MUSTERBÜCHER

MARTINE PAULAUSKAS

Category: BRAUN

Ist das Abfall oder Zeitgeist?

Vor gar nicht so langer Zeit, so scheint es, herrschte darüber stiller Konsens: Packpapier war ein wenig beachtetes bis unbeliebtes Alltagsprodukt, das aufgrund seiner Haltbarkeit gern und mit großer Selbstverständlichkeit verwendet wurde, um Sendungen über längere Strecken zuverlässig zu schützen, das nach Gebrauch aber fast immer schnell und gedankenlos den weg in die Mülltonne fand. Zwar wurde mancher Bogen, wenn ein Päckchen sein Ziel in besonders gutem Zustand erreicht hatte, geglättet und klein gefaltet in der Tiefe einer Schublade aufbewahrt und durfte neben Bindfadenrollen, Klebeband und Schere auf den nächsten Einsatz warten, allerdings geschah das eher aus Gründen der Sparsamkeit. Schließlich war es ein verhältnismäßig teures Material, und seine Wiederverwertung war vor allem finanziell motiviert.
Jahrzehnte lang aber wäre niemand auf die Idee gekommen, die ästhetischen Werte von Packpaier zu hinterfragen. Seine Farbe galt als roh und gewöhnlich – mehr brauchte es für seine profane Aufgabe nun einmal nicht.

Mit der Wiederentdeckung eines ökologischen Bewusstseins, das Recycling von seinem rein wirtschaftlichen Aspekt trennte und zu einer ethischen Verpflichtung adelte, wurden allem Ursprünglichem ein zweites Leben und eine neue Identität eröffnet.
Auf einmal stand der unbehandelte Braunton für Umweltschutz und Naturverbundenheit und positionierte sich erfolgreich als gesellschaftlich korrekte Alternative zu gebleichten und kunterbunten Produkten. Als Ideal einer frischen Natürlichkeit wurde das gute alte Packpier zum Sinnbild einer originellen und verantwortungsvollen Geschenkverpackung, das sich bald als salonfähig erwies. Was einst unaufregender Abfall gewesen war, gehörte nun zum guten Ton zeitgemäßen Handelns.

Bei einer DIY-Modeerscheinung blieb es nicht. Papierhersteller erkannten schnell die breiten Möglichkeiten, die sich aus dem bescheidenen Ansatz ergaben, und begannen, Varianten in Form von Schreibblöcken und Büromappen anzubieten. Der ökologische Nutzen war längst nicht mehr das wichtigste Marketingargument. Vielmehr stand die Schönheit des lange verkannten Materials im Vordergrund. Packaging-Industrie und Corporate Design befreiten es vom Stigma des reinen Umweltprodukts. Beige und Braun sind nun zu einer neuen Eleganz geworden, und die pudrige Haptik schmückt sich mit goldenem Druck und aufwändigen Prägungen. Das hässliche Entlein hat sich zu einem Luxusmerkmal gemausert, auf das insbesondere im gehobenen Preissegment immer mehr zurückgegriffen wird. Unzählige Start-Ups gründen ihre Hoffnungen auf ihre eigene Interpretation des gar nicht mehr alltäglichen Materials, das auch Künstler inspiriert.

Aus dem einstigen Konsens der Geringschätzung wurde ein Konsens des Lifestyles. Naturpapiere, zu denen Packpapier gehört, sind längst kein Kompromiss mehr. Sie stehen nicht mehr zwischen ästhetischen Wünschen und praktischen Erfordernissen.
Vielmehr sind ihre puristischen Eigenschaften die Antwort auf das Bedürfnis unserer Zeit nach Ruhe und Potenzialen, nach authentischer Berechenbarkeit und Zuverlässigkeit.

TEXTDATEN:
Beispiel einer allgemeinen Betrachtung eines Alltagsgegenstandes im Rückblick seiner soziologischen Entwicklung.
Themenbereiche: Lifestyle, Zeitgeist, Papier
Textart: Kolumne
Textfarben: beige, braun
Status: Der Text wurde im Blog Auf Papier veröffentlicht.

Vom Duft der Freiheit

Seit im 17. Jahrhundert die ersten Schiffe exotische Bohnen über die Häfen von Venedig, London und Marseille nach Europa brachten, mag sich viel verändert haben. Die Begeisterung für das braune Getränk namens Kaffee aber bleibt ungebrochen.

