KUNST:TEXT

Text-Galerie von Martine Paulauskas

Category: Orte des Sommers

Der Stuhl

Die Gasse ist so schmal, dass sich nicht einmal Platz für einen Bürgersteig findet. Kaum jemand verirrt sich hierher, Fahrzeuge kommen nicht vor. Zwischen den verwitterten alten Mauern, die in blassem Rosé zart das sinnlose graue Teerband säumen, herrscht für gewöhnlich Stille. Das Leben der Stadt, das sich erst jenseits eines gekonnten Labyrinths ausbreitet, klingt fern und fremd. Charmantes Gras blitzt hie und da unbehelligt im winzigen gelblichen Streifen, der sandig Häuser und Straße trennt.
Neben einer offenen Tür, die nur leere dunkle Kühle preisgibt, steht ein zierlicher Stuhl. Er war einmal blau, doch das ist lange her. Die Mittagssonne hat ihn gebleicht und den Ockerstaub um seine Beine etwas hochgewirbelt, als der heiße leichte Wind für einen kurzen Augenblick durch die Gasse trieb.
Er wurde nicht vergessen – das hier ist sein Platz. Jeden Morgen findet er den Weg heraus in die frische Wärme des aufkeimenden Tages. Jeden Abend, wenn die Luft längst wieder kühl, der Himmel weiß geworden ist, trägt ihn eine unsichtbare Hand schützend wieder hinein. Zuweilen, selten jedoch, gesellt sich zu ihm ein kleiner, fragiler Tisch, der schon bessere Zeiten gesehen hat.
Der Spaziergänger, der ihn hinter einer Wegbiegung ganz zufällig erblickt, bleibt auf der Stelle verlegen stehen und fühlt sich ob seines ungewollten Eindringens ein wenig schuldig. Instinktiv spürt er, dass seine bloße Anwesenheit eine unausgesprochene Grenze überschreitet und die Ruhe stört.
Der leere Stuhl ist nicht einsam, nicht verlassen, und geheimnisvoll scheint er nur zu sein. Tatsächlich ist er unaufgeregtes Lebenszeichen, stumme Erzählung, zeitloser Alltag und Selbstverständlichkeit – und doch zu privat, um sich dem Passanten zu entblößen. Seine Geschichte verweilt verletzlich und ungesagt im violetten Schlagschatten der schmalen Gasse.

Der Tag der alten Herren

Die Sonne scheint wie immer, der Himmel ist gewohnt strahlendblau. Doch heute ist etwas anders. Die frühen Morgenstunden ließen jene grüne Kühle vermissen, die die Luft scharf und klar färbt. Breitbeinig und bald mürrisch sitzen die Touristen in teigiger Müdigkeit. Streifen von Indigo drücken eine milchig-staubige Schicht auf die regungslosen Kronen der Pinien. Lange vor Mittag steht die Hitze bereits.
Die Wettervorhersage hat schwere Gewitter und sintflutartige Regengüsse angekündigt.

Dies ist der Tag der alten Herren.
Der Rücken ist heute gerader, der Blick aufgeweckt, aufmerksam, verschmitzt. Die Schultern entspannen sich erleichtert und stolz. Der Schritt tänzelt beinahe leichtfüßig neben dem ein wenig glänzenderen Spazierstock, der plötzlich wie ein liebevoll gepflegtes und selbstironisches Accessoire anmutet. Frische, tadellos gebügelte Hemden, lange weiße Hosen, elegante Panamahüte und brandneue Mützen zeugen von einer kindlich-aufgekratzten Vorfreude.
Der erste Weg führt zum Zeitungsladen, wo schon früh lebhafte Stimmung herrscht. Im fliedervioletten Schatten des Boccia-Platzes, nahe den Bänken, auf die sich zu setzen in der Aufregung niemand mehr gedenkt, entbrennen kundige meteorologische Debatten. Knochige Hände ziehen aus Brust- und Hosentaschen abgegriffene Schreibblöckchen. Ungelenk gespitzte Bleistifte und klickende Kugelschreiber unterstreichen, kritzeln, vergleichen. Der ganze Park hallt von den alten Stimmen wider, die lachend und streitend die Zeit vergessen und von den verständnislosen, leer fragenden Augen junger Passanten keinerlei Notiz nehmen. Arme schwingen sich gegen den Horizont, belehrende Finger deuten Farben und Windströmungen, lesen die Sprache der Wellen. Zerknitterte Zettel werden fieberhaft und unbeholfen gesucht, sortiert, gezeigt, getauscht, Daten interpretiert und kommentiert, Erinnerungen zu Rate gezogen.
Wenn der Duft von Tomaten, Oliven und gegrilltem Fisch immer appetitlicher bis in die letzten Winkel der Stadt vordringt, zerstreuen sich für einige Stunden die kleinen Gruppen, um Leib, Ehefrau und Ruhe zu ihrem Recht kommen zu lassen. Das Intermezzo verstreicht nicht ungenutzt. Wetterkarten und Nachrichtensendungen geben dem Tatendrang neue Nahrung.
Mit dem Fortschreiten des Nachmittags, wenn die Aufregung zu lange währt, werden die Gespräche leiser, friedlicher, mitunter etwas wehmütig. Ermattung schleicht sich hinterrücks an – noch wird sie mutig bekämpft und vertrieben.

