01/15/10

Grün auf schwarz

Als ich sie zum ersten Mal bemerkte, war es bereits am späten Abend, und die Terrasse, die den Töpfchengarten beherbergt, war in Dunkel getaucht. So hielt ich die zwei kleinen grünen Punkte eher für eine Lichtreflexion auf der schwarzen Erde, die im einsetzenden Frost feucht leuchtete. Dann vergaß ich, bei Tageslicht nachzusehen. Doch sind sie wirklich da, wie ich ein paar Tage später feststellte. Die ersten Spitzen der Schneeglöckchen strecken sich aus ihren Töpfen und begrüßen das Neue Jahr. Zu den ersten Trieben, die ich an jenem Abend entdeckte, haben sich mittlerweile weitere gesellt. Hat das Warten auf den Frühling, das die Schneemassen der vergangenen Woche beinahe müßig erscheinen ließ, doch bald ein Ende?

01/11/10

Weihnachtszeit ist Lesezeit

Jedes Jahr aufs Neue nutze ich die freie Zeit, die die Weihnachtstage und der Leerlauf bis zum Neuen Jahr mit sich bringen, für ausgedehnte Lesestunden. Das Telefon bleibt stumm, der Computer bleibt ausgeschaltet, so dass ich vom aufdringlichen Erklingen der mit dem Eintreffen neuer eMails verbundenen Melodie verschont bleibe, die Witterung lädt zuverlässig dazu ein, die Flucht nach draußen auf andere Art zu ergreifen.
Zu den Werken, die dieses Jahr die Woche zwischen den Feiertagen zu einem erholsamen Erlebnis werden lassen sollten, gehörten insbesondere Umberto Ecos „Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana“ und Jan Assmanns Abhandlung „Die mosaische Unterscheidung“. Obwohl Ersteres 2004 in deutscher Sprache (und in zweiter Auflage 2006) erschien, ist es ebenso wie der 2003 veröffentlichte Essay in alter Rechtschreibung gedruckt. Dank und Bewunderung sollten beiden Verlagen gezollt werden, die einen Mut und eine Konsequenz beweisen, die ich mir aus kommerziell-wirtschaftlicher Sicht in diesem Blog leider nicht leisten darf.

12/22/09

Schneetreiben

Das TextLoft versinkt im Schnee.

Zum ersten Mal seit Jahren hat es drei Tage lang fast ununterbrochen geschneit. Eine so dichte weiße Decke hatte Münster lange nicht mehr gesehen. Klein, aber beharrlich und fleißig haben sich die Flocken bis in jede noch so kleine Ecke gewagt, bis ihnen nichts mehr widerstand. Auf den pinkfarbenen Alpenveilchen, die auf der Terrasse seit September reich und unaufhörlich blühten, den antiken Regalen des Töpfchengartens und dem Stroh, das die in der milden Novembersonne zu früh gekeimten Tulpen schützt, bilden sie nun ein malerisches Bild. Und doch vermag es die Schönheit des Augenblicks nicht ganz, die Kälte vergessen zu lassen. Stunde um Stunde wird die Welt ebener und ruhiger, verschlossener, verlorener.

Bei molliger Wärme am Schreibtisch ließe sich der ungewöhnlich gewordene Anblick sicher genießen.
Doch das Loft ist zugig.
Sehr zugig.
Der Versuch, dem eisigen Wind, der durch Fensterrahmen und undichtes Mauerwerk unerbittlich und stetig eindringt, mit Zeitungspapier und ähnlichen Vorrichtungen beizukommen, gelingt fast. Wäre da nicht die wütende Luft. Kaum ist eine undichte Stelle erfolgreich verschlossen, gibt sich die Luft gereizt und rächt sich, indem sie andere, immer neue Ritzen nutzt, um das Loft mit noch mehr Kraft zu belagern, bis es aufgibt und die Eroberung zulässt. So bleibt nur die Flucht unter flauschige Decken, um die Arbeit am Schreibtisch einigermaßen erträglich zu machen – wenn auch abends trotz des warmen Stoffs der verkühlte Nacken und das Kreuz steif geworden sind und schmerzen und die eiskalten Finger die schnellen Bewegungen auf der Tastatur nicht mehr spüren.

Der rassig-röstige Duft aus der Caffettiera und das dunkle Aroma des Kakaos erfüllen tröstend und rettend den Raum, während draußen die Verwehungen unbarmherzig stärker werden und das Kerzenlicht bemüht so etwas wie Geborgenheit vortäuscht.
Geduldig und demütig wartet das TextLoft auf den Frühling.

