{"id":2037,"date":"2026-06-11T11:48:13","date_gmt":"2026-06-11T09:48:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/?p=2037"},"modified":"2026-06-11T11:57:21","modified_gmt":"2026-06-11T09:57:21","slug":"bitte_werkimmanent_kolumne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/bitte_werkimmanent_kolumne\/","title":{"rendered":"Bitte werkimmanent \u2013 ein Pl\u00e4doyer"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt in der Geschichte der Literatur und der Kunstinterpretation absolut l\u00e4stige, v\u00f6llig \u00fcberfl\u00fcssige Fragen, die mit penetranter Regelm\u00e4\u00dfigkeit beim kleinsten Anlass immer wieder an die Oberfl\u00e4che gesp\u00fclt werden und zu denen jeder sich irgendwann gen\u00f6tigt sieht, Stellung zu nehmen, auch wenn er es nicht vorhatte und er sich dar\u00fcber \u00e4rgert, dass er sich doch zu dieser nutzlosen und im Kern idiotischen Debatte hat hinrei\u00dfen lassen. Was im Volksmund die lebensbewegende philosophische Ergr\u00fcndung dessen ist, ob das Ei oder das Huhn usw., ist anderswo der Streit um die Einbeziehung der Pers\u00f6nlichkeit, Moralvorstellungen, politischen Meinung und des allgemeinen Benehmens eines K\u00fcnstlers oder Schriftstellers in der Deutung, Rezeption und Kommerzialisierung seines Werkes. Eine Frage ist es im Grunde nicht, sondern viel mehr ein Fragenkomplex: Soll das Werk f\u00fcr sich betrachtet werden oder soll der Lebenswandel und die Positionierung des K\u00fcnstlers dabei eine Rolle spielen? Ist es f\u00fcr einen K\u00fcnstler Pflicht, sich zu politischen und moralischen Themen zu \u00e4u\u00dfern? Sollen Werke aus Museen und Verlagsprogrammen verbannt werden, wenn die Person des K\u00fcnstlers von unserer Gesellschaft nachtr\u00e4glich als \u201eproblematisch\u201c betrachtet wird?<\/p>\n<p>Immer h\u00e4ufiger wird diese Frage mit ja beantwortet \u2013 erst recht in den Social Media \u2013 und dies nicht nur aus Laienmund. Vor einigen Monaten echauffierten auf LinkedIn die Rezeption von Balthus\u2018 und Gauguins Gem\u00e4lden und der Gedanke an ihre Zwangsentfernung aus Sammlungen die Gem\u00fcter, vor wenigen Jahren wurde Peter Handkes Haltung zu Frauen in Foren zu einem Totschlagargument gegen das Lesen seiner Werke.<br \/>\nDiese Ans\u00e4tze sind zweifelsohne ehrenhaft und von unbestritten moralischer Gr\u00f6\u00dfe.\u00a0 Kann ich bis zu einem gewissen Grad die Emp\u00f6rung der zeitgeistgetr\u00e4nkten Allgemeinbev\u00f6lkerung nachvollziehen und entschuldigen, so verwundern mich solche Reaktionen, wenn sie von Geisteswissenschaftlern kommen, und dies aus zwei Gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Geschichte und Kunstgeschichte, Textinterpretation und \u00dcbersetzungsarbeit lehren uns eins: Der Kontext, nicht zuletzt der historische und soziale Kontext ist immer wichtig, ja entscheidend, um etwas zu verstehen und objektiv zu beurteilen.<br \/>\nSoziologie und Anthropologie haben uns Welten er\u00f6ffnet, die uns fremd waren, und im Namen der Diversit\u00e4t, Toleranz, kulturellen Sensibilit\u00e4t und der Abkehr von kolonialistischem machtkulturellem Streben dazu erzogen, Praktiken, die in unserer Gesellschaft als fragw\u00fcrdig gelten oder gar gesetzlich verboten sind, zu akzeptieren und zu relativieren: Wir stellen in <a href=\"https:\/\/www.bundeskunsthalle.de\/amazonia\">Ausstellungen<\/a> Schrumpfk\u00f6pfe und nach wie vor verwendete Skarifizierungswerkzeuge als Zeugnisse einer respektverdienenden Kultur neutral besetzt aus, wir beschreiben informativ wertfrei Himmelsbestattungen, Ayahuasca-Zeremonien und Tieropferrituale oder Polygamie.<br \/>\nDer Kontext \u2013 sei er historisch oder gesellschafts- und kulturhistorisch \u2013 bereichert also an einer Stelle die Wahrnehmung anderer Kulturen, darf aber, ob der moralischen R\u00fcckst\u00e4ndigkeit, in der Beurteilung unserer eigenen kulturellen und k\u00fcnstlerischen Vergangenheit paradoxerweise nicht relevant sein. Davon abgesehen, dass die Grenze zwischen Moral und Zensur hier einen schmalen Grat beschreibt und unangenehme Erinnerungen an Willk\u00fcr und B\u00fccherverbrennungen wachruft, stellt sich an diesem Punkt nicht nur die Frage nach moralischer Hybris und dem Recht auf Ma\u00dfstabsetzung, sondern auch diejenige der F\u00e4higkeit unserer Gesellschaft, das Urteilsverm\u00f6gen zum Zwecke der freien Selbstentscheidung zu schulen und zu f\u00f6rdern. Sind wir nicht mehr in der Lage, Werke einem Kontext, einer Zeit, einem Zeitgeist und seinen \u2013 aus heutiger Sicht auch negativen \u2013 Facetten zuzuordnen und Unterschiede zwischen fr\u00fcheren Moralvorstellungen und heutigen zu erkennen, dann hat unser Bildungs- und Erziehungssystem nicht nur in Kategorien von Pisa-Daten versagt.