Von normalen und anderen Schreibtagen – auf frischer Tat

Genau so … sollte ein Tag nicht laufen.

Es begann wie immer. Aufstehen, Badezimmer, Kaffee … Was ein Schreiberling am Morgen eben so tut, bevor das erste Wort geschrieben wird.

Der Regel nach folgt dann der Blick in die elektronischen Postfächer. Seltsam, die Kundin, der gestern ein fertiger Text zugesandt wurde und die den eMail-Empfang bisher immer systematisch bestätigt hat, hat ihre Post offenbar nicht geöffnet. Es ist beunruhigend, zumal die Rechnung auch schon zu ihr unterwegs ist. Die letzten Mitteilungen, die eingegangen sind, sind noch von gestern Nacht. Auch das ist ungewöhnlich.

Nachdem heute nichts Besonderes anliegt, da die Mailing-Aktion beendet und der aktuelle Auftrag abgeschlossen ist, ist es Zeit für einen Rundgang durch Freelancer-Portale auf der Suche nach neuen interessanten Kunden oder Einzelaufträgen. Wie immer ist Vieles dabei, was kopfschüttelnd ignoriert werden kann: Für 1 bis 2 Euro Brutto/Stunde oder noch weniger zu arbeiten, lohnt sich nicht wirklich, aber genau das bieten solche Plattformen ja meistens an. Doch manchmal hat man Glück und findet in den langen Listen von Unverschämtheiten eine winzige Perle, eine Aufgabe, die reizvoll klingt, von einem seriösen Auftraggeber gepostet wurde, der zu wissen scheint, was Qualität ist, und die man unbedingt habe möchte. Heute ist es der Fall. Ein gewerbliches Blog sucht nach einem Freien Texter für einen meiner bevorzugten Themenbereiche. Die Bewerbung wird geschrieben und abgeschickt – ich bin nicht ganz unvorbereitet, Präsentationsmappen werden angehängt, Screenshots der Anzeige ausgedruckt und archiviert.

Seit dem ersten Blick in das Postfach sind mittlerweile 2 Stunden vergangen. Die fünfzehn Postfächer bleiben leer. Alle. Nicht einmal Spam lässt sich blicken. Ich lese Nachrichten. Ein Kunde, dem ich eine eMail angekündigt habe, meldet sich telefonisch. Er hat nichts erhalten. Gar nichts. Es ist ärgerlich, das Anschreiben war dringend. Ich sende es ein zweites Mal ab. Nach einer weiteren halben Stunde gibt es nichts Neues. Was schriftlich zu besprechen gewesen wäre, erledigen wir nun mündlich.

Etwas stimmt nicht. Ich recherchiere. Mein Provider hat offenbar einen breitflächigen Absturz. Es heißt, der eMail-Empfang und -Versand seien stark beeinträchtigt (ein niedlicher Euphemismus, in der Tat … ) und es würde davon ausgegangen, dass die Probleme in den folgenden zwei Stunden behoben werden könnten. Gut, zwei Stunden.
Meine andere Auftraggeberin kann ich auch telefonisch nicht erreichen. Sie hat offenbar keinen Anrufbeantworter. Ich weiß also immer noch nicht, ob sie ihren Text erhalten hat. Schade eigentlich. Es macht mich nervös.

Aber es ist müßig, sich über Dinge aufzuregen, auf die man keinen Einfluss hat, also mache ich das Beste aus dem kleinen Zwischenfall. Mein erster Weg führt in den Keller, genauer gesagt, in die Waschküche. Die Maschine summt nun vor sich hin.
Die Störung liegt noch an. Auf Twitter und anderen Seiten melden immer mehr Kunden desselben Providers, dass auch bei ihnen „nichts läuft“. Es ist kein Trost.

