{"id":154,"date":"2009-01-29T21:17:36","date_gmt":"2009-01-29T19:17:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/?p=154"},"modified":"2025-10-15T13:47:15","modified_gmt":"2025-10-15T11:47:15","slug":"frei-beruflich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/frei-beruflich\/","title":{"rendered":"Frei, beruflich"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Du hast aber auch nie frei&#8220;, meinte eine Bekannte neulich und durchaus vorwurfsvoll, als ich wegen der Arbeit an einem bestimmten Projekt eine wirklich liebenswerte Einladung ausschlug. Diese Bemerkung habe ich so oft geh\u00f6rt, dass ich sie nicht einmal mehr wahrnehme.<br \/>\nSollte ich dar\u00fcber nachdenken? Habe ich wirklich nie frei?<\/p>\n<p>Nun, der Schreibende kennt in der Tat keinen Feierabend, keine Wochenenden und kaum Feiertage. Zum einen muss er zuweilen eben die Arbeit feiern, wie sie f\u00e4llt \u2013 die wirtschaftlichen Zw\u00e4nge machen es unumg\u00e4nglich. Zum anderen h\u00f6rt das Schreiben mit dem Abschluss eines bezahlten Auftrags nicht auf: Der Krimi will weiter geschrieben werden, Korrespondenz liegt an, das Blog wartet, Werbetexte zur Erweiterung des Kundenkreises sind auch wichtig und m\u00fcssen regelm\u00e4\u00dfig aktualisiert und variiert werden. Sieht man von Notwendigkeiten wie Essen und Trinken ab, w\u00e4ren da noch die unvermeidliche Buchhaltung, die haushaltsbezogenen Aufgaben. Der Tag ist nicht lang genug, und nach au\u00dfen hin besteht er nat\u00fcrlich ganz aus Pflichten.<\/p>\n<p>Die Freiheiten des Schreibenden liegen sicher nicht in der Anzahl oder der Regelm\u00e4\u00dfigkeit der Pausen und Mu\u00dfestunden.<br \/>\nDer Unterschied zu der Mehrheit der arbeitenden Bev\u00f6lkerung besteht darin, dass der Schreibende nicht frei hat, sondern frei ist. Kommt mir mitten in der Nacht ein Gedanke, den ich weiterverfolgen m\u00f6chte, darf ich es mir leisten, bis zum Tagesanbruch zu schreiben \u2013 ich muss nicht um 8 Uhr fit und aufger\u00e4umt am Schreibtisch sitzen und kann den vers\u00e4umten Schlaf, wenn es sein muss, bis in den fr\u00fchen Nachmittag nachholen.<br \/>\n\u00dcberhaupt muss ich gar nichts.<\/p>\n<p>Dieses Nichtsm\u00fcssen ist ganz sicher die gr\u00f6\u00dfte Form der Freiheit, die man sich als Berufst\u00e4tiger vorstellen kann. Ich muss einen Kunden nicht m\u00f6gen, ich muss es ihm nicht einmal der Firmeninteressen wegen vorspielen, ich muss seinen Auftrag auch nicht annehmen &#8211; ich habe die Wahl, lieber zu hungern, wenn ich es m\u00f6chte und mir meine Prinzipien aus welchen Gr\u00fcnden auch immer wichtiger sind. Ich muss niemandem gegen\u00fcber h\u00f6flich sein, wenn ich es nicht f\u00fcr angebracht halte: Auftraggeber kommen und gehen, ich muss nicht \u00fcber Jahre hinweg k\u00fcnstlich die Beziehung zu einem verhassten Vorgesetzten aufrechterhalten. Ich muss nicht aus dem Haus, wenn es drau\u00dfen st\u00fcrmt und schneit. Ich muss mich nicht in B\u00fcroschick zw\u00e4ngen, wenn mir nach dem kuscheligen Hausanzug ist oder im Sommer das Thermometer auf 40\u00b0 im Schatten klettert. Ich muss nicht dann essen, trinken und schlafen, wenn es der Stundenplan oder das b\u00fcrgerliche Empfinden vorsehen. Und sollte durch irgendein Wunder der monatliche Umsatz schon nach zwei Wochen gesichert sein, muss ich niemandem au\u00dfer mir selbst erkl\u00e4ren, warum ich weitere Projekte ablehne und es mir im Freien gem\u00fctlich mache. Ich muss das Telefon nicht abheben, wenn ich etwas Besseres vorhabe. Ich muss meine Arbeitszeit nicht absitzen, wenn die Sonne lockt \u2013 schreiben kann ich drau\u00dfen oder in der Nacht.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob man wirklich frei hat, wenn man mit der Stumpfsinnigkeit des pawlowschen Hundes jeden Samstag und Sonntag lediglich &#8222;nicht ins Gesch\u00e4ft&#8220; muss, wenn man jeden Tag um 17 Uhr nach Hause darf, sich jeden Morgen um dieselbe Zeit aus dem Bett qu\u00e4len soll \u2026 Diese Art von Freiheit w\u00e4re nichts f\u00fcr mich. Ich m\u00f6chte vermutlich gar nicht freihaben. Frei sein ist mir wichtig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Du hast aber auch nie frei&#8220;, meinte eine Bekannte neulich und durchaus vorwurfsvoll, als ich wegen der Arbeit an einem bestimmten Projekt eine wirklich liebenswerte Einladung ausschlug. Diese Bemerkung habe ich so oft geh\u00f6rt, dass ich sie nicht einmal mehr wahrnehme. Sollte ich dar\u00fcber nachdenken? Habe ich wirklich nie frei? 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