Doch warum wurde aus dem duftenden Luxusprodukt mehr als nur eine geliebte Angewohnheit? Warum verkam es nie zu einer Selbstverständlichkeit? Wie konnte es einen so festen Platz in unserem Alltag finden, ohne je an Faszination zu verlieren?
Ganze Bibliotheken ließen sich mit den Veröffentlichungen füllen, die es schon zum Gegenstand hatten: Lifestyle-Bücher für den Couchtisch, Kompendien für den Connaisseur, Blogartikel, wissenschaftliche und medizinische Untersuchungen – über Kaffee liest und schreibt im Grunde jeder.

Kein Wunder: Kaffee kann alles sein, und jeder entscheidet darüber, was er darin sehen will.
Der schnelle Energiekick für Zwischendurch wird für viele als Arbeitsmittel oder Werkzeug betrachtet und über seine körperlich und geistig anregende Funktion definiert. Als tröstlicher und bodenständiger Vertrauter kann er sich unkompliziert, ehrlich und verfügbar geben. Kaffee ist perfekt für den hedonistischen, überschwänglichen Lebensstil, indem er andere Genussmittel unterstützt und hervorhebt. Er begleitet jede Form von Geselligkeit – die sommerlichen Kuchenrunde am Gartentisch, das Plauderstündchen mit Freundinnen auf der Couch, die prächtige Weihnachtstafel. In unserer Vorstellung steht Kaffee nicht zuletzt für die Nostalgie eines idealen Familienlebens, und für fast jeden gehört der Duft des Morgenkaffees zu den frühesten Kindheitserinnerungen.
Kaffee ist das Sinnbild ganzer Biografien.

Kaffeegeschichten sind immer ganz persönliche Geschichten. Diese Individualität ist dank neuer Produkte in Kapseln oder im Kühlregal in den letzten Jahren noch größer geworden und verbindet Trends, die voneinander entfernter nicht sein könnten – vom gemütlichen Cocooning bis zum dynamischen Coffee to go.
Mit den Barista und der Entdeckung des Kaffees als Tinte und Farbe, der Umwandlung von Verpackungen zu Schmuck und Gemälden wurde aus einem vermeintlich alltäglichen Getränk Kunst.

Kaffee überlebt alle Moden, ohne sich wieder neu erfinden zu müssen. Er ist eine in sich wandelbare Konstante.
Es liegt wohl in erster Linie daran, dass Kaffee kein Produkt im eigentlichen Sinn ist. Kaffee hat kein festgelegtes Image und keine Zielgruppe. Vielmehr ist er ein lebendiges Rohmaterial, aus dem jeder unabhängig von sozialen Verhältnissen die Welt, die er sich wünscht, die zu ihm passt, erschaffen kann.

Der Duft von Kaffee ist also vor allem der Duft von Freiheit und Selbstbestimmung, von Träumen und Hoffnungen, von Lebensfreude und Fantasie.

TEXTDATEN:
Beispiel einer allgemeinen Betrachtung eines Alltagsprodukts als Artikel oder Einleitung für eine Zeitschrift oder ein Themenbuch.
Themenbereiche: Lifestyle, Zeitgeist, Genuss
Textart: Kolumne
Textfarben: kaffeebraun

Coffee to go

Sie waren einfach „cool” und unendlich amerikanisch. Als Requisit aus Fernsehserien hatten die kaffeegefüllten Pappbecher zum Mitnehmen einst den Weg nach Europa und in unsere Bilderwelt gefunden – noch lange, bevor sich die ersten Franchiser in unserer Nähe niederließen.

Diese Becher waren nicht nur das Symbol einer Lebensart, sondern auch einer dynamischen, selbstbewussten und hyperaktiven Generation. Sie vermittelten die Illusion jener unendlichen Möglichkeiten, von der wir so gerne träumen. So hatten sie es leicht, sich auch bei uns durchzusetzen. Heutzutage gehören sie so selbstverständlich zum Stadtbild wie das Mobiltelefon.