<\/p>\n<p>Vor allem aber zeugt diese Tendenz von einem tiefen Unverst\u00e4ndnis dessen, was k\u00fcnstlerisches und literarisches Schaffen sind, und wirft somit ein befremdliches Licht gerade auf diejenigen, deren Aufgabe es ist, die so entstandenen Werke zu kuratieren und zu interpretieren.<br \/>\nWird sich hemmungslos dar\u00fcber lustig gemacht, dass weniger gebildete Zuschauer m\u00f6glicherweise die Figur in einer Fernsehserie mit dem Schauspieler verwechseln und diesem die guten oder schlechten Eigenschaften zuschreiben, die die Rolle innehat, so ist die heutige Bildungsoberschicht dennoch offenbar selbst nicht in der Lage, Werk und Person zu trennen. Dieses erstaunliche Armutszeugnis hat einen Grund, auch wenn dieser keine Entschuldigung sein kann: In dem Ma\u00dfe, wie durch kaufm\u00e4nnisch motivierte Irrungen der Verlags- und Galerie-Politik und durch Social Media nach der Sichtbarkeit von K\u00fcnstlern und Autoren gelechzt wird, die sich mitunter in der Bringschuld sehen, sich zu inszenieren, um ihren Marktanteil zu steigern, vergessen auch diejenigen, die \u00fcber Ver\u00f6ffentlichungen, Interpretationen, Kritiken und Ausstellungen entscheiden, dass dies eben nur dies ist, n\u00e4mlich eine Marketing- und Markeninszenierung. Sie haben es offenbar verlernt, das Werk an sich als \u00e4sthetische Suche, \u00e4sthetische Antwort und \u00e4sthetische Gr\u00f6\u00dfe zu betrachten. Allein die Tatsache, dass sie krampfhaft und fieberhaft nach den Verbindungen zur Person graben und kleinste Details oder den Lebenswandel zum interpretatorischen oder bewertenden Werkzeug machen, zeigt hinreichend, wie weit sie sich vom Werk entfernt haben, wie unsicher sie in der rein \u00e4sthetischen Deutung geworden sind und wie wenig sie \u00fcber kreative Arbeit wissen.<br \/>\nIhre Forderungen nach Moralit\u00e4t der Person als Grundlage des Werkes entkleidet Werk und Schaffen ihres \u00e4sthetischen Auftrags, ignoriert die Schaffensabsicht \u2013 und das ist das Gegenteil eines literatur- oder kunstwissenschaftlichen Ansatzes.<\/p>\n<p>Moral sollte in Gesellschaft, Handel, Politik eine wesentliche Rolle spielen, was sie leider nicht tut und nie getan hat. Die Frage nach der Moral in der Rezeption und Bewertung von Kunst und Literatur aber ist fehl am Platz. Es sollte erlaubt sein, die Person, ihren Lebenswandel, ihre Perversionen, ihre politische Meinung abzulehnen, aber die Qualit\u00e4t ihrer Arbeit immanent dennoch sch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen und m\u00f6gen zu d\u00fcrfen.<br \/>\nDie Forderung nach einer werkimmanent(er)en, \u00e4sthetikgebundenen Interpretation von Text und Kunst mag altmodisch sein und einigen obsolet erscheinen, aber sie ist das, was den Unterschied zwischen zeitlosen literarischen und k\u00fcnstlerischen Werten und Zeitgeistmeinung ausmacht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt in der Geschichte der Literatur und der Kunstinterpretation absolut l\u00e4stige, v\u00f6llig \u00fcberfl\u00fcssige Fragen, die mit penetranter Regelm\u00e4\u00dfigkeit beim kleinsten Anlass immer wieder an die Oberfl\u00e4che gesp\u00fclt werden und zu denen jeder sich irgendwann gen\u00f6tigt sieht, Stellung zu nehmen, auch wenn er es nicht vorhatte und er sich dar\u00fcber \u00e4rgert, dass er sich doch [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[76],"tags":[93,14],"class_list":["post-2037","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-textliebe","tag-kolumne","tag-zeitgeist"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2037","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2037"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2037\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2038,"href":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2037\/revisions\/2038"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2037"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2037"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2037"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}