Mittag

Tageszeiten haben überall ihre eigenen Farben, Gerüche und Klänge, ihre Funktion und Vorzüge. An Orten des Sommers ist die Mittagszeit von allen die sinnloseste. Sie ist ein Warteraum voller Frust, Ungeduld und Verdruss. Die Fremden nutzen sie, weil sie sie nicht verstehen. Lautstark fallen sie in Straßen und Gassen ein, ergießen sich über Plätze und Bänke. Sie hungert und dürstet es nach Stunden, die es hier nicht gibt, die nur ein leeres und ödes Blatt sind. In ihrer Unkenntnis und ihrem überwältigenden Tatendrang versuchen sie, es voll zu kritzeln, mit schreiend bunten, zwanghaft fröhlichen Bildern zu beschmieren. Das weiße Loch allerdings verschlingt ihre Bemühungen, radiert ihr Treiben aus.
Das echte Leben bleibt träge und mürrisch, versteckt sich – einer über Jahrhunderte bewährten Vernunft folgend, die wie ein Glaubensbekenntnis tradiert wird – widerstrebend im Dunkel. Surrogate aus zu kräftig raschelndem Zeitungspapier, zu stark aufgedrehten Fernsehern sollen die bewegungslos ruhende Luft durchbrechen, und doch ist die Stille, die sie erschaffen, von umso abgründigerer Tiefe. Gruselig hohl klingt das Ticken alter Uhren. In der abgeschiedenen staubigen Kühle drehen sich ihre blechernen Zeiger nur quälend und schleppend dem Ende des Banns entgegen.
Erst wenn das gleißende Weiß einem goldenen Schimmer weicht, wenn die Schatten bläulich verblassen, wenn ein sanfter Wind sich wieder der Düfte annimmt, kehrt der Tag zurück. Die Welt ist leichtfüßiger geworden, lächelt süß und sorgenfrei. Der Groll ist augenblicklich verflogen – als hätte es ihn niemals gegeben. Die vier verlorenen Stunden sind schon Vergangenheit. An Orten des Sommers ist das Vergessen schnell, rückstandslos und aufrichtig. Der Kreislauf beginnt von Neuem.