Sterben durch Podcasts der (populär)wissenschaftliche Text und die Möglichkeit zu Informationszugang und autodidaktischer (Fort)Bildung? Eine kritische Kolumne
Geht es nur mir so? Wer schnell und gerne liest, scheint heute im Nachteil zu sein. Auch fachliche und akademische Informationen werden extern immer häufiger nicht mehr in Textform, sondern als Podcast veröffentlicht.
Sicher sehe ich da etwas falsch. Sicher missverstehe ich dieses Medium und ich lasse mich sehr gern aufklären (man ist nie zu alt, um dazu zu lernen). Ein Podcast ist für mich eine abrufbare Radiosendung. Radio gehört habe ich in meiner Studentenzeit … ein paar Minuten beim Kochen und Spülen, weil es ein Radio in der WG-Küche gab. Meistens Musik oder die Nachrichten. Und wenn die Spüle leer und das Geschirr eingeräumt war, stellte ich das Radio ab, denn um die Sendung ging es mir ja nie, nur um die Geräuschkulisse. Ansonsten habe ich nie Radio gehört. Es war langweilig, verstaubt, etwas für „alte Leute“. Ich wurde älter, aber offenbar nicht reifer, denn das Bedürfnis, Radio zu hören, verspürte und begriff ich nie. Bis heute nicht. Irgendwann, als ich dann einen Fernseher besaß, ersetzte er als Geräuschkulisse beim Kochen und Spülen das Radio und der kleine Weltempfänger verschwand in eine Schublade, wo er heute noch sein Dasein fristet. Er wird „für alle Fälle“ behalten, man weiß ja nie.
Einem einstündigen Podcast zum Thema „Stand der mediävistischen Forschung“ oder „Barockarchitektur“ zuzuhören, während ich etwas ganz anderes tue, mich vornehmlich also dem Haushalt widme, erscheint mir wenig zielführend. Zum einen hätte das Thema nicht meine ungeteilte Aufmerksamkeit, ob durch die von mir verursachte Geräuschkulisse oder weil meine Gedanken halb bei der anderen Beschäftigung sind; des Weiteren könnte ich mir von den Dingen und Quellen, die ich selbst nachschlagen will, keine Notizen machen, ohne mich zu unterbrechen. Oder ich müsste die Sendung während meiner Arbeitszeit nochmal hören, was ja nicht Sinn der Sache sein kann.
Ich bewundere aufrichtig Menschen, die Podcasts hören und ihren Sinn und Nutzen schätzen. Warum immer mehr Podcasts wie Pilze aus dem Boden schießen und was deren Vorteil sein soll, ist mir ein Rätsel. Für mich ist das ein Kuriosum, das ich wirklich gern verstehen würde.
Einen gedruckten Text in der Länge eines 60-minütigen Podcast-Skripts könnte ich in 5 bis 7 Minuten erfassen und die Informationen stünden mir dauerhaft für späteres Nachschlagen zur Verfügung. Warum sollte ich also so viel Zeit mobilisieren?
Ich nehme gern den Einwand entgegen, dass Podcasts nur einen populärwissenschaftlichen Einstieg bieten sollen. Ganz stimmt dies zwar seit geraumer Zeit nicht mehr, denn immer häufiger vermitteln auch namhafte Forscher und etablierte Akademiker auf diese Weise einen Einblick in ihre Wissenschaft oder den Fortschritt ihrer Arbeiten – insbesondere im Bereich Kunst und Geisteswissenschaften – und auch Museen haben nun dieses Medium der Kulturvermittlung entdeckt, aber lassen wir dieses Argument vorerst als Arbeitshypothese gelten. Auch hier hätte ich in der Zeit, die ich für einen einzigen Podcast aufbringen müsste, mindestens eine Ausgabe jeweils des @National Geographic und eines @geomagazin samt des gesamten Feuilletonteils einer der großen Zeitungen und einer zusätzlichen Kunst-Zeitschrift durchgelesen, die auch noch als Ausgangspunkt für weitere vertiefende und anspruchsvollere oder akademische Lektüren „bleiben“ würden, ohne dass ich mitschreiben oder das Ganze noch einmal auf der Suche nach einem bestimmten Punkt später durchspulen muss. Was also die Sache mit den Podcasts soll, erschließt sich mir nicht.
Es tut mir um die vielen sehr begeisterten und engagierten Podcast-Autoren leid, die ihre Leidenschaft und ihr Wissen zu teilen versuchen. Für mich bedeutet die Podcast-Flut in erster Linie, dass ich zu vielen Informationen keinen Zugang mehr habe, die ich früher regelmäßig in nun verwaisten und aufgegebenen Fachblogs oder nicht mehr veröffentlichten Zeitschriften gelesen hätte. Aktiv nach neuen Erkenntnissen oder Entdeckungen zu suchen, von denen man nicht weiß, dass es sie gibt, ist kaum eine Lösung, erst recht nicht, wenn man sich für eine breite Palette an Themengebieten interessiert. Dazu wäre Information da: Einem aufzuzeigen, was es Neues gibt, Suchfährten für eigene Recherchen zu eröffnen. Aber diese Information muss ja auch in einer vertretbaren Zeit verfügbar sein und das bedeutet: schnell erfassbar, sortierbar, weiter nutzbar und strukturiert archivierbar sein – was ich (ich lasse mich gerne eines Besseren belehren) in Podcasts irgendwie nicht sehe.
