{"id":1413,"date":"2015-09-13T16:25:53","date_gmt":"2015-09-13T14:25:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/?p=1413"},"modified":"2017-02-06T14:20:32","modified_gmt":"2017-02-06T12:20:32","slug":"schreiben-lernen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/schreiben-lernen\/","title":{"rendered":"Schreiben lernen?"},"content":{"rendered":"<p>Es beginnt mit einem schw\u00e4rmerischen Kompliment und endet mit einer Frage: &bdquo;Ich w\u00fcnschte, ich k\u00f6nnte auch so schreiben wie du. Kann man das lernen?&ldquo; Diese Satzfolge ist mir so vertraut, dass hier ein Klischee angebracht ist: W\u00fcrde ich jedes Mal, wenn ich diese Bemerkung h\u00f6re, einen Euro bekommen, w\u00fcrde mein Bankkonto \u2026 Nun ja.<\/p>\n<p>Der Wunsch, &bdquo;gut&ldquo;&nbsp;&ndash; was dies auch immer hei\u00dfen mag&nbsp;&ndash; schreiben zu k\u00f6nnen, ist weit verbreitet, auch wenn ich wohl nie ganz begreifen werde, wieso. F\u00fcr mich ist das Schreiben etwas Normales, Allt\u00e4gliches, eine T\u00e4tigkeit wie jede andere auch, nichts Besonderes eben, und vielleicht entgeht mir deshalb der Grund f\u00fcr diese Sehnsucht. Die Antwort auf die Frage jedenfalls ist widerspr\u00fcchlich und eines klaren Jeins w\u00fcrdig.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist Schreiben in erster Linie ein Handwerk, und als solches erlernbar. Es gibt in dieser Sache keinen nennenswerten Unterschied zwischen einem Tischler, einem Goldschmied, einem Mechaniker oder einem Schreibenden.<br \/>\nWie in den meisten Bereichen auch, gr\u00fcndet K\u00f6nnen auf dem Wechselspiel von Lernen und \u00dcben, und wie bei fast allen erlernbaren Fertigkeiten auch, ist ein fr\u00fcher Beginn bereits in sehr, sehr jungen Jahren f\u00fcr das Erreichen eines hohen Niveaus unerl\u00e4sslich. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand, der erst mit vierzig zum Sport findet, eine Goldmedaille bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen gewinnt, ist eher gering, und dies trifft auch auf das Schreiben zu.<br \/>\n&bdquo;Lernen&ldquo; bedeutet hier weniger die Aneignung konkreter Techniken&nbsp;&ndash; diese ergibt sich eher aus dem \u00dcben&nbsp;&ndash;, als vielmehr Lesen. Liest ein Kind fr\u00fch sehr viel und sehr hochwertige Literatur, wobei Qualit\u00e4t und Quantit\u00e4t in diesem Fall gleicherma\u00dfen entscheidend sind, bekommt es ganz automatisch das n\u00f6tige R\u00fcstzeug.<br \/>\nSelbstverst\u00e4ndlich ist es in jedem Alter m\u00f6glich, sich an Neuem zu versuchen, oder vernachl\u00e4ssigte F\u00e4higkeiten weiterzuentwickeln oder zu verbessern. Es sollte demjenigen allerdings immer bewusst bleiben, dass &bdquo;besser&ldquo; nicht notwendigerweise mit &bdquo;herausragend&ldquo; gleichzusetzen ist. Ob beim Musizieren, Malen oder Schreiben: Nur jahrelanges \u00dcben und ein sehr gro\u00dfer t\u00e4glicher Arbeitsaufwand erm\u00f6glichen es, zu einer gewissen Virtuosit\u00e4t zu gelangen, und deshalb l\u00e4sst sich Zeit nur bedingt nachholen, auch wenn der Versuch auf jeden Fall l\u00f6blich und zu unterst\u00fctzen ist.