Die Frühlingsblüher im Töpfchengarten brauchen Wasser. Die Blätter der Tulpen sind schon groß, und Krokusse und Schneestolz zeigen kräftige Knospen. Die Luft draußen ist kühl und feucht, die Sonne setzt sich nur mühsam durch und bildet in den Wolken einen um diese Tageszeit eigenartigen und eleganten Schleier in Rosa, Lila und warmem Grau. Unwillkürlich muss ich an Seidenmalerei denken. Es fällt mir auf, dass ich in den vergangenen Wochen wegen der Werbekampagne und diverser Aufträge das Haus überhaupt nicht verlassen habe. Ich war nicht einmal auf dem Balkon. Ich hatte ganz vergessen, wie Winterluft riecht, wie sie sich anfühlt. Einen Augenblick lang sind der Computer und die dumme eMail-Funktion sehr weit weg. Am anderen Ende der Welt. Eine kleine Blaumeise sieht mich frech und etwas ungeduldig an. Offenbar ist die Badeschale, die ich soeben wieder aufgefüllt habe, ein verlockendes Ziel. Ich mache ihr Platz. Wenigstens sie soll an diesem Tag Spaß haben.

Die Postfächer sind noch immer leer. Ich wünschte, ich wäre weniger diszipliniert und organisiert: Ich könnte jetzt diese sinnlose Warterei dazu nutzen, Papierkram oder Buchhaltungsunterlagen zu sortieren. Aber ich ordne leider immer alles sofort ein, die Buchhaltung ist auf dem letzten Stand, die Ordner auf der Festplatte aufgeräumt. Blogartikel möchte ich jetzt nicht schreiben – es könnte ja sein, dass der normale Betrieb gleich weitergeht …

Kaffee muss her. Ich poste die Störung noch einmal auf Twitter, Facebook und Google+ und rege an, mich ggfs. über diese Wege zu kontaktieren. Natürlich weiß ich, dass es nichts bringen kann: Meine Kunden sind in den Social Media kaum oder gar nicht vertreten und werden meine Meldungen daher sicher nicht finden, und diejenigen, die sie lesen, sind bedauerlicherweise keine Kunden. Zumindest kann ich mir so einreden, mein Möglichstes getan zu haben.

Die angekündigten zwei Stunden sind längst um. Nichts. Nicht einmal die Störungsanzeige auf der Homepage des Providers wurde aktualisiert. Arbeiten im Home Office ohne eMail … Welch eine Freude! Ich nutze die Zeit, um wichtige Blogs zu lesen. Ausgerechnet heute gibt es nicht viel Neues. Ich entdecke unbekannte Seiten, die ich aber entbehren kann – von inhaltsfrei bis niveaulos.

Ich will wissen, ob die Texte, die ich gestern abgegeben habe, angekommen sind. Ich will wissen, ob meine Bewerbung auf den märchenhaften Auftrag beachtet wurde. Bis jetzt haben sich laut Zähler nur zwei Texter beworben. Das ist ein gutes Zeichen. Das Fachgebiet ist so speziell, dass es vermutlich nicht viel mehr Konkurrenten werden. Ich habe also eine Chance, wenn der Auftraggeber realistische Preise eingeplant hat. Aber es genügt mir nicht, davon zu träumen, ich will einen Wink, eine Antwort, eine eMail!
Ein privater Anruf, den ich unter anderen Umständen als sehr lästig empfunden hätte, reißt mich aus meinem ungeduldigen Starren auf den Bildschirm. Ich weiß, dass es nichts bringt. Wasser kocht nicht schneller, wenn man ihm zusieht. Normalerweise würde ich etwas so Dummes auch nicht tun. Aber heute ist es anders: Da ist dieser wichtige abgegebene Auftrag, da ist diese Bewerbung auf das spannende Projekt ….

Die Sonne verschwindet an Horizont. Die Wäsche ist gewaschen. Die Störungsmeldung ist noch aktuell. Die Postfächer bleiben leer. Die meisten Unternehmen schließen schon ihre Büros. Ich habe keinen Cent verdient, ich habe keine Antworten.

Genau so … sollte ein Tag nicht laufen.