{"id":51,"date":"2008-10-07T22:40:39","date_gmt":"2008-10-07T20:40:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/?p=51"},"modified":"2017-02-06T14:30:22","modified_gmt":"2017-02-06T12:30:22","slug":"das-interview","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/das-interview\/","title":{"rendered":"Das Interview"},"content":{"rendered":"<p>Es geschah am 16. April 2008. Kurz vor 15 Uhr rief mich ein Journalist an. Er war freundlich, klang jung, erkl\u00e4rte mir hastig nuschelnd und doch wenig routiniert, bei welcher Zeitung er besch\u00e4ftigt war, wobei er offenbar voraussetzte, dass ich sie kennen w\u00fcrde, und bat mich um ein Interview. Zum Welttag des Buches wolle seine Zeitung eine Artikelserie ver\u00f6ffentlichen &#8211; ob ich bereit w\u00e4re, mich zu einigen Aspekten meines Berufes zu \u00e4u\u00dfern. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass ich wirklich dem Profil entsprach, nach dem er suchte, und ich ihn gefragt hatte, wann er denn kommen m\u00f6chte, erkl\u00e4rte er, er k\u00f6nne eben nicht vorbeikommen, die Zeit sei zu knapp, denn er m\u00fcsse noch am Abend in Druck gehen, und fragte, ob er mich eine halbe Stunde sp\u00e4ter wieder anrufen d\u00fcrfe, wir k\u00f6nnten das auch schnell telefonisch &#8222;machen&#8220;.<\/p>\n<p>Ich hatte nichts dagegen. Was es mit diesem Frage-und-Antwort-Spiel auf sich hatte, war mir vollkommen klar: &#8222;Der Junge&#8220;, wie ich ihn in Gedanken bereits nannte, hatte noch eine Spalte \u00fcbrig und hatte so lange gegoogelt, bis er einen Weg gefunden hatte, sie ohne zu viel Aufwand zu f\u00fcllen. M\u00f6glicherweise &#8211; oder sogar wahrscheinlich &#8211; hatte er den halben Tag am Telefon verbracht, und ich war einfach zuf\u00e4llig die erste auf seiner Ergebnisliste, die tats\u00e4chlich abgehoben oder Zeit f\u00fcr ihn hatte. Er hatte ganz sicher noch nie zuvor von mir geh\u00f6rt, geschweige denn eine einzige Zeile von mir gelesen, aber das war ihm und mir vollkommen gleichg\u00fcltig: Er war nett, h\u00f6flich, merklich gestresst, und schon deshalb tat er mir ein wenig leid. So war ich gerne bereit, ihm behilflich zu sein. Warum auch nicht? Den Artikel w\u00fcrde vermutlich ohnehin \u00fcberhaupt niemand lesen, und die wenigen, die es doch tun w\u00fcrden, w\u00fcrden ihm genauso wenig Bedeutung beimessen, wie ich selbst. Ein typischer Feuilleton-L\u00fcckenf\u00fcller.<\/p>\n<p>Bereits zwanzig Minuten sp\u00e4ter klingelte wieder das Telefon, und ich schmunzelte, als die Nummer auf dem Display erschien. &#8222;Der Junge&#8220; stand zeitlich offensichtlich wirklich sehr unter Druck. H\u00f6flich erkl\u00e4rte er, er w\u00fcrde unser Gespr\u00e4ch auf Tonband aufzeichnen, ich m\u00fcsse aber deswegen nicht nerv\u00f6s werden &#8211; ich verzichtete darauf, ihm zu erkl\u00e4ren, dass ich die Prozedur bereits kannte und schon Interviews gegeben hatte, als er noch Windeln trug. Nachdem er den Recorder eingeschaltet hatte, erledigte er die Formalit\u00e4ten, durch die best\u00e4tigt wurde, dass ich mit Gespr\u00e4ch und Mitschnitt einverstanden war, und stellte seine Fragen.<br \/>\nSie waren erwartet harmlos, pauschal und klischeehaft gehalten. Ich tat ihm den Gefallen, so zu tun, als merkte ich es nicht, und es war ihm deutlich anzuh\u00f6ren, dass ihn die Antworten nicht wirklich interessierten und trotz meiner Bem\u00fchungen, einfach zu formulieren und so allgemein zu bleiben, wie nur m\u00f6glich war, auch mitunter v\u00f6llig \u00fcberforderten. Nach weniger als einer Viertelstunde hatte er seine Fragenliste abgearbeitet und verabschiedete mich mit dem Versprechen, er w\u00fcrde mir den Artikel zur Freigabe per eMail zusenden, was ich durchaus begr\u00fc\u00dfte, denn ich erinnere mich an zahlreiche Interviews, nach denen ich sehr erstaunt gewesen war, am gedruckten Text festzustellen, was ich da von mir gegeben haben sollte.