{"id":1146,"date":"2012-06-06T22:48:41","date_gmt":"2012-06-06T20:48:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/?p=1146"},"modified":"2025-10-15T13:30:28","modified_gmt":"2025-10-15T11:30:28","slug":"idealbild-kolumnist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/idealbild-kolumnist\/","title":{"rendered":"Idealbild Kolumnist"},"content":{"rendered":"<p>Zu Hause in Ruhe sitzen und den Alltag in all seinen Nuancen erz\u00e4hlen. Eine Seite lang die pers\u00f6nliche Sicht der Dinge schildern. Mal humorvoll, mal kritisch, mal polemisch. Sein Geld damit verdienen, Pers\u00f6nliches preiszugeben. Aus Anekdoten poetische Texte entstehen lassen \u2026 Amerikanische Serien wie <em>Sex and the City<\/em>, <em>8 Simple Rules for Dating my Teenage Daughter<\/em>, <em>Suddenly Susan<\/em> zeigen es \u00fcberdeutlich: Der Beruf des Kolumnisten ist der ideale Beruf schlechthin. Freie Zeiteinteilung, sicheres und \u00fcberdurchschnittliches Einkommen \u2013 in diesem perfekten Leben gilt die einzige Sorge der Deadline und der Frage nach dem Thema des n\u00e4chsten Artikels. In unmittelbarem Kontakt zu seinen Lesern, mitten im Zeitgeschehen und dennoch ohne Hektik arbeiten zu k\u00f6nnen &#8211; wer tr\u00e4umt nicht davon?<br \/>\nIn den Vereinigten Staaten ist dieses Bild nach Abstrich der dramatisch notwendigen und unvermeidlichen \u00dcberzeichnung als nicht unrealistisch zu bewerten: Kolumnisten genie\u00dfen ein hohes Ansehen, sind fester Bestandteil der Medienkultur und werden entsprechend entlohnt. Zum Verst\u00e4ndnis ihrer Arbeit geh\u00f6rt die Tatsache, dass sie ein festes Gehalt beziehen. Die damit verbundene Absicht ist, zum einen, dass sie so an eine Zeitung oder zumindest an einen Arbeitgeber gebunden sein sollen, was nicht zuletzt von wettbewerbstechnischem Interesse ist, zum anderen, dass sie so ihre kreative Freiheit entfalten k\u00f6nnen. Dementsprechend ist das Einkommen eines Kolumnisten durchaus solide: Das Anfangsgehalt von 17000 $ entwickelt sich sehr schnell zu einem komfortablen Betrag, der je nach Region, Ansehen und Verbreitung der Zeitung zwischen 29000 $ (in einem Provinzst\u00e4dtchen bei begrenzter Leserschaft) und 60000 $ (etwa in Boston oder Chicago) erreichen kann. New Yorker Kolumnisten verdienen bis zu 80000 $. Hinzu kommen nicht unerhebliche Pr\u00e4mien f\u00fcr besonders erfolgreiche Artikelserien, die sich durch steigende Leserschaft und eine entsprechende Anzahl Leserbriefe etwa verkaufsargumentativ bei Werbepartnern verwerten lassen.<br \/>\nAuch wenn Louboutin-Schuhe und eine 3-Zimmer-Wohnung im Herzen Manhattans also tats\u00e4chlich der Fiktion angeh\u00f6ren, verf\u00fcgt ein amerikanischer Kolumnist im Allgemeinen also \u00fcber gute Arbeitsbedingungen und eine ausreichende finanzielle Sicherheit.<\/p>\n<p>Im Land der Dichter und Denker ist das Bild bei weitem nicht so erfreulich. Kolumnisten werden kaum bis gar nicht als eigene journalistische Kategorie wahrgenommen. Kolumnen werden vorzugsweise nicht Schreibenden, sondern prominenten Namen oder der Reihe nach und mehr oder minder wahllos Honorarkr\u00e4ften \u00fcberlassen, die sie neben anderen Artikeln \u00fcbernehmen m\u00fcssen, wenn sie schon darauf bestehen, von ihrer Schreibe leben zu wollen. Das Ergebnis ist qualitativ entsprechend, und w\u00e4hrend Kolumnen selbst kleinerer Zeitungen in den USA nicht selten literarischen Wert haben, tut man hierzulande gut daran, sie am besten zu \u00fcberlesen.<\/p>\n<p>Wie ein Land seine Kolumnisten behandelt, sagt viel \u00fcber sein ethisch-soziales Wertesystem und sein wirtschaftliches Selbstverst\u00e4ndnis aus \u2013 vor allem auch \u00fcber die Anspr\u00fcche des Einzelnen, was das eigene Leben betrifft.<br \/>\nDie USA sind als multikulturelles Land mit dem Gedanken vertraut, dass Dinge nebeneinander bestehen k\u00f6nnen und einander nichts nehmen, sondern bereichern, dass unterschiedliche Bet\u00e4tigungsfelder einen eigenen Wert und einen eigenen Platz in der Gesellschaft haben, dass es daher gute Gr\u00fcnde gibt, Geisteswissenschaftler und insbesondere Schreibende in ihrem besonderen Umfeld der Qualit\u00e4t ihrer Arbeit entsprechend zu bezahlen. Ihr Marktwert definiert sich nicht im Vergleich zur Automobilindustrie oder zur Lebensmittelbranche, sondern innerhalb des eigenen Kulturbetriebs.<br \/>\nIn Deutschland haben Nachkriegszeit und Wirtschaftswunder ein klares Bild dessen geschaffen, was Leistungsethik anzustreben hat und was nicht. Industrielle Produktion wurde zur neuen Tugend und ist es heute noch. Wenn von Bildung die Rede ist, sind k\u00fcnftige Ingenieure oder Naturwissenschaftler gemeint. Intellektuelle werden bestenfalls kritisch be\u00e4ugt, gar bel\u00e4chelt, nicht selten in Anf\u00fchrungsstrichen geschrieben, Das bereits provinzielle Denken verweigert Kreativen und insbesondere Schreibenden sowohl gesellschaftliche Anerkennung als auch angemessene Bezahlung. Und so lange Kolumnisten nicht dazu beitragen, dass alle ein Auto vor der T\u00fcr und eine Mikrowelle in der K\u00fcche haben, wird es so bleiben. Ich besitze \u00fcbrigens weder das eine noch das andere. Ich schreibe lieber.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu Hause in Ruhe sitzen und den Alltag in all seinen Nuancen erz\u00e4hlen. Eine Seite lang die pers\u00f6nliche Sicht der Dinge schildern. Mal humorvoll, mal kritisch, mal polemisch. Sein Geld damit verdienen, Pers\u00f6nliches preiszugeben. Aus Anekdoten poetische Texte entstehen lassen \u2026 Amerikanische Serien wie Sex and the City, 8 Simple Rules for Dating my Teenage [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[72],"tags":[],"class_list":["post-1146","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-textarbeit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1146","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1146"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1146\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2021,"href":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1146\/revisions\/2021"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1146"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1146"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1146"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}