Die letzten Mitteilungen, die eingegangen sind, sind noch von gestern Nacht. Auch das ist ungewöhnlich.

Nachdem heute nichts Besonderes anliegt, da die Mailing-Aktion beendet und der aktuelle Auftrag abgeschlossen ist, ist es Zeit für einen Rundgang durch Freelancer-Portale auf der Suche nach neuen interessanten Kunden oder Einzelaufträgen. Wie immer ist Vieles dabei, was kopfschüttelnd ignoriert werden kann: Für 1 bis 2 Euro Brutto/Stunde oder noch weniger zu arbeiten, lohnt sich nicht wirklich, aber genau das bieten solche Plattformen ja meistens an. Doch manchmal hat man Glück und findet in den langen Listen von Unverschämtheiten eine winzige Perle, eine Aufgabe, die reizvoll klingt, von einem seriösen Auftraggeber gepostet wurde, der zu wissen scheint, was Qualität ist, und die man unbedingt habe möchte. Heute ist es der Fall. Ein gewerbliches Blog sucht nach einem Freien Texter für einen meiner bevorzugten Themenbereiche. Die Bewerbung wird geschrieben und abgeschickt – ich bin nicht ganz unvorbereitet, Präsentationsmappen werden angehängt, Screenshots der Anzeige ausgedruckt und archiviert.

Seit dem ersten Blick in das Postfach sind mittlerweile 2 Stunden vergangen. Die fünfzehn Postfächer bleiben leer. Alle. Nicht einmal Spam lässt sich blicken. Ich lese Nachrichten. Ein Kunde, dem ich eine eMail angekündigt habe, meldet sich telefonisch. Er hat nichts erhalten. Gar nichts. Es ist ärgerlich, das Anschreiben war dringend. Ich sende es ein zweites Mal ab. Nach einer weiteren halben Stunde gibt es nichts Neues. Was schriftlich zu besprechen gewesen wäre, erledigen wir nun mündlich.

Etwas stimmt nicht. Ich recherchiere. Mein Provider hat offenbar einen breitflächigen Absturz. Es heißt, der eMail-Empfang und -Versand seien stark beeinträchtigt (ein niedlicher Euphemismus, in der Tat … ) und es würde davon ausgegangen, dass die Probleme in den folgenden zwei Stunden behoben werden könnten. Gut, zwei Stunden.
Meine andere Auftraggeberin kann ich auch telefonisch nicht erreichen. Sie hat offenbar keinen Anrufbeantworter. Ich weiß also immer noch nicht, ob sie ihren Text erhalten hat. Schade eigentlich. Es macht mich nervös.

Aber es ist müßig, sich über Dinge aufzuregen, auf die man keinen Einfluss hat, also mache ich das Beste aus dem kleinen Zwischenfall. Mein erster Weg führt in den Keller, genauer gesagt, in die Waschküche. Die Maschine summt nun vor sich hin.
Die Störung liegt noch an. Auf Twitter und anderen Seiten melden immer mehr Kunden desselben Providers, dass auch bei ihnen „nichts läuft“. Es ist kein Trost.

Die Frühlingsblüher im Töpfchengarten brauchen Wasser. Die Blätter der Tulpen sind schon groß, und Krokusse und Schneestolz zeigen kräftige Knospen. Die Luft draußen ist kühl und feucht, die Sonne setzt sich nur mühsam durch und bildet in den Wolken einen um diese Tageszeit eigenartigen und eleganten Schleier in Rosa, Lila und warmem Grau. Unwillkürlich muss ich an Seidenmalerei denken. Es fällt mir auf, dass ich in den vergangenen Wochen wegen der Werbekampagne und diverser Aufträge das Haus überhaupt nicht verlassen habe. Ich war nicht einmal auf dem Balkon. Ich hatte ganz vergessen, wie Winterluft riecht, wie sie sich anfühlt. Einen Augenblick lang sind der Computer und die dumme eMail-Funktion sehr weit weg. Am anderen Ende der Welt. Eine kleine Blaumeise sieht mich frech und etwas ungeduldig an. Offenbar ist die Badeschale, die ich soeben wieder aufgefüllt habe, ein verlockendes Ziel. Ich mache ihr Platz. Wenigstens sie soll an diesem Tag Spaß haben.

Die Postfächer sind noch immer leer. Ich wünschte, ich wäre weniger diszipliniert und organisiert: Ich könnte jetzt diese sinnlose Warterei dazu nutzen, Papierkram oder Buchhaltungsunterlagen zu sortieren. Aber ich ordne leider immer alles sofort ein, die Buchhaltung ist auf dem letzten Stand, die Ordner auf der Festplatte aufgeräumt. Blogartikel möchte ich jetzt nicht schreiben – es könnte ja sein, dass der normale Betrieb gleich weitergeht …

Kaffee muss her. Ich poste die Störung noch einmal auf Twitter, Facebook und Google+ und rege an, mich ggfs. über diese Wege zu kontaktieren. Natürlich weiß ich, dass es nichts bringen kann: Meine Kunden sind in den Social Media kaum oder gar nicht vertreten und werden meine Meldungen daher sicher nicht finden, und diejenigen, die sie lesen, sind bedauerlicherweise keine Kunden. Zumindest kann ich mir so einreden, mein Möglichstes getan zu haben.

Die angekündigten zwei Stunden sind längst um. Nichts. Nicht einmal die Störungsanzeige auf der Homepage des Providers wurde aktualisiert. Arbeiten im Home Office ohne eMail … Welch eine Freude! Ich nutze die Zeit, um wichtige Blogs zu lesen. Ausgerechnet heute gibt es nicht viel Neues. Ich entdecke unbekannte Seiten, die ich aber entbehren kann – von inhaltsfrei bis niveaulos.

Ich will wissen, ob die Texte, die ich gestern abgegeben habe, angekommen sind. Ich will wissen, ob meine Bewerbung auf den märchenhaften Auftrag beachtet wurde. Bis jetzt haben sich laut Zähler nur zwei Texter beworben. Das ist ein gutes Zeichen. Das Fachgebiet ist so speziell, dass es vermutlich nicht viel mehr Konkurrenten werden. Ich habe also eine Chance, wenn der Auftraggeber realistische Preise eingeplant hat. Aber es genügt mir nicht, davon zu träumen, ich will einen Wink, eine Antwort, eine eMail!
Ein privater Anruf, den ich unter anderen Umständen als sehr lästig empfunden hätte, reißt mich aus meinem ungeduldigen Starren auf den Bildschirm. Ich weiß, dass es nichts bringt. Wasser kocht nicht schneller, wenn man ihm zusieht. Normalerweise würde ich etwas so Dummes auch nicht tun. Aber heute ist es anders: Da ist dieser wichtige abgegebene Auftrag, da ist diese Bewerbung auf das spannende Projekt ….

Die Sonne verschwindet an Horizont. Die Wäsche ist gewaschen. Die Störungsmeldung ist noch aktuell. Die Postfächer bleiben leer. Die meisten Unternehmen schließen schon ihre Büros. Ich habe keinen Cent verdient, ich habe keine Antworten.

Genau so … sollte ein Tag nicht laufen.

02/8/15

Ein typischer Arbeitstag?

Eine Bekannte fragte mich vor kurzem, wie ein typischer Arbeitstag bei mir aussähe.
Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten, denn das Schöne am Selbstständigen-Dasein ist, dass es so etwas wie „typisch” nicht wirklich gibt.