Mit den ersten Blitzen, den ersten Donnerschlägen, den ersten Tropfen lösen sich Prognosen, Fragen und Antworten im Dampf des Bürgersteigs auf. Sie sind nicht mehr wichtig. Endlich ist etwas passiert. Einen Tag lang war das Leben spannender, außergewöhnlicher, erfrischend, unbändig anders. Mit dem Sonnenuntergang geht nach jedem Unwetter ein Tag zu Ende, der an Orten des Sommers nur den alten Herren gehört.

Süße Hitze

In der ewigen Gleichförmigkeit der Sonne ist das Leben nicht mehr individuelle Frage, sondern allgemeine Gewissheit. Es zu quantifizieren, in Kategorien einzuteilen, wird überflüssig. An Orten des Sommers haben Werte auf einem Thermometer deshalb keine wirkliche Bedeutung – sind sie doch relativ, subjektiv, ein wenig suspekt. Meteorologische Daten sind hier weder Planungshilfe noch wissenschaftliches Thema. Sie muten eher wie ein privater, kindlich-ältlicher Zeitvertreib an. Sie sind Anekdoten, selbstironische Sammelobjekte in Zeiten übergriffiger Unterbeschäftigung.

Die Hitze ist keine Zahl. Sie ist dunkle Süße.

In der schweren Luft, die sich nur noch widerwillig und viel zu selten bewegt, verschmilzt die verspielt blätterige Hülle gebrannter Erdnüsse und Mandeln mit dem allgegenwärtigen Duft vanilliger Sonnenmilch. Bleiern goldene Parfüms und Kokosöl auf brauner Haut verstören die ordentlich graphischen Schichten sahnig-fruchtiger Eiskreationen. Sandiger Mürbeteig und pappiges Brot entfliehen mürrisch in dumpfem Mehlstaub durch die weit offenen Türen verschlafener Bäckereien. Die grünen Noten von Fisch, Zitronen und Kräutern verstummen machtlos im brennenden Licht. Modrige Schwaden von Leder und Plastik besetzen regungslos die Straße, während wolkige Hauben pinkfarbener Zuckerwatte unerbittlich Parks und Bänke erfüllen.

Die Süße ist überall: im poppigen Strandspielzeug, in der pralinenhaften Eleganz verwaister Parfümerien, im makellosen Weiß des türkischen Honigs, im glühend heißem Metall der Waffeleisen und Crêpes-Platten und den schmelzenden Nougatcremes und Konfitüren, die ihre weich-knusprige Bräune zu einem unwiderstehlich dekadenten Genuss ergänzen.

Auch am Abend, wenn die letzten orangenen Strahlen sich nach und nach im stumpfen Graublau eines dunstbeladenen Himmels auflösen, hallt in frischem Teig, reifen Tomaten, gelblichem Anis und im Karamell dunkel gebratenen Fleischs diese aufdringliche Süße nach.
Sie macht müde und willenlos, besticht die Nase, betäubt den Geist.

Erst wenn sie im Wind vergeht, wenn sie die Vielfalt der Gerüche wieder ablöst, ist die Hitze wirklich vorbei.