06/28/09

Sommer im TextLoft

Mit den ersten wirklich heißen Tagen des Jahres, wenn das Thermometer dauerhaft über 24 Grad anzeigt, beginnt im TextLoft die dunkle Jahreszeit.

Tagsüber bleiben Fenster und Jalousien zum Schutz von Computer, Drucker und anderen Bürogeräten, aber auch zur Erhaltung von Konzentration und Arbeitsenergie geschlossen, der nötige Sauerstoff findet erst in den Abendstunden und bis in die Nacht hinein Einlass. Der Kaffeebecher muss weichen, an seinem Platz steht ein Glas, das immer wieder mit reichlich Eiswürfeln und Wasser nachgefüllt wird und an dessen Wänden immer dickere Perlen fleißig heruntertriefen, bis sie schließlich das zum improvisierten Bierdeckel zusammengefaltete Küchenpapier vollends durchweicht haben.

Mit dem frühen Abend, wenn der Geruch von gegrilltem Fleisch aus den Nachbargärten sich appetitanregend verbreitet, wird die Arbeit nach draußen in den luftigen Schatten verlegt. Die frische Luft, der Gesang der Amseln, die über die Weiten der Stadt hinweg den regen meteorologischen Austausch pflegen, das zufriedene Fiepen der Meisen, der Tanz der offenbar paarungswilligen Rotkehlchen, der Duft der Blumen, die sich in der einsetzenden Kühle von dem Tag erholen und dankend die aufkommende Feuchtigkeit aufsaugen, der Glanz der untergehenden Sonne auf entferntem Gebüsch werden nach den dunklen Stunden des Nachmittags euphorisch genossen, während die Hummeln ihre letzten Runden drehen und die Tauben nach und nach verstummen.

Bald leuchtet in der Nacht nur noch der Bildschirm, sehr zur Freude blutdurstiger Mücken. Kaum hat sich der Tag verabschiedet, zieht die Fledermausfamilie ihre Kreise und teilt sich die Stille mit dem leisen Klicken der Tastatur. Plötzlich, da alle Farben in die Grautöne verschwunden sind, scheinen die Rosen von innen zu leuchten. Geborgenheit erwächst aus den letzten Geräuschen, die der kühlende Wind den Zweigen abtrotzt. Eine kleine Maus wagt sich zu nah, erschrickt über die eigene Courage und flüchtet panisch unter den Efeu. Ihr aufgeregtes Rascheln zieht mehr Aufmerksamkeit auf sie, als nötig gewesen wäre.

Das Arbeiten in der dunklen, klaren Luft, in der nur noch vereinzelt abfallende Blätter zu hören sind, gehört zu den schönsten Seiten des Sommers im TextLoft und lässt Sorgen oder Ärger schnell vergessen. Der Sommer ist die Zeit der belohnenden Augenblicke.

01/7/09

Stressfreie Adventzeit

Dass der Schreibende zuweilen etwas „anders“ lebt, erkennt er selbst oft nur im direkten Vergleich. Feiertage und ihre Begleiterscheinungen sind hierzu ein besonders auffälliges Kriterium.
Die Adventzeit ist angebrochen. In meinem Bekannten- und Freundeskreis macht sich gestresste Stimmung breit. Familienessen, Firmenfeiern, Einladungen, Besuche werden partnerschaftsgefährdend und wider besseres Wissen synchronisiert, geplant und erahnt. Geschenke müssen gekauft und ansprechend verpackt, Karten ausgesucht und geschrieben werden. Fleisch- und Süßigkeitenberge werden bestellt und gehortet, Traditionen mit abergläubischer Akribie eingehalten, als hinge das künftige Wohlergehen von Generationen davon ab. Gereizte, lästige Vorfreude schwankt zwischen pubertär-anarchistischer Ablehnung, resignierter Überforderung und narzisstischer Detailverliebtheit. Der Baum, die Gans, die Kugeln, die Lieder, die Geschenke, die Schleifen, die Karten, die Aufkleberchen auf den Umschlägen, die Geschenkanhänger, die Sitzordnung, die Termine, die Extrapfunde, das Einkaufen, die überfüllten Geschäfte, die Schlangen an den Supermarktkassen, das pflichtgemäße Keksebacken, die angestrebte Harmonie, das hühnerbatterieähnliche Zusammenhocken, der Erfolgsdruck, an welchem Tag bei wem welcher Kuchen … – und haben wir denn wirklich alles? Nervenaufreibendes, soweit der Advent reicht. Ganze Terminkalenderseiten werden je nach Temperament in allen Richtungen hektisch vollgekritzelt oder neurotisch gegliedert.
In meiner näheren Umgebung gibt es auch viele Verleugner. „Wir machen dieses Jahr gar nichts“ ist für gewöhnlich die psychologisch hilfreiche Umschreibung für: „Ich-habe-drei-Dosen-Plätzchen-gebacken-zwei-muss-ich-noch-hinkriegen-da-ist-aber-auch-das-Krippenspiel-der-Kinder-in-der-Schule-oje-meine-Schwiegermutter-kommt-und-bleibt-eine-ganze-Woche-hoffentlich-ist-die-Gans-grösser-als-letztes-Jahr-da-hat-sie-kaum-gereicht-und-Geschenke-für-Eva-Klaus-und-Peter-habe-ich-auch-noch-gar-nicht-das-Geschenkpapier-muss-ich-noch-besorgen-und-die-Karin-muss-ich-noch-unbedingt-vor-den-Feiertagen-auf-einen-Tee-einladen-und-eigentlich-bin-ich reif-für-die Wellness-Farm-aber-ich-bin-ja-so-tapfer-und-so-tough-und- verdränge-das-jetzt-alles-und-überhaupt-mache-ich-das-so-gern-für-meine-Lieben-und-wenn-alles-nichts-hilft-kann-ich-immer-noch-zusammenbrechen-hach-was-freue-ich-mich-das-wird-sooo-schön.“
Ja, alle freuen sich. Irgendwie. Klar, es ist viel Arbeit. Aber es ist schließlich Weihnachten. Also ist es auch besinnlich. Irgendwie eben.

