Das erste rote Blatt

In südlicheren Ländern löst der Herbst nur ganz unmerklich den Sommer ab. Er bewahrt dessen fröhliche Unbeschwertheit bis in die kalten Tage hinein, trägt sie fort, als würde er ewig währen. Es ist eine lebensleichte Zeit des Überflusses und des Optimismus’, der Unbekümmertheit. Das Licht strotzt vor Kraft, Natur und Mensch sind erholt und gesund, alles scheint möglich.
Hier im nordeuropäischen Raum hat der Herbst eine ganz andere Qualität. Er ist in erster Linie Einschnitt. Hier ist es nicht der Frühling, der von Neubeginn erzählt: Es ist das erste rote Blatt, wenn der September den Kampf gegen die Zeit aufgibt.

Die Sonnenstrahlen fallen noch heiß und hell auf die Knospen der Kapuzinerkresse, die unbeirrt blüht und wächst. Die Morgenluft schmeckt grün und frisch, in den alten Krügen wachsen die Kornblumen weiter bestrebt und schüchtern dem Himmel entgegen, müde Hummeln auf Nahrungssuche brummen in den Nachmittag hinein.
Doch auf einmal ist das Zeichen da: das erste rote Blatt. Mit ihm wird das Licht blasser, ruhiger, gelassener und gleichgültiger, der Tau aufdringlicher und würziger. Die letzten schönen Tage werden hastig genutzt, gierig aufgesogen, dankbar festgehalten. Aber ernst genommen werden sie nicht mehr, denn in Gedanken hat man sie schon längst verlassen. Unruhig wandert der Geist wie auf Abwegen bereits zu den ernsten Dingen, und nach den faulen Tagen angestrengter Hitze und entspannenden Überschwangs führt rege Betriebsamkeit in eine neue Dimension. Gartenmöbel werden ins sichere Trockene gebracht, Gerätschaften gepflegt und eingeräumt, die letzten Arbeiten am Haus gewissenhaft durchgeführt, einmal noch werden die Fenster geputzt, der Hof gekehrt, ein letztes Mal werden Bäume gestutzt … Der Abend ist feuchter, warnend, er riecht nach Farn und Pilz.

Mit dem ersten roten Blatt, das in wärmeren Regionen völlig unbemerkt bliebe, wird hier das Verständnis der Jahreszeiten auf einmal ursprünglicher, natürlicher, und der Mensch kommt der Erdgeschichte und seiner eigenen wieder näher. Jahrtausendealte Ängste treten aus dem Erbe des kollektiven Bewusstseins heraus, und obwohl sie dank Technik und Fortschritt in Wirklichkeit keine Gültigkeit mehr haben, mahnen sie wortlos und instinktiv zu Demut und Vorsicht. Die Party ist vorbei, geschäftig wird aufgeräumt, gesäubert, das Leben wird zurückgesetzt, abseits des sommerlichen Leichtsinns, des Hochgefühls und des Hochmuts kehren Vernunft und Alltag ein. Unwillkürlich denkt man an Rilke.
Animistisch wird mit der Natur verhandelt – Blumenzwiebeln finden den Weg in die noch lauwarme Erde, Ordentlichkeit und Pflichtbewusstsein werden mit beinah religiös-abergläubischem Eifer als Tribut und Pfand eingesetzt.

Auch in Zeiten schneefreier Winter hat sich hier im Norden nichts daran geändert. Es beginnt mit dem ersten roten Blatt die Zeit des nervösen Aufbruchs.