MUSTERBÜCHER

MARTINE PAULAUSKAS

Category: GRAU

Wenn Gemütlichkeit zeitgemäß wird

Es gab schon immer viele Wege und Spielarten des Rückzugs in die eigenen vier Wände. Düster, spießig und von ängstlicher Heuchelei schottete sich etwa das Biedermeier ab. Es war eine Zeit griesgrämiger und schwerer Weltabgewandtheit in dunklen Tönen und soliden Materialien, eine trotzig-enttäuschte Reaktion des Abwartens und der Gleichgültigkeit.
Doch Dinge ändern sich. Der neue Rückzug heißt Cocooning und ist keine sozial-politische oder allgemein gesellschaftliche Entscheidung, keine gutbürgerliche Gemütlichkeit. Er ist individuell, befreiend und voller Leichtigkeit, gut gelaunt statt verbissen.

Cocooning ist mehr als ein Trend und kommt deshalb seit zwanzig Jahren nicht aus der Mode. Längst ist das Phänomen zu einer Lebenseinstellung und einem Lebensstil geworden. Cocooning ist weiblich – Pose und inneres Bedürfnis zugleich.

Minimalistische Oase statt schreiender Ego-Trip
Mal für sich sein dürfen. Die lärmende und stressige Welt, die Sorgen und den Druck aussperren. Das gedankliche Fenster nach draußen einen Moment schließen, sich fallen lassen und wieder zur Ruhe und zu sich selbst kommen. Oder sich erst finden … Doch die Suche hat keinen esoterischen und nur wenig psychologischen Hintergrund. Sie ist viel mehr die Form eines Gesundheitsbewusstseins, das zu neuen Ansprüchen und Gewohnheiten führt. Es geht darum, Reize auszublenden, Kraft zu tanken, sich Gutes zu tun.
Dazu braucht es nicht viel: ein gutes Buch, eine Pralinenschachtel, ein heißes Bad, leise Musik, einen Mug Kaffee, eine Tasse Tee, einen Becher Kakao oder ein Glas Wein. Die Ferne, der Urlaub sind zu Hause.

Sichtbar aussteigen
Die neue Lässigkeit findet ihren Ausdruck im Erscheinungsbild.
Die Kleidung gibt sich ungezwungen; überdimensionierte, fließende Schnitte schenken das herbeigesehnte Freiheitsgefühl. Von verschrieenem „Gammellook“ jedoch keine Spur: Tatsächlich ist das Styling sorgsam und demonstrativ komponiert. Locker gebundene Haare, Nude-Make-up unterstreichen eine gepflegte Frische, die sich auch in Stoffen trockener Haptik und neutraler Farbtöne widerspiegelt. Baumwolle und Wolle in Hellgrau, Ecru, Beige oder Hellblau sorgen für Wohlbefinden, schmeicheln Haut und Sinne.
Luftige Wärme im Winter, klare Frische im Sommer gehören ebenso dazu wie eine durchdachte Umgebung. In der Einrichtung dominieren weiße Töne, glatte Oberflächen, puristische Linien, verwöhnende Accessoires wie Sitzkissen und leichte Kuscheldecken, und eine nach Zen-Vorbildern anmutende Dekoration, in der Holz, Sand und klares Glas zurückhaltende Akzente setzen.

Kostbares Nichts
Cocooning ist ein selbstbewusster, optimistischer Rückzug, der sich nicht versteckt, sondern sich auslebt. Dieser luxuriöse Bescheidenheit ist längst ein Markt mit beneidenswerten Wachstumszahlen und beflügelt eine ganze Industrie. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Zeitschriften regen die Phantasie an und machen den Traum eines unkomplizierten, von Überflüssigem und Überladenem befreiten und selbstbestimmten Lebens greifbar. Pflegeprodukte versprechen die Erholung im eigenen Spa. Fruchtige Getränke und Schokoladenvariationen halten die Zeit an und entschleunigen den allzu strapaziösen Alltag. Auch Grünpflanzen unterstützen optisch und praktisch die Entspannung. Die Sehnsucht nach dem Recht, sich selbst zu sein, ohne sich selbst sein zu müssen, hat ihren Preis, und das einfache Leben ist auch ein teures Hobby … und durchaus ein Statussymbol.

