Sahniger Morgen

Bis spät in den Vormittag hinein beherrscht ein gebrochenes Weiß die Stadt. Es ist nicht sichtbar, aber man kann es hören, schmecken und riechen.

Wenn der Himmel noch nicht blau, das Meer noch glatt und der Sand noch kühl ist, erhebt sich ein leise klimperndes Kratzen aus der Tiefe empor. Aus den Hotelküchen, den weit geöffneten Türen noch menschenleerer Restaurants, den unterirdischen Spülküchen meldet sich die helle und doch dumpfe Sprache des groben Frühstücksgeschirrs, wenn die rauen Gefäßböden und Untertassen aneinanderreiben.
Die schüchternen Laute des dicken, cremig-krakelierten Porzellans sind die ersten Anzeichen des beginnenden Tages. Die einen geleiten sie ohne Hast und behutsam in die Arbeit hinein. Für die anderen sind sie ein vertrauter Gruß – die letzte Gelegenheit, sich genüsslich umzudrehen und sich des Faulenzens bewusst zu werden, oder voller Entdeckungslust aus dem Bett zu springen. Immer aber sind sie der untrügliche Beweis, dass der Sommer begonnen hat.

Nach und nach gesellt sich Kaffee hinzu – jedoch nicht scharf, nicht würzig, nicht bitter oder herb, sondern harmonisch leicht und weich. Denn er ist nie allein.
Es ist die Zeit der heißen, dampfenden Milchkähnchen. Gekocht, geschäumt, nur auf die Schnelle ein wenig erwärmt … Der Geruch von Milch ist allgegenwärtig. Er erfüllt die Terrassen, Flure, Balkons, Zimmer und Gärten, verläuft sich durch die leuchtenden Straßen und die schattigen Parks und gelangt bis zur Strandpromenade. Er betäubt die Sinne, dämpft Geräusche, Licht und Gedanken, verschiebt Dringliches auf später. Weiße, feuchtwarme Brotkrume und die seidige Bräune frischer Croissants entfalten ihre noch klebrige Säure und kommen ihm zu Hilfe.
Die Frühstückszeit zieht sich hin und verschmilzt zuweilen mit dem Tag.

Dieser sahnige Duft macht den Morgen träge. Während andernorts, in weiter, vergessener Ferne, der Auftakt zu einem hektischen Treiben längst abgeschlossen ist, erinnert er an die Kunst der Langsamkeit, des Mäßigens und des Genießens. Er setzt die Dinge ins rechte Licht und zeigt aufs Neue, dass nichts so wichtig ist, als dass es nicht warten könnte. Er lenkt den Blick auf die Umgebung, auf die Schönheit des Augenblicks und der Betrachtung, lädt zum Planen ein, ordnet in Ruhe die bunte Geschäftigkeit, verwandelt Melancholie in kostbare Erinnerungen.

An Orten des Sommers ist die Sahnigkeit des Morgens Vorrecht und Programm – ein schützender Zaun um die entwaffnend gelassene Leichtigkeit des Seins.

TEXTDATEN:
Einleitungstext zu einem Bildband-Kapitel, Sprechertext zu einer Fernseh-Dokumentation.
Themenbereiche: Tourismus, Mittelmeer, Orte des Sommers
Textart: Stimmungstext, Momentaufnahme, Bildtext
Textfarben: weiß, hellbeige