KUNST:TEXT

Text-Galerie von Martine Paulauskas

Category: Jahreszeiten & Wetter (page 1 of 2)

Regenwochen am Fenster

Leichte milchige Säure erfüllt kreidegrau den dumpfen Raum, der in der Blässe des kahlen, stumpfen Tages immer unentrinnbarer erstickt. In der Enge der klammen Wände wächst starr die Leere. Hinterlistige Nieseltropfen wischen in stetigem Nebel von den Grabsteinen des leeren Bürgersteigs jeden Alltag. Strohig kalte Feuchte steigt aus versagendem Tee. Der fahle Himmel gibt sich gleichgültig in ewiger Abwesenheit. Blauloser Abend schreitet mit den Stunden voran. Erlösung schwindet gebrochen in die Ferne. Im gläsernen Gefängnis erlöschen hilflos mit der sonst heiteren Nacht naive Träume von Freiheit und Leben.

An einem Sonntag im Dezember

Sinnloser Schnee fiel über Nacht.
Bereits am frühen Morgen hatten leichte Besen mit müheloser Überheblichkeit in die perfekte Schicht ihre graphischen Muster gezogen, doch bald mutete sogar ihr Tun lächerlich schal an. Auf einem Parkplatz versuchte ein einsames Kind halbherzig, mit dem zufälligen Fondant zu spielen. Hilflose kleine Haufen zeugten von seinen Bemühungen, dem Tag Erinnerung zu verleihen.
Immer brüchiger aber zerfiel er zu schwarzen feuchten Flecken, bis sich am Nachmittag schon alles Weiß in die trostlose Bedeutungslosigkeit alltäglichen Vergessens verlor.

Feld im Winter

Unschlüssig düstere Bäume wachen über brache Furchen, in denen der Schlamm ewig heimisch scheint. Krümelige Pfützen zeugen noch vom Leben, das sich hinter den Lichtungsrand zurückgezogen hat. Die Luft schaudert unter dem drohenden Schnee, der aus tiefem Himmel naht. Nervös-bleierne Kälte verscheucht nun Mensch und Tier.

Warten auf den Sturm

Schmutzige Watte ruht in ordentlichen Lagen über der Stadt. Ab und zu werden ihre dicken rund-glatten Falten vom Tanz kleiner vorwitzig und schadenfroh grinsender Rußfahnen aus nahen Schornsteinen durchsetzt, deren gehässige Formen sich im Wind sogleich in melancholische Kalligraphien auflösen, bis ihr federleichtes Aquarell lautlos und traumartig verblasst vor der stoffschweren Kulisse verschwindet. In der Ferne flattert Blech.

Novembermorgen am See

Noch ist der erste Schnee nicht gefallen, doch knirscht die Luft eisig im knallenden Schrei der Krähen. Der See glänzt weiß unter dem grauen Dampf der nebligen Bäume. Wehende Gräser überspringen in lebhaften Flecken die Ferne. Hinter einem einsamen fernen Zaun schläft unschuldig und fremd ein Bauernhof.


Text zu meinem Beitrag: https://twitter.com/twitrartexhibit/status/935747422407491584

Landweg im August

Der Staub vor den hohen verbrannten Gräsern am Straßenrand macht träge. Selbst der Rollsplitt knirscht nur noch dumpf und leise. Die Stille wirkt schwer, müde und krank. In den zu blassen gelblichen Farben zieht sich die schmale Straße bedrohlich von Biegung zu Biegung ins Unendliche. Das fröhlich scheppernde Hoppeln eines alten Autos könnte Leben und Zuversicht in die Hitze bringen. Doch ergießt sich heute der süßlich-scharfe Geruch beißender Kunststoffe zu einem öligen, zäh-lautlosen Fluss, der den Magen bezwingt. Die flachen Felder geben sich hart, abweisend. Der Ausweg scheint in weiter Ferne, unerreichbar, irreal, und unwahrscheinlich. Die Landschaft, die das gleißende Licht erbarmungslos gefangen hält, wird für die nächsten Stunden menschenfremd bleiben und schürt eine unbestimmbare Angst. Mit jedem Meter verschwimmt die Hoffnung auf einen erlösenden Morgen ein wenig mehr zu einem undeutlichen Traum.