Cocooning ist die Rückkehr zur eigenen Individualität, zu einer minutiös errichteten Selbstbehauptung und Selbstdefinition. Es ist die Suche nach der Ruhe zwischen den Stürmen, nach der Reinheit der von Gewittern bereinigter Luft. Es ist das Bekenntnis zu einer einstudierten Unverfälschtheit, eine Liebeserklärung an eine neue Natürlichkeit, die die Natur nicht wirklich braucht, und das Verlangen nach der Sinnlichkeit des schlichten und unbeschwerten Augenblicks.

TEXTDATEN:
Betrachtung eines zeitgenössischen soziologischen Phänomens.
Themenbereiche: Lifestyle, Zeitgeist
Textart: Artikel
Textfarben: hellgrau, weiß, grau-beige, ecru, hellblau

Der Sieg der Schildermaler

Sie waren nicht die ersten gewesen, die nach und nach hatten erkennen müssen, dass ihre Arbeit keinen Sinn mehr hatte. Nach den fahrenden Lumpensammlern, Scherenschleifern und Regenschirmflickern waren auch die Schildermaler zum Opfer einer kurzlebigen und ökonomischen Welt geworden.
Geschichte aber wird nicht so schnell geschrieben, wie es zuweilen scheinen mag.

Die Wende war in den 90-er Jahren des 20. Jahrhunderts gekommen. Computergestütztes Design und materialunabhängige Druckmöglichkeiten hatten ihr Handwerk in ein überflüssiges Relikt überholter Zeiten verwandelt. Perfekter, schneller und preiswerter waren die Alternativen, die ein seit dem Mittelalter bestehender Beruf zur unwirtschaftlichen Liebhaberei degradiert, wenn nicht gar für immer ausgelöscht hatte.
Sieb- und Foliendruck hatten leichtes Spiel gehabt;nbsp;– waren sie doch zunehmend erschwinglicher und zugänglicher geworden. A3-Geräte für das Home Office machten es erst recht einfach, eine Tätigkeit auszubooten, die von vornherein die schlechtesten Voraussetzungen gehabt hatte. Es ging um Kunst und Handschrift – zwei Dinge, die in der maschinellen Wirklichkeit der neuen Ära, die sogar an das vollständige Verschwinden des Papiers glauben wollte, keinen Platz mehr hatten. Rein profitorientiert und streng rationalisiert gab sich das Geschäftsleben, dynamisch-steril und gnadenlos effizient das kaufmännische Image.

Auch wenn dieser Niedergang die Schildermaler zweifellos existentiell mit voller Härte traf und in den Herzen jene Bitterkeit hinterließ, die für jeden unausweichlich mit der Erkenntnis einhergeht, er werde nicht mehr gebraucht und sein besonderes Können habe für die Gesellschaft, in der er lebt, keinen Wert mehr, war das Unglück auch ein Glücksfall.

Nachdem es sich gezwungenermaßen von allem praktischen Nutzen befreit hatte, entdeckte das Handwerk der schönen Buchstaben eine neue Dimension. Als nunmehr überflüssige Fertigkeit konnte es sich mit dem versöhnen, was es einst gewesen war: die ästhetische, graphisch-künstlerische Interpretation von Schrift, ein Bindeglied zwischen zweckfreier Kalligraphie und zweckorientiertem Druck.
Unter der Bezeichnung „Hand Lettering“ wurde es als Hobby beliebt, als „Chalk Art Typography“ entwickelte es sich vom flüchtigen Dekorationsgegenstand zum graphischen Element des Corporate Designs zurück. Bekannte Bekleidungs- und Sportausstattungsunternehmen haben unter vielen anderen zu den handgemalten Schriftzügen zurückgefunden.

Ob für das kleine Café um die Ecke oder für weltumspannende Konzerne;nbsp;– das gemalte Schild ist nicht mehr selbstverständlich, sondern eine Besonderheit, die man sich ganz bewusst gönnt und für die man sich gezielt entscheidet. So wurde aus dem Handwerk wieder Kunst, aus den gezeichneten Buchstaben wieder eine begehrte Kostbarkeit.
Die Schildermaler haben gesiegt.

