November

Es ist seltsam – wenn die Kraniche kreischend über unsere Köpfe gen Süden ziehen, ist es, so lange ich zurückdenken kann, immer Samstag. Ein merkwürdiger Zufall. Fast zwei Wochen ist es nun her. Ihre Schreie lockten mich vom Schreibtisch, einige Minuten stand ich auf dem Balkon und sah ihnen nach. Erst als der allerletzte verschwunden war, und ich mich anschickte, wieder an den Schreibtisch zu gehen, merkte ich, dass ich lächelte.
Jedes Jahr aufs Neue berührt mich das lautstarke Spektakel zutiefst. Es ist ein magischer Moment, immer wieder. Ich kann mich daran nicht satt sehen, nicht satt hören. Sie sind wunderschön. So schön, dass ich zuweilen vergesse, ihre Warnung ernst zu nehmen. Für kurze Zeit steht die Welt still. Für kurze Zeit ist alles so, wie es sein sollte.
Als ich sie letztes Jahr beobachtete, war ich auf der Straße, mitten in unserem Viertel. Geschäftig wurden um mich herum Kofferräume mit Einkäufen gefüllt, Tüten verstaut, Kinder auf Sitze geschnallt, geblinkt, gefahren, geparkt. Niemand schien sie zu hören, niemand hielt inne, niemand schaute zu ihnen hoch, niemand hatte Zeit für sie übrig. Und die Kraniche taten mir leid. Tagelang hallten ihre Schreie in meinem Ohr, und ich war wütend, traurig, angeekelt, dass sie niemand beachtet hatte. Als sie uns diesmal verließen, war ich froh, ganz alleine auf meinem Balkon zu sein und nicht mit ansehen zu müssen, wie sie ignoriert wurden.
Drei Tage später taten es ihnen die Gänse nach. Es waren nur sehr wenige, so schien mir, die ihre Eins in den Himmel malten.

Die Rosen blühten weiter in den benachbarten Gärten, noch grünes Laub hing an den Bäumen – ein trauriger Anblick, wenn die Natur den Herbst vergisst. Das beharrliche Fernbleiben des ersten Frostes, der stete Regen, die anachronistischen Knospen der Kapuzinerkresse waren viel deprimierender als die schwarzen Gestalten kahler Äste an einem weißlich-stürmischen Tag. Aus Nostalgie wird existenzielle Angst, über die die Bequemlichkeit nicht hinwegzutrösten vermag. Mit erschreckender Deutlichkeit machen harmlose Gewächse den Countdown regelrecht spürbar. Wie die Kraniche wird er überhört – Bekannte erzählten selbstzufrieden, wie angenehm es draußen sei. Unter dem Vorwand eines dringenden Termins brach ich das Gespräch entschuldigend ab und vermied es so, allzu spontane Bemerkungen über ihren IQ oder ihre Hirnleistung fallen zu lassen, von denen ich weiß, dass ich sie nicht hätte zurückhalten können.

Ich war so damit beschäftigt, die Natur zu bedauern, dass ich die Botschaft der Kraniche vergessen hatte. Nun stand der erste Wintereinbruch vor der Tür, und in das nervöse Warten auf Sturm und Schnee mischte sich elektrisierte Erleichterung. Ein Stückchen Normalität an einem trüben Novembertag. Ein Stückchen Versöhnung, ein Stückchen Illusion.

Erste zaghafte Flocken am frühen Mittag versuchten, den Meteorologen recht zu geben. Dann verloren sie sich wieder in den Regen. Falscher Alarm, der eine gespannte Atmosphäre hinterließ. Das Haus schien stiller als sonst. Immer wieder schweifte der Blick zum Fenster ab. Gegen 17 Uhr piepsten die Amseln aufgeregt in die Dunkelheit, doch der angekündigte Sturm blieb aus. Über Nacht fielen nur wenige Flocken. Nur ganz wenige. Ich ging wieder an meine Arbeit.

Die Anspannung aber blieb. Das Gefühl hatte nicht getäuscht. Am späten Abend des übernächsten Tages setzten starke Schneefälle ein, die Stadt wachte weiß, strahlend und aufgeregt auf. Und ich dachte dankbar an die Kraniche.