{"id":2029,"date":"2026-02-25T12:35:59","date_gmt":"2026-02-25T10:35:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/?p=2029"},"modified":"2026-02-25T12:38:06","modified_gmt":"2026-02-25T10:38:06","slug":"podcasts-und-der-verlust-der-schriftlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/podcasts-und-der-verlust-der-schriftlichkeit\/","title":{"rendered":"Podcasts und der Verlust der Schriftlichkeit"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sterben durch Podcasts der (popul\u00e4r)wissenschaftliche Text und die M\u00f6glichkeit zu Informationszugang und autodidaktischer (Fort)Bildung? Eine kritische Kolumne<\/strong><\/p>\n<p>Geht es nur mir so? Wer schnell und gerne liest, scheint heute im Nachteil zu sein. Auch fachliche und akademische Informationen werden extern immer h\u00e4ufiger nicht mehr in Textform, sondern als Podcast ver\u00f6ffentlicht.<br \/>\nSicher sehe ich da etwas falsch. Sicher missverstehe ich dieses Medium und ich lasse mich sehr gern aufkl\u00e4ren (man ist nie zu alt, um dazu zu lernen). Ein Podcast ist f\u00fcr mich eine abrufbare Radiosendung. Radio geh\u00f6rt habe ich in meiner Studentenzeit \u2026 \u00a0ein paar Minuten beim Kochen und Sp\u00fclen, weil es ein Radio in der WG-K\u00fcche gab. Meistens Musik oder die Nachrichten. Und wenn die Sp\u00fcle leer und das Geschirr einger\u00e4umt war, stellte ich das Radio ab, denn um die Sendung ging es mir ja nie, nur um die Ger\u00e4uschkulisse. Ansonsten habe ich nie Radio geh\u00f6rt. Es war langweilig, verstaubt, etwas f\u00fcr \u201ealte Leute\u201c. Ich wurde \u00e4lter, aber offenbar nicht reifer, denn das Bed\u00fcrfnis, Radio zu h\u00f6ren, versp\u00fcrte und begriff ich nie. Bis heute nicht. Irgendwann, als ich dann einen Fernseher besa\u00df, ersetzte er als Ger\u00e4uschkulisse beim Kochen und Sp\u00fclen das Radio und der kleine Weltempf\u00e4nger verschwand in eine Schublade, wo er heute noch sein Dasein fristet. Er wird \u201ef\u00fcr alle F\u00e4lle\u201c behalten, man wei\u00df ja nie.<br \/>\nEinem einst\u00fcndigen Podcast zum Thema \u201eStand der medi\u00e4vistischen Forschung\u201c oder \u201eBarockarchitektur\u201c zuzuh\u00f6ren, w\u00e4hrend ich etwas ganz anderes tue, mich vornehmlich also dem Haushalt widme, erscheint mir wenig zielf\u00fchrend. Zum einen h\u00e4tte das Thema nicht meine ungeteilte Aufmerksamkeit, ob durch die von mir verursachte Ger\u00e4uschkulisse oder weil meine Gedanken halb bei der anderen Besch\u00e4ftigung sind; des Weiteren k\u00f6nnte ich mir von den Dingen und Quellen, die ich selbst nachschlagen will, keine Notizen machen, ohne mich zu unterbrechen. Oder ich m\u00fcsste die Sendung w\u00e4hrend meiner Arbeitszeit nochmal h\u00f6ren, was ja nicht Sinn der Sache sein kann.<br \/>\nIch bewundere aufrichtig Menschen, die Podcasts h\u00f6ren und ihren Sinn und Nutzen sch\u00e4tzen. Warum\u00a0 immer mehr Podcasts wie Pilze aus dem Boden schie\u00dfen und was deren Vorteil sein soll, ist mir ein R\u00e4tsel. \u00a0F\u00fcr mich ist das ein Kuriosum, das ich wirklich gern verstehen w\u00fcrde.<br \/>\nEinen gedruckten Text in der L\u00e4nge eines 60-min\u00fctigen Podcast-Skripts k\u00f6nnte ich in 5 bis 7 Minuten erfassen und die Informationen st\u00fcnden mir dauerhaft f\u00fcr sp\u00e4teres Nachschlagen zur Verf\u00fcgung. Warum sollte ich also so viel Zeit mobilisieren?