Das Schreiberleben hat viele Nachteile. Es gibt keinen bezahlten Urlaub, keine Vermögenswirksamen Leistungen, es ist sozial unreif und prekär.
Aber in solchen Zeiten genieße ich es in vollen Zügen, das hart erkämpfte Vorrecht des Bohemiens auf Andersartigkeit ausleben zu können und zu dürfen.
Von mir werden keine bürgerlichen Werte, kein „normales Verhalten“ erwartet. Es gibt kaum eine Zeit des Jahres, in der ich mich so frei fühlen darf. Adventkaffees mit monatelang vernachlässigten Freunden gibt es nicht; ein Abend an einem ohnehin trüben Novembertag genügt, um Herr der Kartenpflicht zu werden – zugegeben: Schreiben ist mein Beruf, ich habe es da wohl etwas leichter. Die Deko ist nach wenigen Handgriffen erledigt – schließlich muss sie nur mir gefallen und erhebt keinen Anspruch auf repräsentative Darstellung.
Auch die Feiertage sind geruhsam. Es gibt keine ermüdenden Autofahrten, kein gemeinsames Musizieren unter dem Weihnachtbaum, keinen langen, zwanghaft in rot-grün-gold mit Rentierporzellan dekorierten Esstisch, kein Fünf-Gänge-Menü, keine Pflichteinladungen verhasster Verwandtschaft; der Weihnachtbaum misst gerade mal 60 cm und kommt alle Jahre wieder in Sekundenschnelle aus seinem Pappkarton; ich stehe nicht stundenlang bangend und schwitzend in der Küche: Das Essen liefert ein Delikatessenversand, und nach Entnahme aus der Dose und 20 Minuten im Ofen sind Rebhuhnkeulchen, Füllung, Sößchen und Trüffelravioli so fertig und schmackhaft wie nur möglich – nur für zwei und ganz ohne mein Zutun. Die Geschenke habe ich meist bereits im Sommer an einem einzigen Nachmittag gekauft und verpackt. Das Aufkleben der Adressen auf die Päckchen kann nicht als Arbeit bezeichnet werden, ein hilfreicher Bote bringt sie zur Post.
Ich bin frei. Ich beobachte die allgemeine Hektik, ich höre mir Klagen, Sorgen, Nöte, Probleme und Aufgabenlisten an und finde in diesen besonderen Wochen des Jahres dadurch zu einer Erholung, wie sie sonst nur der schönste Urlaub bietet. Auch wenn sich hin und wieder einige Pflichten einschleichen, sind sie sehr selten und halten sich in einem erträglichen und mit meiner Aufrichtigkeit zu vereinbaren Maß, sie sind nicht lästiger oder zeitraubender als das Ausfüllen einer Steuererklärung.
Die Erleichterung, die Freiheit, wird körperlich spürbar. Während andere in Planungen und Familienangelegenheiten vergehen, verbringe ich Zeit damit, dem Rotkehlchen bewusst zuzusehen, folge vom Schreibtisch aus der Bewegung des Windes und der Wolken, stehe nachts auf dem eiskalten Balkon und genieße den Anblick der Sterne am klaren Himmel.
Es ist eine erholsame Zeit. Pflichttermine für das kommende Jahr werden in den neuen Kalender eingetragen, die Buchhaltung wird in Ruhe zum Abschluss gebracht, die Aufträge können ohne Störung archiviert werden – entspanntes Warten auf den Frühling beginnt mit dem süßen Nichtstun. Das Telefon bleibt für gewöhnlich still – alle sind ja sooooo beschäftigt.
Der Advent ist eine warme Bresche in der Zeit, losgelöst. Für mich allein stressfrei.

