{"id":730,"date":"2012-09-15T13:13:59","date_gmt":"2012-09-15T11:13:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/?p=730"},"modified":"2025-10-15T13:25:37","modified_gmt":"2025-10-15T11:25:37","slug":"technik-papier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/technik-papier\/","title":{"rendered":"Technik &#038; Papier"},"content":{"rendered":"<p>Schreibende leben oft ein wenig &#8222;anders&#8220;. Es betrifft Arbeitszeiten, Einkommensverh\u00e4ltnisse, soziales Umfeld und vieles mehr. Schreibende denken hier und da vielleicht auch \u201eanders\u201c. In einem Punkt aber unterscheiden sie sich nicht von allen anderen Menschen auch: in ihrer Beziehung zu technischen Werkzeugen.<br \/>\nEs gibt die \u201eGanz-und-gar-Begeisterten&#8220;. Sie betrachten den Computer als gr\u00f6\u00dften Segen seit Entstehung der Schrift, wechseln alle zwei Jahre das Ger\u00e4t, haben immer das neueste Betriebssystem und die neueste Software, das neueste Mobiltelefon mit Internetzugang, haben seit Jahren keine Briefmarken mehr gekauft, und ihr Terminkalender ist samt Notizbuch l\u00e4ngst ausschlie\u00dflich auf vernetzten elektronischen Ger\u00e4tschaften zu finden. Interessanterweise und wider Erwarten ist dies weder alters- noch geschlechtsspezifisch. Ihre fr\u00fchere Arbeitsweise mit Handschrift und\/oder Schreibmaschine &#8211; so sie der entsprechenden Generation angeh\u00f6ren &#8211; ziehen sie gern ins L\u00e4cherliche und bezeichnen sie als altmodisch, unpraktisch, ineffizient, untragbar. Ber\u00fchmte Namen in dieser Kategorie sind Elfriede Jelinek und Siri Hustvedt.<br \/>\nEs gibt die &#8222;Gewohnheitstiere&#8220;, die ihre Schreibinstrumente niemals ge\u00e4ndert haben. Peter Handke schreibt mit Bleistift, Paul Auster mit einer Olympia-Schreibmaschine, G\u00fcnter Grass bleibt bei seiner Olivetti. Mit mangelnder Flexibilit\u00e4t hat diese oberfl\u00e4chlich betrachtet sture Treue wenig zu tun, und sie sollte auch nicht vorschnell als mangelnde Neugier gedeutet werden. In der engen Verbindung zwischen Schreibendem und Text ist das durch die Vertrautheit des Schreibger\u00e4tes gesicherte Wohlbefinden ganz entscheidend: Der Geist kann nur dann frei und gel\u00f6st arbeiten, wenn das, was er nutzt, ihm so nat\u00fcrlich vorkommt, dass er es vergessen kann. Zwischen der bequemen Gewohnheit des sprichw\u00f6rtlichen alten Schuhs, animistischer Furcht und Qualit\u00e4tskontrolle einerseits und nat\u00fcrlicher Verl\u00e4ngerung des eigenen K\u00f6rpers andererseits wird das Schreibinstrument oder zumindest die Schreibtechnik zum unabdingbaren Teil des Schreibprozesses.<br \/>\nDazwischen bewegen sich die &#8222;Konvertiten&#8220;, die entweder aus Vernunft oder Resignation den Wechsel zum Computer vollzogen haben. Sie nutzen ihn als Schreibmaschine, Speicherplatz und Archiv, besitzen aber dennoch einen Terminkalender und ein Adressbuch aus Papier.<\/p>\n<p>Ich geh\u00f6re zugegebenerma\u00dfen zur dritten Sorte.