{"id":2033,"date":"2026-06-10T15:12:17","date_gmt":"2026-06-10T13:12:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/?p=2033"},"modified":"2026-06-10T15:14:05","modified_gmt":"2026-06-10T13:14:05","slug":"was-verlagskataloge-ueber-uns-verraten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/was-verlagskataloge-ueber-uns-verraten\/","title":{"rendered":"Was Verlagskataloge \u00fcber uns verraten"},"content":{"rendered":"<p>Es ist die Jahreszeit der Verlagskataloge. Alle paar Tage erhalte ich welche, kleine, wundervolle \u00dcberraschungen. Dass es sie noch auf Papier gibt, dass sie verschickt werden und sie meinen Briefkasten f\u00fcr ein paar Wochen im Jahr wieder zu dem magischen Ort machen, <strong><a href=\"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/der-briefkasten\/\">der er einst war<\/a><\/strong>, schenkt mir einen Trost, der weit \u00fcber die reine Nostalgie hinausgeht. Es ist, als g\u00e4be es auf dieser Welt doch noch etwas, das in Ordnung ist, das noch nicht zerst\u00f6rt und vergessen ist, das noch \u201enormal\u201c ist.<\/p>\n<p>Von diesen Gedanken abgesehen ist mir allerdings aufgefallen, wie viel die Art, wie wir mit solchen Katalogen umgehen, wie wir sie lesen und nutzen, \u00fcber uns verr\u00e4t: nicht nur \u00fcber unsere thematischen Vorlieben, sondern auch \u00fcber unsere grunds\u00e4tzliche Einstellung zu den Dingen, \u00fcber unsere Art zu denken, unsere Priorit\u00e4ten, \u00fcber unsere momentane psychologische Verfassung, unsere private und berufliche Biographie und nicht zuletzt unser Alter und unseren derzeitigen Platz im Leben.<\/p>\n<p>Zu den Katalogen, die ich in letzter Zeit erhalten habe, geh\u00f6rt derjenige eines bekannten Kunstbuchverlags. Habe ich mich fr\u00fcher gierig darauf gest\u00fcrzt und alle Titel herausgeschrieben, die ich zu lesen oder zu kaufen gedachte \u2013 er erschien mir zu sch\u00f6n, um darin etwas anzukreuzen oder zu unterstreichen \u2013, bl\u00e4ttere ich ihn in den letzten Jahren nur noch sehr schnell und oberfl\u00e4chlich durch, bevor\u00a0 er seinen Weg in die hintere Reihe des B\u00fccherschranks findet. Es ist nicht so, dass mich sein Inhalt grunds\u00e4tzlich nicht mehr interessieren w\u00fcrde. Das Angebot hat sich ver\u00e4ndert, entspricht zunehmend dem, was offizielle Kunstpolitik begr\u00fc\u00dft, erwartet und f\u00f6rdert und meinen Vorstellungen nicht unbedingt entspricht, ist kommerzieller geworden. Aber f\u00fcr die abgek\u00fchlte Liebe ist dies zugegebenerma\u00dfen nicht der einzige, nicht einmal der wichtigste Grund: Es handelt sich um einen deutschen Verlag, der B\u00fccher in deutscher Sprache publiziert, dessen Zielgruppe also deutschsprachig ist \u2026 seinen Katalog aber ausschlie\u00dflich in englischer Sprache druckt. Einen solchen Unsinn muss ich nicht unterst\u00fctzen. Tats\u00e4chlich \u00fcberlege ich, ob ich diese Kataloge nicht abbestelle, denn ein solcher Verlag will mich als Kundin offenbar nicht. Ich bin wohl nicht woke genug, zu alt, zu konservativ.<\/p>\n<p>Ein <strong><a href=\"https:\/\/www.la-pleiade.fr\/collections\/bibliotheque-de-la-pleiade\">weiterer Katalog<\/a><\/strong>, den ich jedes Jahr mit Freude erwarte und der mich nie entt\u00e4uscht hat, kommt von einem franz\u00f6sischen Verlag und wendet sich an Liebhaber von Literaturklassikern und Bibliophile. Diese B\u00e4nde k\u00f6nnen um des Sammelns willen erworben werden und stellen eine gro\u00dfe Versuchung dar, aber ich betrachte sie prim\u00e4r als B\u00fccher, als die kuratierten Textsammlungen, die sie sind. Doch meine Art, diesen Katalog zu lesen und zu bearbeiten, gibt mehr von mir preis, als mir \u00fcber lange Jahre bewusst war. Welche B\u00fccher ich am Rand neben dem Titel mit drei langen roten Strichen (sobald wie m\u00f6glich kaufen), zwei schwarzen Strichen (wichtig, aber nicht so dringend) oder einem Bleistiftstrich (es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn\u2026, aber kein Muss) kennzeichne, zeigt, wie sich Erfahrung und Wechself\u00e4lle des Lebens in den B\u00fcchern, mit denen wir uns umgeben, auswirken.