Mittag

Tageszeiten haben überall ihre eigenen Farben, Gerüche und Klänge, ihre Funktion und Vorzüge. An Orten des Sommers ist die Mittagszeit von allen die sinnloseste. Sie ist ein Warteraum voller Frust, Ungeduld und Verdruss. Die Fremden nutzen sie, weil sie sie nicht verstehen. Lautstark fallen sie in Straßen und Gassen ein, ergießen sich über Plätze und Bänke. Sie hungert und dürstet es nach Stunden, die es hier nicht gibt, die nur ein leeres und ödes Blatt sind. In ihrer Unkenntnis und ihrem überwältigenden Tatendrang versuchen sie, es voll zu kritzeln, mit schreiend bunten, zwanghaft fröhlichen Bildern zu beschmieren. Das weiße Loch allerdings verschlingt ihre Bemühungen, radiert ihr Treiben aus.
Das echte Leben bleibt träge und mürrisch, versteckt sich – einer über Jahrhunderte bewährten Vernunft folgend, die wie ein Glaubensbekenntnis tradiert wird – widerstrebend im Dunkel. Surrogate aus zu kräftig raschelndem Zeitungspapier, zu stark aufgedrehten Fernsehern sollen die bewegungslos ruhende Luft durchbrechen, und doch ist die Stille, die sie erschaffen, von umso abgründigerer Tiefe. Gruselig hohl klingt das Ticken alter Uhren. In der abgeschiedenen staubigen Kühle drehen sich ihre blechernen Zeiger nur quälend und schleppend dem Ende des Banns entgegen.
Erst wenn das gleißende Weiß einem goldenen Schimmer weicht, wenn die Schatten bläulich verblassen, wenn ein sanfter Wind sich wieder der Düfte annimmt, kehrt der Tag zurück. Die Welt ist leichtfüßiger geworden, lächelt süß und sorgenfrei. Der Groll ist augenblicklich verflogen – als hätte es ihn niemals gegeben. Die vier verlorenen Stunden sind schon Vergangenheit. An Orten des Sommers ist das Vergessen schnell, rückstandslos und aufrichtig. Der Kreislauf beginnt von Neuem.

Regentage

Sonne schafft Ewigkeit … Sie hebt die Zeit auf und verwandelt sie in einen beruhigend gleichmäßigen Fluss. Sie verbannt Eile und Hektik, weil sie Angst und Zweifel jeder Stimme beraubt. Die Steine der Mauern, die sie errichtet, erzählen von einer sicheren Zukunft jenseits der Welt, von einem Morgen, der kein Handeln verlangt, von einem Leben, das sich selbst genügt. An Orten des Sommers hat der Kalender keine Macht, hier gibt es weder Anfang noch Ende. Was nicht nah ist, existiert kaum. Selbst Lärm, Verkehr, Menschen, Pflichten und Sorgen vermögen es nicht, die Stille zu stören, die von einem Draußen erlöst und schützt. In diesem harmonischen Schweben ist ein Regentag Unterbrechung und Vergangenheit. Während die Natur sich erholt, sich sammelt und neue Kraft schöpft, während das Grün durchatmet und der Staub verschwindet, öffnet sich ein Spalt. Das Frühstück zieht sich endlos hin, der Geist sucht unentschlossen nach der Erinnerung. Mit jedem Regentropfen dringt die Gegenwart, die Wirklichkeit, die Ferne, die Fremde hinein – mit ihren Fakten, Fragen und Erwartungen. Für kurze Zeit erscheint sie verführerisch, aufregend und spannend, trügerisch reizvoll und erstrebenswert.
Der erste Sonnenstrahl zerstreut die Illusion wieder, löst sie auf, löscht sie, verklärt sie dankbar zu einer erfrischenden, doch bedeutungslosen Ausnahme. Einige Tage noch wird das Gefühl der Andersartigkeit bewusst gelebt, bis das Vergessen die Erleichterung ersetzt.

Saisonbeginn

Die Saison beginnt mit einem Geräusch. Ein leichtes, halb polterndes, halb kratzendes Schleifen ist zu hören. Erst schüchtern, unsicher, zögernd schleicht es sich aus einem alten Haus, das Monate lang leblos schien. Gleich wieder löst es sich fast verschämt im noch weißlichen Licht auf, als wäre es nur ein Versehen. Doch das Signal ist gegeben. Bald folgen andere seinem Beispiel, hüpfen kreischend von allen Seiten heraus, und mit jedem weiteren setzt sich freudige Aufregung gegen den Winter durch.