Wie ein Tag oder eine Woche verläuft, kann von vielen Faktoren abhängig sein. Überraschungen sind eher die Regel als die Ausnahme. Dies gehört zu den Dingen, die ich an meinem Leben als Freelancer sehr schätze: Es ist durchaus möglich, einem sehr strengen und systematischen Zeitplan zu folgen, und dennoch ständig mit Unerwartetem konfrontiert zu werden. Durch das Zusammenspiel von konsequenter Selbstdisziplin und Unplanbarem entsteht ein Gleichgewicht zwischen strukturierter Selbstbestimmung und abwechslungsreichen Momenten. So können Rahmen gesetzt werden, aber sie verkommen nie zur langweiligen Routine.

Für Außenstehende wiederum ist dieser Widerspruch nicht leicht zu begreifen, und die Diskrepanz zwischen dem Idealfall und der Wirklichkeit nehmen viele als fremd, nicht nachvollziehbar, unlogisch und unzumutbar wahr.
Wer in der Tat Rituale und Gewohnheiten liebt und braucht, wäre in meinem Beruf nicht sehr glücklich. Ich bin in dieser Hinsicht sehr pubertär eingestellt und genieße Freiheiten mehr als Vertrautes. Daran haben die Jahre nichts geändert – im Gegenteil. Es ist wohl der Beweis dafür, dass man alt werden, aber unreif bleiben kann.

Ein „typischer Arbeitstag” im TextLoft beginnt nach einem morgendlichen Pflegeritual, einem sinnlichen Kaffeegetränk, der Durchsicht der – leider immer selteneren – Schneckenpost, dem Lesen der Nachrichten und meines Twitter-Accounts und dem Überprüfen meiner elektronischen Postfächer gegen Mittag. So die Theorie. In vielen Fällen ist es auch so, aber bei weitem nicht immer.
Braucht ein Stammkunde am frühen Morgen dringend einen Text oder eine Änderung oder Ergänzung eines bereits abgegebenen Auftrags, schubst mich das Klingeln des Telefons schon mal zwei Stunden früher als geplant aus dem Bett vor Tastatur und Bildschirm. So finde ich mich noch im Schlafanzug, kaffeelos und unvorzeigbar am Schreibtisch wieder. Die noch leseunwilligen Augen müssen zur Mitarbeit überredet werden, und es heißt, hastig zu tippen, bis die Datei abgeschickt werden kann. Erst dann kann nachgeholt werden, was die ersten Stunden des Tages hätten bringen sollen – ganz gleich, wie spät es inzwischen ist.

Ist der „ideale Morgen” doch eingetreten, lässt sich noch lange nicht sagen, wie es weiter geht.
Kundensuche, Recherchen, eMail-Korrespondenz, Austausch mit Interessenten, Erstellung von Kostenvoranschlägen können zum Beispiel die erste Hälfte des Arbeitstages bestimmen. Ein Auftrag unterbricht den erdachten Zeitplan und setzt die Prioritäten wieder „auf Null”. Bezahlte Arbeit geht immer vor und entscheidet auch darüber, wann und in welcher Form so etwas wie Nahrungsaufnahme möglich ist. Der theoretische Zeitpunkt hierfür ist 18 Uhr, also mehr sechs bis sieben Stunden nach dem Morgenkaffee, wenn die Konzentration nachzulassen beginnt. Die Betonung liegt natürlich auf „theoretisch”, zwei Stunden Verspätung sind hier nicht selten.

Nach dieser halbstündigen Pause geht die Arbeit weiter – in Form von Aufträgen, dem Verfassen von Blogposts, an manchen Tagen auch mit ein wenig Buchhaltung als krönendem Abschluss.
Gegen 2 Uhr nachts ist endlich Feierabend.

Liegt wiederum ein Blockauftrag oder eine Bewerbungsphase an, ist die Zeit zwischen Mittag und Mitternacht nach einem unverhandelbaren selbstbestimmten Arbeitsplan ausschließlich ihm vorbehalten. Post bleibt unbeachtet liegen, Nachrichten werden nicht mehr gelesen … die Welt steht still und verschwindet in die Ferne. Relevant ist nur noch die zu bewältigende Aufgabe. Haushalt und private Verpflichtungen geraten in den Hintergrund, Geburtstage werden vergessen … es zählen nur die Deadline, der Countdown und die kompromisslose Einhaltung der einzelnen selbstauferlegten Zwischenschritte. Es wird nach einer sehr genauen Tabelle gearbeitet, die zwar Spielräume für Notfälle mit einplant, allerdings keine für persönliche Belange zulässt.

Liegt kein Auftrag vor, ist das Wochenende die Zeit, in der alle Haushalts- und Mieterpflichten nachgeholt werden – zu zweit, weil es so schöner ist. Außerdem gibt es viel zu tun, denn meine Ansprüche sind nicht gerade niedrig.

Von einem durchschnittlichen Tag im TextLoft zu sprechen, ist also kein leichtes Unterfangen. Die am Schreibtisch verbrachte Zeit liegt zwischen 10 und 16 Stunden. Präziser lässt es sich nicht sagen. Typisch ist vielleicht, dass selten etwas typisch ist. Langweilig wird der Alltag nie – strukturiert ist er immer.

02/1/15

Mythos Schreibblockade

In diesem Blog bin ich schon einige Male auf – nicht selten durchaus belustigende – Fragen eingegangen, die mir als Schreibender besonders oft gestellt wurden. Eines der beliebtesten Themen ist dabei die Schreibblockade.

Tatsächlich stehe ich diesem Begriff skeptisch gegenüber. Auch wenn viele und sogar berühmte Autoren sich einer bedient haben und bedienen, bin ich mir keineswegs sicher, ob es dieses Phänomen überhaupt gibt oder ob es nicht vielmehr eine überlieferte Legende ist, die Mitglieder der schreibenden Zunft nur zu gern anführen, weil sie als nun mal allgemein anerkanntes Allzweck- und Sammelwort schlicht eine ehrlichere Erklärung erspart.

Der Begriff „Schreibblockade” vermittelt das griffige Bild eines mechanischen Problems. Die Vorstellung geht dahin, dass etwas, das sich normalerweise bewegen sollte, es ganz einfach nicht tut und festsitzt.
Aus meiner Sicht ist diese Darstellung als Konstrukt wenig hilfreich. Ich finde, dass sie im Gegenteil von einer tiefen Unkenntnis dessen zeugt, was Schreiben eigentlich ist, und auf unerfreuliche Weise dazu beiträgt, das Missverständnis zu verankern.

Betrachtet man näher, was gemeinhin mit einer Schreibblockade beschrieben werden soll, so muss man feststellen, dass es sich dabei um sehr unterschiedliche Realitäten handeln kann, die wenig miteinander zu tun haben und die Tätigkeit des Schreibens an sich auch nur am Rande berühren.

1. Möglichkeit: Man hat etwas zu sagen, aber man weiß nicht, wie man es am besten tun soll.
2. Möglichkeit: Man findet zu einem Text keinen vernünftigen Einstieg, man weiß nicht, wie und womit man beginnen kann.
Das ist keine Ladehemmung, wie das trügerische Wort „Blockade” uns glauben lassen möchte, das ist entweder eine Schwierigkeit in der Beherrschung und Sortierung des Ideenflusses oder semantische Unbeholfenheit – mit anderen Worten: in beiden Fällen mangelnde Beherrschung des Handwerks.

3. Möglichkeit: Man findet nicht die richtigen Worte.
Da kann zwei Ursachen haben: entweder ebenfalls handwerkliche Unzulänglichkeiten oder mangelnde Geduld und ein Verkennen dessen, was Schreiben ist.
Schreiben ist ein Entstehungsprozess. Prozesse brauchen nun mal ihre Zeit. Sich darüber zu beklagen oder darin ein Problem zu sehen, ist in etwa so sinnvoll, als würde sich ein Bäcker in einer Krise wähnen, weil er warten muss, bis die Hefe aufgegangen ist, um sein Brot zu backen.

