{"id":436,"date":"2010-03-25T18:15:49","date_gmt":"2010-03-25T16:15:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/?p=436"},"modified":"2025-10-15T13:37:15","modified_gmt":"2025-10-15T11:37:15","slug":"umberto-eco-und-ich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/umberto-eco-und-ich\/","title":{"rendered":"Umberto Eco und ich"},"content":{"rendered":"<p>Als wir uns vor sechseinhalb Jahren auf Wohnungssuche begaben, um den 32 m\u00b2 ohne K\u00fcche zu entfliehen, die schon \u00fcber ein Jahrzehnt unsere Wohn-, Schlaf- und Arbeitsst\u00e4tte darzustellen bem\u00fcht waren, hatten wir es nicht leicht. Selbstst\u00e4ndige &#8211; ob Freiberufler oder K\u00fcnstler &#8211; sind in einer konservativen Studenten- und Beamtenstadt als Mieter nicht gerade erw\u00fcnscht, geschweige denn gefragt, und wir mussten erleben, dass auch Immobilienmakler trotz vertrauensw\u00fcrdiger Umsatzzahlen eine Zusammenarbeit nicht einmal in Erw\u00e4gung ziehen wollten: Ohne eine B\u00fcrgschaft betuchter Verwandter war es kaum m\u00f6glich, \u00fcberhaupt zu einer Besichtigung zugelassen zu werden. Solche Verwandten hatten wir nun einmal nicht, und auch wenn wir sie h\u00e4tten vorweisen k\u00f6nnen, h\u00e4tten wir sie nicht gebeten, wir sind schlie\u00dflich l\u00e4ngst erwachsen.<br \/>\nAu\u00dferdem waren die wenigsten Vermieter f\u00fcr den Begriff &#8222;Wohnb\u00fcro&#8220; oder &#8222;Heimarbeit&#8220; wirklich zu begeistern. Zu betonen, es sei damit kein Publikumsverkehr verbunden und die Kontakte zu unseren Kunden w\u00fcrden ausschlie\u00dflich per eMail stattfinden, erwies sich als m\u00fc\u00dfig: Wer den ganzen Tag in der Wohnung sei, w\u00fcrde sie mehr abnutzen, als ein Mieter, der tags\u00fcber auf der Arbeit sei. Einer solchen Argumentation hat man naturgem\u00e4\u00df wenig entgegenzusetzen.<br \/>\nZu allem \u00dcberfluss suchten wir eine Wohnung in der Innenstadt, die genau unseren Vorstellungen entsprach, sprich mit vielen Wandstellfl\u00e4chen, ohne Dachschr\u00e4gen und unz\u00e4hlige Winkel \u2013 klare, lineare Strukturen, wie das TextLoft sie eben mag.<br \/>\nSo beschlossen wir, mit Kleinanzeigen in den lokalen Tageszeitungen in die Offensive zu gehen.<\/p>\n<p>Um neben den vielen anderen Paaren, die mit ihrem bequemen und sicheren Festangestellten-Dasein prunken und punkten konnten, \u00fcberhaupt eine Chance zu haben, setzten wir auf Originalit\u00e4t und Ehrlichkeit. &#8222;<strong>5000 B\u00fccher suchen ein Zuhause<\/strong>&#8222;, lautete die erste, fettgedruckte Zeile unserer Anzeige. Die Anzahl der Vermieter, die sich von diesem Gest\u00e4ndnis ber\u00fchren lie\u00dfen, war zugegebenerma\u00dfen nicht \u00fcberw\u00e4ltigend, und bis auf drei mehr am\u00fcsierte als wirklich interessierte Anrufer meldete sich lediglich ein \u00e4lterer Herr, der in unserem Text die versteckte Botschaft entdeckt zu haben glaubte, Menschen, die so viel lesen, w\u00fcrden niemals, aber auch niemals Musik h\u00f6ren, und wir seien f\u00fcr sein spie\u00dfiges Zwei-Familien-Haus, in dem sich nur auf Zehenspitzen bewegt wurde, ja geradezu perfekt.