{"id":1151,"date":"2015-03-03T15:21:10","date_gmt":"2015-03-03T14:21:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.textloft.de\/musterbuecher\/?p=1151"},"modified":"2024-05-02T09:51:50","modified_gmt":"2024-05-02T08:51:50","slug":"der-sieg-der-schildermaler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.textloft.de\/musterbuecher\/der-sieg-der-schildermaler\/","title":{"rendered":"Der Sieg der Schildermaler"},"content":{"rendered":"<p>Sie waren nicht die ersten gewesen, die nach und nach hatten erkennen m\u00fcssen, dass ihre Arbeit keinen Sinn mehr hatte. Nach den fahrenden Lumpensammlern, Scherenschleifern und Regenschirmflickern waren auch die Schildermaler zum Opfer einer kurzlebigen und \u00f6konomischen Welt geworden.<br \/>\nGeschichte aber wird nicht so schnell geschrieben, wie es zuweilen scheinen mag.<\/p>\n<p>Die Wende war in den 90-er Jahren des 20. Jahrhunderts gekommen. Computergest\u00fctztes Design und materialunabh\u00e4ngige Druckm\u00f6glichkeiten hatten ihr Handwerk in ein \u00fcberfl\u00fcssiges Relikt \u00fcberholter Zeiten verwandelt. Perfekter, schneller und preiswerter waren die Alternativen, die ein seit dem Mittelalter bestehender Beruf zur unwirtschaftlichen Liebhaberei degradiert, wenn nicht gar f\u00fcr immer ausgel\u00f6scht hatte.<br \/>\nSieb- und Foliendruck hatten leichtes Spiel gehabt;nbsp;\u2013 waren sie doch zunehmend erschwinglicher und zug\u00e4nglicher geworden. A3-Ger\u00e4te f\u00fcr das Home Office machten es erst recht einfach, eine T\u00e4tigkeit auszubooten, die von vornherein die schlechtesten Voraussetzungen gehabt hatte. Es ging um Kunst und Handschrift\u00a0\u2013 zwei Dinge, die in der maschinellen Wirklichkeit der neuen \u00c4ra, die sogar an das vollst\u00e4ndige Verschwinden des Papiers glauben wollte, keinen Platz mehr hatten. Rein profitorientiert und streng rationalisiert gab sich das Gesch\u00e4ftsleben, dynamisch-steril und gnadenlos effizient das kaufm\u00e4nnische Image.<\/p>\n<p>Auch wenn dieser Niedergang die Schildermaler zweifellos existentiell mit voller H\u00e4rte traf und in den Herzen jene Bitterkeit hinterlie\u00df, die f\u00fcr jeden unausweichlich mit der Erkenntnis einhergeht, er werde nicht mehr gebraucht und sein besonderes K\u00f6nnen habe f\u00fcr die Gesellschaft, in der er lebt, keinen Wert mehr, war das Ungl\u00fcck auch ein Gl\u00fccksfall.<\/p>\n<p>Nachdem es sich gezwungenerma\u00dfen von allem praktischen Nutzen befreit hatte, entdeckte das Handwerk der sch\u00f6nen Buchstaben eine neue Dimension. Als nunmehr \u00fcberfl\u00fcssige Fertigkeit konnte es sich mit dem vers\u00f6hnen, was es einst gewesen war: die \u00e4sthetische, graphisch-k\u00fcnstlerische Interpretation von Schrift, ein Bindeglied zwischen zweckfreier Kalligraphie und zweckorientiertem Druck.<br \/>\nUnter der Bezeichnung \u201eHand Lettering\u201c wurde es als Hobby beliebt, als \u201eChalk Art Typography\u201c entwickelte es sich vom fl\u00fcchtigen Dekorationsgegenstand zum graphischen Element des Corporate Designs zur\u00fcck. Bekannte Bekleidungs- und Sportausstattungsunternehmen haben unter vielen anderen zu den handgemalten Schriftz\u00fcgen zur\u00fcckgefunden.<\/p>\n<p>Ob f\u00fcr das kleine Caf\u00e9 um die Ecke oder f\u00fcr weltumspannende Konzerne\u00a0\u2013 das gemalte Schild ist nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich, sondern eine Besonderheit, die man sich ganz bewusst g\u00f6nnt und f\u00fcr die man sich gezielt entscheidet. So wurde aus dem Handwerk wieder Kunst, aus den gezeichneten Buchstaben wieder eine begehrte Kostbarkeit.<br \/>\nDie Schildermaler haben gesiegt.<\/p>\n<p><span style=\"color: #993300;\"><strong><em>TEXTDATEN:<br \/>\n<\/em><\/strong><em>Betrachtung einer zeitgen\u00f6ssichen Entwicklung.<br \/>\n<strong>Themenbereiche:<\/strong> Schriftkultur, Kunst und Unternehmen<br \/>\n<strong>Textart:<\/strong> Kolumne, Artikel<br \/>\n<strong>Textfarben:<\/strong> grau, schwarz, wei\u00df<br \/>\n<\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie waren nicht die ersten gewesen, die nach und nach hatten erkennen m\u00fcssen, dass ihre Arbeit keinen Sinn mehr hatte. Nach den fahrenden Lumpensammlern, Scherenschleifern und Regenschirmflickern waren auch die Schildermaler zum Opfer einer kurzlebigen und \u00f6konomischen Welt geworden. Geschichte aber wird nicht so schnell geschrieben, wie es zuweilen scheinen mag. 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