Die Coffee to go-Becher sind eine faszinierendes Paradoxon. Die Qualität des Getränks, das sie enthalten, spielt für ihre Beliebtheit kaum eine Rolle, und doch stellen sie einen Quantensprung der Kaffeekultur dar, die sich mit ihnen für immer von der Spießigkeit des Damenkränzchens und der biederen Bodenständigkeit der Bürotasse befreit. Sie sind Genuss, Kreativität, Statement, Zurschaustellung einer kompromisslos modernen, aktiven und erfolgsorientierten Jugendlichkeit. Aus dem Requisit ist ein Accessoire geworden.

Als solches sind sie Pose und Mode, aber ihre Bedeutung ist dabei vielschichtiger, als zunächst scheinen mag. Natürlich sind sie demonstrative Positionierung, Image und Absichtserklärung, aber auch Zuflucht – wie der Lieblingsschal, in den man sich einkuschelt, die Lieblingshandtasche oder die Glücksohrringe. Sie sind die Verheißung tröstender Geborgenheit, an der man sich festhalten kann, wenn in einer fremden Umgebung alles kalt und feindlich wirkt, wenn man am liebsten zu Hause wäre und in einer Bahnhofshalle oder an einer regnerischen Straßenecke deshalb in sich selbst nach ein wenig Rückzug und Sicherheit sucht.

Die Produktpalette wächst unaufhörlich und erstreckt sich vom Kühlregal bis zu den Spezialitäten bestimmter Marken, doch diese Variationen sind eher ein Nebeneffekt. Der eigentliche Gegenstand ist die Verpackung selbst.
Deshalb ist sie als Wirtschaftsfaktor auch eine einzigartige Erscheinung aus Geben und Nehmen. Es ist kein Zufall, wenn die Pappbecher immer eleganter und stylischer werden, optisch immer konsequenter die Farbe des Kaffees mit der Vorstellung von Naturnähe und Ursprünglichkeit verbinden. Die Packaging-Industrie widmet ihnen zunehmend Aufmerksamkeit, und Designer, aber auch Künstler, versuchen sich an ihrer Gestaltung. Sie kreieren immer originellere und mitunter recht edle Dessins und Oberflächen, und betrachten die Aufgabe als reizvolle Herausforderung und Eigenmarketing zugleich. Unternehmen sichern sich Rechte an traditionellen afrikanischen Mustern und bereisen die Welt in der Hoffnung auf neue Anregungen. Sammler haben längst einen Markt erkannt und streiten um Sonderausgaben.

Die Coffee to go-Becher sind tatsächlich mehr als ein Einweg-Gefäß. Sie sind der Ausdruck unserer Erwartungen, Hoffnungen, Träume und Ängste und ein Messfühler unserer Zeit.

TEXTDATEN:
Beispiel einer soziologischen Betrachtung des Phänomens „Coffee to go-Becher” als Artikel oder Einleitungstext für eine Zeitschrift, einen Bildband oder einen Ausstellungskatalog.
Themenbereiche: Lifestyle, Zeitgeist, Genuss
Textart: Kolumne
Textfarben: milchkaffeebraun

Zeit der Sinne

Wenn die klare Winterluft Einzug hält, gewinnen Erinnerungen und Bilder an Schärfe. Schneemänner aus Kindertagen werden in der Vorstellung perfekter, als sie es jemals waren, vergangene Momente lebendiger und wichtiger: Weihnachten ist die Zeit der Sinne.

Der Glanz dunkler Schokoladen schmückt sich mit dem warmen Kerzenlicht der Adventkränze, spielt mit den runden und weichen Formen von Lebkuchen und der modern grafischen Schönheit von Schichtnougat, während verspielt filigrane Pralinenkreationen sich kokett und kostbar geben.
Der vertraute Duft gebratenen Fleisches und gerösteter Maronen verbindet sich mit holzigen Zimtnoten, den dunkel-beerigen Aromen von würzigen Weinen, Kaffee und Tee, den grasig-herben Tanninen von Nüssen und Honig. Die rauchige Wärme von harzigem Bienenwachs ist allgegenwärtig.
Knisternde Holzscheite vermitteln Geborgenheit und Geselligkeit, das Aufflammen der Zündhölzer wird zur ritualisierten Musik.
Schmelzende Strukturen aus Gianduja und Kakao, großzügige Whiskys und vollmundige Branntweine belohnen den Gaumen und eröffnen eine Welt, in der seidige Kuvertüren, kuschelige Wolldecken und sinnliches Marzipan lustvolle Entspannung spenden.