4. Möglichkeit: Man weiß nicht, was man schreiben könnte.
Wer nichts zu sagen hat, ist nicht blockiert, er hat nichts zu sagen und sollte sich damit abfinden, dass kein Text in ihm ist.

5. Möglichkeit: Man glaubt nicht mehr an das eigene Können, an die eigenen Ideen – oder an den Sinn des Schreibens überhaupt.
Diese Art der „Schreibblockade” betrifft ausschließlich Schriftsteller und hat mit dem Schreiben selbst im Grunde nichts zu tun. Sie kann das Ergebnis intellektueller Demut sein oder aber mit einer allgemeineren Sinn-, Glaubens- und Lebenskrise zusammenhängen. Sie ist ein psychologisches Problem, das meist nur dadurch aufgelöst wird, dass in der Tat die schriftstellerische Tätigkeit ganz eingestellt wird.

6. Möglichkeit: Der Wille zu schreiben ist da, aber man kann sich nicht aufraffen.
Zwei Ursachen können dazu führen: mangelnde Selbstdisziplin (in diesem Fall würde derjenige wahrscheinlich bei jeder Tätigkeit die Arbeit von sich schieben) oder einfach Erschöpfung.
Schreiben ist anstrengend. Es erfordert ein fast unbeschreibliches Maß an Konzentration. Dementsprechend erschöpft sich der Geist schneller als bei anderen kreativen Berufen. Kommen noch kleinere oder sogar größere, z. B. chronische gesundheitliche Probleme hinzu, muss sehr mit den Kräften hausgehalten werden. An manchen Tagen ist überhaupt kein Arbeiten möglich, weil der Körper es schlicht nicht mehr zulässt. Dieses Syndrom ist zwar bei Schreibenden besonders ausgeprägt und sozusagen berufstypisch, aber das Wort „Blockade” ist ganz und gar nicht geeignet, um es zu beschreiben: Hier ist nichts verkeilt, verkantet und unbeweglich, es fehlt lediglich Kraftstoff/Energie, um den Motor starten zu können, und es hilft im wörtlichsten Sinne des Wortes nur eins: Auftanken.

Ich finde den Begriff „Schreibblockade” daher irreführend, kontraproduktiv und ein wenig verlogen. Selbst in seine Facetten zerlegt hat mich das Phänomen übrigens nie betroffen: Ich habe genug Handwerk, um zu jeder Tages- und Nachtzeit aus dem Stand schreiben zu können; genug Geduld, um auf das richtige Wort in mir zu horchen, wenn es denn sein muss; genug Selbstdisziplin, um mich stets zum Arbeiten zu zwingen; genug Erfahrung, um den Verbrauch meiner Kräfte zu steuern. Und da ich nicht aus Überzeugung und Selbstwertgefühl schreibe, das eigene Schreiben und mich selbst nicht für wichtig halte und mir nie eingebildet habe, ich hätte etwas zu sagen, bleibt mir eine Sinnkrise erspart.
Für mich ist das Thema „Schreibblockade” in die Kategorie Yeti und Monster von Loch Ness anzusiedeln: Jeder redet darüber, aber keiner hat sie je gesehen.

01/6/15

Von Wünschen & Träumen

Der Jahresbeginn ist für viele gemeinhin die Zeit der Vorsätze. Der willkürlich festgelegte Neuanfang soll den Vorwand bieten, Dinge endlich in Angriff zu nehmen oder zu erreichen, zu denen die Motivation ohne diesen künstlich bedeutungsbeladenen Umbruch nicht genügen würde.
Ich kann mit diesem Brauch wenig anfangen.
Für mich ist die Pause zwischen den Weihnachtstagen und dem 1. Januar eher – neben den mit dem geschäftlichen Jahresabschluss verbundenen Pflichten – die Gelegenheit für Luftschlösser, für Träume und Wünsche, Utopien und Märchen, während ich auf den Frühling warte.

Was wäre, wenn …
Was wäre, wenn die Tage länger oder nach Belieben dehnbar wären?
Ich könnte dann alle Blogs führen, die ich schon lange schreiben möchte: ein Jahreszeitenblog, ein Blog über das spannende und vielseitige Thema des Textprofilings und der angewandten Hermeneutik in der Verhaltensanalyse, ein Blog über den Einsatz von Papier, Text und Typographie in Filmen …

Was wäre, wenn die Kunden ihre Rechnungen nicht erst nach der vierten Mahnung bezahlen würden? Es wäre so schön, ruhigen Magens einschlafen zu können.

Was wäre, wenn ich in den USA leben würde? Ich könnte alle Unternehmen, mit denen ich gerne zusammenarbeiten würde, einfach direkt ansprechen, und kein Gesetz würde es mir verbieten …

Was wäre, wenn der Sommer wieder diesen Namen verdienen würde, wenn er ohne Stürme und Katastrophen verlaufen würde? Es wäre wunderbar, wieder draußen schreiben zu können …

Was wäre, wenn das Jahr faszinierende und belohnende Projekte mit angenehmen und professionellen Partnern bringen würde? Wenn ich die Möglichkeit hätte, mit Monica Bengoa zusammenzuarbeiten?

Mit den ersten Stunden des neuen Jahres, wenn die letzten Lichter des Feuerwerks in dichten Rauchwolken erlöschen und die kalte Winterluft sich auf den Morgen vorbereitet, treiben die Wünsche und Träume in den Januar-Himmel hinauf. Zurück bleibt die spannende Erwartung des wiedererwachenden Alltags.

12/23/14

Wie ein Arzt ohne Fernseher

In diesem Blog bin ich schon des öfteren auf die Vorurteile und irrigen Vorstellung eingegangen, die viele Menschen mit dem Beruf des Schreibens verbinden. Gleich zwei dieser belustigenden Fehlschlüsse durfte ich in den letzten Wochen erleben – beide nicht zum ersten Mal.

Schreiben zu „können”, ist eine Fähigkeit, die ein breites Spektrum an Einfallsreichtum zu beflügeln scheint.
Einerseits umweht den Schreibenden der Hauch des Allwissenden und Allmächtigen, andererseits ist sein (ja „naturgegebenes”) Können ein gutes Argument, um seine Leistung kostenlos in Anspruch zu nehmen. Seine Situation ist dahingehend mit derjenigen eines Arztes vergleichbar, der auf der Straße, im Supermarkt, im Theater oder auf dem Golfplatz gebeten wird, sozusagen zwischen Tür und Angel Wehwehchen zu kurieren, Symptome zu beurteilen oder sogar Ferndiagnosen zu stellen. Ungeachtet der Themenschwerpunkte wird davon ausgegangen, dass es jemandem, der von Berufs wegen schreibt, nicht schwerfallen kann, alles zu retten, was irgendwie textlicher Art ist, und er „mal eben” ohne Weiteres eine Diplomarbeit im Fachbereich Physik oder Rechtswissenschaften zu begutachten, zu lektorieren und idealerweise auf mögliche Plagiatvorwürfe zu prüfen vermag. Schließlich sind Wörter Wörter, und wer damit umgehen kann, so die vorherrschende Meinung, wird das nebenbei auf die Schnelle erledigen können – natürlich kostenlos, denn wenn man Texte liebt, ist es bekanntlich keine Arbeit.
Einen dieser verblüffenden Momente erlebte ich neulich bei einer Bekannten neueren Datums, die die Antwort auf ihre Frage nach meinem Beruf mit der Bemerkung quittierte, es sei schade, dass wir uns nicht ein paar Jahre zuvor kennen gelernt hätten, ich hätte ihr dann bei ihrer Doktorarbeit helfen können. Pikant wird die Anekdote erst, wenn man weiß, dass die junge Dame im Fach Medizin promoviert hat.

