Saisonbeginn

Die Saison beginnt mit einem Geräusch. Ein leichtes, halb polterndes, halb kratzendes Schleifen ist zu hören. Erst schüchtern, unsicher, zögernd schleicht es sich aus einem alten Haus, das Monate lang leblos schien. Gleich wieder löst es sich fast verschämt im noch weißlichen Licht auf, als wäre es nur ein Versehen. Doch das Signal ist gegeben. Bald folgen andere seinem Beispiel, hüpfen kreischend von allen Seiten heraus, und mit jedem weiteren setzt sich freudige Aufregung gegen den Winter durch.

Es sind nicht die lärmenden Autokolonnen der rücksichtslos heranstürmenden Touristen, die den Sommer verkünden. Es sind nicht die verblassten Mimosenblüten. Es sind nicht die eifrigen Bepflanzungen an den Promenaden, nicht die ersten warmen Tage, nicht die breitgeöffneten Fernster, die nach Luft und Erneuerung dürsten. Lange bevor die Strände sich füllen, ist es zu vernehmen – jeden Tag selbstbewusster. An öffentlichen Plätzen, Restaurant-Terrassen, aufgeräumten Gärten, verstohlenen Pergolen reiben Stuhlbeine aus Plastik und Metall auf Stein, Beton, Marmor und Zement. Sie scheinen allgegenwärtig zu sein. Sie werden vorgerückt und zurückgeschoben, hergezogen und hingewackelt, und kreischen zuweilen frech und unbändig wie Kreide auf einer ungeliebten Schultafel. Es ist ein Konzert voller Erleichterung, voller bescheidenen und schmunzelnden Übermuts, das die Rückkehr des Lebens begrüßt.

An Orten des Südens findet der Sommer im Weckruf der unzähligen Stuhlbeine einen Morgen. Seine entspannte und anspruchslose Frische erleben nur diejenigen, die hier wohnen und in den vielen Jahrzehnten und Jahrhunderten von der Natur das geduldige Warten ruhiger Weisheit gelernt haben. Von Hektik ist nichts zu spüren. Genüsslich und verschmitzt beginnt eine Zeit, die andere zu einem Fest machen werden.

TEXTDATEN:
Artikel, Kolumne, Sprecher-Text für eine TV-Dokumentation
Themenbereiche: Tourismus, Mittelmeer, Orte des Sommers
Textart: Stimmungstext, Momentaufnahme, Bildtext
Textfarben: weiß