<br \/>\nIch nehme gern den Einwand entgegen, dass Podcasts nur einen popul\u00e4rwissenschaftlichen Einstieg bieten sollen. Ganz stimmt dies zwar seit geraumer Zeit nicht mehr, denn immer h\u00e4ufiger vermitteln auch namhafte Forscher und etablierte Akademiker auf diese Weise einen Einblick in ihre Wissenschaft oder den Fortschritt ihrer Arbeiten \u2013 insbesondere im Bereich Kunst und Geisteswissenschaften \u2013 und auch Museen haben nun dieses Medium der Kulturvermittlung entdeckt, aber lassen wir dieses Argument vorerst als Arbeitshypothese gelten. Auch hier h\u00e4tte ich in der Zeit, die ich f\u00fcr einen einzigen Podcast aufbringen m\u00fcsste, mindestens eine Ausgabe jeweils des @National Geographic und eines @geomagazin samt des\u00a0 gesamten Feuilletonteils einer der gro\u00dfen Zeitungen und einer zus\u00e4tzlichen Kunst-Zeitschrift durchgelesen, die auch noch als Ausgangspunkt f\u00fcr weitere vertiefende und anspruchsvollere oder akademische Lekt\u00fcren \u201ebleiben\u201c w\u00fcrden, ohne dass ich mitschreiben oder das Ganze noch einmal auf der Suche nach einem bestimmten Punkt sp\u00e4ter durchspulen muss. Was also die Sache mit den Podcasts soll, erschlie\u00dft sich mir nicht.<br \/>\nEs tut mir um die vielen \u00a0sehr begeisterten und engagierten Podcast-Autoren leid, die ihre Leidenschaft und ihr Wissen zu teilen versuchen. F\u00fcr mich bedeutet die Podcast-Flut in erster Linie, dass ich zu vielen Informationen keinen Zugang mehr habe, die ich fr\u00fcher regelm\u00e4\u00dfig in nun verwaisten und aufgegebenen Fachblogs oder nicht mehr ver\u00f6ffentlichten Zeitschriften gelesen h\u00e4tte. Aktiv nach neuen Erkenntnissen oder Entdeckungen zu suchen, von denen man nicht wei\u00df, dass es sie gibt, ist kaum eine L\u00f6sung, erst recht nicht, wenn man sich f\u00fcr eine breite Palette an Themengebieten interessiert. Dazu w\u00e4re Information da: Einem aufzuzeigen, was es Neues gibt, Suchf\u00e4hrten f\u00fcr eigene Recherchen zu er\u00f6ffnen. Aber diese Information muss ja auch in einer vertretbaren Zeit verf\u00fcgbar sein und das bedeutet: schnell erfassbar, sortierbar, weiter nutzbar \u00a0und strukturiert archivierbar sein \u2013 was ich (ich lasse mich gerne eines Besseren belehren) in Podcasts irgendwie nicht sehe.<br \/>\nIrgendwann werde ich vielleicht verstehen, was an Podcasts so toll sein soll. Vielleicht.<\/p>\n<p>Podcasts haben wie H\u00f6rb\u00fccher als Lekt\u00fcre-Ersatz f\u00fcr sehbehinderte Menschen zweifelsohne eine Daseinsberechtigung, eine unendlich wichtige sogar, oder viel mehr: Sie haben sie in diesem Zusammenhang gehabt, denn die zunehmende Vervielf\u00e4ltigung des Angebots stellt auch das in Frage.<br \/>\nIn anderen Kontexten allerdings ist ihr Nutzen heute eher kritisch zu bewerten und sie erweisen sich sogar in ihrer urspr\u00fcnglichen Absicht als kontraproduktiv. Nicht nur, weil sie f\u00fcr den wirklich interessierten und autodidaktischen Laien zeitraubend unpraktisch und unflexibel sind.<br \/>\nSie sind \u2013 und dies ist besonders tragisch \u2013 die Fortsetzung einer Entwicklung, die mit den Piktogrammen begonnen hat, mit Globisch ihre Fortsetzung fand hat und nun in der Abschaffung der Schriftlichkeit und dem Tod des Textes ihren Zielpunkt erreicht. Die vermeintliche Demokratisierung des Zugangs zu fachlichen Informationen wird zu genau ihrem Gegenteil \u2013 und Demokratisierung ist schon deshalb der falsche Begriff. Die Abschaffung von Text erm\u00f6glicht es nicht, dass bildungsferne Menschen Zugang zu qualitativ besseren Informationen finden, sie bedient in erster Linie die Bequemlichkeit und Eitelkeit des Mainstreams und f\u00fchrt zu einer Einebnung nach unten. Der Autor wird zum Influencer, der sich im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit vieler gen\u00f6tigt