Regentage

Sonne schafft Ewigkeit … Sie hebt die Zeit auf und verwandelt sie in einen beruhigend gleichmäßigen Fluss. Sie verbannt Eile und Hektik, weil sie Angst und Zweifel jeder Stimme beraubt. Die Steine der Mauern, die sie errichtet, erzählen von einer sicheren Zukunft jenseits der Welt, von einem Morgen, der kein Handeln verlangt, von einem Leben, das sich selbst genügt. An Orten des Sommers hat der Kalender keine Macht, hier gibt es weder Anfang noch Ende. Was nicht nah ist, existiert kaum. Selbst Lärm, Verkehr, Menschen, Pflichten und Sorgen vermögen es nicht, die Stille zu stören, die von einem Draußen erlöst und schützt. In diesem harmonischen Schweben ist ein Regentag Unterbrechung und Vergangenheit. Während die Natur sich erholt, sich sammelt und neue Kraft schöpft, während das Grün durchatmet und der Staub verschwindet, öffnet sich ein Spalt. Das Frühstück zieht sich endlos hin, der Geist sucht unentschlossen nach der Erinnerung. Mit jedem Regentropfen dringt die Gegenwart, die Wirklichkeit, die Ferne, die Fremde hinein – mit ihren Fakten, Fragen und Erwartungen. Für kurze Zeit erscheint sie verführerisch, aufregend und spannend, trügerisch reizvoll und erstrebenswert.
Der erste Sonnenstrahl zerstreut die Illusion wieder, löst sie auf, löscht sie, verklärt sie dankbar zu einer erfrischenden, doch bedeutungslosen Ausnahme. Einige Tage noch wird das Gefühl der Andersartigkeit bewusst gelebt, bis das Vergessen die Erleichterung ersetzt.