Mit einem weiteren und ebenfalls beliebten Vorurteil beglückte mich kurz darauf eine ältere Dame, die spontan, nachdem sie erfahren hatte, womit ich meinen Lebensunterhalt verdiene, als erstes anmerkte: „Ach, dann haben Sie ja gar keinen Fernseher!” Auch dieses Bild scheint in den Köpfen fest verankert zu sein. Menschen des Textes und infolgedessen des Buches können sich unmöglich für triviale Dinge interessieren. Sie beziehen ihre Informationen ausschließlich aus den renommiertesten Zeitungen – oder aber sie nehmen von der bodenständigen Wirklichkeit um sich herum keinerlei Kenntnis – so das Klischee. Im Falle dieser konkreten Geschichte habe ich auf eine ausführliche Aufklärung verzichtet, obwohl die Bemerkung mich sehr schmunzeln ließ. Die Dame wäre sicherlich sehr verunsichert gewesen, wenn ich ihr eröffnet hätte, dass ich nicht nur einen Fernseher besitze, sondern bei weitem nicht nur Kultursendungen schaue, dass das Fernsehen für Schreibende sogar ein wichtiges Arbeitsinstrument sein kann, und dass ich oft vor dem Fernseher schreibe.

Amüsant und kennzeichnend ist die Tatsache, dass sich beide Vorstellungen nicht widersprechen, sondern vielmehr ergänzen: Überschätzung und völlig unrealistische Verherrlichung bedingen geradezu die Erwartung einer ständigen und kostenlosen Einsatzbereitschaft – wie eben bei den „Göttern in Weiß”.

12/9/14

Winter im Textloft

Es könnte ein schönes Bild sein.
Draußen herrscht Eiseskälte. Die kahlen Bäume zeichnen einsam ihre Schriften in den grau-weißen Himmel. Filigraner Frost verziert vergessenes Laub. Meisen, Rotkehlchen und Eichhörnchen streiten um die Futterstelle. Vielleicht liegt auch Schnee, weiß und knirschend. Im Inneren des Hauses wird in wohliger Wärme geschrieben, Seite um Seite, während Wolken und Nacht von dem goldenen Licht der Schreibtischlampe fröhlich und umschmeichelnd durchbrochen werden.

An diesen Tagen, an denen das Thermometer im Münsterland sich hartnäckig an die Null-Grad-Marke klammert, versuche ich oft, mir dieses Klischee vorzustellen. Ich weiß noch, dass ich es gelebt habe. Es scheint mir unendlich lange her zu sein. Gerade die Kälte machte in jener Zeit die Arbeit leicht – fühlte ich mich doch hinter der Festung meines Schreibtisch geschützt und geborgen.

Es ist anders geworden. In den Räumen, die das TextLoft beherbergen, ist der Winter der größte Feind der Produktivität. Es ist nicht so, dass ich nicht arbeite. Aber es ist ein zerhackter und mürrischer Vorgang. Zu zahlreich sind die Ablenkungen, die mit dem Versuch einhergehen, der Witterung standzuhalten, ja, sie irgendwie zu überleben: Der ständige Gang zum Heizkörper in der Hoffnung, zumindest für eine Minute so etwas wie Wärme zu spüren, die kältesteifen Finger, der verspannungsbedingte Muskelkater, die wiederholte Zubereitung von wärmenden Getränken unterbrechen den Schreibfluss immer wieder aufs Neue. Mitten in einem Text werden die Gedanken vom eisigen Durchzug erfasst, der bissig durch das Mauerwerk dringt. Schlechte Laune schleicht sich mit ihm herein.
Der Winter scheint ein einziger langer Tunnel. Und das Ende ist noch so weit …

12/7/14

Home Office & Nachbarschaft

Während der Begriff des „Home Office” mittlerweile in aller Munde ist, ist die Arbeit in den eigenen vier Wänden paradoxerweise noch immer alles andere als selbstverständlich und wird nach wie vor als Kuriosum betrachtet – nicht zuletzt von Nachbarn.

Bei der älteren Generation sind Argwohn und Verdacht die ersten üblichen Reaktionen. Wer den ganzen Tag zu Hause ist, kann kein anständiger Mensch sein. Das Missverständnis kann allerdings und meist dank unverhohlener bis bohrender Neugier im allgemeinen schnell aufgeklärt werden, und gerade dann erweisen sich die Klischees, die sich um den Beruf des Schreibens ranken, als ungeheuer hilfreich. Als „Wortvirtuose”, der in der Tat in der Lage ist, mit dieser schweren Kunst seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, genießt man von da an sogar ein gewisses Maß an Anerkennung, was ein wenig zum Schmunzeln verführt.
Jüngere Menschen kennen solche Vorurteile zwar nicht mehr, aber auch für sie ist die Situation offenbar nicht alltäglich und sie wird unterschiedlich bewertet. Die Palette erstreckt sich von Neid – Geld verdienen zu können, ohne bei Regen und Schnee das Haus verlassen zu müssen, erscheint als äußerst erstrebenswert – bis Mitleid – ein Leben ohne den täglichen Umgang mit den Kollegen an der Kaffeemaschine können sich viele überhaupt nicht vorstellen.

Unabhängig von der Akzeptanz oder Rezeption dieser für die meisten noch immer ungewöhnlichen Arbeitsbedingungen ist das Home Office in Wirklichkeit eine sehr fruchtbare Grundlage für angenehme und interessante nachbarschaftliche Beziehungen.
In unserem Haus, in dem die Mieter sehr häufig wechseln, haben wir schon eine Reihe spannender Bekanntschaften machen dürfen – darunter eine sympathische und entwaffnend chaotische junge Familie, eine alleinstehende Dame mit Hang zur öffentlichen Darstellung ihres Sexuallebens, verirrte Nordlichter, heimwehgeplagte Schwaben, trinkfreudige Studenten und viele Pärchen aller Art … Mit einigen ehemaligen Nachbarn pflegen wir heute noch, lange nach ihrem Auszug, Kontakt.

Tatsächlich wird unser Home Office von unseren Nachbarn als Glücksfall betrachtet, und sie genießen es offenkundig: Kein Paket muss an den Absender zurückgeschickt oder vom Postamt abgeholt werden; während der Urlaubszeit ist jemand da, der den Briefkasten regelmäßig leert, die Blumen gießt oder die Katzen füttert; niemand muss an einem Arbeitstag zu Hause bleiben, weil Handwerker oder Schornsteinfeger ihren Besuch angekündigt haben.
So haben wir unsererseits die abwegigsten Geschichten erlebt: Wir wurden einmal vom Flugzeug aus angerufen und gebeten, eine vergessene Kaffeemaschine auszuschalten; ein anderes Mal mussten wir Briefe mit langersehnten Prüfungsergebnissen öffnen und am Telefon vorlesen.

Auch wenn es nicht immer einfach ist, so unfreiwillig in das Privatleben Anderer eindringen zu müssen, so hat dieses besondere nachbarschaftliche Verhältnis einen sehr schönen Aspekt. Ob wir eine ungeduldig erwartete Bestellung, ein bunt dekoriertes Überraschungspäckchen, einen abgegebenen Blumenstrauß überreichen oder einen für einen Tag hinterlegten Schlüssel zurückgeben – wir bekommen jedes Mal, wenn wir die Tür öffnen, das Geschenk eines aufrichtigen Lächelns. Manchmal – so gestern am Nikolaustag – ist auch ein süßes Dankeschön dabei.

