{"id":1231,"date":"2016-05-26T12:37:01","date_gmt":"2016-05-26T11:37:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.textloft.de\/musterbuecher\/?p=1231"},"modified":"2021-06-28T15:40:57","modified_gmt":"2021-06-28T14:40:57","slug":"duefte-einer-strasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.textloft.de\/musterbuecher\/duefte-einer-strasse\/","title":{"rendered":"D\u00fcfte einer Stra\u00dfe"},"content":{"rendered":"<p>Der Boulevard Edouard Baudoin duftet. Ganz gleich um welche Tageszeit, ganz gleich ob der Weg von S\u00fcden nach Norden oder umgekehrt f\u00fchrt, ganz gleich ob sich der Himmel postkartenblau oder st\u00fcrmisch gibt \u2013 es gelingt ihm nie, einfach nur irgendeine Stra\u00dfe zu sein.<br \/>\nEr ist eine m\u00e4rchenhaft gezeichnete Kulisse, die \u00fcber die Jahre, die Jahrzehnte hinweg sich jenseits aller Ver\u00e4nderungen und allen Wandels die perfekte F\u00fclle einer endlosen Vielfalt an Universen erhalten hat. Bedingungslos konkret ist das Leben hier, das sich auf so selbstbewusste und selbstverst\u00e4ndliche Weise den Luxus eines bescheidenen, unkompliziert fr\u00f6hlichen und nat\u00fcrlichen Alltags leistet. Der rege Verkehr, die kindlich t\u00f6nenden Hupen, das klackend schleppende Tanzen der Sandalen, die gekonnt zwischen sorglosem Schlendern und spielerischer Hektik balancieren, bilden eine weltentr\u00fcckte Realit\u00e4t. Der Trubel ist anders: unbeschwert bildhaft, in seiner anspruchsvollen Ziellosigkeit von unvergleichlicher und ruhiger, luftiger Freiheit.<br \/>\nDer Strand ist nicht zu sehen, nach wenigen Metern im Schatten schon fast vergessen und nur noch im bittergr\u00fcnen Geruch des Meeres, den der Wind in hilflosen kleinen St\u00f6\u00dfen ab und an hineintr\u00e4gt, in Erinnerung. Eine bunte H\u00f6hle aus Glas, Neon und Musik jagt auf der rechten Seite mit der braunen S\u00fc\u00dfe knuspriger Waffeln die k\u00fchle Brise babelartiger Eiscremepyramiden auf die grauen Pflastersteine des B\u00fcrgersteigs. Die sonnensatte Haut entspannt sich und verweilt in vertr\u00e4umtem Schlecken. Wie ein dezenter Weckruf kitzelt ein goldener Geruch aus Leder, Parfums und edlen Pflegecremes die Nase und f\u00fchrt mit einem luxuri\u00f6sen Intermezzo in den Fluss des Treibens zur\u00fcck. Gleich nebenan wird ein vertraut altmodischer Cocktail aus Staub, Zeitungspapier, dunklem Tabak und vertrockneten Marshmallows von zwei quietschend und wackelnd drehenden Postkartenst\u00e4ndern bewacht. Gutm\u00fctig und ein wenig verr\u00fcckt muten sie an \u2013 zu oft wurden sie wohl gestreichelt, im \u00dcberschwang herumgewirbelt, bis ihnen schwindelig wurde. Und doch m\u00f6gen sie es hier zwischen all den Fremden, die sie betatschen und schubsen, und sie weigern sich noch immer, ihren Posten zu verlassen. Zum alten Eisen geh\u00f6ren sie noch lange nicht, und sie behaupten sich weiter, treu, stolz und ein wenig st\u00f6rrisch.<br \/>\nNach einem kleinen Knick wird es Zeit, sich zu entscheiden: Geradeaus ist das staubige Dach des Pinienhains zu sehen, der von der \u00fcberw\u00e4ltigenden W\u00e4rme frisch gebrannter Erdn\u00fcsse und den Kl\u00e4ngen des alten Karussells erf\u00fcllt ist, w\u00e4hrend rechts glei\u00dfendes Licht verf\u00fchrerisch zu \u00fcberreden trachtet \u2013 so strahlend wei\u00df gl\u00e4nzen Boote und Fassaden, so facettenreich glitzert das Wasser, so spannend scheint das Herumstolzieren der Jungen und Sch\u00f6nen.<br \/>\nEin wenig abseits von diesen Versuchungen jedoch lockt unaufdringlich und feinsinnig mediterran der w\u00fcrzige Duft von gegrilltem Fisch und herber Zitrone. Rote Holzb\u00e4nke an langen Tischen warten auf die milde Geselligkeit der fr\u00fchen Abendstunden. Gegen\u00fcber g\u00e4hnt noch \u2013 vom leise knisternden Holz gelangweilt und der Hitze m\u00fcde \u2013 der ascheverschmierte Tonofen der Pizzeria. Der Magen w\u00e4hnt sich schon am Ziel, die Zunge sehnt sich nach Tomaten, Oliven und Brot.<br \/>\nEin goldener, lauwarmer Sonnenstrahl streift den abbl\u00e4tternden grauen Lack einer winzigen T\u00fcr. Die greifbare Trockenheit von Baumwolle, Viskose und uralten gewachsten Regalen entweicht etwas verlegen. Sie m\u00f6chte gern hierher geh\u00f6ren, scheint jedoch obsolet, hoffnungslos unscheinbar. Gegen die gelbe Samtigkeit von Kokos\u00f6len und k\u00fchlendem Anis, die immer auff\u00e4lliger den sp\u00e4ten Nachmittag erobert, ist sie chancenlos. Dass sie nach all den Jahren noch da ist, gleicht ohnehin einem Wunder.<br \/>\nBei\u00dfende Abgase und \u00fcberraschende K\u00e4lte beenden mit einem unerwarteten Schaudern den Spaziergang durch diese einzigartige, lebhafte und gleichwohl wirklichkeitsferne Welt: Um die Ecke schafft die Klimaanlage einer Edelboutique den schroffen \u00dcbergang in die Realit\u00e4t zur\u00fcck.<\/p>\n<p><span style=\"color: #993300;\"><strong><em>TEXTDATEN:<br \/>\n<\/em><\/strong><em>Beschreibung einer Stra\u00dfe in einem Ferienort an der Mittelmeerk\u00fcste.<br \/>\n<strong>Themenbereiche:<\/strong> Tourismus<br \/>\n<strong>Textart:<\/strong> Stimmungstext, Beschreibung, Artikel<br \/>\n<strong>Textfarben:<\/strong> orange, hellocker<br \/>\n<\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Boulevard Edouard Baudoin duftet. 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