Kälte und Dunkelheit machen uns empfindlich – und für die unendliche Vielfalt der Eindrücke empfänglich, die auf uns einströmen. Die Weihnachtszeit ist die Zeit des Rückzugs und der Nähe, eine Zeit voller Kontraste und herber Zartheit. Sie ist die Zeit aller Sinne.

TEXTDATEN:
Beispiel eines klischeebasierten Textes zur Verwendung als Einleitungstext in Zeitschriften, Blogs oder Büchern.
Themenbereiche: Lifestyle, Genuss, Weihnachten
Textart: Vorwort, Einleitungstext, Stimmungstext
Textfarben: schokoladenbraun

Sahara

Die Erde kennt viele Wüsten: kalte und steinige Einöden aus Geröll und nacktem Boden, aus Salz entstandene Ebenen, endlos scheinende lehmige Flächen, doch keine ist so magieumwoben, keine verkörpert in unserer Vorstellung so selbstverständlich das Wort „Wüste” wie diese: die Sahara.
Erfüllt von der beständigen Stärke der Pyramiden, dem würzigen Duft marokkanischen Tees und algerischen Kaffees, den knisternden Feuerstätten stolzer Nomadenstämme lebt sie von ihren Legenden und ist weltweit längst zum Inbegriff einer geologischen Erscheinung geworden, von der sie in Wirklichkeit nur einen sehr kleinen Teil darstellt.

Archäologen haben sie erforscht, Paläontologen haben sie entschlüsselt, Naturwissenschaftler haben sie analysiert, Schriftsteller haben sie erträumt, Fotografen haben sie verstummen lassen.
Nackt und bloß scheint sie nun zu sein, aber ihre Geheimnisse bleiben ihr selbst vorbehalten. Unzählige Mitglieder einer facettenreichen Fauna aus Insekten, Reptilien, Skorpionen und Füchsen sind ihre diskreten, aber effizienten Wächter.
Ihrer Schönheit ist es gelungen, zu obsiegen, und alle Gefahren, Schrecken und Ängste vergessen zu lassen. Von allen Wüsten scheint sie die gezähmteste – wenn auch der Schein trügt.

Sie versteht es, sich zu verstellen, gibt sich warm, einladend und freundlich. Aber es kostet sie viel Kraft, diese Fassade zu wahren. Nach der demütigenden Zurschaustellung am Tag sucht sie in der kalten Härte der Nacht verbittert nach neuem Mut, nach Trost und Reinheit, bevor das erste Sonnenlicht sie überredet, einmal mehr souverän und kokett, warmherzig und unnahbar zu erstrahlen. Ihre Stille ist laut. Sie schreit unter der erbarmungslosen Hitze die immerwährenden Schmerzen ihres unaufhörlichen Wandels heraus.

Doch was macht sie so besonders, so anziehend und so vertraut?
Vielleicht sind es ihre sanften goldschimmernden Kurven, die sie zu der bekanntesten, weiblichsten, verheißungsvollsten und verführerischsten aller Wüsten machen. Vielleicht ist es der Klang ihres Namens, der uns in eine Welt der Zauber einlädt. Vielleicht ist es die Perfektion ihrer puristischen Linien, deren Perpetuum Mobile uns erfolgreich glauben lässt, dass sie für alle Zeiten unberührt und ursprünglich zu bleiben vermag. Vielleicht ist es die unnachahmliche Art, mit der sie ihre monumentale Größe umspielt und für einen einzigen Blick zugänglich erscheint.

Dass diese Frage nicht zu beantworten ist, macht geradezu ihre Faszination aus. Die Diva aus Sand verrät uns immer nur so wenig wie nötig, um unsere Neugier zu entfachen, unsere Phantasie zu beflügeln, uns Respekt und Bewunderung abzuringen, und uns ihre uralte, einen Hauch herablassende Jugend spüren zu lassen.

Dies ist der ganze Sinn ihres Namens – Sahara, die Wüste.

TEXTDATEN:
Beispiel eines klischeebasierten Textes zur Verwendung als Einleitungstext zu einer Fernsehdokumentation oder einem Bildband.
Themenbereiche: Tourismus, Dokumentationen, TV, Verlage, Zeitschriften, Bildkommentar
Textart: Ortsporträt, Bildtext
Textfarben: braun, beige, gold

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