Irgendwann werde ich vielleicht verstehen, was an Podcasts so toll sein soll. Vielleicht.
Podcasts haben wie Hörbücher als Lektüre-Ersatz für sehbehinderte Menschen zweifelsohne eine Daseinsberechtigung, eine unendlich wichtige sogar, oder viel mehr: Sie haben sie in diesem Zusammenhang gehabt, denn die zunehmende Vervielfältigung des Angebots stellt auch das in Frage.
In anderen Kontexten allerdings ist ihr Nutzen heute eher kritisch zu bewerten und sie erweisen sich sogar in ihrer ursprünglichen Absicht als kontraproduktiv. Nicht nur, weil sie für den wirklich interessierten und autodidaktischen Laien zeitraubend unpraktisch und unflexibel sind.
Sie sind – und dies ist besonders tragisch – die Fortsetzung einer Entwicklung, die mit den Piktogrammen begonnen hat, mit Globisch ihre Fortsetzung fand hat und nun in der Abschaffung der Schriftlichkeit und dem Tod des Textes ihren Zielpunkt erreicht. Die vermeintliche Demokratisierung des Zugangs zu fachlichen Informationen wird zu genau ihrem Gegenteil – und Demokratisierung ist schon deshalb der falsche Begriff. Die Abschaffung von Text ermöglicht es nicht, dass bildungsferne Menschen Zugang zu qualitativ besseren Informationen finden, sie bedient in erster Linie die Bequemlichkeit und Eitelkeit des Mainstreams und führt zu einer Einebnung nach unten. Der Autor wird zum Influencer, der sich im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit vieler genötigt wähnt, immer unterhaltsamere und vereinfachtere Inhalte produzieren zu müssen. Die „Hemmschwelle“ – auch wenn mir das Wort zutiefst widerstrebt –, Fachblogs oder populärwissenschaftliche Zeitschriften zu lesen, bedingte eine kleinere Leserschaft, die willens und in der Lage war, Inhalt und Textqualität wahrzunehmen und für die die Person des Autors keine wirkliche Bedeutung hatte. Dies sicherte wiederum zum einen eine gleichbleibende Qualität, da Konkurrenz und Sichtbarkeit keine Rolle spielten und für eine eingeschworene „Community“ von Gleichgesinnten geschrieben wurde, zum anderen dass diejenigen, die sich intellektuell wirklich weiterentwickeln wollten und den Zugang zu dieser Gemeinschaft suchten, sich verhältnismäßig tatsächlich darum bemühen mussten und schon dadurch Horizont und Kenntnisstand erweiterten. Menschen werden nicht dadurch klüger und gebildeter, dass ihnen alles einfach gemacht wird. Das Prinzip der Inklusion kann in diesem Zusammenhang zu einem zweischneidigen Schwert werden, wenn Bildung nicht parallel für andere Zielgruppen extern zugänglich bleibt, sondern zu einer Ware wird, die auf Beliebtheit angewiesen ist. Alle wichtigen Dinge im Leben sind diejenigen, die nicht ohne Mühe zu haben sind, um die es sich zu kämpfen lohnt. Die Rolle des Podcast-Autors als Influencer verkehrt das Streben nach oben zum Beugen nach unten und holt den Mainstream keineswegs mehr aus seiner Unwissenheit heraus. Die Sprache wird immer einfacher, mitunter kindlich gestaltet, die Themen werden angepasst und so zerkleinert und zerteilt, dass sie nicht mehr nur leichter verdaulich sind, sondern überhaupt nicht gekaut werden müssen – ein an einem Stück herunterzuschluckender Brei ist keine Erziehung für die Geschmacksknospen. Das vermittelte Wissen fügt sich – von wenigen Ausnahmen abgesehen, von denen ich hörte, doch wie lange wird es diese noch geben? – den Gesetzen dieses Influencertums, bleibt oberflächlich und wird dadurch zeitlich flüchtig – wie eben eine schnell vergessene Radiosendung.
Podcasts einen Nutzen zuzuschreiben, fällt angesichts dessen schwer: Von ihrer limitativen Unflexibilität für den wirklich autodidaktisch interessierten und schon kundigen Laien, die unverhältnismäßig viel Zeit für eine im Vergleich viel zu geringe Informationsmenge zu mobilisieren zwingt, über ihre materielle Flüchtigkeit bzw. den Aufwand, der dazu nötig wäre, sie als Quelle vertiefender Lektüren dauerhaft und effizient zu nutzen, bis hin zu der Einebnung des populärwissenschaftlichen Bildungszugangs nach unten durch ökonomische Zwänge des gnadenlos wettbewerbsorientierten Influencertums und die Ablösung der Schriftlichkeit, die sie bedingen – es will mir nicht so recht gelingen, die allgemeine Begeisterung zu teilen. Aber wie gesagt: Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren.