Es sind nicht die lärmenden Autokolonnen der rücksichtslos heranstürmenden Touristen, die den Sommer verkünden. Es sind nicht die verblassten Mimosenblüten. Es sind nicht die eifrigen Bepflanzungen an den Promenaden, nicht die ersten warmen Tage, nicht die breitgeöffneten Fernster, die nach Luft und Erneuerung dürsten. Lange bevor die Strände sich füllen, ist es zu vernehmen – jeden Tag selbstbewusster. An öffentlichen Plätzen, Restaurant-Terrassen, aufgeräumten Gärten, verstohlenen Pergolen reiben Stuhlbeine aus Plastik und Metall auf Stein, Beton, Marmor und Zement. Sie scheinen allgegenwärtig zu sein. Sie werden vorgerückt und zurückgeschoben, hergezogen und hingewackelt, und kreischen zuweilen frech und unbändig wie Kreide auf einer ungeliebten Schultafel. Es ist ein Konzert voller Erleichterung, voller bescheidenen und schmunzelnden Übermuts, das die Rückkehr des Lebens begrüßt.

An Orten des Südens findet der Sommer im Weckruf der unzähligen Stuhlbeine einen Morgen. Seine entspannte und anspruchslose Frische erleben nur diejenigen, die hier wohnen und in den vielen Jahrzehnten und Jahrhunderten von der Natur das geduldige Warten ruhiger Weisheit gelernt haben. Von Hektik ist nichts zu spüren. Genüsslich und verschmitzt beginnt eine Zeit, die andere zu einem Fest machen werden.

TEXTDATEN:
Artikel, Kolumne, Sprecher-Text für eine TV-Dokumentation
Themenbereiche: Tourismus, Mittelmeer, Orte des Sommers
Textart: Stimmungstext, Momentaufnahme, Bildtext
Textfarben: weiß

Sahniger Morgen

Bis spät in den Vormittag hinein beherrscht ein gebrochenes Weiß die Stadt. Es ist nicht sichtbar, aber man kann es hören, schmecken und riechen.

Wenn der Himmel noch nicht blau, das Meer noch glatt und der Sand noch kühl ist, erhebt sich ein leise klimperndes Kratzen aus der Tiefe empor. Aus den Hotelküchen, den weit geöffneten Türen noch menschenleerer Restaurants, den unterirdischen Spülküchen meldet sich die helle und doch dumpfe Sprache des groben Frühstücksgeschirrs, wenn die rauen Gefäßböden und Untertassen aneinanderreiben.
Die schüchternen Laute des dicken, cremig-krakelierten Porzellans sind die ersten Anzeichen des beginnenden Tages. Die einen geleiten sie ohne Hast und behutsam in die Arbeit hinein. Für die anderen sind sie ein vertrauter Gruß – die letzte Gelegenheit, sich genüsslich umzudrehen und sich des Faulenzens bewusst zu werden, oder voller Entdeckungslust aus dem Bett zu springen. Immer aber sind sie der untrügliche Beweis, dass der Sommer begonnen hat.

Nach und nach gesellt sich Kaffee hinzu – jedoch nicht scharf, nicht würzig, nicht bitter oder herb, sondern harmonisch leicht und weich. Denn er ist nie allein.
Es ist die Zeit der heißen, dampfenden Milchkähnchen. Gekocht, geschäumt, nur auf die Schnelle ein wenig erwärmt … Der Geruch von Milch ist allgegenwärtig. Er erfüllt die Terrassen, Flure, Balkons, Zimmer und Gärten, verläuft sich durch die leuchtenden Straßen und die schattigen Parks und gelangt bis zur Strandpromenade. Er betäubt die Sinne, dämpft Geräusche, Licht und Gedanken, verschiebt Dringliches auf später. Weiße, feuchtwarme Brotkrume und die seidige Bräune frischer Croissants entfalten ihre noch klebrige Säure und kommen ihm zu Hilfe.
Die Frühstückszeit zieht sich hin und verschmilzt zuweilen mit dem Tag.

Dieser sahnige Duft macht den Morgen träge. Während andernorts, in weiter, vergessener Ferne, der Auftakt zu einem hektischen Treiben längst abgeschlossen ist, erinnert er an die Kunst der Langsamkeit, des Mäßigens und des Genießens. Er setzt die Dinge ins rechte Licht und zeigt aufs Neue, dass nichts so wichtig ist, als dass es nicht warten könnte. Er lenkt den Blick auf die Umgebung, auf die Schönheit des Augenblicks und der Betrachtung, lädt zum Planen ein, ordnet in Ruhe die bunte Geschäftigkeit, verwandelt Melancholie in kostbare Erinnerungen.

