{"id":145,"date":"2009-01-07T21:26:05","date_gmt":"2009-01-07T19:26:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/?p=145"},"modified":"2017-02-06T14:29:54","modified_gmt":"2017-02-06T12:29:54","slug":"stressfreie-adventzeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/stressfreie-adventzeit\/","title":{"rendered":"Stressfreie Adventzeit"},"content":{"rendered":"<p>Dass der Schreibende zuweilen etwas &#8222;anders&#8220; lebt, erkennt er selbst oft nur im direkten Vergleich. Feiertage und ihre Begleiterscheinungen sind hierzu ein besonders auff\u00e4lliges Kriterium.<br \/>\nDie Adventzeit ist angebrochen. In meinem Bekannten- und Freundeskreis macht sich gestresste Stimmung breit. Familienessen, Firmenfeiern, Einladungen, Besuche werden partnerschaftsgef\u00e4hrdend und wider besseres Wissen synchronisiert, geplant und erahnt. Geschenke m\u00fcssen gekauft und ansprechend verpackt, Karten ausgesucht und geschrieben werden. Fleisch- und S\u00fc\u00dfigkeitenberge werden bestellt und gehortet, Traditionen mit abergl\u00e4ubischer Akribie eingehalten, als hinge das k\u00fcnftige Wohlergehen von Generationen davon ab. Gereizte, l\u00e4stige Vorfreude schwankt zwischen pubert\u00e4r-anarchistischer Ablehnung, resignierter \u00dcberforderung und narzisstischer Detailverliebtheit. Der Baum, die Gans, die Kugeln, die Lieder, die Geschenke, die Schleifen, die Karten, die Aufkleberchen auf den Umschl\u00e4gen, die Geschenkanh\u00e4nger, die Sitzordnung, die Termine, die Extrapfunde, das Einkaufen, die \u00fcberf\u00fcllten Gesch\u00e4fte, die Schlangen an den Supermarktkassen, das pflichtgem\u00e4\u00dfe Keksebacken, die angestrebte Harmonie, das h\u00fchnerbatterie\u00e4hnliche Zusammenhocken, der Erfolgsdruck, an welchem Tag bei wem welcher Kuchen \u2026 \u2013 und haben wir denn wirklich alles? Nervenaufreibendes, soweit der Advent reicht. Ganze Terminkalenderseiten werden je nach Temperament in allen Richtungen hektisch vollgekritzelt oder neurotisch gegliedert.<br \/>\nIn meiner n\u00e4heren Umgebung gibt es auch viele Verleugner. &#8222;Wir machen dieses Jahr gar nichts&#8220; ist f\u00fcr gew\u00f6hnlich die psychologisch hilfreiche Umschreibung f\u00fcr: &#8222;Ich-habe-drei-Dosen-Pl\u00e4tzchen-gebacken-zwei-muss-ich-noch-hinkriegen-da-ist-aber-auch-das-Krippenspiel-der-Kinder-in-der-Schule-oje-meine-Schwiegermutter-kommt-und-bleibt-eine-ganze-Woche-hoffentlich-ist-die-Gans-gr\u00f6sser-als-letztes-Jahr-da-hat-sie-kaum-gereicht-und-Geschenke-f\u00fcr-Eva-Klaus-und-Peter-habe-ich-auch-noch-gar-nicht-das-Geschenkpapier-muss-ich-noch-besorgen-und-die-Karin-muss-ich-noch-unbedingt-vor-den-Feiertagen-auf-einen-Tee-einladen-und-eigentlich-bin-ich reif-f\u00fcr-die Wellness-Farm-aber-ich-bin-ja-so-tapfer-und-so-tough-und- verdr\u00e4nge-das-jetzt-alles-und-\u00fcberhaupt-mache-ich-das-so-gern-f\u00fcr-meine-Lieben-und-wenn-alles-nichts-hilft-kann-ich-immer-noch-zusammenbrechen-hach-was-freue-ich-mich-das-wird-sooo-sch\u00f6n.&#8220;<br \/>\nJa, alle freuen sich. Irgendwie. Klar, es ist viel Arbeit. Aber es ist schlie\u00dflich Weihnachten. Also ist es auch besinnlich. Irgendwie eben.<\/p>\n<p>Das Schreiberleben hat viele Nachteile. Es gibt keinen bezahlten Urlaub, keine Verm\u00f6genswirksamen Leistungen, es ist sozial unreif und prek\u00e4r.