{"id":110,"date":"2008-10-30T23:29:15","date_gmt":"2008-10-30T21:29:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/?p=110"},"modified":"2017-02-06T14:30:17","modified_gmt":"2017-02-06T12:30:17","slug":"zu-normal-zum-schreiben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/zu-normal-zum-schreiben\/","title":{"rendered":"Zu normal zum Schreiben?"},"content":{"rendered":"<p>In ihrem gleicherma\u00dfen informativen wie unterhaltsamen Artikel &#8222;<a href=\"https:\/\/www.internetwritingjournal.com\/nov05\/cew4.htm\">The Author&#8217;s Dilemma: To Blog or Not to Blog<\/a>&#8220; beschreibt Claire E. White im <a href=\"https:\/\/www.internetwritingjournal.com\/\">Internet Writing Journal<\/a> die Verwunderung einiger Autoren \u00fcber das Interesse ihrer Leser an ihren Blogeintr\u00e4gen im Allgemeinen und ihrem Privatleben im Besonderen: &#8222;<em>Some authors seem surprised that readers would like to hear about their daily battles with the cable company, their root canal or their impending hot date<\/em>&#8222;.<\/p>\n<p>Wer schreibt und dies zugibt, wird in der Tat sehr schnell durch die eigene Umgebung mit der Frage konfrontiert, ob Schreibende etwa &#8222;anders&#8220; leben. Mit dem Begriff &#8222;anders&#8220; werden alle Bereiche des Alltags etikettiert: Steckt in dem Klischee der schreibenden Boheme vielleicht ein F\u00fcnkchen Wahrheit? Wie soll man sich die Situation des Zuhausearbeitens denn \u00fcberhaupt vorstellen? Wie ist es, vor einem leeren Blatt zu sitzen, wenn einem nichts einf\u00e4llt \u2013 gibt es das wirklich? Wo kommen die Ideen her?<br \/>\nFilme und Fernsehen bedienen ja im \u00dcberfluss ein fantasieanregendes Image: ungeduscht und rauchend sitzen Schriftsteller in einem vor Zetteln und zerlesenen B\u00fcchern \u00fcberquellenden Zimmer im Schlafanzug vor dem Bildschirm, liegen trunken, hadernd und k\u00e4mpfend, an der Whisky-Flasche festgekrallt in schummerigem Licht auf abgew\u00e4lzten Couchs, verbringen Stunden kritzelnd in Cafes, gehen ins Bett, wenn die Sonne aufgeht, vergessen vor lauter Kreativit\u00e4t, dass Post und Rechnungen den eigenen Briefkasten verstopfen und sich M\u00fcll in der K\u00fcche stapelt, essen im Stehen direkt aus der Konservendose, bestenfalls aus dem Topf. Chaotisch geht es zu, verh\u00e4rmt und vereinsamt, \u00f6konomisch und gesundheitlich desastr\u00f6s, exaltiert k\u00fcnstlerisch bis weltfremd verklemmt.<\/p>\n<p>Wie sehr sich solche Bilder in der allgemeinen Vorstellung festsetzen, wurde mir zum ersten Mal bewusst, als eine fl\u00fcchtige Bekannte, mit der ich gesch\u00e4ftlich und daher lediglich telefonisch und per eMail zu tun hatte, mich zum ersten Mal zu Hause aufsuchte.<br \/>\nSie sollte bei mir einen Briefumschlag abholen, wobei wir keine feste Uhrzeit vereinbart hatten. Von dem &#8222;sp\u00e4ten Nachmittag&#8220; war die Rede gewesen. Ich war mir nicht einmal sicher, ob sie wirklich kommen w\u00fcrde, denn sie klang oft sehr besch\u00e4ftigt. Gegen 17 Uhr klingelte es tats\u00e4chlich. Sie st\u00fcrmte etwas gehetzt herein, erz\u00e4hlte, sie parke in zweiter Reihe vor dem Haus (in unserem Viertel ein Dauerzustand) und sei zu einem weiteren Termin unterwegs, und schlug bereits im Flur den Kaffee aus, den ich mich anzubieten anschickte. Sie wolle nur rein und raus, meinte sie hektisch-dynamisch und zeitgem\u00e4\u00df \u00fcberlastet, w\u00e4hrend sie versuchte, eine hartn\u00e4ckig immer wieder in ihre Stirn zur\u00fcckfallende Str\u00e4hne wieder in Ordnung zu bringen. Um ihrem Zeitdruck gerecht zu werden, bat ich sie also in den Raum, in dem ich mich gerade aufhielt, und zuf\u00e4llig war das mein Arbeitszimmer. Als ich ihr den Briefumschlag \u00fcberreichen wollte, der der eigentliche Anlass ihres Besuches war, merkte ich erst, dass etwas nicht stimmte. Ihr entsetzter Blick wanderte umher und ihr halb offener Mund zeugte unmissdeutig von Verbl\u00fcffung. Sie schien, krampfhaft nach etwas zu suchen, und ich selbst begann, mich verunsichert umzuschauen, um zu ergr\u00fcnden, was sie so aus der Fassung gebracht hatte, als er aus ihr herausbrach: &#8222;DAS ist Ihr Arbeitszimmer??