Der Tag der alten Herren

Die Sonne scheint wie immer, der Himmel ist gewohnt strahlendblau. Doch heute ist etwas anders. Die frühen Morgenstunden ließen jene grüne Kühle vermissen, die die Luft scharf und klar färbt. Breitbeinig und bald mürrisch sitzen die Touristen in teigiger Müdigkeit. Streifen von Indigo drücken eine milchig-staubige Schicht auf die regungslosen Kronen der Pinien. Lange vor Mittag steht die Hitze bereits.
Die Wettervorhersage hat schwere Gewitter und sintflutartige Regengüsse angekündigt.

Dies ist der Tag der alten Herren.
Der Rücken ist heute gerader, der Blick aufgeweckt, aufmerksam, verschmitzt. Die Schultern entspannen sich erleichtert und stolz. Der Schritt tänzelt beinahe leichtfüßig neben dem ein wenig glänzenderen Spazierstock, der plötzlich wie ein liebevoll gepflegtes und selbstironisches Accessoire anmutet. Frische, tadellos gebügelte Hemden, lange weiße Hosen, elegante Panamahüte und brandneue Mützen zeugen von einer kindlich-aufgekratzten Vorfreude.
Der erste Weg führt zum Zeitungsladen, wo schon früh lebhafte Stimmung herrscht. Im fliedervioletten Schatten des Boccia-Platzes, nahe den Bänken, auf die sich zu setzen in der Aufregung niemand mehr gedenkt, entbrennen kundige meteorologische Debatten. Knochige Hände ziehen aus Brust- und Hosentaschen abgegriffene Schreibblöckchen. Ungelenk gespitzte Bleistifte und klickende Kugelschreiber unterstreichen, kritzeln, vergleichen. Der ganze Park hallt von den alten Stimmen wider, die lachend und streitend die Zeit vergessen und von den verständnislosen, leer fragenden Augen junger Passanten keinerlei Notiz nehmen. Arme schwingen sich gegen den Horizont, belehrende Finger deuten Farben und Windströmungen, lesen die Sprache der Wellen. Zerknitterte Zettel werden fieberhaft und unbeholfen gesucht, sortiert, gezeigt, getauscht, Daten interpretiert und kommentiert, Erinnerungen zu Rate gezogen.
Wenn der Duft von Tomaten, Oliven und gegrilltem Fisch immer appetitlicher bis in die letzten Winkel der Stadt vordringt, zerstreuen sich für einige Stunden die kleinen Gruppen, um Leib, Ehefrau und Ruhe zu ihrem Recht kommen zu lassen. Das Intermezzo verstreicht nicht ungenutzt. Wetterkarten und Nachrichtensendungen geben dem Tatendrang neue Nahrung.
Mit dem Fortschreiten des Nachmittags, wenn die Aufregung zu lange währt, werden die Gespräche leiser, friedlicher, mitunter etwas wehmütig. Ermattung schleicht sich hinterrücks an – noch wird sie mutig bekämpft und vertrieben.

Mit den ersten Blitzen, den ersten Donnerschlägen, den ersten Tropfen lösen sich Prognosen, Fragen und Antworten im Dampf des Bürgersteigs auf. Sie sind nicht mehr wichtig. Endlich ist etwas passiert. Einen Tag lang war das Leben spannender, außergewöhnlicher, erfrischend, unbändig anders. Mit dem Sonnenuntergang geht nach jedem Unwetter ein Tag zu Ende, der an Orten des Sommers nur den alten Herren gehört.