w\u00e4hnt, immer unterhaltsamere und vereinfachtere Inhalte produzieren zu m\u00fcssen. Die \u201eHemmschwelle\u201c \u2013 auch wenn mir das Wort zutiefst widerstrebt \u2013, Fachblogs oder popul\u00e4rwissenschaftliche Zeitschriften zu lesen, bedingte eine kleinere Leserschaft, die willens und in der Lage war, Inhalt und Textqualit\u00e4t wahrzunehmen und f\u00fcr die die Person des Autors keine wirkliche Bedeutung hatte. Dies sicherte wiederum zum einen eine gleichbleibende Qualit\u00e4t, da Konkurrenz und Sichtbarkeit keine Rolle spielten und f\u00fcr eine eingeschworene \u201eCommunity\u201c von Gleichgesinnten geschrieben wurde, zum anderen\u00a0 dass diejenigen, die sich intellektuell wirklich weiterentwickeln wollten und den Zugang zu dieser Gemeinschaft suchten, sich verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig tats\u00e4chlich darum bem\u00fchen mussten und schon dadurch Horizont und Kenntnisstand erweiterten. \u00a0Menschen werden nicht dadurch kl\u00fcger und gebildeter, dass ihnen alles einfach gemacht wird. Das Prinzip der Inklusion kann in diesem Zusammenhang zu einem zweischneidigen Schwert werden, wenn Bildung nicht parallel f\u00fcr andere Zielgruppen extern zug\u00e4nglich bleibt, sondern zu einer Ware wird, die auf Beliebtheit angewiesen ist. Alle wichtigen Dinge im Leben sind diejenigen, die nicht ohne M\u00fche zu haben sind, um die es sich zu k\u00e4mpfen lohnt. Die Rolle des Podcast-Autors als Influencer \u00a0verkehrt das Streben nach oben zum Beugen nach unten und holt den Mainstream keineswegs mehr aus seiner Unwissenheit heraus. Die Sprache wird immer einfacher, mitunter kindlich gestaltet, die Themen werden angepasst und so zerkleinert und zerteilt, dass sie nicht mehr nur leichter verdaulich sind, sondern \u00fcberhaupt nicht gekaut werden m\u00fcssen \u2013 ein an einem St\u00fcck herunterzuschluckender Brei ist keine Erziehung f\u00fcr die Geschmacksknospen. Das vermittelte Wissen f\u00fcgt sich \u2013 von wenigen Ausnahmen abgesehen, von denen ich h\u00f6rte, doch wie lange wird es diese noch geben? \u2013 den Gesetzen dieses Influencertums, bleibt oberfl\u00e4chlich und wird dadurch zeitlich fl\u00fcchtig \u2013 wie eben eine schnell vergessene Radiosendung.<\/p>\n<p>Podcasts einen Nutzen zuzuschreiben, f\u00e4llt angesichts dessen schwer: Von ihrer limitativen Unflexibilit\u00e4t f\u00fcr den wirklich autodidaktisch interessierten und schon kundigen Laien, die unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig viel Zeit f\u00fcr eine im Vergleich viel zu geringe Informationsmenge zu mobilisieren zwingt, \u00fcber ihre materielle Fl\u00fcchtigkeit bzw. den Aufwand, der dazu n\u00f6tig w\u00e4re, sie als Quelle vertiefender Lekt\u00fcren dauerhaft und effizient zu nutzen, bis hin zu der Einebnung des popul\u00e4rwissenschaftlichen Bildungszugangs nach unten durch \u00f6konomische Zw\u00e4nge des gnadenlos wettbewerbsorientierten Influencertums und die Abl\u00f6sung der Schriftlichkeit, die sie bedingen \u2013 es will mir nicht so recht gelingen, die allgemeine Begeisterung zu teilen. Aber wie gesagt: Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sterben durch Podcasts der (popul\u00e4r)wissenschaftliche Text und die M\u00f6glichkeit zu Informationszugang und autodidaktischer (Fort)Bildung? Eine kritische Kolumne Geht es nur mir so? Wer schnell und gerne liest, scheint heute im Nachteil zu sein. Auch fachliche und akademische Informationen werden extern immer h\u00e4ufiger nicht mehr in Textform, sondern als Podcast ver\u00f6ffentlicht. 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