{"id":1306,"date":"2015-02-16T16:17:20","date_gmt":"2015-02-16T14:17:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/?p=1306"},"modified":"2017-02-06T14:21:41","modified_gmt":"2017-02-06T12:21:41","slug":"der-argerlichste-satz-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/der-argerlichste-satz-der-welt\/","title":{"rendered":"Der \u00e4rgerlichste Satz der Welt"},"content":{"rendered":"<p>Neun kleine Silben, die mit sch\u00f6ner Regelm\u00e4\u00dfigkeit fr\u00f6hlich und arglos in die Runde geworfen werden. Es klingt harmlos. Aber f\u00fcr mich bilden sie den \u00e4rgerlichsten Satz der Welt: &bdquo;Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.&rdquo;<\/p>\n<p>\u00c4rgerlich ist dieses Gefl\u00fcgelte Wort f\u00fcr mich nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht, weil Unternehmen sich bei knappem Budget im Zweifelsfall f\u00fcr das Bild und gegen den Text entscheiden.<br \/>\nWas mich daran regelrecht w\u00fctend macht, ist, dass dieser Satz zutiefst falsch, zutiefst dumm und infolgedessen zutiefst gef\u00e4hrlich ist.<\/p>\n<p>Wenn es wirklich so w\u00e4re, dass ein Bild mehr sagt als tausend Worte, w\u00fcrden wir uns noch immer ausschlie\u00dflich Stummfilme anschauen. Aber die Erfahrung hat gezeigt, dass Texte, namentlich Dialoge, nicht nur \u00fcberfl\u00fcssiges Beiwerk sind, sondern Drehbuch und Bilder gleicherma\u00dfen wichtig und f\u00fcr ein gelungenes Ergebnis unentbehrlich sind. Ohne intelligente Texte gibt es keine intelligente Darstellung und nur sehr rudiment\u00e4re Geschichten, die \u00fcber Klamauk nicht hinausgehen. Selbst einfachste Formen der Erz\u00e4hlung wie Comics und Cartoons nutzen Bild UND Text. Kunstkataloge und Abermillionen Seiten kunstgeschichtlicher Analysen von Gem\u00e4lden, Skulpturen und Installationen zeugen davon, dass Bilder durchaus Text brauchen, um in all ihren Facetten verstanden und genossen zu werden. Bildende K\u00fcnstler, die es ja wissen m\u00fcssen, ver\u00f6ffentlichen auf ihren Internetseiten&nbsp;&ndash; mitunter sehr wortreich&nbsp;&ndash; ihre Statements und beweisen hinl\u00e4nglich, dass sie sehr wohl um die Notwendigkeit und den Wert einer textlichen Vorstellung ihrer Werke wissen. Bilder brauchen Worte, sie ersetzen sie nicht.<\/p>\n<p>Dieser Satz ist auch deswegen entsetzlich dumm, weil er zeigt, dass hier zwischen Information, Mitteilung und Kommunikation nicht unterschieden wird.<br \/>\nF\u00fcr die einfache Kennzeichnung eines Gegenstands mag in einigen F\u00e4llen ein Bild, im konkreten Fall ein Piktogramm gen\u00fcgen: &bdquo;Da ist eine Toilette&rdquo;, &bdquo;dort ist ein Notausgang&rdquo;, &bdquo;in 1000 m Essensm\u00f6glichkeit&rdquo;. F\u00fcr eine wirkliche Information, eine Mitteilung oder differenzierte Kommunikation&nbsp;&ndash; insbesondere Unternehmenskommunikation&nbsp;&ndash;, aber auch jede Form zwischenmenschlicher Interaktion, die \u00fcber das blo\u00dfe Zeigen auf etwas hinausgeht, die also im eigentlichen oder erweiterten Sinne einen Dialog darstellt, ist das zu wenig. Der Satz, ein Bild sage mehr als tausend Worte impliziert in diesem Kontext nichts anderes, als dass wir wirkliche Kommunikation nicht mehr brauchen und nicht mehr wollen, dass wir uns mit einem ausgestreckten Mittelfinger begn\u00fcgen wollen und uns ein Streit nicht mehr als Inhalt und Austausch interessiert, dass wir hiermit also unsere spezifische Eigenschaft als Mensch mutwillig aufgeben und uns freiwillig auf die Entwicklungsstufe putziger haariger Primaten zur\u00fcckbegeben.<br \/>\nWenn ein Bild mehr sagen w\u00fcrde als tausend Worte, h\u00e4tte der Mensch niemals den Drang versp\u00fcrt, eine Sprache in Form von Graphemen und Lexemen zu entwickeln. Er w\u00fcrde weiterhin grunzend auf Dinge zeigen und sich mit Zeichnungen an H\u00f6hlenw\u00e4nden verewigen. Der Glaube, dieser dumme Satz h\u00e4tte tats\u00e4chlich irgendeine Form von Berechtigung, zeugt also in erster Linie von primitivem und kulturfernem Denken.<\/p>\n<p>In Kategorien von Unternehmenskommunikation und Produktvorstellungen bedeutet der Verzicht auf Text, dass der Kunde mit einem Bruchteil dessen, was ihm bei der Kaufentscheidung helfen sollte, auskommen muss und wie ein s\u00fc\u00dfes \u00c4ffchen mit begrenztem Verstand und Gef\u00fchlsleben behandelt wird&nbsp;&ndash; eine in Zeiten, in denen Angebote sich immer weniger objektiv voneinander unterscheiden, gef\u00e4hrliche Strategie.<\/p>\n<p>Ein Bild ersetzt keinen Text. Idealerweise unterst\u00fctzt es einen Text. Es kann ihn schm\u00fccken, unterstreichen, sogar einleiten. Tausend Worte aber k\u00f6nnen es erweitern, pr\u00e4zisieren, erkl\u00e4ren, vertiefen. Ein Bild kann ein Rahmen sein, ein Detail festhalten, einen Augenblick einfrieren. Ein Text kann Zwischent\u00f6ne modellieren, die Zeit strecken, raffen und verwischen. Ein Bild kann einen wichtigen Aspekt einer Sache verdeutlichen. Ein Text kann alle Facetten eines Bildes aufdecken.<br \/>\nIst ein Text ein eingerichteter Raum, so ist das Bild mit einem Blumenstrau\u00df zu vergleichen. Es ist die letzte Kleinigkeit, die die Dinge sch\u00f6ner macht. Es ist nicht die ganze Einrichtung.<\/p>\n<p>Ein Bild sagt nicht mehr als tausend Worte. Ein Wort kann tausend Bilder erschaffen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neun kleine Silben, die mit sch\u00f6ner Regelm\u00e4\u00dfigkeit fr\u00f6hlich und arglos in die Runde geworfen werden. Es klingt harmlos. 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