Schneeabend

Mit leisem, beinahe lautlosem Groll hatte sich der Schnee die stumpfe Geschäftigkeit eines Wochentags zunutze gemacht.
Es schien, als habe in einem unbeobachteten Augenblick eine dezidiert fleißige List alles Schwarz vom Stein radiert.
Durchbrochene Gewohnheiten verwandelten sich in freudig lebenshungrige Hektik und Freiheitsphantasien.
Der Einbruch der Nacht, der immer mehr letzte Zeichen der Stille entfernte, brachte Wärme in die sonst flüchtigen Lächeln, in die hastigen Abschiede, in die Fenster, in das vertraute Leder der Autositze. Die Stadt nahm die Überraschung bereitwillig an und träumte unter weichen Decken heimlich von aufregenden Zeiten.

Wintertag

Frost und Schnee haben sich die Nacht geteilt. Die Luft steht still, aufgeregt und klar. Unerbittliche Schärfe zeichnet in zu perfekten Linien elektrisierende Bilder des Innehaltens. Die Zeit entzieht sich, Alltägliches gibt sich auf einmal fern, makellos entrückt, unnahbar begehrenswert. Nervöses Horchen schwankt zwischen Ehrfurcht und knisternd unbändiger Lebendigkeit, zögert immer wieder zwischen unheilschwerer Vorahnung und überwältigender Ergriffenheit.
Aus der Ferne streift ganz unverhofft und gewiss ein wenig spöttisch der schwarze Geruch eines erlöschenden Kaminfeuers heran, der Erinnerung und Zuversicht schenkt.
Es sind gestohlene Stunden belebender Ruhe. Der Geist genießt sinnliche Geborgenheit, die Gedanken ordnen sich. In der Wärme des Hauses, am Fenster, dort, wo die Augen unablässig den Moment gierig verschlingen und ängstlich zu verewigen suchen, erblühen bunt und überschwänglich Pläne, Ideen, Hoffnungen. Der Atem hält an, bis die letzten rosig-grauen Wolken des Abendhimmels Erschöpfung und Vergessen bringen.

Herbstmorgen

Dass es Max hieß, war dem Eichhörnchen nicht bewusst. Was es sich allerdings sehr gut merken konnte, war, dass es auf dieser Terrasse auch schon im frühen Herbst Hasel- und Walnüsse im Überfluss vorfand, die es nach Herzenslust auf dem umliegenden Gelände vergraben konnte. Noch waren die Bäume grün, aber die Luft roch schon feuchter, und bald würden sie die wunderschönen Farben des Indian Summer annehmen, die Jahr für Jahr Touristen aus allen Teilen des Landes und darüber hinaus anlockten. Es war an der Zeit, Vorräte für die kalte Jahreszeit zusammenzutragen. Auf die Terrasse zu gelangen, war für Max umständlich, aber es war die Mühe wert. Zu allen Tageszeiten gab es hier ein Schlaraffenland für Eichhörnchen, und das wusste Max ganz genau. Die Terrasse, die im eigentliche Sinne ein in Breite und Länge überdimensionaler Holzbalkon war, lag stark überhöht an einem weitläufigen, leicht abschüssigen, nach Süden gerichteten Hang, der mit wildem Gestrüpp und allerlei Büschen bewachsen war. Auf der vom Haus aus gesehen linken Seite überschattete sie ein alter kränklicher Ahorn, dessen Äste für Max einen steilen, wenn auch nicht gerade bequemen Zugang ermöglichten. Er hatte inzwischen gelernt, dass es zwei Wege gab, um an die begehrten Nüsse zu kommen: Entweder sie lagen bereits da, und er brauchte sich nur noch zu bedienen, oder er musste mit lautem Poltern auf den schweren Bodenbalken oder Kratzen an den Scheiben auf sich aufmerksam machen, dann öffnete sich eine Glastür, und er bekam das, was ihm seiner Meinung nach zustand – es sei denn, er war zu früh dran, und man schlief hier noch.
An diesem Morgen war es noch kühl, aber die Sonne verhieß einen noch angenehm warmen, wenn auch nicht mehr heißen Tag, und die breite Schiebetür war weit geöffnet. Zwei Monate lang hatte eine unerbittliche Hitze das Land in einen beinahe unerträglichen Glutofen verwandelt, doch plötzlich schien das Wetter Erbarmen zeigen zu wollen, und über Nacht war die lang ersehnte Abkühlung gekommen. So war die Aussicht auf einen nur warmen Tag so etwas wie Erholung für Natur und Menschen.

