{"id":1293,"date":"2015-02-01T14:34:28","date_gmt":"2015-02-01T12:34:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/?p=1293"},"modified":"2017-02-06T14:21:53","modified_gmt":"2017-02-06T12:21:53","slug":"mythos-schreibblockade","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/mythos-schreibblockade\/","title":{"rendered":"Mythos Schreibblockade"},"content":{"rendered":"<p>In diesem Blog bin ich schon einige Male auf&nbsp;&ndash; nicht selten durchaus belustigende&nbsp;&ndash; Fragen eingegangen, die mir als Schreibender besonders oft gestellt wurden. Eines der beliebtesten Themen ist dabei die Schreibblockade.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich stehe ich diesem Begriff skeptisch gegen\u00fcber. Auch wenn  viele und sogar ber\u00fchmte Autoren sich einer bedient haben und bedienen, bin ich mir keineswegs sicher, ob es dieses Ph\u00e4nomen \u00fcberhaupt gibt oder ob es nicht vielmehr eine \u00fcberlieferte Legende ist, die Mitglieder der schreibenden Zunft nur zu gern anf\u00fchren, weil sie als nun mal allgemein anerkanntes Allzweck- und Sammelwort schlicht eine ehrlichere Erkl\u00e4rung erspart.<\/p>\n<p>Der Begriff &bdquo;Schreibblockade&rdquo; vermittelt das griffige Bild eines mechanischen Problems. Die Vorstellung geht dahin, dass etwas, das sich normalerweise bewegen sollte, es ganz einfach nicht tut und festsitzt.<br \/>\nAus meiner Sicht ist diese Darstellung als Konstrukt wenig hilfreich. Ich finde, dass sie im Gegenteil von einer tiefen Unkenntnis dessen zeugt, was Schreiben eigentlich ist, und auf unerfreuliche Weise dazu beitr\u00e4gt, das Missverst\u00e4ndnis zu verankern.<\/p>\n<p>Betrachtet man n\u00e4her, was gemeinhin mit einer Schreibblockade beschrieben werden soll, so muss man feststellen, dass es sich dabei um sehr unterschiedliche Realit\u00e4ten handeln kann, die wenig miteinander zu tun haben und die T\u00e4tigkeit des Schreibens an sich auch nur am Rande ber\u00fchren.<\/p>\n<p><strong>1. M\u00f6glichkeit:<\/strong> Man hat etwas zu sagen, aber man wei\u00df nicht, wie man es am besten tun soll.<br \/>\n<strong>2. M\u00f6glichkeit:<\/strong> Man findet zu einem Text keinen vern\u00fcnftigen Einstieg, man wei\u00df nicht, wie und womit man beginnen kann.<br \/>\nDas ist keine Ladehemmung, wie das tr\u00fcgerische Wort &bdquo;Blockade&rdquo; uns glauben lassen m\u00f6chte, das ist entweder eine Schwierigkeit in der Beherrschung und Sortierung des Ideenflusses oder semantische Unbeholfenheit&nbsp;&ndash; mit anderen Worten: in beiden F\u00e4llen mangelnde Beherrschung des Handwerks.<\/p>\n<p><strong>3. M\u00f6glichkeit:<\/strong> Man findet nicht die richtigen Worte.<br \/>\nDa kann zwei Ursachen haben: entweder ebenfalls handwerkliche Unzul\u00e4nglichkeiten oder mangelnde Geduld und ein Verkennen dessen, was Schreiben ist.<br \/>\nSchreiben ist ein Entstehungsprozess. Prozesse brauchen nun mal ihre Zeit. Sich dar\u00fcber zu beklagen oder darin ein Problem zu sehen, ist in etwa so sinnvoll, als w\u00fcrde sich ein B\u00e4cker in einer Krise w\u00e4hnen, weil er warten muss, bis die Hefe aufgegangen ist, um sein Brot zu backen.<\/p>\n<p><strong>4. M\u00f6glichkeit:<\/strong> Man wei\u00df nicht, was man schreiben k\u00f6nnte.