{"id":129,"date":"2008-11-21T22:40:25","date_gmt":"2008-11-21T20:40:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/?p=129"},"modified":"2023-09-24T16:28:52","modified_gmt":"2023-09-24T14:28:52","slug":"ganz-sicher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/ganz-sicher\/","title":{"rendered":"Ganz sicher"},"content":{"rendered":"<p>Es war ein tr\u00fcber kalter Herbsttag. Drau\u00dfen nieselte es seit Stunden auf deprimierende Weise. Nicht die kleinste Aufhellung war in Sicht, das Wetter hielt sich unversch\u00e4mt zuverl\u00e4ssig an die Vorhersage und mit v\u00f6llig \u00fcbertriebenem Pflichtbewusstsein an den Kalender. Ich hatte das Licht bereits beim Fr\u00fchst\u00fcck einschalten m\u00fcssen, das ich entgegen seiner Bezeichnung f\u00fcr gew\u00f6hnlich jedoch nicht gerade am Morgen einnehme, und seitdem keine Gelegenheit mehr gehabt, die Lampe &#8211; und sei es nur f\u00fcr kurze Zeit &#8211; wieder auszuschalten, was mir besonders widerstrebte.<\/p>\n<p>Es war die Art von Tagen, an denen die meisten krampfhaft versuchen, es sich zu Hause bei Kerzen, Tee, ged\u00e4mpfter Musik und wolligen Decken gem\u00fctlich zu machen, um ja nicht zugeben zu m\u00fcssen, wie unangenehm die Jahreszeit in Wirklichkeit ist; die Art von Tagen, an denen meine Laune erheblich zu w\u00fcnschen \u00fcbrig l\u00e4sst und ich unruhig in meinem Arbeitszimmer tigere, als w\u00fcrde es diese sinnlose Bewegung verm\u00f6gen, die sadistischen Wolken umzustimmen. Die heuchlerische Suche nach Geborgenheit und der R\u00fcckzug in den sch\u00fctzenden Kokon aus sanftem Licht und warmen D\u00fcften ist mir im Allgemeinen kein Trost, auch wenn ich diese F\u00e4higkeit anderer bewundere, aus der Selbstl\u00fcge St\u00e4rke zu ziehen. Dauert eine solche Wetterfront mehr als drei Tage an, gelingt es mir nicht mehr, die Anspannung zu verdr\u00e4ngen. Schreiben ist nicht mehr m\u00f6glich, \u00fcberhaupt wirkt jede Art von Aktivit\u00e4t auf einmal unzumutbar, und wenn nicht einmal die mit aller Kraft bem\u00fchte Vorstellung im Fr\u00fchling bl\u00fchender Tulpen und sprie\u00dfender G\u00e4nsebl\u00fcmchen das Grau und die Feuchtigkeit zu vertreiben vermag, wenn nerv\u00f6se Hilflosigkeit und vergrabene Ur\u00e4ngste die Oberhand gewinnen, lasse ich mich meistens vor dem Fernseher nieder und verschlinge so lange Comedyserien, bis ich nicht mehr genau wei\u00df, wie die Welt da drau\u00dfen aussieht, und das Gef\u00fchl bekomme, den Tag irgendwie zu \u00fcberstehen. Ich muss vergessen.<br \/>\nNach einigen Tagen jedoch stachelt mich das schlechte Gewissen des Leistungsethikers wieder an, und ich muss einsehen, dass das Fl\u00fcchten nicht ewig w\u00e4hren kann und es wieder an der Zeit ist, zumindest in kleinen Schritten etwas Sinnvolles zu tun. Ablenkung um jeden Preis \u2013 nun aber wohl dosiert und vernunftorientiert. Es ist der ideale Moment, um vernachl\u00e4ssigte Korrespondenz nachzuholen, die in Zeiten intensiven Arbeitens zu oft brachliegt. Und die Bem\u00fchung, sich auf die Adressaten einzulassen und einigerma\u00dfen Spannendes zu berichten, hat die positive Wirkung eines erzwungenen L\u00e4chelns: Es geht einem weiterhin schlecht, doch ganz so elendig f\u00fchlt man sich nicht mehr.