09/7/14

Der Kreative und das Pflichtbewusstsein

Zu meinen ausgeprägten Charaktereigenschaften gehört ein außergewöhnliches Maß an Selbstdisziplin und ein sehr hartnäckiges Pflichtbewusstsein. Während ich Erstere als meine wichtigste Waffe empfinde und dankbar dafür bin, dass sie mir in sehr schweren und dunklen Zeiten immer geholfen hat, trotz gesundheitlicher Behinderung unbeirrt meinen Weg zu gehen, ist Zweiteres eher kontraproduktiv. Zugegeben: Ich hatte nie Probleme, einen Abgabetermin einzuhalten und bin meistens reichlich zu früh mit einem Auftrag fertig, aber von dieser praktischen Seite mal abgesehen, muss ich in dieser Hinsicht jeden Tag aufs Neue lernen, gegen meine eigene Natur zu kämpfen. Schließlich gibt es für Selbständige immer etwas zu tun. Sind Aufträge und Buchhaltung erledigt, geht die Suche nach neuen Auftraggebern weiter. Ich bin zwar alles andere als ein Workaholic, aber solange mir mein Kontostand keine absolute Sicherheit für mindestens ein Jahr signalisiert, plagt mich das schlechte Gewissen, wenn ich auch nur daran denke, mir ein paar Stunden freizunehmen. Rekreative und regenerierende Tätigkeiten wie Malen, Lesen oder Sozialleben bleiben auf der Strecke, und ich kann mich auch nicht mit der Ausrede überlisten, sie würden der weiteren Arbeitsfähigkeit dienen. Das schlechte Gewissen ist lauter als die Vernunft.
Es war in früheren Zeiten anders  – nicht zuletzt, weil mir sogar Kunden vor Augen führten, dass ich zu viel arbeite, und es nicht normal sei, dass ich Tag und Nacht am Schreibtisch zu erreichen sei. Damals war es auch kein Problem, einen Arzt- oder Frisörtermin oder einen Einkaufsbummel mitten am Nachmittag einzurichten. Diese Zeiten sind vorbei. Begünstigt durch technische Mittel, deren Nutzen längst das richtig Maß verloren hat, hat sich Leistungsethik immer stärker in unsere Gesellschaft eingeschlichen. Dieselben Kunden, die mich einst regelrecht dazu aufforderten, frische Luft schnappen zu gehen, sind heute ungehalten, wenn ihre eMail wegen eines kleinen Abstechers über die Toilette nicht klickwendend beantwortet wird. Die schlechte Presse, der Freie und Künstler immer mehr und immer aggressiver ausgesetzt werden, tut ihr Übriges. Ist man „von Haus aus“ ohnehin für eine strenge Arbeitsmoral anfällig, wird es heikel. Das Gefühl, immer zu wenig zu tun, wird zum Dauerzustand.
Für Trost und gute Laune sorgte ganz unverhofft ein zufällig entdecktes Interview mit dem Comiczeichner Giorgio Cavazzano, der auf die Frage nach seinem Tagesablauf ausführlich erklärte, wie er konsequent die Pausen einhält, die sowohl zur Erhaltung seiner kreativen und physischen Leistungsfähigkeit als auch eines ausgeglichenen Sozial‑ und Privatlebens nötig sind. Seine Arbeitszeiten von 9 bis 13 Uhr und von 15 bis 17 Uhr bieten Raum für Golfpartien und Treffen mit Freunden am Mittag, und der nicht verhandelbare Feierabend ermöglicht ihm, sich seiner Familie zu widmen.
Tatsächlich entsprechen diese sechs Stunden sehr konzentrierter Kreativität ziemlich genau dem, was meiner Erfahrung nach als gesundheitlich wünschenswert betrachtet werden kann. Hier darf nicht vergessen werden, dass das selbstvergessene, ablenkungsfreie Arbeiten eines Kreativen nicht mit einer normalen Bürotätigkeit verglichen werden kann und darf. Sie ist wesentlich intensiver und dadurch geistig und körperlich deutlich anstrengender. Es ist etwa so, als würde man Leistungssport auf höchstem Niveau betreiben oder aber hobbymäßig joggen.
Auch wenn es mir im Gegensatz zu Herrn Cavazzano nicht so bald gelingen wird, mich ab und zu zu einer freien Stunde zu überreden oder meinen Auftraggebern gegenüber einen erstrebenswerten Rhythmus durchzusetzen, so hat mich doch dieser Artikel bestätigt, getröstet, bestärkt und mir auf erfrischende Weise Mut gemacht. So müsste es wirklich sein  – und ich halte mich zur Zeit ein wenig an seinen Worten fest.

08/12/14

Nach dem Sturm

Es sind die seltsamen Zeiten, die das Schreiben vorübergehend verändern. Für einige Stunden, Tage oder Wochen ist es nicht mehr Malerei. Es wird Erzählung und Chronik. Das Bedürfnis, festzuhalten und zu bewahren, nimmt auf einmal einen anderen Charakter an. Es ist nicht mehr ästhetischer Natur. Es wird persönlicher, journalistischer, sozusagen „historischer“. Es wird Zeugnis. Während der Alltag stillsteht, die Uhr keine Rolle mehr spielt und Pläne ins dumpfe und farblose Nichts der Dringlichkeit verschwinden, bemächtigen sich die Ereignisse der Worte und Zeilen, schaffen in unseren Erinnerungen neue, ungewollte Räume, beenden Geschichten, vernichten Biographien.
So der 28. Juli in Münster. In wenigen Stunden veränderten Blitze, Hagel, Regen und Wind viele Dinge. Zu viele Dinge. Noch heute ist nichts mehr, wie es war. Berge von Abfall, die sich mancherorts noch immer am Straßenrand türmen, erzählen von Tränen und Not. Prächtige Bäume, die seit Jahrzehnten und für Jahrhunderte dazustehen schienen, wurden verletzt, entstellt, gefällt. Der verschlafene Ort, der sich für gewöhnlich immer erfolgreich der Wirklichkeit entzieht und sich mit provinziellem Hochmut eine eigene erschafft, und der mir deshalb längst verhasst ist, rückte in den Mittelunkt der Nachrichtensendung im In- und Ausland.
Besorgte eMails und Anrufe erreichten uns und machten uns die Abgeschiedenheit des Krisengebiets bewusst, das wir urplötzlich geworden waren. Das stetige Heulen der Feuerwehrfahrzeuge elektrisierte die Luft an der Grenze zwischen Hoffnung und Entsetzen.
Ich konnte nicht schreiben. Dazu war keine Zeit. Bodenständigere Dinge waren wichtiger. Der Sturm war allgegenwärtig und schrieb über uns, nicht ich über ihn. Etliche Tage später war an normale Arbeit noch immer nicht zu denken. Lediglich ein kurzer Eintrag auf Facebook und Google+ kam zustande, und er war eher Leserbrief als Chronik.
Es hätte gutgetan, zumindest dokumentieren zu können, wie die Welt über unseren Köpfen zusammenbrach, sich hinzusetzen und zu schildern, wie sich Geräusche, Gerüche und Gewohnheiten verwandelt hatten. Es wäre ein Stück Flucht, ein Stück Geborgenheit und Sicherheit gewesen. Aber das Wasser, das durch Estrich und Wände drang, ließ diese Distanz nicht zu.
Ruhe ist eingekehrt. Wir behaupten es jedenfalls. Ich hörte, dass viele Menschen in der Stadt neuerdings nervös nach oben schauen, wenn die kleinste Wolke am Himmel zieht.
Ich habe es besser. Ich ergehe mich in beruhigender und ausführlicher Korrespondenz. Ich kann mich wieder an meinem Kugelschreiber festhalten.