<br \/>\nAls ich zu schreiben begann, war mein erstes Arbeitsger\u00e4t ein schwarzer BIC-Kugelschreiber. Was abgegeben werden musste, wurde noch einmal der Lesbarkeit halber mit dem F\u00fcller in blauer Tinte s\u00e4uberlich und mit gro\u00dfem Zeilenabstand abgeschrieben, bevor ich es der Schreibkraft meines Vertrauens zum Abtippen gab. Gegen Ende des Studiums aber erwies sich diese Praxis immer mehr als zu zeitraubend, und ein Jahr, bevor ich promovierte, schenkte mir mein Gro\u00dfvater eine <strong><a href=\"https:\/\/de.pinterest.com\/pin\/740771838688624826\">mechanische Olympia-Reiseschreibmaschine<\/a><\/strong>. Ich schrieb meine Texte weiterhin vor, konnte sie aber von da an schneller fertigstellen, da ich nicht mehr auf freie Kapazit\u00e4ten anderer angewiesen war. Tippen (mit drei Fingern!) erwies sich nicht als meine Lieblingsbesch\u00e4ftigung: die Finger schmerzten schnell, und letztlich war ich erleichtert, als ich mein Manuskript endlich abgeben durfte. Als sich dann nach einigen Wechself\u00e4llen des Schicksals &#8211; nicht zuletzt gesundheitlicher Natur &#8211; ergab, dass ich von der Ware &#8222;Text&#8220; w\u00fcrde leben m\u00fcssen, wechselte ich zu einer elektrischen Gabriele 9000 mit Korrekturtaste und leichtg\u00e4ngigerer Tastatur. Meine gute mechanische Olympia behielt ich aber aus Sentimentalit\u00e4t und als Ausweichm\u00f6glichkeit. Ich habe sie heute noch, und auch Farbb\u00e4nder halte ich vorr\u00e4tig &#8211; man wei\u00df ja nie &#8230;<br \/>\nVon mir aus h\u00e4tte es dabei bleiben k\u00f6nnen: Ich schrieb vor, tippte ab, und dieser Komfort eines unsichtbaren Korrekturbands schien mir absolut ausreichend. Doch nach und nach verlangten immer mehr Kunden die Abgabe der Auftr\u00e4ge in Form von Dateien, und ich musste mich dem f\u00fcr mich unverst\u00e4ndlichen und \u00fcberheblichen Diktat des Marktes beugen. Gl\u00fccklicherweise wurden die Computer immer kleiner, und ich besitze heute nur noch ein Laptop, das als selbstverst\u00e4ndliches, wenn auch nicht geliebtes Instrument sein Dasein auf meinem Schreibtisch fristet.<\/p>\n<p>Vor etwa f\u00fcnf Jahren beschloss ich in einem Anflug konsequenter Sparsamkeit, unn\u00f6tigen Papierverbrauch abzuschaffen und den Computer nicht nur als Schreibmaschine mit dem Vorteil der beinahen Ger\u00e4uschlosigkeit und zur Speicherung von Auftr\u00e4gen zu nutzen, sondern auch meine bis dahin auf Papier in entsprechenden B\u00fcchern stattfindenden Buchhaltung, Kunden- und Auftragsverwaltung direkt am Computer vorzunehmen.<br \/>\nGl\u00fccklich wurde ich damit nicht und habe in diesem Jahr beschlossen, viele Dinge wieder auf Papier umzustellen. Es ist f\u00fcr mich effizienter und beruhigender.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst gibt es nichts Sichereres als Papier: Ich muss mich nicht mehrmals am Tag \u00e4ngstlich fragen, ob ich wirklich genug Backups und andere Sicherheitskopien gemacht habe. Eine in ein Heft mit Kugelschreiber geschriebene Information bleibt dort f\u00fcr alle Zeiten geschrieben, es sei denn, das Haus w\u00fcrde komplett abbrennen &#8211; Kugelschreiber widersteht sogar der Wirkung von Wasser und der meisten Chemikalien.<br \/>\nPapier ist auch deshalb ein Sicherheitsfaktor, weil es menschliches Versagen zu einem viel gr\u00f6\u00dferen Teil ausschlie\u00dft. Nat\u00fcrlich ist es auch m\u00f6glich, sich auf Papier zu verschreiben. Allerdings geschieht es aber seltener, und ein Fehler wird auch schneller w\u00e4hrend des Schreibvorgangs selbst bemerkt. Zahlendreher etwa sind unwahrscheinlicher. Zudem schlie\u00dft Papier alle Fehler aus, die sich aus t\u00fcckischen Fehlerquellen ergeben. Wer hat nicht schon in einem Text an beliebiger Stelle die Buchstaben &#8222;dc&#8220; eingef\u00fcgt, als er die Datei schlie\u00dfen wollte?