<\/p>\n<p>Genau an einem solchen Tag beschloss ich, ein Vorhaben, dass mir schon seit zwei oder drei Wochen vorschwebte, in die Tat umzusetzen, und mich nach einer f\u00fcr meine T\u00e4tigkeit passenden Versicherung umzusehen.<br \/>\nWer f\u00fcr andere schreibt, sollte sich angemessen versichern, dachte ich so vor mich hin. Schlie\u00dflich ist ein Schreibender auch nur ein Mensch, und bei aller Sorgfalt und trotz zahlreicher Korrekturdurchg\u00e4nge kann ihm oder seinem Lektor dennoch ein Tippfehler entgehen.<br \/>\nUnd so tat ich das, was auf der Hand lag, schickte zun\u00e4chst mit der Bitte um Auskunft meinen \u00fcblichen Versicherungsvertretern eine ausf\u00fchrliche eMail mit allen Daten zu meiner Arbeit, Kundenportfolio, Auftragsbeschreibungen, und begab mich zudem dahin, wo der Suchende heutzutage Hilfe sucht: ins Internet.<\/p>\n<p>Ich hatte ja Zeit, war gerade nicht in der Stimmung, etwas anderes zu tun, und st\u00f6berte also selbstvergessen durch die Angebote der Versicherungen. Ich bekam die M\u00f6glichkeit, online Tarife f\u00fcr Kraftfahrzeugversicherungen zu ermitteln \u2013 zu schade, dass ich kein Auto habe -, ein witziges Progr\u00e4mmchen mit s\u00fc\u00dfen Animationen rechnete mir vor, was Inlays und Verkronungen kosten k\u00f6nnen, ich wurde eindringlichst auf die finanziellen Risiken einer Berufsunf\u00e4higkeit aufmerksam gemacht, ich fand Haftpflichtversicherungen f\u00fcr Chirurgen, Anw\u00e4lte, Bauingenieure und f\u00fcr viele anderen Berufe, von denen ich nur sehr vage ahnen konnte, was sich dahinter verbarg. Aber Menschen, die sich mit Texten befassen? Das schien es auf dem Planeten Erde am Anfang des 21. Jahrhunderts nicht zu geben.<br \/>\nMit Hartn\u00e4ckigkeit w\u00fchlte ich mich durch die abgelegensten Winkel des WeltWeiten Netzes und entdeckte schlie\u00dflich in einer besonders stark verstaubten Ecke, in die offenbar seit l\u00e4ngerer Zeit kein Mensch mehr vorgesto\u00dfen war, drei Gesellschaften, die Angebote f\u00fcr Journalisten und Autoren versprachen. Von Verletzung der Pers\u00f6nlichkeitsrechte durch Zeitungsartikel oder Fotos war die Rede, von horrenden f\u00e4lligen Zahlungen bei Copyright-Verletzungen, Verleumdungsklagen, Unterlassungsverfahren. Das klang alles nat\u00fcrlich furchtbar wichtig, nicht minder unentbehrlich, hatte nur nichts mit mir zu tun. Eigentlich wollte ich doch nur ein paar Tippfehler oder eine kaputte Daten-CD absichern. War es denn ein so ungew\u00f6hnlicher Wunsch? Es schien doch unwahrscheinlich, dass ich die erste sein w\u00fcrde, die an solche Dinge dachte.<\/p>\n<p>Die Recherche war so faszinierend, dass ich tats\u00e4chlich bald Tag, Wetter und Uhrzeit vergessen hatte und nicht einmal merkte, dass die Temperatur in meinem Arbeitszimmer merklich abgek\u00fchlt war und ich fror. Als es mir endlich auffiel und ich aufstand, um die Heizung einzuschalten, f\u00fchlten sich meine F\u00fc\u00dfe wie Eiszapfen an \u2013 eine schlechte Angewohnheit, die ich ihnen von November bis April ohnehin schlecht austreiben kann. Ich setzte mich gerade wieder hin, als meine Mailbox sich meldete: Einer meiner Stammversicherer hatte geschrieben.<br \/>\nSehr viel konnte ich seiner Antwort nicht entnehmen. Er w\u00fcrde sich bei seiner Zentrale kundig machen und Bescheid sagen, erkl\u00e4rte er kurz und knapp. Dass ein regionaler Vertreter nicht alle Versicherungsf\u00e4lle und -tarife im Kopf haben kann, konnte ich gut verstehen. Ich wartete gespannt auf weitere Informationen.