06/26/14

Zurück in den Alltag

Erstreckt sich eine Auftragsarbeit über einen längeren Zeitraum und erfordert sie besondere Ausdauer und intensive Konzentration, gehört es zu den schwierigeren Aufgaben, nach ihrem Abschluss physiologisch und gedanklich ins Leben zurückzufinden.
Nachtschichten, vernachlässigte Mahlzeiten und völlige Abgeschiedenheit haben den Biorhythmus durcheinandergebracht, und es entsteht eine Art „Jetlag“. Bis der Körper wieder funktioniert, wie er es sollte, kann es durchaus einige Tage dauern. Die vielgepriesene „Mütze voll Schlaf“ genügt hier nicht. Eine erhöhte Flüssigkeits- und Vitaminzufuhr ist hilfreich – und sei es hauptsächlich subjektiv.
Vor allem aber muss der Geist zur Ruhe kommen, und es muss wieder an die Wirklichkeit angeknüpft werden. Ersteres kann sich manchmal von allein ergeben: Ist man vollkommen erschöpft, fällt es nicht schwer, Abstand zwischen sich, den Texten und dem Kunden zu schaffen. Der Weg zurück zur Normalität kann auch über bodenständige Tätigkeiten führen: Putzen, Aufräumen und zu beseitigende Wäscheberge haben eine recht heilsame Wirkung. Diese kleinen Pflichten sind zwar ein befriedigender und positiver Ausgleich, der das schöne Gefühl eines Neuanfangs vermittelt, allerdings sind sie bei weitem nicht hinreichend, um wieder Fuß im „echten Leben“ zu fassen.
Einige Dinge müssen regelrecht neu erlernt werden. Hierzu gehört die Wahrnehmung der „Welt da draußen“, deren Existenz über Tage oder Wochen weniger verleugnet denn gänzlich vergessen wurde. Es gilt, Nachrichten nachzulesen, Stammblogs zu besuchen und sich so wieder auf den neuesten Stand dessen zu bringen, was inzwischen passiert ist. Es ist nicht immer ganz leicht, die enge Zelle des Auftrags, die weder Licht noch Töne hereinließ, zu verlassen und sich vor Augen zu führen, dass andere in dieser Zeit, die einem selbst wie ein milchiger Raum jenseits aller Dimensionen vorkommt, tatsächlich unverändert ihren üblichen Beschäftigungen nachgegangen sind.
Paradoxerweise verlängern solche Arbeitsphasen durch ihre Wirklichkeitsferne die Zeit, verformen sie, ziehen sie ins Unendliche auseinander und können dadurch eine Art Entfremdung selbst zu nahestehenden Menschen schaffen. Wie nach einer langen Krankheit, während derer alles still steht, fällt die Rückkehr zur Selbstverständlichkeit, zu den einfachsten Gewohnheiten mitunter schwer, erfordert Geduld und Maß. Die wiedergewonnene Selbstbestimmtheit und die Erleichterung sind zunächst kaum zu genießen – zu kompromisslos und brutal wurden Körper und Geist traktiert, zu irreal scheint in diesen ersten Stunden das Ende der Kasteiung.
Während dieses Übergangs, in dem nichts mehr so wichtig wirkt, wie Erholung und Freiheit, legt sich jeder Sonnenstrahl, der überraschend durchs Fenster tritt, pflegend auf das geschundene Hirn, jedes Vogelgezwitscher führt ein wenig zurück. Zu dem, was sich so Leben nennt.

06/11/14

Zuhause

Lange Zeit hatte ich die Orte, an denen ich schrieb, nur von innen betrachtet. Idealerweise sollten sie so eingerichtet sein, wie ich es für richtig hielt, meinen ästhetischen Erwartungen genügen, und bis zu einem gewissen, weit weniger entscheidenden Grad auch praktische Aspekte erfüllen.
Allerdings war sowohl das eine als auch das andere kaum möglich, denn meine Schreibplätze waren immer eng bemessen. Nachdem ich mein Studentenzimmer verlassen hatte – diesen Raum hatte ich geliebt, und ich verbinde heute noch meine schönsten Erinnerungen mit ihm –, musste ich viele Kompromisse eingehen. Dreizehn Jahre lang war mein sogenanntes Büro eine winzige Ecke in einem insgesamt 12 m² kleinen Küche-Bibliothek-Ess- und Wohnzimmer – und dies waren nicht einmal meine schlechtesten Arbeitsbedingungen. Aber ganz gleich, wie unvermeidlich ungeeignet oder überfüllt diese Apartments waren, ich machte mir über das Gebäude, das sie jeweils umschloss, nie Gedanken. Bis ich vor zehn Jahren in die Räumlichkeiten zog, die nun das Textloft beherbergen.
Von diesem Augenblick an wurde alles anders. Die Wohnung schien mit ihren 74 m² einfach riesig und war zudem hervorragend geschnitten. Endlich konnte ich die Möbel kaufen, die ich mir immer gewünscht hatte, endlich konnte ich mich mit Dingen umgeben, die ich liebte. Endlich konnte Ordnung herrschen, endlich kam ich an Unterlagen heran, ohne einen dreistöckigen Stapel Umzugskartons auseinandernehmen zu müssen. Endlich stand mein Archiv in einem Keller und bildete nicht mehr das wackelige Kopfende meines Bettes. Endlich hatten all meine Bücher Platz. Und unerhoffte 4 m² Balkon mit einem wunderbaren Blick auf einen benachbarten natürlichen Garten, der einen vergessen lassen konnte, dass man sich mitten in der Stadt befand, boten für den Sommer einen märchenhaften Arbeitsplatz im Freien.
Im Laufe der Jahre entdeckte ich, dass ein Ort des Schreibens nicht nur aus Räumen besteht und das Gebäude selbst eine ungeahnte Bedeutung einnehmen kann. Ich erlebte Kabelbrände, einstürzenden Putz und lockeres Mauerwerk, Überschwemmungen durch undichte Fenster und brüchige Wände, instabil gewordene Böden und unsichere Stromleitungen. Ich erlebte, wie es ist, neun Monate im Jahr Tag für Tag am Schreibtisch zu frieren, wenn es keine noch so fleißige Heizung mit den chronisch von Rissen und Spalten durchsetzten Wänden aufzunehmen vermag. Ich erlebte, wie Erdachtes sinnlos wurde und wie ein großer Sessel etwa, der als Lese- und Korrekturecke fungieren sollte, bis heute wegen des trotz aller Bemühungen nicht abzustellenden Durchzugs nicht oder höchstens an wenigen Tagen im Hochsommer genutzt werden konnte. Das Gefühl, zu Hause unter nach menschlichem Ermessen meteorologisch normalen Umständen geschützt zu sein, verschwand immer mehr, und im selben Maße wurde die Frage, ob diese Unsicherheit dem Schreiben eher abträglich ist, oder ob die überspitzte Empfindsamkeit, die sie bedingt, eher zu neuen Texten führt, immer präsenter.
Ich weiß nicht einmal, ob ich mich je wieder in irgendeinem Haus sicher fühlen könnte. Vielleicht habe ich diesbezüglich einfach meine Unschuld verloren. Und doch ertappe ich mich hie und da dabei, mir vorzustellen, wie es wohl wäre, mit einem Gefühl der Geborgenheit von einem warmen Zimmer heraus, dessen Fenster nicht beim kleinsten Windhauch in ihrer Verankerung beben, einen Schneesturm, einen Hagelschauer oder einen kräftigen Sommerregen zu beobachten.

