{"id":1261,"date":"2010-03-14T16:27:24","date_gmt":"2010-03-14T14:27:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/?p=1261"},"modified":"2023-12-03T15:34:39","modified_gmt":"2023-12-03T13:34:39","slug":"textqualitat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/textqualitat\/","title":{"rendered":"Textqualit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Jeder, der ein Auto, eine Couch, einen Anzug kaufen m\u00f6chte, versteht, was es bedeutet, wenn die Werbung zu dem entsprechenden Objekt seiner Begierde in Begrifflichkeiten der Qualit\u00e4t ausgedr\u00fcckt wird. Es ist auch nicht schwer zu begreifen. Assoziiert werden dabei sehr fassbare und messbare Daten wie Sicherheit, Langlebigkeit des Materials, Komfort, Funktionalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Bezieht sich das Qualit\u00e4tsversprechen auf weniger materielle Dinge, stellt sich schnell heraus, dass der Kunde mangels konkreter Anhaltspunkte aus dem Alltag regelrecht \u00fcberfordert ist. F\u00fcr Texte zum Beispiel gibt es keine Skala, die es erm\u00f6glichen w\u00fcrde, Kriterien miteinander zu vergleichen. Erschwerend kommt hinzu, dass der prim\u00e4ren Beurteilung von Texten (und oft der einzigen, die \u00fcberhaupt bekannt ist), der Literaturkritik also, in der breiten Masse der Bev\u00f6lkerung der Ruf der Subjektivit\u00e4t und der Willk\u00fcr anhaftet. Negative Erinnerungen aus der Schulzeit, in denen schlechte P\u00e4dagogen es nicht vermocht haben, als ungerecht empfundene Noten im Schulaufsatz sinnvoll und nachvollziehbar zu begr\u00fcnden, sind schmerzhafte Narben im Ged\u00e4chtnis vieler und machen es praktisch unm\u00f6glich, zu vermitteln, dass die objektive Beurteilung eines Textes in der Tat durchf\u00fchrbar w\u00e4re, wenn man es nur wollte.<\/p>\n<p>Auf der verzweifelten Suche nach einer M\u00f6glichkeit, den Begriff &#8222;Textqualit\u00e4t&#8220; zu interpretieren, greift der Kunde daher auf andere, ihm bekannte Ma\u00dfst\u00e4be zur\u00fcck und reduziert sie im Allgemeinen auf Grammatik, Rechtschreibung und soziale Komponente. Ein guter Text ist demnach frei von Tippfehlern, korrekt orthografiert, weist eine den Regeln entsprechende Interpunktion auf und verzichtet auf Kraftausdr\u00fccke oder Beleidigungen. Auf diese Weise wird das, was als Mindestanforderung an einen Text anzusehen w\u00e4re, auf einmal zum einzigen Auswahl- und Bewertungskriterium.<br \/>\nDa aber davon auszugehen oder zumindest zu hoffen ist, dass von wenigen Ausnahmen abgesehen jeder Textdienstleister diese Grunds\u00e4tze erf\u00fcllt, stellt sich die Frage der Unterscheidung zwischen den verschiedenen Angeboten ungel\u00f6st und immer weiter aufs Neue. Im Zweifelsfall wird die Entscheidung durch die Referenzenfrage, durch den Preis oder \u00fcber den ersten pers\u00f6nlichen Eindruck getroffen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Schreibende, die Wert darauf legen, auf hohem Niveau zu arbeiten, ergibt sich dadurch ein kaum \u00fcberwindbares Problem: Eine deutliche Positionierung und eine Differenzierung von der sogenannten Konkurrenz wird auch dann mehr als nur schwierig, wenn eben diese Konkurrenz gar keine ist.<\/p>\n<p>Vergleiche aus anderen Bereichen k\u00f6nnen als eine Art Erste Hilfe-Kasten angesehen werden.<br \/>\nEin guter Text unterscheidet sich von einem durchschnittlichen Text wie ein Kleid von Dior von C&amp;A-Ware, wie belgische Pralinen von Discounter-Schokolade, wie ein Diamant-Collier von Modeschmuck, wie ein Luxushotel von einer Jugendherberge.