Für Geld schreiben

Für Texter ist es alles andere als schwierig, Aufträge zu bekommen. Neben den üblichen Wegen der Kundengewinnung sind im Internet etliche Portale und Online-Agenturen zu finden, die als Schnittstelle zwischen Schreibenden und Textkäufern fungieren. Das Prinzip ist einfach: Unternehmen, die etwa Blogartikel oder Texte für Internetseiten benötigen, können dort inserieren, ihren Textbedarf und ihre Anforderungen und Wünsche genau beschreiben, und Texter können sich entsprechend direkt oder über eMail bewerben. Jeden Tag erscheinen auf den sogenannten „Jobboards“ mehrere Dutzend Anzeigen für Themenbereiche und Textsorten aller Art.

Was nach einem recht erfreulichen und für beide Seiten praktischen und nutzbringenden System klingt, verdient allerdings einen zweiten Blick. Auf solchen Portalen werden die Honorare nicht durch Verhandlungen zwischen Auftraggebern und Auftragnehmern geregelt, sondern der potentielle Textkunde schlägt von sich aus den Preis vor, der für ihn in Frage kommt oder ihm für die erbetene Leistung angemessen erscheint.
Mittlerweile stehen die Preisspannen für bestimmte Textarbeiten mehr oder minder fest: Für Blogartikel werden in der Regel Honorare von 0,01 bis 0,02,– €/Wort angeboten. Um zu begreifen, was dieser zunächst abstrakte und wenig aussagekräftige Wert im Einzelnen bedeutet, ist es hilfreich, sich die entsprechende Arbeitssituation vorzustellen.

Ein Blogpost umfasst im Allgemeinen zwischen 330 und 550 Wörtern. Vor dem Schreiben sind Detailfragen mit dem Kunden abzuklären. Es folgt eine von Fall zu Fall unterschiedlich aufwendige Recherche, dann das Verfassen im eigentlichen Sinne, sowie nach einer Ruhezeit letzte Überarbeitungen. Schließlich wird der Text einer sogenannten 4-Augen-Korrektur unterzogen, d.h. er wird nicht nur durch den Texter selbst, sondern zusätzlich von einer weiteren Person auf Tippfehler gelesen. Dies ist deshalb nötig und wichtig, weil nach einer intensiven Beschäftigung mit einem insbesondere eher kurzen Text das Gehirn, das ja schon weiß, was wo stehen soll und was es zu erwarten hat, das Auge ganz automatisch dazu verführt, zu schnell über den Text zu gleiten und das zu erkennen, was es erkennen sollte, und nicht das, was wirklich da steht. Von der Auftragserteilung bis zur Abgabe des Textes sind mit 3 bis 5 Stunden effektiver Arbeitszeit zu rechnen, wobei die Leistung und Bezahlung des zweiten Korrektors hierbei nicht notwendigerweise eingeschlossen sind.
Bei den erwähnten Honoraren wird ein Blogartikel von 500 Wörtern als mit 5,– bis 10,–  € vergütet. In Stundensätzen umgerechnet bedeutet dies einen Bruttoverdienst von bestenfalls 3,– €/Stunde – in den meisten Fällen aber weniger als 2,– €/Stunde.

Angesichts dieser ernüchternden Zahlen ist es etwas verwunderlich, dass diese Portale sich wachsender Beliebtheit erfreuen und stetigen Zuwachs zu verzeichnen haben. Oft wird argumentiert, diese Angebote würden sich an Studenten, Hausfrauen oder Rentner wenden, die sich davon ein Zubrot oder ein Taschengeld erhoffen. Diese Erklärung vermag mich nicht zu überzeugen. Mit Kellnern, Kinderhüten, Putzstunden, Nachhilfe, Gartenarbeit oder kleinen Reparaturen ließe sich ohne Weiteres und viel einfacher ein deutlich höheres Einkommen erzielen.

Ich gebe zu, dass es mir ein Rätsel bleibt, was im Kopf der Menschen vorgeht, die sich auf solche Honorare einlassen. Ich habe in meinem Leben bei weitem nicht immer leichte Zeiten gehabt, habe meinen Lebensunterhalt mitunter über Einzelunterricht, Strickarbeiten und erbärmliche Aushilfstätigkeiten verschiedenster Art bestreiten müssen, und ich bilde mir durchaus ein, eine finanzielle Genügsamkeit mitzubringen, die weit höher ist, als die meisten als erträglich betrachten würden, aber selbst mir entzieht sich komplett, welchen Sinn ein Bruttoeinkommen von weniger als 2,– €/Stunde haben soll.

Leider impliziert diese Frage weit mehr als nur eine Denkaufgabe und die Ergründung der seltsamen Irrungen und Wirrungen menschlichen Verhaltens. Denn solange solche Angebote beantwortet werden, werden Unternehmen natürlich keine Veranlassung sehen, professionelle Textarbeit auch nur annähernd angemessen zu entlohnen. Die Preisunterscheidung müsste über eine realistische Einschätzung und Wertschätzung des Qualitätsniveaus geschehen, was gerade im Textbereich ein sehr schwieriges Unterfangen bleibt.