<br \/>\nZwei Tage sp\u00e4ter rief er an und erkl\u00e4rte mir, er h\u00e4tte R\u00fccksprache gehalten und k\u00f6nne mir nichts anbieten: So einen Beruf k\u00f6nne man gar nicht versichern. Es g\u00e4be wohl Versicherungen f\u00fcr Journalisten, falls ich mich f\u00fcr meine Beitr\u00e4ge in meinem Blog versichern m\u00fcsse. Und wenn ich mehr in Werbung machen w\u00fcrde, dann g\u00e4be es ja schon &#8218;was, aber so \u2026 Die drei Punkte in seiner Stimme gaben das ganze Ausma\u00df seiner Ratlosigkeit preis und l\u00f6ste meine geradezu aus. Nun ja,\u00a0 was ich da mache, sei eben keine Werbung, meinte der junge Mann, der rein rechnerisch ohne Weiteres mein Sohn sein k\u00f6nnte, ohne weitere Erkl\u00e4rungen. Er verst\u00fcnde ohnehin nicht so richtig, was man damit wolle. Ich gab es auf. Vielleicht lag es daran, dass es drau\u00dfen gerade so tr\u00fcb war und ich dementsprechend auf eine p\u00e4dagogische Einf\u00fchrung in die Textarbeit wenig Lust hatte und die n\u00f6tige Energie nicht aufzubringen vermochte. Ein St\u00fcck resignierter Einsicht war aber auch dabei. Wer mein Portfolio gelesen hatte, wusste, was schreibe, und wer es nicht begriffen hatte,\u00a0 hatte es eben nicht besser verdient, als dass ich mich woanders versicherte. Sollten eigentlich ausgerechnet Versicherer nicht mit allem vertraut sein, was es unter der Sonne, pardon: dem Regen, gibt? Es wurde mir zu dumm, ich gab ihm zum Schein recht und legte auf.<\/p>\n<p>In der Zwischenzeit hatte ich den anderen Gesellschaften, die behaupteten, Freiberuflern etwa Haftpflicht- und andere Versicherungen anzubieten, ebenfalls eine eMail geschickt.<br \/>\nMit uneingeschr\u00e4nkt lobenswerter und f\u00fcr mich \u00fcberraschender Geschwindigkeit kamen auch R\u00fcckmeldungen.<\/p>\n<p>Die erste erreichte mich \u00fcbers Telefon.<br \/>\n&#8222;Wat wolln Se denn an Texten verchsischern?&#8220; fragte ein \u00e4lterer Herr mit rheinischen Akzent etwas sp\u00f6ttisch. &#8222;Wat soll dat f\u00fcr ne Beruf \u00fcberchaupt sein? Schreim is doch kein Beruf! Wenn Se f\u00fcr andere schreim, dann ist dat ne Jef\u00e4llischkeit, und Jef\u00e4llischkeitn kann man nisch verchsischern. Dat ist so, als w\u00fcrden Se nem Bekannten helfen, seine Wohnung zu chenoviern. Wat wolln Se denn da verchsischern?&#8220; Als ich ihm erkl\u00e4rte, dass man auch mitunter Geld daf\u00fcr bekommt, wenn man f\u00fcr andere schreibt, konnte ich regelrecht h\u00f6ren, wie ungl\u00e4ubig er gerade am anderen Ende der Leitung dreinblickte: &#8222;So wat Verr\u00fccktes hab isch noch nie jeh\u00f6rcht! Alllso, isch kann Ihnen nisch h\u00e4lllfn.&#8220; Irgendwie war es mir klar gewesen.<\/p>\n<p>Von einer anderen Seite wurde ich mit R\u00fcckfragen \u00fcber den &#8222;Inhalt&#8220; meines &#8222;Gewerbes&#8220; gefragt, und als ich mein Portfolio zusandte, kam mailwendend die Frage, was ich nun genau machen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Wie die Geschichte ausging? Gar nicht. Ich warte noch auf zwei Antworten. Ich werde meine Leser auf dem Laufenden halten. Ganz sicher.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war ein tr\u00fcber kalter Herbsttag. Drau\u00dfen nieselte es seit Stunden auf deprimierende Weise. 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