&#8220;<br \/>\nDie Frage kam aus dem Grunde \u00fcberraschend, dass mir nicht ganz klar war, worin die Zweifel dar\u00fcber bestehen k\u00f6nnten. An einer Wand ist ein dreiteiliger franz\u00f6sischer B\u00fccherschrank aufgestellt, zwei weitere B\u00fccherregale und eine B\u00fcchervitrine stehen an zwei der anderen W\u00e4nde, ein gro\u00dfer Sessel kuschelt sich an das riesige Balkonfenster, ein Semainier mit Schreibwaren und Notizb\u00fcchern thront auff\u00e4llig in einer Ecke, und der gr\u00f6\u00dfte Platz im Raum wird von einem ganz gew\u00f6hnlichen, nicht besonders ansehnlichen Schreibtisch eingenommen, auf dem Computer, Telefon und Terminkalender zu sehen sind. Hier gibt es weder Fernseher noch Stereoanlage, keine Couch, keine Anrichte mit Geschirr, nicht einmal einen noch so kleinen Tisch f\u00fcr einen Kuchenteller, und bis dahin hatte ich nicht vermutet, dass die Nutzung des Raums auf irgendeine Weise missverst\u00e4ndlich sein k\u00f6nnte.<br \/>\nAn meinem unsicheren &#8222;Ja&#8220; merkte sie wohl, dass ich ihre Frage nicht ganz nachvollziehen konnte:<br \/>\n&#8222;Ich h\u00e4tte gedacht, bei einem Menschen des Textes wie Ihnen liegen \u00fcberall B\u00fccherstapel herum und man muss sich zwischen Bergen von Papier durchk\u00e4mpfen, und der Schreibtisch ist voll und man findet nichts mehr drauf!! Das habe ich mir aber ganz anders vorgestellt!!!&#8220;<br \/>\nDie Art, wie sie das Wort &#8222;gaaanz&#8220; betonte und in die L\u00e4nge zog, lie\u00df an Eindeutigkeit nichts zu w\u00fcnschen \u00fcbrig, ich konnte an ihrer Stimme h\u00f6ren, wie sich die Ausrufezeichen blitzschnell aneinanderreihten. Sie war nicht nur \u00fcberrascht, sie war schockiert. Ihre Welt war zusammengebrochen. Ohne dass ich so recht h\u00e4tte sagen k\u00f6nnen, warum, war mir die Situation auf einmal sehr peinlich: Ich f\u00fchlte mich ertappt, ohne zu wissen, wobei, und es beschlich mich das unbestimmte, unangenehme und \u00fcberm\u00e4chtige Gef\u00fchl, ich m\u00fcsste mich entschuldigen, was ich auch ernsthaft verlegen tat. Aber auch das konnte den ersten Eindruck nicht wiedergutmachen, den sie von mir bekommen hatte: Sie war zutiefst entt\u00e4uscht, und ich sah ihr an, dass sie sich fragte, ob ich nun \u00fcberhaupt wirklich schreiben k\u00f6nne \u2013 war doch bei mir alles so entsetzlich unspektakul\u00e4r, langweilig normal, ja geradezu b\u00fcrgerlich aufger\u00e4umt.<\/p>\n<p>Solche ern\u00fcchterte Reaktionen habe ich seitdem oft erlebt \u2013 und jedes Mal ist es mir aufs Neue aufrichtig unangenehm, den Klischees nicht zu entsprechen, die das kollektive Bewusstsein mit dem verbindet, was ich tue; jedes Mal f\u00fchle ich mich aufs Neue ertappt und stammele hilflos eine wirkungslose Ausrede.<br \/>\nZugegeben, das Leben eines Beamten f\u00fchre ich nicht wirklich: Ich gehe dann ins Bett, wenn die meisten B\u00e4cker aufstehen, vor Mittag ist mit mir daher nicht zu rechnen; und wenn ich an einem Projekt arbeite, vergesse ich schon mal, zu essen, oder welcher Tag gerade ist. Aber da h\u00f6rt das Bohemehafte auch schon fast auf.<\/p>\n<p>Die bereitwillige Aufnahme von Autorenblogs, wie sie Claire E. White darstellt, macht den grunds\u00e4tzlichen Spagat deutlich, der durch die der Fiktion entsprungenen Vorstellungen geschlagen wird: Der Neugier f\u00fcr das Ungew\u00f6hnliche, das Spannende, das dem Alltag des Schreibenden prim\u00e4r unterstellt wird, steht das Bed\u00fcrfnis nach voyeuristischer Normalit\u00e4t und Entzauberung ausgleichend gegen\u00fcber. So r\u00e4t Claire E. White:<br \/>\n&#8222;<em>Of course, some authors are better at blogging than their peers. One author can make a trip to the grocery store sound interesting, while another might have flown to the International Space Station as a space tourist and manage to make a dull story of it. It&#8217;s not what you blog about, it&#8217;s how you blog. Write from the heart, write about what interests you and chances are it will interest your readers as well.<\/em><br \/>\n[&#8230;]<br \/>\n<em>Many authors complain that they don&#8217;t have anything to say, that their lives aren&#8217;t that interesting on a day to day basis. But that&#8217;s entirely the point: it&#8217;s not your life that has to be interesting. But how you write about it must be interesting<\/em>.&#8220;<\/p>\n<p>Weil Schreiben eben etwas ganz Normales ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In ihrem gleicherma\u00dfen informativen wie unterhaltsamen Artikel &#8222;The Author&#8217;s Dilemma: To Blog or Not to Blog&#8220; beschreibt Claire E. 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