<br \/>\nAber in solchen Zeiten genie\u00dfe ich es in vollen Z\u00fcgen, das hart erk\u00e4mpfte Vorrecht des Bohemiens auf Andersartigkeit ausleben zu k\u00f6nnen und zu d\u00fcrfen.<br \/>\nVon mir werden keine b\u00fcrgerlichen Werte, kein &#8222;normales Verhalten&#8220; erwartet. Es gibt kaum eine Zeit des Jahres, in der ich mich so frei f\u00fchlen darf. Adventkaffees mit monatelang vernachl\u00e4ssigten Freunden gibt es nicht; ein Abend an einem ohnehin tr\u00fcben Novembertag gen\u00fcgt, um Herr der Kartenpflicht zu werden \u2013 zugegeben: Schreiben ist mein Beruf, ich habe es da wohl etwas leichter. Die Deko ist nach wenigen Handgriffen erledigt \u2013 schlie\u00dflich muss sie nur mir gefallen und erhebt keinen Anspruch auf repr\u00e4sentative Darstellung.<br \/>\nAuch die Feiertage sind geruhsam. Es gibt keine erm\u00fcdenden Autofahrten, kein gemeinsames Musizieren unter dem Weihnachtbaum, keinen langen, zwanghaft in rot-gr\u00fcn-gold mit Rentierporzellan dekorierten Esstisch, kein F\u00fcnf-G\u00e4nge-Men\u00fc, keine Pflichteinladungen verhasster Verwandtschaft; der Weihnachtbaum misst gerade mal 60 cm und kommt alle Jahre wieder in Sekundenschnelle aus seinem Pappkarton; ich stehe nicht stundenlang bangend und schwitzend in der K\u00fcche: Das Essen liefert ein Delikatessenversand, und nach Entnahme aus der Dose und 20 Minuten im Ofen sind Rebhuhnkeulchen, F\u00fcllung, S\u00f6\u00dfchen und Tr\u00fcffelravioli so fertig und schmackhaft wie nur m\u00f6glich \u2013 nur f\u00fcr zwei und ganz ohne mein Zutun. Die Geschenke habe ich meist bereits im Sommer an einem einzigen Nachmittag gekauft und verpackt. Das Aufkleben der Adressen auf die P\u00e4ckchen kann nicht als Arbeit bezeichnet werden, ein hilfreicher Bote bringt sie zur Post.<br \/>\nIch bin frei. Ich beobachte die allgemeine Hektik, ich h\u00f6re mir Klagen, Sorgen, N\u00f6te, Probleme und Aufgabenlisten an und finde in diesen besonderen Wochen des Jahres dadurch zu einer Erholung, wie sie sonst nur der sch\u00f6nste Urlaub bietet. Auch wenn sich hin und wieder einige Pflichten einschleichen, sind sie sehr selten und halten sich in einem ertr\u00e4glichen und mit meiner Aufrichtigkeit zu vereinbaren Ma\u00df, sie sind nicht l\u00e4stiger oder zeitraubender als das Ausf\u00fcllen einer Steuererkl\u00e4rung.<br \/>\nDie Erleichterung, die Freiheit, wird k\u00f6rperlich sp\u00fcrbar. W\u00e4hrend andere in Planungen und Familienangelegenheiten vergehen, verbringe ich Zeit damit, dem Rotkehlchen bewusst zuzusehen, folge vom Schreibtisch aus der Bewegung des Windes und der Wolken, stehe nachts auf dem eiskalten Balkon und genie\u00dfe den Anblick der Sterne am klaren Himmel.<br \/>\nEs ist eine erholsame Zeit. Pflichttermine f\u00fcr das kommende Jahr werden in den neuen Kalender eingetragen, die Buchhaltung wird in Ruhe zum Abschluss gebracht, die Auftr\u00e4ge k\u00f6nnen ohne St\u00f6rung archiviert werden \u2013 entspanntes Warten auf den Fr\u00fchling beginnt mit dem s\u00fc\u00dfen Nichtstun. Das Telefon bleibt f\u00fcr gew\u00f6hnlich still \u2013 alle sind ja sooooo besch\u00e4ftigt.<br \/>\nDer Advent ist eine warme Bresche in der Zeit, losgel\u00f6st. F\u00fcr mich allein stressfrei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass der Schreibende zuweilen etwas &#8222;anders&#8220; lebt, erkennt er selbst oft nur im direkten Vergleich. 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