12/8/15

Weihnachtliche Gedanken

Zu Weihnachten hatte ich schon immer ein stark gestörtes Verhältnis.
Bereits als kleines Kind habe ich diese Feiertage gehasst, und kein noch so schönes Geschenk hätte mich dazu bestechen können, ihnen auch nur das Geringste abzugewinnen. Soweit ich zurückdenken kann, war es eine Zeit, die ich irgendwie durch- und zu überstehen versuchte, und ich war jedes Jahr froh und erleichtert, wenn sie vorbei war. In meinen frühesten kindlichen Erinnerungen ist von erwartungsfroher Aufregung, von Lichtern und wundersamen Märchen keine Spur zu finden – viel mehr verbinde ich Weihnachten mit spannungsgeladenen Heucheleien, Ängsten, luftabschnürenden Zwängen, Verboten.

Auch wenn es mir in meinem Erwachsenenleben gelang, selbstbestimmt den biederen Traditionen und anstrengenden Gesellschaften zu entfliehen, und wenn mich das „Fest der Liebe” nicht so oft mit kleineren und größeren Katastrophen bestrafte, wie ich es vielleicht rein subjektiv empfinde, so bleibt doch eine gewisse skeptische Zurückhaltung zurück.

Diese Abneigung ist nicht nur in der Vergangenheit begründet, sondern auch sehr objektiver Natur. Der verordnete Rückzug, die erzwungene Einkehr und die zwanghafte Glorifizierung dreier Werte, die ich für unverständlich und sinnfrei halte – Religion, Liebe und Familie –, die Stille und einengende Handlungspause nehme ich dieser Zeit übel.

Tatsächlich gibt es nur einen Ort, an dem ich in der zweiten Dezemberhälfte sein möchte: New York, der vielleicht einzigen Stadt auf Erden, die nicht unter dem Diktat eines Feiertags zu leben aufhört, in der der Lärm nicht verebbt und der Alltag nicht stirbt. In der Stadt, die niemals schläft, schreien die grellen Weihnachtslichter nach Konsum und Spiellust. Die Geschäftigkeit aber geht an ihnen vorbei und folgt den eigenen Wegen. Keine verlogene Besinnlichkeit, keine stickige Gemütlichkeit, keine selbstverliebte Inszenierung pflichtbewusst gedämpfter Stimmung – New York lässt sich nichts sagen, lässt sich nicht in die Knie zwingen. Bunt, schrill und lebhaft feiert es nur sich selbst und die Normalität eines atemlos rasenden Lebens, allem 25. Dezember zum Trotz. New York verdient auch an diesem Tag Geld und überlässt es jedem, zu tun und zu lassen, was er will. Diese Stadt zeigt eine erfrischende und ehrliche Selbstbezogenheit jenseits kalendarischer Gebote. Dort ist Ruhe keine Tugend – in vollen Zügen zu leben, schon.

Zu Weihnachten wäre es einfach … THE place to be.

12/14/14

Mein Giftschrank

Ein kleiner Balkontisch, der nach einer hartnäckigen Abfolge nicht eintretender Sommer seinen Sinn eingebüßt hatte, wurde im Laufe der Jahre immer mehr zu einer Hilfsablage umfunktioniert, die heute einen festen Platz neben meinem Schreibtisch hat. Zwei Karteikästen mit Blogplänen und Kundenkartei sowie verschiedene, täglich benötigte Hefte und Notizbücher sind so in Reichweite, ohne die ohnehin immer zu knappe Arbeitsfläche einzuengen.

Fast unscheinbar in der unteren rechten Ecke des Tischchens liegt ein schwarzer Notizblock. Dass die Farbe des Einbands so ideal zu Inhalt und Zweck passt, ist zugegebenermaßen reiner Zufall, entbehrt jedoch nicht eines gewissen Humors. Dieses Büchlein ist nämlich mein Giftschrank.
Bevor Missverständnisse entsehen: Es sind darin keinerlei Mordpläne oder -methoden verzeichnet. Tatsächlich enthält es eine Vielzahl von Blogartikeln, Kolumnenentwürfen, Buchideen und Aphorismen. Mittlerweile ist der „Giftschrank” gut gefüllt und würde genug Material für mehrere Blogs bieten. Aber vermutlich wird niemand diese Texte je zu lesen bekommen.

Es ist nicht so, dass ich zu schüchtern wäre, sie preiszugeben, oder dass sie mir peinlich wären. Sie sind absolut jugendfrei und weder persönlicher noch politischer Natur. Sie befassen sich vorwiegend mit Themen des Zeitgeistes, des Alltags in der analogen und digitalen Welt, mit der Beobachtung bestimmter Verhaltensmuster des unkritischen Denkens und mit ihren folgenschweren gesellschaftlichen und geistesgeschichtlichen Auswirkungen.
Es klingt harmlos und unverfänglich, und dennoch wäre es ein rechtlich unkalkulierbares Risiko, sie zu veröffentlichen – denn sie könnten gegen eine ganze Reihe deutscher Gesetze verstoßen, die die (so die offizielle Terminologie) „Schranken” der Freien Meinungsäußerung regulieren.

Mein Giftschrank ist ein Ventil, aber durch den selbstverhängten Maulkorb fungiert es nur bedingt als solches. An schlechten Tagen ist der geheime Schatz mehr Last und Frust denn Befreiung.
An diesen Tagen verschließe ich den Notizblock wieder … und träume von New York.

