Der Stuhl

Die Gasse ist so schmal, dass sich nicht einmal Platz für einen Bürgersteig findet. Kaum jemand verirrt sich hierher, Fahrzeuge kommen nicht vor. Zwischen den verwitterten alten Mauern, die in blassem Rosé zart das sinnlose graue Teerband säumen, herrscht für gewöhnlich Stille. Das Leben der Stadt, das sich erst jenseits eines gekonnten Labyrinths ausbreitet, klingt fern und fremd. Charmantes Gras blitzt hie und da unbehelligt im winzigen gelblichen Streifen, der sandig Häuser und Straße trennt.
Neben einer offenen Tür, die nur leere dunkle Kühle preisgibt, steht ein zierlicher Stuhl. Er war einmal blau, doch das ist lange her. Die Mittagssonne hat ihn gebleicht und den Ockerstaub um seine Beine etwas hochgewirbelt, als der heiße leichte Wind für einen kurzen Augenblick durch die Gasse trieb.
Er wurde nicht vergessen – das hier ist sein Platz. Jeden Morgen findet er den Weg heraus in die frische Wärme des aufkeimenden Tages. Jeden Abend, wenn die Luft längst wieder kühl, der Himmel weiß geworden ist, trägt ihn eine unsichtbare Hand schützend wieder hinein. Zuweilen, selten jedoch, gesellt sich zu ihm ein kleiner, fragiler Tisch, der schon bessere Zeiten gesehen hat.
Der Spaziergänger, der ihn hinter einer Wegbiegung ganz zufällig erblickt, bleibt auf der Stelle verlegen stehen und fühlt sich ob seines ungewollten Eindringens ein wenig schuldig. Instinktiv spürt er, dass seine bloße Anwesenheit eine unausgesprochene Grenze überschreitet und die Ruhe stört.
Der leere Stuhl ist nicht einsam, nicht verlassen, und geheimnisvoll scheint er nur zu sein. Tatsächlich ist er unaufgeregtes Lebenszeichen, stumme Erzählung, zeitloser Alltag und Selbstverständlichkeit – und doch zu privat, um sich dem Passanten zu entblößen. Seine Geschichte verweilt verletzlich und ungesagt im violetten Schlagschatten der schmalen Gasse.