<br \/>\nIch rechnete nicht allzu sehr damit, und im Grunde war es mir ganz gleich, aber &#8222;der Junge&#8220; hielt Wort. Gegen 16\u00a0Uhr bekam ich das Skript, korrigierte Etliches, das er schlichtweg falsch verstanden oder wiedergegeben hatte, half ihm noch, eine Textstelle zu verl\u00e4ngern, die ihm zu kurz geraten war, schlug einige stilistische \u00c4nderungen vor, die bei aller Unerfahrenheit eigentlich ihm h\u00e4tten auf- und einfallen m\u00fcssen, und schickte den Artikel schlie\u00dflich zur\u00fcck. Er bedankte sich artig, schmeichelte mir pflichtbewusst und einigerma\u00dfen professionell, indem er sagte, er habe die Zusammenarbeit als besonders angenehm empfunden, und fragte, ob er mich f\u00fcr weitere \u00e4hnliche Interviews zu verwandten Themen wieder anrufen d\u00fcrfe.<\/p>\n<p>Nachdem dieses f\u00fcr mich recht witzige kleine Intermezzo abgeschlossen war, widmete ich mich wieder meinen Verpflichtungen, die an jenem sp\u00e4ten Nachmittag darin bestanden, mich anzuziehen und in der Stadt verschiedene Dinge zu erledigen.<\/p>\n<p>Ich schickte mich gerade an, das Haus zu verlassen, als das Telefon klingelte. Beim Anblick der Nummer auf dem Display grinste ich \u00fcbers ganze Gesicht &#8211; &#8222;der Junge&#8220; brauchte offenbar wieder eine Kleinigkeit. Eigentlich wollte ich weg, aber er war sehr nett gewesen, auch ein wenig unbeholfen, und aus Mitgef\u00fchl mit einem Anf\u00e4nger lie\u00df ich mich doch vom Klingelton erweichen.<br \/>\nDas Interview habe seinem Chefredakteur besonders gut gefallen (ein gen\u00fcgsamer Mann offenbar, denn es war wirklich nichts Besonderes, daf\u00fcr sorgten schon Format und Leserschaft), aber &#8211; erz\u00e4hlte er &#8211; Interviews w\u00fcrden normalerweise immer mit einem aktuellen Foto publiziert, damit sich die Leser vorstellen k\u00f6nnen, wer da was gesagt habe &#8211; ob ich ihm noch eines schicken k\u00f6nne.<br \/>\nDie Wahrheit ist: Ich lasse mich nicht gerne und so gut wie nie fotografieren. Die wenigen Bilder, die es von mir gibt, sind schon einige Jahre alt und wenn \u00fcberhaupt f\u00fcrs Familienalbum bestimmt, aber ganz sicher nicht drucktauglich: Sie zeigen mich meistens von hinten, von der Seite, oder fangen auf, wie ich mich verstohlen bem\u00fche, mich dem Blickfeld des Fotografen und seinem Objektiv zu entziehen. Aber ich wollte &#8222;dem Jungen&#8220; ja helfen, suchte fieberhaft in meinem Ged\u00e4chtnis nach etwas halbwegs Passendem und erinnerte mich, dass ich noch irgendwo in einer bestimmten Schublade f\u00fcnf Jahre alte Passfotos behalten hatte, die \u00fcbrig geblieben waren, als ich meinen neuen Personalausweis beantragt hatte. Sie waren nicht besonders gelungen oder gar vorteilhaft, aber es musste gen\u00fcgen. Ein wenig ungeduldig kramte ich sie hervor, scannte eines davon, schickte es &#8222;dem Jungen&#8220;, erkl\u00e4rte ihm mit knappen eiligen Worten, dass dies ein klassischer Fall von &#8222;das oder gar nichts&#8220; sei, und ich im \u00dcbrigen gleich nicht mehr zu erreichen sei.<br \/>\nIch unternahm gerade den zweiten Versuch, das Haus zu verlassen, als das Telefon erneut klingelte. Auf dem Display leuchtete die inzwischen vertraute Nummer. Die Druckerei habe das Bild f\u00fcr nicht gut genug befunden, die Aufl\u00f6sung sei zu schlecht, er ben\u00f6tige ein anderes. Ich machte ihm klar, dass ich kein anderes hatte, mich nun au\u00dferdem um andere Dinge zu k\u00fcmmern h\u00e4tte, und legte etwas gereizt ob so wenig Flexibilit\u00e4t auf. Ein Interview ohne Bild zu ver\u00f6ffentlichen, kann ja wohl nicht so schlimm sein, dachte ich letztlich, als ich die T\u00fcr hinter mir schloss.