<br \/>\nAuch wenn der Erfolg ausblieb und wir schlie\u00dflich \u00fcber andere Wege das &#8211; <a href=\"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/zuhause\"><strong>so dachten wir es damals zumindest<\/strong><\/a> &#8211; Gesuchte fanden, steckte hinter dem vielleicht nicht ganz allt\u00e4glichen Text nicht nur Selbstironie. Wir besitzen tats\u00e4chlich so viele B\u00fccher \u2013 inzwischen sind es nat\u00fcrlich einige mehr geworden.<\/p>\n<p>Aus einem Grund, der mir bis heute schleierhaft geblieben ist, scheint diese Wahrheit aber grunds\u00e4tzlich besonders unglaubw\u00fcrdig zu sein. Nicht selten erlebte ich, wie Menschen, die uns zum ersten Mal besuchten, staunend vor unseren zahlreichen B\u00fccherw\u00e4nden standen und fragten: &#8222;Haben Sie <em>die<\/em> etwa <em>alle<\/em> gelesen?&#8220;. Immer wieder brachte mich diese Frage arg in Bedr\u00e4ngnis. Warum sollte ich denn B\u00fccher kaufen, wenn ich sie nicht lese? Und warum war es \u00fcberhaupt so verwunderlich, dass jemand gern liest? Oder traute man mir selbst einfach nicht zu, so viel zu lesen? Irgendwie empfand ich die Situation immer als etwas beleidigend, und noch ehe ich mich zusammenrei\u00dfen konnte, wehrte sich mein Ehrgef\u00fchl ohne mein Zutun und wider besseres Wissen auf kindischste und \u00fcberfl\u00fcssigste Art, indem ich den dumm Fragenden mit dem ganzen Ausma\u00df der Wirklichkeit konfrontierte: &#8222;Ja, und ein paar Tausend mehr dazu. Das hier sind nur die wenigen, die ich gekauft habe&#8220;. Und jedes Mal aufs Neue \u00e4rgerte ich mich im selben Augenblick \u00fcber mich selbst \u2013 dar\u00fcber, dass ich mich einmal mehr auf dieses Narrenspiel eingelassen hatte, dar\u00fcber, dass dieser Mensch mich dazu gebracht hatte, mich so zu benehmen, als h\u00e4tte ich es n\u00f6tig, ihm oder mir zu beweisen, ob oder wie belesen ich sei, dar\u00fcber, dass ich mich dazu hatte provozieren lassen, mich wie ein Angeber zu verhalten \u2013 obwohl die Frage, wie viele B\u00fccher ich je gelesen habe, f\u00fcr mich selbst als nicht im geringsten relevant einzuordnen ist. Tats\u00e4chlich k\u00f6nnte ich sie nicht ann\u00e4hernd beantworten, ich habe nie mitgez\u00e4hlt und wusste auch nicht, dass man es tun sollte.<\/p>\n<p>Nach dem Einzug in die neue Wohnung \u00e4nderte sich die Lage. Zum einen f\u00e4llt die Menge der B\u00fccher, die wir besitzen, dank gro\u00dfz\u00fcgiger Wandfl\u00e4chen, puristischer M\u00f6blierung und der Verteilung auf eine gr\u00f6\u00dfere Anzahl an R\u00e4umen optisch etwas weniger auf. Zum anderen ersetzte ich die fr\u00fcheren offenen Regale durch B\u00fccherschr\u00e4nke und Vitrinen, was nicht nur einen besseren Schutz vor Staub bietet und eine Aufstellung der Sekund\u00e4rliteratur &#8222;in zweiter Reihe&#8220; erm\u00f6glicht, sondern auch durch das blo\u00dfe Vorhandensein von T\u00fcren die f\u00fcr viele wohl erschlagende Wirkung von Tonnen von Papier geschickt umspielt und versteckt.<br \/>\nAu\u00dferdem kamen in den letzten Jahren nicht mehr so viele neue Besucher zum TextLoft, und unsere Bekannten haben sich mittlerweile so daran gew\u00f6hnt, dass sich bei uns alles um B\u00fccher dreht \u2013 es sind sogar in der K\u00fcche welche zu finden, die nichts mit dem Kochen zu tun haben -, dass ich sehr lange Zeit diese wohl d\u00fcmmste aller diesbez\u00fcglichen Fragen nicht mehr geh\u00f6rt und auch nicht mehr daran gedacht habe.