Das erste rote Blatt

In südlicheren Ländern löst der Herbst nur ganz unmerklich den Sommer ab. Er bewahrt dessen fröhliche Unbeschwertheit bis in die kalten Tage hinein, trägt sie fort, als würde er ewig währen. Es ist eine lebensleichte Zeit des Überflusses und des Optimismus’, der Unbekümmertheit. Das Licht strotzt vor Kraft, Natur und Mensch sind erholt und gesund, alles scheint möglich.
Hier im nordeuropäischen Raum hat der Herbst eine ganz andere Qualität. Er ist in erster Linie Einschnitt. Hier ist es nicht der Frühling, der von Neubeginn erzählt: Es ist das erste rote Blatt, wenn der September den Kampf gegen die Zeit aufgibt.

Die Sonnenstrahlen fallen noch heiß und hell auf die Knospen der Kapuzinerkresse, die unbeirrt blüht und wächst. Die Morgenluft schmeckt grün und frisch, in den alten Krügen wachsen die Kornblumen weiter bestrebt und schüchtern dem Himmel entgegen, müde Hummeln auf Nahrungssuche brummen in den Nachmittag hinein.
Doch auf einmal ist das Zeichen da: das erste rote Blatt. Mit ihm wird das Licht blasser, ruhiger, gelassener und gleichgültiger, der Tau aufdringlicher und würziger. Die letzten schönen Tage werden hastig genutzt, gierig aufgesogen, dankbar festgehalten. Aber ernst genommen werden sie nicht mehr, denn in Gedanken hat man sie schon längst verlassen. Unruhig wandert der Geist wie auf Abwegen bereits zu den ernsten Dingen, und nach den faulen Tagen angestrengter Hitze und entspannenden Überschwangs führt rege Betriebsamkeit in eine neue Dimension. Gartenmöbel werden ins sichere Trockene gebracht, Gerätschaften gepflegt und eingeräumt, die letzten Arbeiten am Haus gewissenhaft durchgeführt, einmal noch werden die Fenster geputzt, der Hof gekehrt, ein letztes Mal werden Bäume gestutzt … Der Abend ist feuchter, warnend, er riecht nach Farn und Pilz.

Mit dem ersten roten Blatt, das in wärmeren Regionen völlig unbemerkt bliebe, wird hier das Verständnis der Jahreszeiten auf einmal ursprünglicher, natürlicher, und der Mensch kommt der Erdgeschichte und seiner eigenen wieder näher. Jahrtausendealte Ängste treten aus dem Erbe des kollektiven Bewusstseins heraus, und obwohl sie dank Technik und Fortschritt in Wirklichkeit keine Gültigkeit mehr haben, mahnen sie wortlos und instinktiv zu Demut und Vorsicht. Die Party ist vorbei, geschäftig wird aufgeräumt, gesäubert, das Leben wird zurückgesetzt, abseits des sommerlichen Leichtsinns, des Hochgefühls und des Hochmuts kehren Vernunft und Alltag ein. Unwillkürlich denkt man an Rilke.
Animistisch wird mit der Natur verhandelt – Blumenzwiebeln finden den Weg in die noch lauwarme Erde, Ordentlichkeit und Pflichtbewusstsein werden mit beinah religiös-abergläubischem Eifer als Tribut und Pfand eingesetzt.

Auch in Zeiten schneefreier Winter hat sich hier im Norden nichts daran geändert. Es beginnt mit dem ersten roten Blatt die Zeit des nervösen Aufbruchs.

Older posts

© 2019 KUNST:TEXT

Theme by Anders NorenUp ↑