{"id":1839,"date":"2021-03-15T13:30:04","date_gmt":"2021-03-15T11:30:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/?p=1839"},"modified":"2021-03-15T14:27:41","modified_gmt":"2021-03-15T12:27:41","slug":"kolumne-ein-im-deutschen-sprachraum-in-verruf-geratenes-genre","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/kolumne-ein-im-deutschen-sprachraum-in-verruf-geratenes-genre\/","title":{"rendered":"Kolumne \u2013 ein im deutschen Sprachraum in Verruf geratenes Genre"},"content":{"rendered":"<p>Kolumnen sind eine sehr alte Textform und im Grunde in vielfacher Hinsicht die Vorg\u00e4nger mancher heutiger Blogbeitr\u00e4ge. Ihre Geschichte allerdings hat in den letzten Jahren eine unsch\u00f6ne Wendung genommen, und es ist zu bef\u00fcrchten, dass sie dem Zeitgeist anheimfallen \u2013 widerspr\u00fcchlicherweise, leben wir doch in einer Welt, in der jeder \u00fcber die elektronischen gesellschaftlichen Netzwerke seine Meinung kundtun kann und von dieser M\u00f6glichkeit reichlicher bis \u00fcberm\u00e4\u00dfiger Gebrauch gemacht wird.<\/p>\n<p>In fr\u00fcheren Zeiten galten Kolumnen nach dem investigativen Journalismus als prestigereiche Sparte des Zeitungswesens. Kolumnist zu werden bedeutete eine Bef\u00f6rderung und ein erhebliches Ansehen.<br \/>\nIn der Tat erfordert die Kolumne besondere stilistische F\u00e4higkeiten, die weit \u00fcber diejenigen hinausgehen, die f\u00fcr die gew\u00f6hnliche Berichterstattung notwendig sind. Die w\u00f6chentliche Kolumne war in der s\u00e4kularen Welt der Zeitung das, war der Messe die Predigt war.<\/p>\n<p>Mit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts jedoch begann das Blatt, sich zu wenden. Immer h\u00e4ufiger wurden Kolumnen \u2013 in der breiten \u00f6ffentlichen Vorstellung, aber durch das Aufkommen der Online-Medien und des damit verbundenen Dilettantismus\u2019 auch zum Teil in der journalistischen Szene \u2013 mit anderen Formen verwechselt. Die Grenzen zwischen Kolumne, Glosse, Kommentar und Leitartikel wurden zunehmend unscharf. Noch h\u00e4tten sich die unterschiedlichen Ans\u00e4tze gegenseitig bereichern k\u00f6nnen, aber es sollte anders kommen.<\/p>\n<p>Mit der Jahrtausendwende entglitt die Kolumne schlie\u00dflich dem Journalismus und verlor eines ihrer wichtigsten Merkmale: die Konstante des vertrauten und professionellen Autors. Gastartikeleitelkeit einerseits und die immer dringendere, wirtschaftlich bedingte Unumg\u00e4nglichkeit eines Gebots der Attraktivit\u00e4t in einer sich selbst aufgebenden Branche andererseits f\u00fchrten dazu, dass der Kolumnist seine Funktion und seine journalistischen Eigenschaften einb\u00fc\u00dfte. Prominente (oder welche, die es gerne w\u00e4ren) wechselten sich nunmehr ab und \u00e4nderten die Spielregeln nach Gutd\u00fcnken und Imageimperativen. Eine verheerende Mischung aus Profilierungssucht und Leserheischerei leitete den Weg zu einem sinkenden Niveau von Textqualit\u00e4t und Themen ein.<\/p>\n<p>Heute ist das Wesen dessen, was eine Kolumne ist und sein sollte, weitgehend vergessen und wird von Lesern \u00fcberhaupt nicht mehr verstanden, wie die Kommentarfunktion bekannter deutscher Online-Magazine veranschaulicht.<br \/>\nKolumnen werden besonders gern angegriffen und als grunds\u00e4tzlich \u00fcberfl\u00fcssig betrachtet. Sie sind das bevorzugte Ziel von Rechthabereien und Wortklaubereien und fallen damit, wie viele andere Dinge im Bereich Text, Kunst und Kultur, dem allgemeinen Schrei nach nackten und somit undifferenzierten Daten und vermeintlich objektiven Fakten zum Opfer \u2013 als freue sich die Menschheit darauf, endlich von gef\u00fchlsneutralen Robotern abgel\u00f6st und ersetzt zu werden, als bettelte sie regelrecht darum. Meistens wird nicht die ge\u00e4u\u00dferte Meinung, also der Inhalt kritisiert, sondern das Genre an sich, weil seine Daseinsberechtigung, sein Zweck, seine Absicht und sein Nutzen schlicht nicht mehr bekannt und nicht mehr verstanden werden, und mit einer Reihe falscher Vorstellungen einhergehen.<\/p>\n<p>Dass ein Genre komplett und zudem in relativ kurzer Zeit obsolet wird, ist in der Geschichte des Textes ungew\u00f6hnlich und bedauerlich. Dass es ausgerechnet in Deutschland der Fall ist, verwundert allerdings zugegebenerma\u00dfen leider wenig. Text- und Formerziehung werden unter dem Vorwand teils historischer Altlasten, die es abzutragen gebe, teils einer erkl\u00e4rten resoluten Zukunftsorientiertheit, tats\u00e4chlich wohl eher aufgrund kultur- und mentalit\u00e4tsgewachsener Denkmuster und Werte grunds\u00e4tzlich, wissentlich und gezielt vernachl\u00e4ssigt bzw. unterbunden.<\/p>\n<p>So bleibt nur zu hoffen, dass diese Krankheit des Textvergessens nicht allzu sehr um sich greift, sich innerhalb unserer Sprachgrenzen eind\u00e4mmen l\u00e4sst und nicht auch noch sie zu einer vernichtenden Pandemie wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolumnen sind eine sehr alte Textform und im Grunde in vielfacher Hinsicht die Vorg\u00e4nger mancher heutiger Blogbeitr\u00e4ge. 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