{"id":1254,"date":"2009-05-03T16:21:14","date_gmt":"2009-05-03T14:21:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/?p=1254"},"modified":"2024-01-10T11:50:47","modified_gmt":"2024-01-10T09:50:47","slug":"textloft-ist-keine-anderungsschneiderei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/textloft-ist-keine-anderungsschneiderei\/","title":{"rendered":"TextLoft ist keine \u00c4nderungsschneiderei"},"content":{"rendered":"<p>Oft werde ich gefragt, ob ich einen Text lektorieren w\u00fcrde. Dass ich es ablehne und TextLoft auch grunds\u00e4tzlich eine solche Leistung in seiner Werbung \u00fcberhaupt nicht anspricht, st\u00f6\u00dft oft auf Unverst\u00e4ndnis. Zum einen weil viele Schreibende in der Tat eine sehr breite Palette anbieten, die sich vom Texten \u00fcber Korrekturlesen bis hin zu Lektorat, Re-Writing und Coaching erstreckt, zum anderen auch weil Textarbeit von den meisten ganz unreflektiert als eine Art Einheitsbrei betrachtet wird, in dem die Aufgabenbereiche nicht wirklich abgegrenzt sind.<\/p>\n<p>Ein Vergleich mit anderen kreativen Berufen ist hier hilfreich: Niemand geht zu Karl Lagerfeld, um sich zeigen zu lassen, wie man Fingerhut und Nadel richtig h\u00e4lt, oder um l\u00f6chrige Socken stopfen und einen defekten Rei\u00dfverschluss ersetzen zu lassen. Nicht dass Karl Lagerfeld solchen Aufgaben nicht gewachsen w\u00e4re, es ist im Gegenteil anzunehmen, dass er das durchaus ist. Aber n\u00e4hen lernen k\u00f6nnen Anf\u00e4ngerinnen auf der Volkshochschule, und f\u00fcr Reparaturen sind eher \u00c4nderungsschneidereien zust\u00e4ndig \u2013 deren handwerkliche Fertigkeiten in keiner Weise minder wertvoll, solide und vielseitig sind, die aber nichts mit Haute-Couture und Kreation zu tun haben. Um es in eine allgemein verst\u00e4ndliche Sprache zu \u00fcbertragen: Karl Lagerfeld w\u00e4re zwar h\u00f6chstwahrscheinlich dazu in der Lage, aber es ist schlichtweg nicht sein Job, und interessieren w\u00fcrde es ihn auch nicht.<\/p>\n<p>Wer seinen Text zur Lektorierung zu einem kreativen Schreibenden bringt, verh\u00e4lt sich so, als w\u00fcrde er mit einem Topf versalzener Suppe unter dem Arm zu einem Vier-Sterne-Koch rennen und ihn anflehen, schnell zu retten, was zu retten ist.<br \/>\nNat\u00fcrlich kann man eine misslungene So\u00dfe manchmal noch &#8222;retten&#8220;. Einen schlechten Text auch. Doch gerade in diesem Begriff liegt auch ein Teil der Problematik: &#8222;Retten&#8220; bedeutet, aus etwas Schlechtem, Ungenie\u00dfbarem, etwas Akzeptables zu machen. Akzeptables ist aber f\u00fcr TextLoft kein Qualit\u00e4tsma\u00dfstab.<br \/>\nAus schlechten Zutaten l\u00e4sst sich kein herausragendes Gericht zaubern, aus Tiefk\u00fchl-Fr\u00fcchten entsteht keine aromatische Marmelade, sondern fades Discount-Einerlei. Wenn die Rohstoffe nicht stimmen, ist das Ergebnis nur mittelm\u00e4\u00dfig, das wei\u00df schon ein Koch-Lehrling. Bei der Textarbeit l\u00e4sst sich eine schlechte Ausgangsware nur durch Vertuschung, Abstriche und Flickwerk, durch Kompromisse zu etwas Brauchbarem verwandeln. Aber &#8222;essbar&#8220; ist nicht &#8222;k\u00f6stlich&#8220;. Noch einmal: Sockenstopfen ist n\u00fctzlich, aber kein Mode-Design &#8211; und auch hier sollte man die sprichw\u00f6rtlichen \u00c4pfel nicht mit Birnen vergleichen.<\/p>\n<p>Ein guter Lektor muss zudem Eigenschaften mitbringen, die dem kreativen Schreibenden g\u00e4nzlich fremd sind, ja gar seiner eigentlichen T\u00e4tigkeit im Wege st\u00fcnden.