<br \/>\nPapier spart Zeit. Auch wenn es das Tippen erm\u00f6glicht, in k\u00fcrzerer Zeit gr\u00f6\u00dfere Textmengen zu erfassen, ist der Zeitgewinn in der Tat illusorisch: Nicht nur die Zeit f\u00fcr das Sichern der Dateien, das Kopieren auf mehrere Sticks und Festplatten muss hinzugerechnet werden, sondern es m\u00fcssen auch die &#8222;Zwischenereignisse&#8220; ber\u00fccksichtigt werden. Fragt ein Programm nach Bearbeiten einer Datei, ob man die vorgenommenen \u00c4nderungen speichern m\u00f6chte, w\u00e4hrend man selbst der Meinung ist, man h\u00e4tte es getan, muss in m\u00fchsamer Kleinarbeit gepr\u00fcft werden, was die angesprochene \u00c4nderung sein soll, ob sie gewollt war oder aus Versehen geschehen ist \u2013 m\u00f6glicherweise, um festzustellen, dass nur ein Druckvorgang gemeint ist, der nichts mit dem tats\u00e4chlichen Inhalt zu tun hat. Nach einem Eintrag in ein Papierbuch wird das Buch ohne Zweifel und ohne zeitraubende Kontrolle einfach geschlossen.<br \/>\nPapier ist wirtschaftlicher. Wer wirklich verantwortungsbewusst mit den auf dem Computer gespeicherten Daten umgehen will, muss sie zus\u00e4tzlich auf USB-Sticks und mehreren inhaltsgleichen externen Festplatten archivieren, damit sie auch wieder zug\u00e4nglich werden, wenn der Computer eines schlechten Tages beschlie\u00dfen sollte, zu seinen Ahnen zu gehen. Zur Sicherheit empfiehlt es sich ohnehin, wirklich wichtige Dinge zudem auszudrucken. Dies gilt zum Beispiel f\u00fcr steuerlich relevante Unterlagen, die dem Gesetz nach &#8222;jederzeit wieder auf Papier lesbar gemacht werden k\u00f6nnen m\u00fcssen&#8220;, wie mein Steuerberater es ausdr\u00fcckt. Den teuren Umweg \u00fcber mehrere Speichermedien und den Papierausdruck kann man sich also getrost sparen, indem\/wenn man direkt mit altert\u00fcmlichen Methoden arbeitet.<\/p>\n<p>Mittlerweile habe ich schon vieles auf Papier zur\u00fcckumgestellt. Telefonische Anfragen und m\u00fcndlichen Austausch zu bestimmten Projekten etwa speichere ich nicht mehr als Datei ab, ich notiere sie wieder samt Inhalt der Besprechung in ein Moleskine-Heftchen. Ich genie\u00dfe die Ruhe und die Sicherheit, die mir meine Heftchen und B\u00fccher geben.<br \/>\nMit Papier zu arbeiten, ist auch ein Weg, einen Teil des \u00dcberma\u00dfes an Verantwortung, das heutzutage immer mehr zu unserem Leben geh\u00f6rt, zu entsch\u00e4rfen. Meine Passw\u00f6rter kann niemand hacken, denn ich habe sie nicht auf dem Computer. Die Kontaktdaten meiner Kunden sind in einem Papieradressbuch und einem Holzkarteikasten \u201egespeichert\u201c. Ich kann sie sogar bei Stromausfall anrufen. Alle Informationen, die ich ben\u00f6tige, k\u00f6nnte ich &#8211; \u00fcberspitzt ausgedr\u00fcckt -, auch im Falle einer wochenlangen weltweiten Panne der Strom- und Internetnetze einsehen. Ein gutes Gef\u00fchl.<\/p>\n<p>Mein Computer ist also wieder zu dem geworden, was er einmal war: eine besonders praktische, schnelle und leise Schreibmaschine.<\/p>\n<p class=\"important\">NACHTRAG: Zuf\u00e4llig gerade entdeckt: <a href=\"https:\/\/www.notizbuchblog.de\/2012\/06\/15\/der-mythos-des-papierlosen-buros\/\">Der Mythos des papierlosen B\u00fcros<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schreibende leben oft ein wenig &#8222;anders&#8220;. Es betrifft Arbeitszeiten, Einkommensverh\u00e4ltnisse, soziales Umfeld und vieles mehr. Schreibende denken hier und da vielleicht auch \u201eanders\u201c. In einem Punkt aber unterscheiden sie sich nicht von allen anderen Menschen auch: in ihrer Beziehung zu technischen Werkzeugen. Es gibt die \u201eGanz-und-gar-Begeisterten&#8220;. 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