<\/p>\n<p>Bis mein Mann mich neulich mit einem Geschenk \u00fcberraschte: Umberto Ecos <em>Streichholzbriefe<\/em>, bzw. ein Teil davon, von dtv unter dem Titel <em>Wie man mit einem Lachs verreist und andere n\u00fctzliche Ratschl\u00e4ge<\/em> zusammengestellt. Es sind k\u00f6stliche Texte, und ich verbrachte einen wirklich vergn\u00fcglichen und belohnenden Abend in ihrer Gesellschaft.<br \/>\nEigentlich w\u00e4re ich niemals so anma\u00dfend gewesen, zu denken, dass mich mit Umberto Eco mehr verbinden k\u00f6nnte, als die Tatsache, dass ich seine B\u00fccher wie Oasen genie\u00dfe, dass ich es liebe, in seine gepflegte Sprache einzutauchen, dass ich es bereue, niemals die Gelegenheit gehabt zu haben, einer seiner Vorlesungen in Semiotik beizuwohnen \u2013 was ohnehin schon daran gescheitet w\u00e4re, dass ich kein Wort Italienisch kann.<br \/>\nDoch dann war da dieser eine <em>Streichholzbrief<\/em>: &#8222;Wie man eine Privatbibliothek rechtfertigt&#8220;. Ich hatte mir bei dieser \u00dcberschrift nichts Konkretes vorgestellt und las einfach mit Genuss vor mich hin, aber pl\u00f6tzlich traute ich meinen Augen nicht, und ein Absatz lie\u00df mich mit offenem Mund zur\u00fcck, nachdem mein Herz beinahe ausgesetzt h\u00e4tte: Tats\u00e4chlich berichtet Umberto Eco darin, wie Besucher und namentlich gebildete Personen, denen man nicht unterstellen k\u00f6nne, sie h\u00e4tten in ihrem eigenen Alltag wenig Umgang mit B\u00fcchern, beim Anblick seiner die Wohnung beherrschenden Bibliothek ihn mit erstaunlicher Regelm\u00e4\u00dfigkeit fragen, ob er all die vielen B\u00fccher auch wirklich gelesen habe.<\/p>\n<p>Es konnte nicht sein. <em>Mich<\/em> fragt man das. In Ordnung. Ich bin ein Nichts. Ein Niemand. Eine Akademikerin unter vielen. Eine kleine Textarbeiterin mitten in irgendeiner Pampa. Gut. Angenommen. Vielleicht traut man mir wirklich nichts zu.<br \/>\nAber er ist Umberto Eco.<br \/>\n<em>Der<\/em> Umberto Eco.<br \/>\nWie kann jemand Umberto Eco genau die Frage stellen, die auch mir gestellt wird? Etwas passte nicht zusammen.<\/p>\n<p>Nach der ersten Verbl\u00fcffung, die eher als Schrecken daherkam, tr\u00f6stete mich die Parallelit\u00e4t der Erfahrung aufs Innigste. Wenn der gro\u00dfe Umberto Eco diese Frage \u2013 wie er sagt &#8211; mehr als einmal und von den unterschiedlichsten Leuten geh\u00f6rt hatte, dann konnte ich aufh\u00f6ren, beleidigt zu sein oder an meinem Image zu zweifeln. Offenbar gibt es eben solche Menschen, die das Lesen als so widernat\u00fcrlich empfinden, dass ihnen nicht einmal einf\u00e4llt, dass es anders geht.<br \/>\nIn M\u00fcnster und in Italien.<br \/>\n\u00dcberall.<br \/>\nUnd ich werde Umberto Eco immer daf\u00fcr dankbar sein, dass er mir das Selbstbewusstsein zur\u00fcckgeschenkt hat, mich meiner Bibliothek trotz ihres Umfangs nicht mehr zu sch\u00e4men.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als wir uns vor sechseinhalb Jahren auf Wohnungssuche begaben, um den 32 m\u00b2 ohne K\u00fcche zu entfliehen, die schon \u00fcber ein Jahrzehnt unsere Wohn-, Schlaf- und Arbeitsst\u00e4tte darzustellen bem\u00fcht waren, hatten wir es nicht leicht. 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