TEXTDATEN:
Betrachtung einer zeitgenössichen Entwicklung.
Themenbereiche: Schriftkultur, Kunst und Unternehmen
Textart: Kolumne, Artikel
Textfarben: grau, schwarz, weiß

Edeldesign mit Loft Attitude: Dawid Tomaszewski

Es beginnt mit einer Fläche aus Schiefer und einer Wand aus rauen Steinplatten. Für seinen Internet-Auftritt hat der polnische Modedesigner Dawid Tomaszewski eine fast extreme Loft-Attitude gewählt, die die edlen, puristisch-überschwänglichen Linien seiner scharf strukturierten Kreationen unterstreicht. Seine Modelle schweben im Wechselspiel zwischen schweren, hervortretenden Materialien und wie hingehaucht fließenden Stoffen, zwischen strenger Starre und übermütiger Bewegung, zwischen mattem und rauem bis flauschigem Strick und glänzend glatten Flächen. Raffinierte Schlichtheit steigert sich bis zur paneelartigen Übereinanderschichtung von gegenteiligen Substanzen und schafft so einen kreativen Raum im Gleichgewicht zwischen japanischer Zen-Kultur, luxuriöser italienischer Eleganz und New Yorker Avantgarde.

Aus der unersättlichen Freude am Umgang mit dem Material als Rohstoff, dem sicheren Gespür für die Ästhetik von Form und Haptik, der unablässigen Suche nach der urreinen Ausdrucksform der eigenen Modesprache erwachsen wie urplötzlich individuelle und zugleich zeitlose Kompositionen, die auch um ihrer selbst willen bestehen können.

Genialität und Zugänglichkeit sind die Merkmale dieses Designs mit Loft-Attitude.

TEXTDATEN:
Vorstellung eines Modedesigners unter dem Themenmotto „Loft Attitudes“. Arbeit anhand der Internet-Präsenz des Designers in ihrer Version von 2008.
Themenbereiche: Haute Couture, Mode, Design
Textart: Porträt
Textfarben: grau

Urbanes Wohnen neu definiert

Konsequent gerade Linien und großzügige Flächen prägen die Atmosphäre des Lofts. Der Raum passt sich an, nimmt sich hinter den Menschen zurück, ist präsent, jedoch nie dominant. Im Rhythmus des von allen Seiten eindringenden natürlichen Lichts strukturiert er sich immer wieder aufs Neue. Durch den bewussten Einsatz wertvoller Materialien wird die puristische Struktur zum persönlichen Wohnstatement.

Das ästhetische Element der Fläche wird von der Palette aus Weiß- und Grautönen unterstützt und eröffnet jenseits der Sachlichkeit eine inspirierende Wandelbarkeit. Es entsteht ein exklusiver Lebensbereich, in dem der Blick Ruhe findet und Individualität repräsentativ gelebt werden kann.

Der Raum ist offen, von Weite und Helligkeit geprägt. Natürliches Licht wird zum strukturierenden Element, teilt und verbindet Lebensbereiche und Tagesabschnitte.

Es sind die Details, die aus diesem Loft ein besonderes Wohnerlebnis machen. Die puristische Ursprünglichkeit des Natursteinbodens findet sich in den offenen und minimalistisch gehaltenen Wandflächen wieder und unterstreicht wie selbstverständlich die individualistische und sehr präsente Einrichtung, in der rechteckige Formen dominieren. Die perfekte Balance zwischen designorientierter Modernität und zeitlosem Wohngefühl wird von der edlen Farbpalette aus klassischen Grautönen und schwarzen Akzenten gefestigt und offenbart sich nicht zuletzt im Spiel zwischen harten kalten Materialen, wie Glas und Stein, und der wohnlichen Wärme von Holz und Textilien. Die so erschaffene Vielseitigkeit des Raums betont auf sehr zeitgemäße Art ein neues Verständnis gehobener Wohnkultur und den Anspruch, Privatheit und Offenheit, Repräsentation und Wohlgefühl kompromisslos in sich zu vereinen.

TEXTDATEN:
Beschreibung eines Münchner Lofts für die Mappe eines Immobilien-Unternehmens. Arbeit anhand von zwei Fotografien.
Themenbereiche: Inneneinrichtung, Architektur
Textart: Stimmungstext, Beschreibung
Textfarben: grau, schwarz, weiß, grau-beige

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