<br \/>\nDieser Wink mit dem Zaunpfahl bietet zumindest einen Vorteil: Er erm\u00f6glicht eine sofortige Einordnung des potenziellen Kunden. Wer ihn versteht, wird wahrscheinlich in der Lage sein, mit einigen weiteren Erkl\u00e4rungen an die wirklichen Merkmale der Textqualit\u00e4t herangef\u00fchrt zu werden. Wer ihn nicht versteht und damit argumentiert, dass er keinen Unterschied zwischen selbst gemahlenem und frisch gebr\u00fchtem Espresso einerseits und Instant-Kaffee aus dem Glas andererseits schmecke und dass man somit den Verbraucher nur d\u00fcpiere, der bei gleichem Produkt f\u00fcr den Markennamen bezahle, darf in Begriffen der Textqualit\u00e4t als beratungsresistent gelten \u2013 eine sch\u00f6ne Umschreibung daf\u00fcr, dass dieser Kunde keinen Geschmack hat und niemals welchen haben wird. Im TextLoft bedeutet dies, dass der Interessent h\u00f6flich aber dezidiert hinauskomplimentiert wird.<\/p>\n<p>Dabei ist eine Definition von Textqualit\u00e4t recht einfach und besteht aus zwei Aspekten: eine klare und \u00fcbersichtliche Gliederung, eine differenzierte Sprache.<\/p>\n<p>Eine sinnvolle Gliederung besteht der allgemeinen Meinung entgegen nicht aus den 3 Punkten &#8222;Einf\u00fchrung&#8220;, &#8222;Hauptteil&#8220; und &#8222;Schluss&#8220;. Dieses mehr hilflose als hilfreiche Konstrukt aus der Schulzeit, das sicherstellen sollte, dass der Sch\u00fcler niemals vergisst, eine Einleitung zu schreiben, und sein Text in Gottes Namen nicht wie das Hornberger Schie\u00dfen ausgeht, ist zwar allgemein bekannt, hat mit der wirklichen Textarbeit aber wenig zu tun.<\/p>\n<p>Eine Gliederung soll dem Leser in erster Linie als Reisef\u00fchrer dienen. Er darf sich an keinem Punkt des Textes fragen m\u00fcssen, wo er sich gerade befindet und was er dort \u00fcberhaupt zu suchen hat.<br \/>\nZudem soll der Aufbau des Gedankengangs m\u00fchelos erfasst, verstanden und verinnerlicht werden k\u00f6nnen. Die Gliederung ist ein Ger\u00fcst der Logik.<\/p>\n<p>Der im TextLoft nur zu gern verwendete Vergleich mit Architektur und Innenausstattung mag f\u00fcr die Stammleser dieses Blogs mittlerweile etwas langweilig werden, er verdeutlicht aber sehr genau, nach welchen Kriterien die Gliederung eines Textes beurteilt werden kann und sollte. Sie ist das raum(ein)teilende Element und sollte auch als solches betrachtet werden.<br \/>\nEine gut geschnittene Wohnung besteht aus klar abgegrenzten Bereichen, die einerseits eine eigene, festgelegte Funktion haben, andererseits die freie Entfaltung des Geschmacks und der Einrichtungsvorstellungen des Einzelnen unterst\u00fctzen, indem unter anderem Stellfl\u00e4chen ausreichender Gr\u00f6\u00dfe und viele klare, gerade Linien eine individuelle M\u00f6blierung erm\u00f6glichen. Diese Ma\u00dfst\u00e4be lassen sich auch auf eine Gliederung anwenden.<\/p>\n<p>Die Einleitung eines Textes sollte wie die Diele oder der Flur einen einfachen Zugang zum gesamten Haus sowie die \u00d6ffnung und Verbindung zu allen anderen R\u00e4umen, sprich Kapiteln oder Abs\u00e4tzen, gew\u00e4hrleisten. Ungern betritt man als Erstes die K\u00fcche oder das Wohnzimmer, geschweige denn das Schlafzimmer.<br \/>\nWas f\u00fcr ein Haus selbstverst\u00e4ndlich ist, sollte f\u00fcr einen Text erst recht grundlegend sein. Unklar, schlecht oder gar nicht gegliederte Texte erkennt man daran, dass weder die Funktion der einzelnen Abschnitte deutlich ist (ist das hier das Kinderzimmer oder der Abstellraum?), noch eine Grundlinie erkennbar ist. Sie verhalten sich bestenfalls wie Durchgangszimmer, in denen eine Abtrennung von Nutzbereichen nur bedingt gegeben ist oder erst mit zahlreichen Hilfsmitteln erreicht werden kann, schlimmstenfalls &#8211; ist die Gliederung \u00fcberhaupt nicht vorhanden &#8211; wie ein unaufger\u00e4umter Dachboden, in dem sich alles ungeordnet stapelt, was irgendwann vielleicht n\u00fctzlich sein k\u00f6nnte \u2013 f\u00fcr eine Schnitzeljagd an einem regnerischen Novembertag ganz und gar reizvoll, aber niemand m\u00f6chte dauerhaft in einem Labyrinth wohnen.