<\/p>\n<p>Als ich gegen 18\u00a0Uhr\u00a030 nach Hause kam, blinkte der Anrufbeantworter wie der sprichw\u00f6rtliche Weihnachtsbaum. &#8222;Der Junge&#8220; hatte noch zweimal um ein Foto flehend angerufen, eine andere, dem Wortlaut nach erfahrenere Redakteurin gleich viermal, f\u00fcr zwei weitere Anrufe, bei denen keine Nachricht hinterlassen worden war, erschien dieselbe Nummer auf dem Display. Es sei absolute Hauspolitik, sagte die weibliche Stimme, dass jedem Interview ein Foto beizuliegen habe, ich sollte mich unbedingt vor 17\u00a0Uhr\u00a030 melden, sie k\u00f6nne auch einen Lokalfotografen zu mir schicken, wenn ich wirklich nichts anderes h\u00e4tte, ein Bild sei aber unbedingt erforderlich.<br \/>\nIch staunte nicht schlecht. Der Inhalt des Interviews war es f\u00fcr &#8222;den Jungen&#8220; nicht wert gewesen, zu mir zu kommen und mich pers\u00f6nlich zu treffen, daf\u00fcr war keine Zeit \u00fcbrig gewesen. Aber f\u00fcr ein der Sache nicht im geringsten wirklich dienliches und somit v\u00f6llig \u00fcberfl\u00fcssiges Bildchen war offenbar eine ganze Redaktion bereit, allen Geschwindigkeitsbegrenzungen zum Trotz einen relativ langen Weg auf sich zu nehmen, um die Deadline einzuhalten. Es gen\u00fcgte nicht mehr, dass die ohnehin wenigen Leser, die den Artikel nicht \u00fcbersehen w\u00fcrden, meinen Beruf durch meine Worte kennenlernten. Genau genommen: Diese waren unwichtig. Ich war sprachlos. Rat suchend wandte ich mich dem Kalender zu. Der kommende Tag sollte tats\u00e4chlich Welttag des Buches sein &#8211; nicht Welttag der Fotografie &#8211; Irrtum ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Offenbar liegt in den Medien und deren Interpretation ein grunds\u00e4tzliches und tiefes Missverst\u00e4ndnis vor. Wir leben allem Internet und allen blogosph\u00e4rischen Anspr\u00fcchen zum Trotz nicht in einer mit aller Gewalt expandieren Informationsgesellschaft, die Inhalte ohne Sinn und Verstand und ohne R\u00fccksicht auf Verluste wie am Flie\u00dfband produziert und qualitativ undifferenziert austauscht. Das Zeitalter der Information oder Desinformation haben wir bereits und vermutlich l\u00e4ngst hinter uns gelassen. Das Einzige, das uns noch verbindet, das vermittlungsf\u00e4hig ist, ist das allm\u00e4chtige Bildchen.<br \/>\nInterviews wie dieses, Piktogramme an Flugh\u00e4fen, Bahnh\u00f6fen und Regalen von Superm\u00e4rkten, Montageanleitungen ber\u00fchmter skandinavischer M\u00f6belhersteller, Blogs, beliebte Videoplattformen machen es deutlich: Die visuelle Gesellschaft hat nivellierend den Text zu Grabe getragen. Und wir sollten ihr daf\u00fcr danken. Denn nachdem Schreiben und Text nicht mehr notwendig sind, nicht mehr instrumentalisiert der Kommunikation dienen m\u00fcssen, nachdem sie nur noch das umst\u00e4ndliche und unattraktive \u00dcberbleibsel Ewiggestriger geworden sind, haben sie die M\u00f6glichkeit, wieder zu dem zu werden, was sie einst waren: Genuss, Kunst, und vor allem gesch\u00e4tzte Luxusg\u00fcter.<\/p>\n<p>Ich habe es nach einiger Zeit aus reiner Neugier recherchiert: Das Interview wurde tats\u00e4chlich niemals abgedruckt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es geschah am 16. April 2008. Kurz vor 15 Uhr rief mich ein Journalist an. Er war freundlich, klang jung, erkl\u00e4rte mir hastig nuschelnd und doch wenig routiniert, bei welcher Zeitung er besch\u00e4ftigt war, wobei er offenbar voraussetzte, dass ich sie kennen w\u00fcrde, und bat mich um ein Interview. 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