Über die Jahrhunderte hinweg

Zu dem „Spendenbutton“ in meiner Sidebar habe ich ein sehr freundschaftliches Verhältnis. Es ist nicht so, dass er mir zu Reichtum verhelfen würde. Aber seine Bedeutung gefällt mir. Er symbolisiert mein Selbstverständnis, das, was meine Arbeit ausmacht. Er erinnert mich sozusagen daran, was ich bin und tue. Vor allem verbindet er mich mit einer jahrhundertealten Tradition und mit dem künstlerischen Wesen meiner Arbeit.
Zu allen Zeiten hatten Künstler vier Möglichkeiten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten: Brotjobs, Lehrtätigkeiten, Auftragsarbeiten und Mäzenatentum.
Brotjobs  – also Beschäftigungen, die das Einkommen sichern sollen, aber ganz und gar kunstfremd sind, können Vor‑ und Nachteile haben. Sie halten Sorgen fern und somit den Geist für den kreativen Prozess frei. Nichtsdestotrotz sind sie ein Kompromiss, und Kompromisse sind immer faul. Sie bedeuten, dass der Drang, zu malen, zu komponieren, zu schreiben … sich nach der Uhr richten muss, womit nicht jeder zurechtkommt. Des weiteren degradieren sie den eigenen Lebensinhalt zu einer Nebensache, zu einem Hobby  – mit der Gefahr, dass er eines Tages wirklich dazu verkommt. Brotjobs erfordern außerdem eine eiserne Gesundheit, wenn nach einem anstrengenden 8‑Stunden-Tag die wirkliche Arbeit erst beginnen soll. Brotjobs sind frustrierend und auf Dauer schon deshalb keine Lösung, weil jeder irgendwann erkennt, dass er in sich den Wunsch trägt, sein Geld mit einer Tätigkeit zu verdienen, in der er einen Sinn sieht bzw. mit der er sich identifizieren kann. Gegen die eigene Berufung zu leben, ist mehr als nur eine Unannehmlichkeit, und es ist etwas ganz anderes, als „nur“ in einem verhassten Job festzustecken. Es hat nichts mit der Unlust zu tun, die jeden Arbeitnehmer mal befallen kann. Es ist nicht nur unerfreulich und anstrengend. Es geht um viel mehr als nur das, nämlich um die mutwillige Verneinung der eigenen Identität, der eigenen Existenz. Es macht im wörtlichsten medizinischen Sinn des Wortes krank  – ich weiß, wovon ich hier rede  –, bis man eines Tages die Kraft nicht mehr aufbringt, sich mit der Lüge zu arrangieren und Stunde und Stunde gegen den eigenen Körper und die eigene Natur zu kämpfen. Brotjobs sind insbesondere für Anfänger oder als zeitweilige Unterstützung sehr sinnvoll, aber sie sind keine Lebenslösung.
Einen Mittelweg bietet die Lehrtätigkeit. Sie ermöglicht es, in einem thematisch nahen Umfeld zu verbleiben. Komponisten erteilen Klavierunterricht, Maler leiten Ateliers, Schreibende veranstalten Workshops. Allerdings ist diese Art des Gelderwerbs nicht viel weniger prekär als die Kunst selbst.
Was Künstlern im Laufe der Jahrhunderte wirklich immer dazu verholfen hat, von dem, was sie können, zu leben, sind Auftraggeber und Mäzene. Während sich in der Vergangenheit beide oft in einer Person fanden  – dem Künstler wurden Kost und Obdach angeboten, und er malte oder komponierte im Gegenzug im Auftrag und zum Ruhme seines Gönners  –, sind diese Funktionen heute streng getrennt. Auftraggeber sehen sich als Kunde im kaufmännischen Sinne und stellen keine wirkliche Verbindung zwischen sich und dem, was für sie geschaffen wurde, her. Der Kauf von Kunst ist für sie eine geschäftliche Transaktion mit einem konkreten Nutzen. Gleichwohl sind ihre Aufträge notwendiger denn je. Künstler brauchen nicht nur das Geld. Sie brauchen das Gefühl, dass das, was sie tun, geschätzt, gesucht, begehrt wird. Und sie brauchen die Ausgeglichenheit des Gebens und Nehmens, der Leistung und Zahlung, die dem Wert ihrer Arbeit eine objektive, messbare Dimension verleiht.
Die Beweggründe eines heutigen Mäzens wiederum können recht unterschiedlich sein. Bestenfalls beruht seine Unterstützung auf der Überzeugung, dass Kunst frei sein muss und erhaltens‑ und förderungswert ist. Dies ist Mäzenatentum alter Schule und ist nicht nur dem Einkommen des Künstlers zuträglich, sondern auch seinem Selbstwertgefühl. Andere mögen darin ein eher karitatives Engagement sehen und genießen in erster Linie das gute Gefühl, das ihnen das Schenken vermittelt. Jeder, der eine Münze in das Kreidekästchen eines Straßenmalers oder den Hut einer Saxophonistin wirft und einen Moment bei seinem Bild oder ihrer Musik verweilt, erfüllt die Funktion eines Mäzens  – ebenso wie jeder, der in einem Blog auf den Spendenbutton klickt. Es ist ein Dankeschön, eine Ermutigung.
Auftraggeber und Mäzene sind Teil einer langen Geschichte: Sie tragen dazu bei, dass nicht nur Autos und Taschentelefone produziert werden, sondern auch der schöpferische Prozess niemals aufhört, dass Dinge entstehen, die Sinne und Seele erfreuen, dass Schönes als Wert nicht vergessen wird. Während die Beziehung zwischen dem Künstler und seinem Auftraggeber von ihrer sachlichen Prägung profitiert und ggfs. auf der gleichen sachlichen Ebene beendet werden kann, ist das Verhältnis zu einem Mäzen natürlich vielschichtiger und widersprüchlicher. Es schafft für den Künstler eine neue Aufgabe: Er muss sich von den Vorstellungen lösen lernen, aus der Dankbarkeit eine freiheitshemmende Verpflichtung erwachsen zu lassen. Er muss sich vor Augen führen, dass eine lange Linie von dem nach der Gauklervorstellung auf dem mittelalterlichen Markt herumgereichten Säckchen über das Kreidedöschen des Malers und dem Hut der Straßenmusikerin bis zu ihm führt. Über die Jahrhunderte hinweg. Und deshalb mag ich meinen Spendenbutton.