<\/p>\n<p>Ebenso wichtig ist der Zuschnitt \u2013 also die Form der R\u00e4ume und ihr Verh\u00e4ltnis zueinander. Es ist kein Zufall, wenn Wohnungen, deren Zimmer in etwa gleich gro\u00df und quadratisch sind, auf dem Immobilienmarkt einen h\u00f6heren Wert haben. Undurchsichtige Strukturen mit vielen Winkeln, engen Bereichen und Hindernissen werden als ungem\u00fctlich und unpraktisch empfunden.<br \/>\nIn einem Text ist es nicht anders. Die Kapitel und Abschnitte sollten in einem ausgewogenen Verh\u00e4ltnis zueinander stehen, die freie Entfaltung des Gedankens erm\u00f6glichen und inhaltlich einwandfrei zuzuordnen sein.<\/p>\n<p>Neben dem Aufbau der Wohnung ist die Inneneinrichtung von entscheidender Bedeutung. Ob der Raum eher zweckm\u00e4\u00dfig mit wahllos aufgestellten, funktionsbezogenen Gegenst\u00e4nden &#8222;gef\u00fcllt&#8220; oder aber bis ins kleinste Detail feinf\u00fchlig dekoriert wird, entscheidet \u00fcber den ersten Eindruck und bestimmt, ob Bewohner und Besucher sich wohl f\u00fchlen werden. Au\u00dferdem ist die Einrichtung auch repr\u00e4sentatives Element und spiegelt die Einstellung, die soziale Stellung und die Vorlieben der Besitzer wider.<\/p>\n<p>Nicht anders verh\u00e4lt es sich mit Text. Hier steht eine differenzierte Sprache f\u00fcr Niveau, Kultiviertheit und Lebensgef\u00fchl.<br \/>\nEin guter Text unterscheidet sich von einem durchschnittlichen oder schlechten Text also nicht dadurch, dass die primitivsten Gebote der H\u00f6flichkeit eingehalten werden, und Sprachniveau ist nicht auf den Verzicht auf R\u00fcpeleien beschr\u00e4nkt. Wer Rechtschreibung als Qualit\u00e4tsmerkmal f\u00fcr einen Text zur Sprache bringt, w\u00fcrde den Immobilienmakler wahrscheinlich fragen, ob in der Wohnung auch wirklich eine Toilette vorhanden ist oder das Haus ein Dach hat.<br \/>\nVereinfacht ausgedr\u00fcckt: Sprache darf dann als differenziert aufgefasst werden, wenn Wortwahl und Satzbau ungeachtet des eigenen Geschmacks von einem breiten, kultivierten, anspruchsvollen Wortschatz und einem Sinn f\u00fcr subtile Nuancen und fein schattierte Unterscheidungen in der Synonymik zeugen.<\/p>\n<p>Die Verbindung von Strukturen \u2013 dem Grundriss einer Wohnung und der Gliederung eines Textes \u2013 und individueller, ausgesuchter Einrichtung \u2013 stilvoller M\u00f6blierung und Dekoration und gehobenem Sprachniveau \u2013 entscheidet bei Immobilien und Text gleicherma\u00dfen \u00fcber den Marktwert. Minimalanforderungen sollten nur f\u00fcr diejenigen eine Rolle spielen, die sich f\u00fcr gew\u00f6hnlich mit eben solchen begn\u00fcgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeder, der ein Auto, eine Couch, einen Anzug kaufen m\u00f6chte, versteht, was es bedeutet, wenn die Werbung zu dem entsprechenden Objekt seiner Begierde in Begrifflichkeiten der Qualit\u00e4t ausgedr\u00fcckt wird. Es ist auch nicht schwer zu begreifen. Assoziiert werden dabei sehr fassbare und messbare Daten wie Sicherheit, Langlebigkeit des Materials, Komfort, Funktionalit\u00e4t. Bezieht sich das Qualit\u00e4tsversprechen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[72,74],"tags":[65,63,84],"class_list":["post-1261","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-textarbeit","category-textloft","tag-martine-paulauskas","tag-schreiben","tag-textloft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1261","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1261"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1261\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1952,"href":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1261\/revisions\/1952"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1261"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1261"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1261"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}