An Orten des Sommers ist die Sahnigkeit des Morgens Vorrecht und Programm – ein schützender Zaun um die entwaffnend gelassene Leichtigkeit des Seins.

TEXTDATEN:
Einleitungstext zu einem Bildband-Kapitel, Sprechertext zu einer Fernseh-Dokumentation.
Themenbereiche: Tourismus, Mittelmeer, Orte des Sommers
Textart: Stimmungstext, Momentaufnahme, Bildtext
Textfarben: weiß, hellbeige

Wind

Wenn im nördlichen Wald Wind aufkommt, entbrennt im Nu ein aufmerksamer Dialog. Im Klangkörper der Laubbäume entladen sich selbst harmlose Böen viel zu früh zu einem beängstigenden Wasserfall. Es ist ein überwältigendes Rascheln – voller angespannter Erwartung und nervöser Konzentration, ein überspitztes und bedrohungsschweres Wachen, das keine Nachlässigkeit duldet.

Anders an Orten des Sommers.

Hier ist der Wind Geborgenheit, Farbe und Licht.
Das trockene Schlagen des flatternden Tuchs an Markisen und Sonnenschirmen teilt die Weite in kleine, vertraute und geschützte Räume ein. Eine vergessene Zeitungsseite fliegt lautlos vorbei, während das sanfte Schaukeln der Pinienkronen verspielte Schatten auf den blassen Staub zeichnet.
Aus dem klaren Wasserstrahl eines hell plätschernden Brunnens lösen sich abenteuerlustige Tropfen, die verschmitzt den Spaziergänger kitzeln.
Dieser Wind neckt, unbeschwert und ein wenig frech. Im fröhlichen Tanz leichter Sommerröcke sucht er genügsam nach ein wenig Aufmerksamkeit. Er will nur zeigen, dass es ihn gibt, sagen, dass alles gut ist. Er ist das beruhigende Versprechen von Beständigkeit, Sorglosigkeit und Sicherheit und trägt durch die sonnige Luft Botschaften der Zuversicht.
Der Abend verwandelt ihn. Er wird jugendlich und emotional. Aufgekratzt treibt er an, etwas zu wagen, die Nacht zu auszukosten. Übermut schwebt im dunklen Himmel, wenn der Tag zu Ende ist.

Ob ein laues zartes Streicheln die Haut fast unmerklich verwöhnt, eine sinnliche, bissig brennende Umarmung willkommen heißt – an Orten des Sommers ist der Wind Phantasie, Leben und Energie. Er ist Vergangenheit und Heute, Leichtigkeit und Halt, Trost und Hoffnung, Begleiter und Freund. Und immer, immer: überschwängliches Glück.

TEXTDATEN:
Einleitungstext zu einem Bildband-Kapitel, Sprechertext zu einer Fernseh-Dokumentation.
Themenbereiche: Tourismus, Mittelmeer, Orte des Sommers
Textart: Stimmungstext, Momentaufnahme, Bildtext
Textfarben: gelb, hellbeige, ocker

Süden

Es gibt Orte, an denen der Sommer nie zu Ende geht. Selbst wenn die Sonnenstrahlen längst nicht mehr heiß sind, wenn die Farben fahl, der Wind kraftvoll und bissig wird, ist er noch da.
Er ist nicht nur Erinnerung.
Er lebt im warmen Beige verwitterter Häuser, im sandigen Apricot verblasster Dachziegel, im absplitternden Anstrich hölzerner Fensterläden.
Vergessene Geranientöpfe, rostige Schmiedeeisengitter und verblühte Oleander trotzen in ihrem Verfall der Zeit entgegen und sehnen sich schon in der hellen Pause nach dem nächsten Mal. Die still gewordenen Gassen ruhen lebensfroh und nur für einen Augenblick. Entlaubtes Rankwerk schimmert bläulich-grau auf staubigem Grund. Eine winzige Eidechse besucht verwundert den nicht mehr heißen Stein.
Auf Beton kratzende Stuhlbeine und klirrendes Geschirr zerreißen die leuchtende Luft. Fröhliches Aufräumen und entspannte Geschäftigkeit verwandeln mit naiv hoffnungsvoller Sorglosigkeit den Abschied in Anfang.

TEXTDATEN:
Einleitungstext für einen Bildband, Sprechertext zu einer Fernseh-Dokumentation
Themenbereiche: Tourismus, Mittelmeer
Textart: Stimmungstext, Bildtext
Textfarben: blau, blau-grau, blau-grün

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