<\/p>\n<p>Meine berufliche Biographie, meine langj\u00e4hrige T\u00e4tigkeit als \u00dcbersetzerin und vor allem mein sich daraus unvermeidlich ergebender Einblick in die <strong><a href=\"https:\/\/www.textloft.de\/arbeitsphilosophie-plaedoyer-fuer-demut-kulturellen-respekt-und-textliche-treue\/\">moderne \u00dcbersetzungsarbeit, die Texttreue anders bewertet, als ich es tue<\/a><\/strong>, au\u00dferdem meine Kenntnis der Verlagsbranche haben hier Spuren hinterlassen, ja tiefe Furchen und Narben: Fremdsprachige Literatur lese ich nur noch, wenn ich in der Lage bin, sie im Originaltext zu genie\u00dfen, ich kaufe prinzipiell keine \u00dcbersetzungen mehr, wei\u00df ich doch zu gut um die Diskrepanzen, die heutige \u00dcbersetzungsarbeit und -auffassung mit sich bringen. Wenn \u00dcbersetzer als \u201ezweite Autoren\u201c und \u201ekreative Bearbeiter\u201c gefeiert werden, muss ich mir ihre Werke nicht antun, ich m\u00f6chte den Autor lesen, nicht, was sie mit Segen eines zielpublikumsbesorgten Verlags daraus erfinden.<br \/>\nDie allgemeine wirtschaftliche bzw. meine Einsch\u00e4tzung derselben spielt in meinem Zugang zu diesem und anderen Katalogen ebenso eine Rolle. Mein Glaube an eine bessere Zukunft, an bessere Zeiten scheint mir im Laufe der Jahre abhanden gekommen zu sein. Habe ich in meiner Jugend und noch vor einem Jahrzehnt viele Titel mit dem Hintergedanken angekreuzt, dass ich sie mir eines Tages leisten k\u00f6nnen w\u00fcrde, so ist dies heute nicht mehr der Fall. Ich beobachte, dass ich nur noch die B\u00fccher ber\u00fccksichtige, die \u201eunbedingt sein m\u00fcssten\u201c, weil sie zu meiner Arbeitsausstattung geh\u00f6ren sollten und m\u00fcssten und ich sie nicht mehr ausleihen m\u00fcsste, wenn ich sie brauche.<br \/>\nMeine Auswahl ist zudem ein deprimierendes Spiegelbild meines Alters und meiner reich(lich)en Lese-Erfahrung. Literarische Entt\u00e4uschungen, Distanz zu in der Jugend m\u00f6glicherweise \u00fcbersch\u00e4tzten Werken, eine \u2013 vielleicht zu lange? \u2013 Liste bereits gelesener Texte, die den Wert von Literatur als Notwendigkeit zuweilen ersch\u00fcttern und Raum f\u00fcr Frustration bieten, haben eine gewisse Verbitterung hinterlassen, die in zunehmender Vorsicht ihren Ausdruck findet. Der beruflichen Biographie kommen also die Altlasten der privaten hinzu.<\/p>\n<p>Mit dem Alter wird die Frage des physikalischen Platzes beim Durchbl\u00e4ttern eines Katalogs nicht zuletzt zu einem nennenswerten Faktor. Als ich noch Anfang 20 war, pflegte ich regelm\u00e4\u00dfigen Kontakt zu einem belesenen Ehepaar, das ob der Endlichkeit der Regalmeter in ihrem Eigenheim irgendwann den Entschluss gefasst hatte, nur noch die B\u00fccher zu kaufen, die sie bereits gelesen hatten und von denen sie sicher waren, dass sie auch in Zukunft den Wunsch haben w\u00fcrden, sie immer wieder zu lesen. Damals erschien mir dieser Ansatz recht skurril und radikal, ja undenkbar. Heute geht es mir nicht anders.<\/p>\n<p>Die Tatsache, dass ich solche Kataloge beim Erscheinen einer neuen Ausgabe nicht entsorge, sondern sammle, ist ebenfalls eine Aussage. F\u00fcr mich sind sie Nostalgie, kostbare Zeugnisse einer bestimmten Zeit, kleine emotionale Oasen, hoffnungsvolle Momente des Versinkens und Genie\u00dfens, der gespannten, aufgeregten Erwartung. Es gibt kaum etwas Sch\u00f6neres, als beim Umbl\u00e4ttern einer Seite in einem alten Verlagskatalog jene Freunde zu entdecken, die man selbst in der Jugend so oft gelesen hat, die man besitzt, die man nicht missen m\u00f6chte, und dabei in der neuen Ausgabe mit einem ger\u00fchrten Seufzer zu bemerken, wie wunderbar es doch ist, dass sie immer noch verlegt werden.<\/p>\n<p>Verlagskataloge auf Papier sind Seismographen unserer Gesellschaft, Lackmuspapiere des Zeitgeists, Erinnerungskapseln, Zeugnis unserer pers\u00f6nlichen individuellen Entwicklung und die Br\u00fccke zu jener Welt, nach der sich zu sehnen echte Leser niemals aufh\u00f6ren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist die Jahreszeit der Verlagskataloge. Alle paar Tage erhalte ich welche, kleine, wundervolle \u00dcberraschungen. 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