Die Rue Dautheville duftet. Ganz gleich um welche Tageszeit, ganz gleich ob der Weg von Süden nach Norden oder umgekehrt führt, ganz gleich ob sich der Himmel postkartenblau oder stürmisch gibt – es gelingt ihr nie, einfach nur irgendeine Straße zu sein.
Sie ist eine märchenhaft gezeichnete Kulisse, die über die Jahre, die Jahrzehnte hinweg sich jenseits aller Veränderungen und allen Wandels die perfekte Fülle einer endlosen Vielfalt an Universen erhalten hat. Bedingungslos konkret ist das Leben hier, das sich auf so selbstbewusste und selbstverständliche Weise den Luxus eines bescheidenen, unkompliziert fröhlichen und natürlichen Alltags leistet. Der rege Verkehr, die kindlich tönenden Hupen, das klackend schleppende Tanzen der Sandalen, die gekonnt zwischen sorglosem Schlendern und spielerischer Hektik balancieren, bilden eine weltentrückte Realität. Der Trubel ist anders: unbeschwert bildhaft, in seiner anspruchsvollen Ziellosigkeit von unvergleichlicher und ruhiger, luftiger Freiheit.
Der Strand ist nicht zu sehen, nach wenigen Metern im Schatten schon fast vergessen und nur noch im bittergrünen Geruch des Meeres, den der Wind in hilflosen kleinen Stößen ab und an hineinträgt, in Erinnerung. Eine bunte Höhle aus Glas, Neon und Musik jagt auf der rechten Seite mit der braunen Süße knuspriger Waffeln die kühle Brise babelartiger Eiscremepyramiden auf die grauen Pflastersteine des Bürgersteigs. Die sonnensatte Haut entspannt sich und verweilt in verträumtem Schlecken. Wie ein dezenter Weckruf kitzelt ein goldener Geruch aus Leder, Parfums und edlen Pflegecremes die Nase und führt mit einem luxuriösen Intermezzo in den Fluss des Treibens zurück. Gleich nebenan wird ein vertraut altmodischer Cocktail aus Staub, Zeitungspapier, dunklem Tabak und vertrockneten Marshmallows von zwei quietschend und wackelnd drehenden Postkartenständern bewacht. Gutmütig und ein wenig verrückt muten sie an – zu oft wurden sie wohl gestreichelt, im Überschwang herumgewirbelt, bis ihnen schwindelig wurde. Und doch mögen sie es hier zwischen all den Fremden, die sie betatschen und schubsen, und sie weigern sich noch immer, ihren Posten zu verlassen. Zum alten Eisen gehören sie noch lange nicht, und sie behaupten sich weiter, treu, stolz und ein wenig störrisch.
Nach einem kleinen Knick wird es Zeit, sich zu entscheiden: Geradeaus ist das staubige Dach des Pinienhains zu sehen, der von der überwältigenden Wärme frisch gebrannter Erdnüsse und den Klängen des alten Karussells erfüllt ist, während rechts gleißendes Licht verführerisch zu überreden trachtet – so strahlend weiß glänzen Boote und Fassaden, so facettenreich glitzert das Wasser, so spannend scheint das Herumstolzieren der Jungen und Schönen.
Ein wenig abseits von diesen Versuchungen jedoch lockt unaufdringlich und feinsinnig mediterran der würzige Duft von gegrilltem Fisch und herber Zitrone. Rote Holzbänke an langen Tischen warten auf die milde Geselligkeit der frühen Abendstunden. Gegenüber gähnt noch – vom leise knisternden Holz gelangweilt und der Hitze müde – der ascheverschmierte Tonofen der Pizzeria. Der Magen wähnt sich schon am Ziel, die Zunge sehnt sich nach Tomaten, Oliven und Brot.
Ein goldener, lauwarmer Sonnenstrahl streift den abblätternden grauen Lack einer winzigen Tür. Die greifbare Trockenheit von Baumwolle, Viskose und uralten gewachsten Regalen entweicht etwas verlegen. Sie möchte gern hierher gehören, scheint jedoch obsolet, hoffnungslos unscheinbar. Gegen die gelbe Samtigkeit von Kokosölen und kühlendem Anis, die immer auffälliger den späten Nachmittag erobert, ist sie chancenlos. Dass sie nach all den Jahren noch da ist, gleicht ohnehin einem Wunder.
Beißende Abgase und überraschende Kälte beenden mit einem unerwarteten Schaudern den Spaziergang durch diese einzigartige, lebhafte und gleichwohl wirklichkeitsferne Welt: Um die Ecke schafft die Klimaanlage einer Edelboutique den schroffen Übergang in die Realität zurück.

TEXTDATEN:
Beschreibung einer Straße in einem Ferienort an der Mittelmeerküste.
Themenbereiche: Tourismus
Textart: Stimmungstext, Beschreibung, Artikel
Textfarben: orange, hellocker