05/6/14

FAQ für Schreibende

Hat man erst einmal erzählt – wenn auch ungern -, dass man schreibt, gibt es eine Reihe von Fragen, die mit schlafwandlersicher Sicherheit lawinenartig auf einen zukommen: „Seit wann schreibst Du denn?“ „Wie kamst Du zum Schreiben?“ und „Und wieso kannst Du denn so gut schreiben?“.
Diese FAQ kommen vorzugsweise gerade dann ans Licht, wenn man sie nicht gebrauchen kann: auf einer Party; wenn der Verwalter einen neuen Nachbarn vorstellt und sich befleißigt fühlt, gleich darauf hinzuweisen, was die anderen Mieter im Haus beruflich denn so anstellen; wenn Menschen aus dem Viertel, die man zum Beispiel zufällig bei der Gartenarbeit kennengelernt hat und mit denen man ab und zu Small Talk pflegt, irgendwann auffällt, dass man den lieben langen Tag zu Hause verbringt und nicht ersichtlich ist, womit man sein Geld verdient … Es gibt so viele Gelegenheiten dazu. Zu viele.
Selbst dann, wenn die Situation bekannt und bereits erwartet wird, ist sie nicht ohne Weiteres zu meistern. Der Umstand, in den unpassendsten Momenten urplötzlich unter gaffenden bis bewundernden Blicken im Mittelpunkt stehen zu müssen, ist nur ein Aspekt dieser Peinlichkeit. Viel schlimmer ist die Tatsache, dass es darauf keine Antworten gibt –  genauer gesagt keine, die als solche empfunden und akzeptiert würden.

Erfahrungsgemäß haben sich im ersten Fall „Schon immer“ oder „Soweit ich zurückdenken kann“ als für das Gegenüber wenig befriedigend erwiesen. Die nächste Frage folgt auf dem Fuße: „Was meinst Du mit: ‚schon immer’?“ Dann wird es heikel. Erwartet derjenige etwa wirklich Einzelheiten? Die ganze Geschichte in aller Ausführlichkeit? Soll ich vielleicht, damit er Ruhe gibt, erzählen, dass ich schon als Kleinkind Bücher für meine Puppen schrieb und es für meinen Schreibdrang nie genug Papier im Haus geben konnte, und damit mitten auf einer Hochzeit, Beerdigung oder einer Geburtstagsfeier, die nicht einmal meine ist, eine Aufmerksamkeit, die ich auf keinen Fall will, auf mich ziehen? Es ist eher nicht meine Art, und der Satz „Ich habe schon als Kind geschrieben“ ist in den meisten Fällen nachweislich kein kluges Ausweichmanöver, denn ein bohrendes „Ach ja? Was denn? Und wie alt warst Du da?“ lässt nie lange auf sich warten. Das selbstironische und abwinkende „Ach, schon ewig“ hingegen vermag es zwar hie und da, eine gewisse abwehrende Haltung und Distanz zu vermitteln, aber nur bedingt, und dies ist nicht von langer Dauer. Ist der Zeitpunkt schon nicht zu ermitteln, dann muss ja wohl zumindest das „wie und warum“ herauszubekommen sein. Womit die zweite häufig gestellte Frage erreicht ist.

Der Erfolg einer ehrlichen Antwort hängt hier stark vom Bildungsgrad und Feingefühl des jeweiligen Gesprächspartners ab. Ein ernstgemeintes „Ach, ich kann gar nicht anders“ setzt manchmal durchaus den ersehnten Schlusspunkt – sei es, weil derjenige aufgrund seines akademischen Hintergrunds in der Tat nachvollziehen kann, was gemeint ist, sei es, weil er mich dann für eine kauzige und überhebliche Verrückte hält und um sein Leben fürchtend das Weite sucht. Schlimmstenfalls aber geht das Verhör unbeirrt weiter, und minutenlang schaue ich in leere, fragende Augen, bis endlich eingesehen wird, dass von mir wohl keine vernünftige, für alle verständliche und als gültig zu betrachtende Erklärung zu erwarten ist und ich vermutlich der langweiligste oder exzentrischste Mensch – was im Grunde ja das Gleiche ist – auf der Veranstaltung bin. Hilfreicher ist die achselzuckende Variante, es habe sich so ergeben, nach der man nur noch als öde, aber zumindest nicht als seltsam betrachtet wird.

Bei der dritten FAQ ist es ein wenig anders. Kennt derjenige meine Arbeiten nicht, ist das Thema schnell ausgeräumt: Mit der von einem verschmitzten bis charmanten Lächeln unterstrichenen Bemerkung, ich könne es eigentlich gar nicht so gut, täte es aber trotzdem, ist die Sache in der Regel erledigt.
Bezieht sich die Frage konkret auf meine Texte, wird es wieder recht unangenehm. Ganz gleich, für welchen Weg ich mich entscheide – er ist der falsche. Sage ich, dass ich schon immer so schreiben konnte und nicht weiß, warum, umgibt mich die unangenehme Aura des überheblichen Genies, dem alles zufliegt und das unfair spielt, weil die Natur ihm etwas gegeben hat, was andere nicht haben können. Und das mag niemand. Erzähle ich, dass ich schon als Kind Tausende von Büchern gelesen habe und ich darin einen Zusammenhang sehe, gehöre ich in die Schublade der rechthaberischen Streber, der obendrein noch etwas verschweigt, denn so einfach kann die Lösung ja nicht sein. Das mag auch keiner. Erkläre ich, dass ich Dinge schlichtweg gern beobachte und festhalte, so wie andere eben eine Kamera zücken, und ich deswegen das dazu nötige Werkzeug immer wieder und jeden Tag zu verbessern versuche, klingt es abgehoben und reichlich verschroben. Als Begründung kommt es nicht durch und auch nicht gut an. Erzähle ich, dass Schreiben nichts als Handwerk ist, bin ich ein lästiger Oberlehrer oder wahlweise falsch bescheiden. Das ist ebenso wenig vorteilhaft.

Ob mich diese FAQ deutlich in Verlegenheit bringen oder ich sie lediglich als lästig empfinde, hat hauptsächlich mit Tagesform und Laune zu tun. Im Nachhinein muss ich nicht selten schmunzeln und frage mich, ob auch Kunstmaler oder -fotografen ähnliche auch erdulden müssen. Interessanterweise fragt so gut wie niemand, was ich eigentlich so schreibe …

04/29/14

Im Rhythmus der Landschaft

Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung können bekanntlich recht unterschiedlich ausfallen. Letztere kann Korrektiv sein … oder einfach auf gegensätzlichen Vorlieben beruhen.

Aus meiner Sicht plätschert mein Leben gleichmäßig dahin. Es ist nicht besonders aufregend, vielleicht sogar etwas eintönig. Dass ich mit dieser Meinung relativ alleine da stehe, vergesse ich meistens, und erst Fragen oder Bemerkungen in meinem Umfeld erinnern mich daran, dass das, was ich als unspektakulären Alltag und – von den kleinen und großen Katastrophen, die jeden mal heimsuchen können, abgesehen – ereignislose Normalität bezeichnen würde, für andere nichts als Chaos und unzumutbare Achterbahnfahrten ist.
Tatsächlich gleicht ein Schreiberleben in vielerlei Hinsicht einer Autofahrt auf Landstraßen durch die Alpen im Hochsommer. Anstrengende, endlos scheinende Streckenabschnitte zwischen unerbittlich überhitzten Steinwänden, die jeden Lufthauch verschlingen, fordern bei aller Schönheit höchste Wachsamkeit und Konzentration. Gerade dann aber, wenn die Erschöpfung greifbar wird, erbarmt sich die Landschaft. Die haaarnadelartigen Kurven werden seltener, die Straße nach und nach breiter, der Asphalt glatter, die Atmung ruhiger. Malerische Ortsdurchfahrten vermitteln Sicherheit und Geselligkeit. Körper und Geist entspannen und erholen sich, tanken Kraft vor dem nächsten Anstieg.