11/3/08

Schreib(t)räume

Es war einer jener typischen Abende mit ihr. Draußen war es bitterkalt, tiefe Nacht, dunkler als gewöhnlich, so schien es mir, und sehr still. Sie ist 28 Jahre älter als ich, aber das hat nie eine Rolle gespielt. Wir sind Freundinnen. Solange ich zurückdenken kann. Es gab Apfelsaft und Ziegenkäse. Wir redeten. Es ist seltsam: Wir, die wir ja sonst wenig von uns erzählen, bringen immer die andere dazu, das zu sagen, was sonst in unseren Gedanken verborgen bleibt. Und wir bringen einander dazu, nachzudenken, zu formulieren, zu ergründen. Wir reden über Politik, Literatur, Philosophie, Wissenschaft, Männer, Lebensmittelqualität. Über alles. Sie ist neugierig, unkonventionell, direkt, unvergleichlich weltoffen. „Ein wenig Buddhistin“, sagt sie von sich selbst, „aber nur ein wenig“. Sie ist die Art Mensch, bei dem man sich frei fühlt. Unbeurteilt und akzeptiert. Wir sprachen von unwirklichen Dingen, die wir beide machen möchten, von unseren Wünschen, von unseren Sehnsüchten, von unseren Träumen. Von Reiseträumen, von Lebensträumen. Verrückte Sätze von verrückten Plänen, von denen wir genau wissen, dass sie Träume bleiben werden. Ich weiss nicht mehr, wie sie mich dazu brachte … Jedenfalls sagte ich, ich würde gern ein Jahr in New York leben, um dort ein Buch zu schreiben. Es war einfach nur so gesagt. Ich meinte es so. Und sie sah mich interessiert an. Nicht spöttisch, obgleich ich es ihr erlaubt und gegönnt hätte. Teilnehmend. Aufrichtig aufmerksam. Und sie fragte ernst:
„Und wieso muss man gerade nach New York, um ein Buch zu schreiben?“

Solche Fragen kann nur sie stellen. Sie ist so. Sie nimmt erst hin, wenn sie weiß, warum.
Ich begann, ihr zu antworten, und merkte zugleich, wie viele Klischees über meine Lippen kamen. Ich hörte mich selbst Begriffe von einer anonymen und gleichgültigen, harten und aufnahmebereiten Stadt sagen, von Vielfalt und Kompromisslosigkeit, von Freiheit und Enge, von Kälte und Menschen. Dass nichts als Reiseführergeplänkel von „Facettenreichtum“ dabei herauskam, ärgerte mich. Es war kindisch und kindlich. Aber letztlich war es nicht falsch.

Was wir brauchen, wenn wir schreiben, sind Wirklichkeiten, wie sie sein könnten. Wie sie sein sollten. Wie wir möchten, dass sie sind. Wie wir sie uns mit aller Kraft herbeisehnen.
Die abgedroschenen Mythen von New York, das, was wir von dieser Stadt zu glauben wissen, noch bevor wir sie je besucht haben, sind nicht so wichtig wie das, was sie in uns hervorrufen. Sie sind inspirierend, beflügelnd. Sie sind Hoffnung. Sie schaffen in uns eine Energie, die uns erst zu Schreibenden macht. Ob die Verheißung den Tatsachen entspricht, ob Bücher, Kinoerfolge oder selbst seriöse Dokumentarfilme ein getreues Bild wiedergeben, ist nicht nur nebensächlich. Es ist eine irrelevante, kontraproduktive, ja zerstörerische Überlegung.
Träume von New York, von hartem Leben, von einem nicht zu begreifenden Monstrum, von zweischneidiger Freiheit, von kreativen Räumen und endlosen Möglichkeiten, von lächerlichem Kitsch, von heuchlerischer Fassade, von den Brauntöten von Soho, der erzwungenen Eleganz des wiederentdeckten Tribeca, dem künstlerischen Chelsea … Träume von New York sind ein virtueller Raum, in dem Text entsteht. Ist ein Sonnenuntergang auf der Brooklyn-Bridge wirklich etwas so Besonderes? Ich weiß es nicht. Ich glaube es nicht einmal wirklich. Aber es spielt nicht im Geringsten irgendeine Rolle.

Schreibende brauchen ihre Vorstellungen, ihre Lügen von New York oder anderswo so wie Malende das Licht des Mittelmeers, die Nähe zu Cézanne und Bonnard. Malen kann man überall. Natürlich kann man das. Es gibt aber nun einmal inspirierende Räume. Orte, an denen Schöpferisches deshalb leicht entsteht, weil man voraussetzt, dass es so sein muss – und man muss sie nicht erkundet haben, um sie zu kennen.

Würde ich tatsächlich eines Tages nach New York reisen, würde ich wahrscheinlich selbst nach einem Jahr nichts von der Wirklichkeit dieser Stadt wissen. Ich würde nicht enttäuscht, denn ich würde das sehen, was ich von New York glaube. Ich würde die Träume aus unzähligen Lektüren und Fernsehberichten leben. Sie riechen, sie schmecken, sie hören.
Und ich würde dort ein Buch schreiben. Mein bestes. Ganz sicher.