<\/p>\n<p>Handwerkliche T\u00e4tigkeiten und Sport haben jedoch eine weitere Gemeinsamkeit, und an diesem Punkt offenbart sich der t\u00fcckische Charakter der anf\u00e4nglichen Frage: Interesse, Begeisterung und Einsatzbereitschaft gen\u00fcgen nicht, wenn nicht eine grunds\u00e4tzliche naturgegebene Basis vorhanden ist. Wer zwei linke F\u00fc\u00dfe hat, wird es sicher niemals zu einem Tennisspieler von Weltrang bringen, wer zwei linke H\u00e4nde hat, wird unwahrscheinlich zu einem neuen Monet erwachsen&nbsp;&ndash; und wenn er noch so verbissen \u00fcbt.<br \/>\nDoch woraus besteht Schreibtalent \u00fcberhaupt? Welche Eigenschaften muss man &bdquo;mitbringen&ldquo;, um gut schreiben zu k\u00f6nnen? Es gibt vermutlich Millionen von Definitionen, und ich kann nur versuchen, meine eigene hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu dem, was viele anf\u00fchren, wird der ber\u00fchmte &bdquo;besondere Sinn f\u00fcr das Wort&ldquo; durch reichliche fr\u00fchkindliche Lekt\u00fcre vermittelt und z\u00e4hlt aus meiner Sicht daher zum Erlernten und nicht zum Angeborenen. Sprachgef\u00fchl ist die F\u00e4higkeit zu wissen, wann man mit welchem Wort welche Wirkung erzielt&nbsp;&ndash; \u00e4hnlich wie ein Maler wei\u00df, welche Farbe in seinem Gem\u00e4lde welche Stimmung wiedergibt. Es geht lediglich um die richtige Verwendung des richtigen Werkzeugs am richtigen Platz im richtigen Augenblick. Dieses Wissen wird zum Teil bewusst, zum Teil intuitiv erworben. Der Maler studiert hierzu die Werke anderer, der (k\u00fcnftige) Schreibende liest.<br \/>\nZu den Faktoren, auf die Lernen und \u00dcben keinen Einfluss haben, die also das eigentliche Talent darstellen, geh\u00f6ren vor allem eine \u00fcbersteigerte Sinneswahrnehmung und ein abnormales Gesp\u00fcr f\u00fcr Dinge und Stimmungen. Beide haben durchaus eine psychologische Komponente. Diese F\u00e4higkeiten gehen weit \u00fcber eine sehr hohe Beobachtungsgabe hinaus und k\u00f6nnen als rezipierende \u00dcberempfindlichkeit und Scharfsichtigkeit bezeichnet werden. Sie betreffen das gesamte Spektrum nat\u00fcrlicher und menschlicher Erscheinungen: Licht, Farben, D\u00fcfte, Formen, Strukturen, Wetter, Ger\u00e4usche, Bildkompositionen, \u00c4sthetik, Situation, Zusammenh\u00e4nge, Details, Ungesagtes, Verschwiegenes, Angedeutetes, Unbewusstes.<br \/>\nDiese \u00fcbersteigerte, \u00fcberspitzte, empathisch-seismographische Blicksch\u00e4rfe, diese andere Art, die Dinge zu sehen, ist meiner Meinung nach das, was als &bdquo;Talent&ldquo; bezeichnet werden kann, denn sie ist allgegenw\u00e4rtig, ungewollt und unkontrollierbar.<\/p>\n<p>Auch wenn man Talent nicht steuern kann, kann jeder bis zu einem gewissen Grad alles erlernen&nbsp;&ndash; ob Schwimmen, Schreinern oder Schreiben. Seinen Schreibstil zu verbessern und einen neuen Zugang zum Text zu finden, ist immer eine belohnende und bereichernde Erfahrung. Fortschritte und Erfolg sind eine relative Angelegenheit, und der einzige Ma\u00dfstab sollten die eigenen Ziele sein, nicht die Texte anderer. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es beginnt mit einem schw\u00e4rmerischen Kompliment und endet mit einer Frage: &bdquo;Ich w\u00fcnschte, ich k\u00f6nnte auch so schreiben wie du. Kann man das lernen?&ldquo; Diese Satzfolge ist mir so vertraut, dass hier ein Klischee angebracht ist: W\u00fcrde ich jedes Mal, wenn ich diese Bemerkung h\u00f6re, einen Euro bekommen, w\u00fcrde mein Bankkonto \u2026 Nun ja. 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