Dieser ständige und stetige Wechsel zwischen arbeitsreichen und ruhigen Phasen, zwischen Zeiten, in denen nicht einmal Nachtschichten reichen wollen, um Herr der Auftragsflut zu werden, und schreibtischfreien Tagen, gehört für mich zu den angenehmsten Seiten meines Berufs. Ich empfinde ihn als gesund, weil regenerative Abschnitte bewusster und tiefer erlebt werden, der Biorhythmus spürbarer ist und das subjektive und objektive Wohlbefinden individueller gesteuert werden können. Er ist außerdem bereichernd, weil im Tal die Luft frischer, die Farben leuchtender werden. Das Leben scheint vervielfacht, überschwänglich, großzügig, verschwenderisch sogar. Wenn sich dann der nächste Berg am Horizont abzeichnet, wird seine steinerne Übermacht nicht mehr zur Last, sondern zur spannenden Herausforderung.

Nur wenige können offenbar diese Art des Lebens und Arbeitens nachvollziehen, die nicht selten mit mitleidvollen Blicken quittiert wird, als wäre ich in einem Horrortrip gefangen und gezwungen, ihn durchzustehen. Was die meisten als undurchschaubare Belastung betrachten, ist mein Weg in die Freiheit – in den sonnigen Süden.

01/6/14

Von Neuanfängen

Es begann mit einem Radiergummi und einem Bleistift.
Kurz vor Beginn eines jeden Schuljahres bekam ich von meinen Eltern ab der 2. Klasse – neben den notwendigen Heften, Büchern und sonstigen vorgeschriebenen Utensilien – immer einen neuen Bleistift und ein neues Radiergummi geschenkt. Oft waren die bisherigen kaum benutzt und hätten durchaus für ein weiteres Jahr genügt, aber es spielte keine Rolle. Dieser Brauch, der nicht zuletzt in ihrer Überzeugung gründete, dass man nur mit guten Werkzeugen gute Arbeit leisten könne, sollte für mich auch eine Art vertragliche Verpflichtung sein, im Gegenzug die besten Ergebnisse nach Hause zu bringen. Tatsächlich entging mir die geschäftliche Seite dieses Geschenks in keiner Weise, doch sie störte mich auch nicht. Der brandneue Bleistift und das jungfräuliche Radiergummi wurden im Laufe der Zeit nicht nur zu einer lieb gewonnenen Gewohnheit, sondern auch zu dem festen Bestandteil eines beinahe abergläubischen Rituals, das ich durch Studium, Promotion und Habilitation hinweg beibehielt.
Erst als ich mich selbständig machte und mein Leben nicht mehr durch Schuljahre und Wintersemester rhythmisiert wurde, gab ich diese Tradition auf. Ich tat es sehr ungern, betrachtete ich es doch als Verlust meiner Jugend.

Die Sehnsucht nach einem frischen, strahlend weißen, unbelasteten, euphorisch-verheißungsvollen Neubeginn aber blieb. Der rein kalendarische Umbruch der Silvesternacht vermochte mich in seiner Willkürlichkeit nie zu überzeugen, und die kleinen Surrogate des profanen Alltags wie regelmäßige Entrümpelungsaktionen oder das Umorganisieren von Schubladen boten nur ein sehr blasses und schnell vergessenes Abbild dessen, was Radiergummi und Bleistift bedeutet hatten.
Selbst der Wechsel der Jahreszeiten und jene Neuanfänge, die der Schreibende mit jedem neuen Projekt, mit jeder leeren ersten Seite zu erleben glaubt, waren nur ein schwacher Ersatz. Lediglich ein Umzug vor zehn Jahren beschwor das alte Gefühl wieder herauf.

In den letzten Wochen aber kehrte ein wenig von diesem lang vermissten Hochgefühl zurück. Der Umbau der Homepage und der Blogs, die stringente Neuorientierung von TextLoft, der Gewinn an Einklang, Ehrlichkeit und Selbsttreue, der sich daraus ergibt, kommen der Tabula rasa aus alten Schultagen sehr nah. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlt sich das Leben wieder frischer und luftdurchfluteter an. Ob damit ein tatsächlicher Erfolg verbunden ist oder nicht, ist dabei vorerst nicht einmal so wichtig. Und zum ersten Mal seit sehr langer Zeit habe ich ganz bewusst ein neues Radiergummi aus seiner Verpackung geholt. Ein wunderbarer, hoffnungsfreudiger Augenblick.

12/9/13

Und das Chaos bleibt aus

Berufsbilder werden weniger von tatschlichen Informationen, Fakten und Zahlen geprägt als von hartnäckigen Gerüchten, die sich nicht selten über Jahrhunderte halten. So sollen Schreibende, die etwas auf sich halten, in mit allerlei Unrat vollgestopften Wohnungen hausen, verwahrloste fleckige Kleidung – vorzugsweise Schlafanzüge, Morgenmantel oder schlicht Unterwäsche – tragen, sich hauptsächlich von Kaffee und Alkohol ernähren, und schon gar nicht in der Lage oder willens sein, die einfachsten praktischen Dinge zu organisieren und zu meistern, geschweige denn Termine einzuhalten. Interessanterweise ist diese Vorstellung auch unabhängig von Bildungsgrad oder gesellschaftlichem Hintergrund verbreitet.
Ich habe andernorts geschildert, wie verblüfft manche Besucher sind, wenn sie ein sauberes, aufgeräumtes und recht puristisch eingerichtetes TextLoft betreten. Ähnliche Reaktionen beobachte ich auch immer wieder, wenn jemand zufällig die Gelegenheit bekommt, einen Blick auf meinen Terminkalender zu werfen, der offen ausgebreitet auf meinem Schreibtisch liegt und für viele offenbar eine Art Faszinosum darstellt.
Es handelt sich um einen XL-Moleskine-Wochenkalender mit Notizbuch, wie er hier zu sehen ist. Dieses Format verwende ich schon seit geraumer Zeit, weil es eine gute Verbindung von Terminen, Aufgaben und Projekten und die parallele Verwaltung von konkreten Daten und Zeitleistenabläufen ermöglicht.
Der Kalender wird streng und ausführlich geführt. Feste Termine, Projektphasen und Unumgängliches werden links eingetragen, während die Notizbuchseite rechts eine flexiblere To-Do-Liste aufnimmt: Korrespondenz, Blogartikelplan, zu erledigende Recherchen, aber auch ganz praktische haushalts- und gartenbezogene Aufgaben werden nach einem konsequenten System aus Farbkennzeichnungen, doppelten, einfachen und gestrichelten Unterstreichungen notiert und in einem kurzen Text präzise erläutert. Diese durchgehende Strukturierung des Alltags passt in der Vorstellung der meisten in keiner Weise zu einem vermeintlich „spontan inspirierten“ „Kreativen“, dem ja per se jede Form von Pflichtgefühl und Selbstdisziplin fehlen müssen, und es ist immer wieder äußerst amüsant, zu beobachten, mit wie viel Enttäuschung die Entzauberung mitunter einhergeht.
Dabei funktioniert der kausale Zusammenhang genau umgekehrt. Schreiben ist eine ganz und gar sinnliche Tätigkeit, die als solche zwei Dinge erfordert: innere Ruhe und grenzenlose Freiheit. Ohne diese beiden Bedingungen ist es nicht möglich, sich gedanklich einzulassen und unbelastet den Zugang zu dem zu erspüren, woraus Text werden soll. Das nur scheinbar grenzenlose und prosaische Regiment einer kleinlich-zwanghaften Zeitplanung schafft erst die Unbeschwertheit, ohne die nicht geschrieben werden kann.