<br \/>\nDazu z\u00e4hlen zum Beispiel selbstverleugnerische Geduld und ein bewundernswertes diplomatisches Geschick. Es ist alles andere als einfach, einen Kunden, der zwar keine textpsychologischen oder stilistischen Kenntnisse besitzt aber von dem eigenen Satz so \u00fcberzeugt ist, wie man es nur sein kann, eitelkeiten- und egoschonend zur Einsicht zu bringen. Es erfordert eine geradezu m\u00fctterlich-seelsorgerische Begabung, einem unbeholfenen Text positive Aspekte abzugewinnen, nur um den Kunden nicht zu verletzen. Die Wahrheit \u2013 in den meisten F\u00e4llen n\u00e4mlich, dass der Text bei aller Liebe und Nachsicht den direkten Weg in die Rundablage nehmen sollte, weil er beim Leser die unangenehme Erinnerung an den typischerweise von einem Zahnarztbohrer verursachten Schmerz wachruft (das Bild von Fingern\u00e4geln auf einer Schiefertafel mag zuweilen treffender sein) \u2013 darf ein guter Lektor nicht aussprechen, er darf sie im Grunde nicht einmal denken.<br \/>\nLektoratarbeit, wenn sie richtig verstanden wird, erfordert au\u00dferdem und paradoxerweiser ein erstaunliches Durchsetzungsverm\u00f6gen \u2013 nicht zuletzt in kaufm\u00e4nnischer Hinsicht. Zu vermitteln, wie notwendig eine Text\u00e4nderung ist, ist eine oft gespr\u00e4chsintensive und kraftraubende Machtprobe.<br \/>\nDer Kreative w\u00e4re hier fehl am Platz. Er taugt zum nicht Therapeuten, er ist K\u00fcnstler \u2013 auch wenn sein Schaffen abstrakter bleibt als auf die Leinwand aufgetragene Farbe.<br \/>\nAuch in anderer Hinsicht ist der kreative Schreibende per se ein schlechter Lektor &#8211; neigt er doch dazu, im Zweifelsfall zu glauben, dass eine stilistische Abweichung gewollt und durchdacht ist, weil er sich selbst solcher bedient. Zum Lektorat geh\u00f6ren &#8211; von den besagten schweren F\u00e4llen abgesehen, in denen der Text wirklich sehr schlecht und nicht zu gebrauchen ist &#8211; eine gewisse Anma\u00dfung und der Glaube, die textliche Wahrheit gepachtet zu haben, die in der Regel der nat\u00fcrlichen Demut des K\u00fcnstlers entgegenstehen, der allen \u00e4sthetischen Welten offen und (zu) tolerant gegen\u00fcbersteht. Lektorat unterscheidet sich dahingehend von Textkritik, Rezension oder Kunstkritik, dass es die eigene Meinung nicht nur \u00e4u\u00dfert und f\u00fcr einen Leser als Alternative und Denkansto\u00df vermittelt, sondern den eigenen stilistischen Geschmack subjektiv und gewaltsam durchsetzt &#8211; mit welchem Recht auch immer. Grenzf\u00e4lle wie Texte von Designern oder Architekten, die ihre eigenen semantischen und stilistischen Gesetze haben, w\u00fcrde ein Kreativer aber als Ausdruck und Teil des Designs und des Zeitgeists betrachten und niemals zu dem machen wollen, was die allgemeine \u00d6ffentlichkeit als &#8222;richtiges&#8220; oder &#8222;verst\u00e4ndliches&#8220; Deutsch betrachtet. Er w\u00e4re also f\u00fcr diese Aufgabe die falsche Besetzung.<\/p>\n<p>TextLoft \u00fcbernimmt keine Lektorat- und keine Korrektorat-Auftr\u00e4ge. TextLoft erschafft Texte. Weil Karl Lagerfeld keine \u00c4nderungsschneiderei betreibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oft werde ich gefragt, ob ich einen Text lektorieren w\u00fcrde. Dass ich es ablehne und TextLoft auch grunds\u00e4tzlich eine solche Leistung in seiner Werbung \u00fcberhaupt nicht anspricht, st\u00f6\u00dft oft auf Unverst\u00e4ndnis. 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