11/24/08

November

Es ist seltsam – wenn die Kraniche kreischend über unsere Köpfe gen Süden ziehen, ist es, so lange ich zurückdenken kann, immer Samstag. Ein merkwürdiger Zufall. Fast zwei Wochen ist es nun her. Ihre Schreie lockten mich vom Schreibtisch, einige Minuten stand ich auf dem Balkon und sah ihnen nach. Erst als der allerletzte verschwunden war, und ich mich anschickte, wieder an den Schreibtisch zu gehen, merkte ich, dass ich lächelte.
Jedes Jahr aufs Neue berührt mich das lautstarke Spektakel zutiefst. Es ist ein magischer Moment, immer wieder. Ich kann mich daran nicht satt sehen, nicht satt hören. Sie sind wunderschön. So schön, dass ich zuweilen vergesse, ihre Warnung ernst zu nehmen. Für kurze Zeit steht die Welt still. Für kurze Zeit ist alles so, wie es sein sollte.
Als ich sie letztes Jahr beobachtete, war ich auf der Straße, mitten in unserem Viertel. Geschäftig wurden um mich herum Kofferräume mit Einkäufen gefüllt, Tüten verstaut, Kinder auf Sitze geschnallt, geblinkt, gefahren, geparkt. Niemand schien sie zu hören, niemand hielt inne, niemand schaute zu ihnen hoch, niemand hatte Zeit für sie übrig. Und die Kraniche taten mir leid. Tagelang hallten ihre Schreie in meinem Ohr, und ich war wütend, traurig, angeekelt, dass sie niemand beachtet hatte. Als sie uns diesmal verließen, war ich froh, ganz alleine auf meinem Balkon zu sein und nicht mit ansehen zu müssen, wie sie ignoriert wurden.
Drei Tage später taten es ihnen die Gänse nach. Es waren nur sehr wenige, so schien mir, die ihre Eins in den Himmel malten.

Die Rosen blühten weiter in den benachbarten Gärten, noch grünes Laub hing an den Bäumen – ein trauriger Anblick, wenn die Natur den Herbst vergisst. Das beharrliche Fernbleiben des ersten Frostes, der stete Regen, die anachronistischen Knospen der Kapuzinerkresse waren viel deprimierender als die schwarzen Gestalten kahler Äste an einem weißlich-stürmischen Tag. Aus Nostalgie wird existenzielle Angst, über die die Bequemlichkeit nicht hinwegzutrösten vermag. Mit erschreckender Deutlichkeit machen harmlose Gewächse den Countdown regelrecht spürbar. Wie die Kraniche wird er überhört – Bekannte erzählten selbstzufrieden, wie angenehm es draußen sei. Unter dem Vorwand eines dringenden Termins brach ich das Gespräch entschuldigend ab und vermied es so, allzu spontane Bemerkungen über ihren IQ oder ihre Hirnleistung fallen zu lassen, von denen ich weiß, dass ich sie nicht hätte zurückhalten können.

Ich war so damit beschäftigt, die Natur zu bedauern, dass ich die Botschaft der Kraniche vergessen hatte. Nun stand der erste Wintereinbruch vor der Tür, und in das nervöse Warten auf Sturm und Schnee mischte sich elektrisierte Erleichterung. Ein Stückchen Normalität an einem trüben Novembertag. Ein Stückchen Versöhnung, ein Stückchen Illusion.

Erste zaghafte Flocken am frühen Mittag versuchten, den Meteorologen recht zu geben. Dann verloren sie sich wieder in den Regen. Falscher Alarm, der eine gespannte Atmosphäre hinterließ. Das Haus schien stiller als sonst. Immer wieder schweifte der Blick zum Fenster ab. Gegen 17 Uhr piepsten die Amseln aufgeregt in die Dunkelheit, doch der angekündigte Sturm blieb aus. Über Nacht fielen nur wenige Flocken. Nur ganz wenige. Ich ging wieder an meine Arbeit.

Die Anspannung aber blieb. Das Gefühl hatte nicht getäuscht. Am späten Abend des übernächsten Tages setzten starke Schneefälle ein, die Stadt wachte weiß, strahlend und aufgeregt auf. Und ich dachte dankbar an die Kraniche.