<br \/>\nWer nichts zu sagen hat, ist nicht blockiert, er hat nichts zu sagen und sollte sich damit abfinden, dass kein Text in ihm ist.<\/p>\n<p><strong>5. M\u00f6glichkeit:<\/strong> Man glaubt nicht mehr an das eigene K\u00f6nnen, an die eigenen Ideen&nbsp;&ndash; oder an den Sinn des Schreibens \u00fcberhaupt.<br \/>\nDiese Art der &bdquo;Schreibblockade&rdquo; betrifft ausschlie\u00dflich Schriftsteller und hat mit dem Schreiben selbst im Grunde nichts zu tun. Sie kann das Ergebnis intellektueller Demut sein oder aber mit einer allgemeineren Sinn-, Glaubens- und Lebenskrise zusammenh\u00e4ngen. Sie ist ein psychologisches Problem, das meist nur dadurch aufgel\u00f6st wird, dass in der Tat die schriftstellerische T\u00e4tigkeit ganz eingestellt wird.<\/p>\n<p><strong>6. M\u00f6glichkeit:<\/strong> Der Wille zu schreiben ist da, aber man kann sich nicht aufraffen.<br \/>\nZwei Ursachen k\u00f6nnen dazu f\u00fchren: mangelnde Selbstdisziplin (in diesem Fall w\u00fcrde derjenige wahrscheinlich bei jeder T\u00e4tigkeit die Arbeit von sich schieben) oder einfach Ersch\u00f6pfung.<br \/>\nSchreiben ist anstrengend. Es erfordert ein fast unbeschreibliches Ma\u00df an Konzentration. Dementsprechend ersch\u00f6pft sich der Geist schneller als bei anderen kreativen Berufen. Kommen noch kleinere oder sogar gr\u00f6\u00dfere, z. B. chronische gesundheitliche Probleme hinzu, muss sehr mit den Kr\u00e4ften hausgehalten werden. An manchen Tagen ist \u00fcberhaupt kein Arbeiten m\u00f6glich, weil der K\u00f6rper es schlicht nicht mehr zul\u00e4sst. Dieses Syndrom ist zwar bei Schreibenden besonders ausgepr\u00e4gt und sozusagen berufstypisch, aber das Wort &bdquo;Blockade&rdquo; ist ganz und gar nicht geeignet, um es zu beschreiben: Hier ist nichts verkeilt, verkantet und unbeweglich, es fehlt lediglich Kraftstoff\/Energie, um den Motor starten zu k\u00f6nnen, und es hilft im w\u00f6rtlichsten Sinne des Wortes nur eins: Auftanken.<\/p>\n<p>Ich finde den Begriff &bdquo;Schreibblockade&rdquo; daher irref\u00fchrend, kontraproduktiv und ein wenig verlogen. Selbst in seine Facetten zerlegt hat mich das Ph\u00e4nomen \u00fcbrigens nie betroffen: Ich habe genug Handwerk, um zu jeder Tages- und Nachtzeit aus dem Stand schreiben zu k\u00f6nnen; genug Geduld, um auf das richtige Wort in mir zu horchen, wenn es denn sein muss; genug Selbstdisziplin, um mich stets zum Arbeiten zu zwingen; genug Erfahrung, um den Verbrauch meiner Kr\u00e4fte zu steuern. Und da ich nicht aus \u00dcberzeugung und Selbstwertgef\u00fchl schreibe, das eigene Schreiben und mich selbst nicht f\u00fcr wichtig halte und mir nie eingebildet habe, ich h\u00e4tte etwas zu sagen, bleibt mir eine Sinnkrise erspart.<br \/>\nF\u00fcr mich ist das Thema &bdquo;Schreibblockade&rdquo; in die Kategorie Yeti und Monster von Loch Ness anzusiedeln: Jeder redet dar\u00fcber, aber keiner hat sie je gesehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Blog bin ich schon einige Male auf&nbsp;&ndash; nicht selten durchaus belustigende&nbsp;&ndash; Fragen eingegangen, die mir als Schreibender besonders oft gestellt wurden. Eines der beliebtesten Themen ist dabei die Schreibblockade. Tats\u00e4chlich stehe ich diesem Begriff skeptisch gegen\u00fcber. 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