Ein typischer Arbeitstag?

Eine Bekannte fragte mich vor kurzem, wie ein typischer Arbeitstag bei mir aussähe.
Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten, denn das Schöne am Selbstständigen-Dasein ist, dass es so etwas wie „typisch” nicht wirklich gibt.

Wie ein Tag oder eine Woche verläuft, kann von vielen Faktoren abhängig sein. Überraschungen sind eher die Regel als die Ausnahme. Dies gehört zu den Dingen, die ich an meinem Leben als Freelancer sehr schätze: Es ist durchaus möglich, einem sehr strengen und systematischen Zeitplan zu folgen, und dennoch ständig mit Unerwartetem konfrontiert zu werden. Durch das Zusammenspiel von konsequenter Selbstdisziplin und Unplanbarem entsteht ein Gleichgewicht zwischen strukturierter Selbstbestimmung und abwechslungsreichen Momenten. So können Rahmen gesetzt werden, aber sie verkommen nie zur langweiligen Routine.

Für Außenstehende wiederum ist dieser Widerspruch nicht leicht zu begreifen, und die Diskrepanz zwischen dem Idealfall und der Wirklichkeit nehmen viele als fremd, nicht nachvollziehbar, unlogisch und unzumutbar wahr.
Wer in der Tat Rituale und Gewohnheiten liebt und braucht, wäre in meinem Beruf nicht sehr glücklich. Ich bin in dieser Hinsicht sehr pubertär eingestellt und genieße Freiheiten mehr als Vertrautes. Daran haben die Jahre nichts geändert – im Gegenteil. Es ist wohl der Beweis dafür, dass man alt werden, aber unreif bleiben kann.

Ein „typischer Arbeitstag” im TextLoft beginnt nach einem morgendlichen Pflegeritual, einem sinnlichen Kaffeegetränk, der Durchsicht der – leider immer selteneren – Schneckenpost, dem Lesen der Nachrichten und meines Twitter-Accounts und dem Überprüfen meiner elektronischen Postfächer gegen Mittag. So die Theorie. In vielen Fällen ist es auch so, aber bei weitem nicht immer.
Braucht ein Stammkunde am frühen Morgen dringend einen Text oder eine Änderung oder Ergänzung eines bereits abgegebenen Auftrags, schubst mich das Klingeln des Telefons schon mal zwei Stunden früher als geplant aus dem Bett vor Tastatur und Bildschirm. So finde ich mich noch im Schlafanzug, kaffeelos und unvorzeigbar am Schreibtisch wieder. Die noch leseunwilligen Augen müssen zur Mitarbeit überredet werden, und es heißt, hastig zu tippen, bis die Datei abgeschickt werden kann. Erst dann kann nachgeholt werden, was die ersten Stunden des Tages hätten bringen sollen – ganz gleich, wie spät es inzwischen ist.

Ist der „ideale Morgen” doch eingetreten, lässt sich noch lange nicht sagen, wie es weiter geht.
Kundensuche, Recherchen, eMail-Korrespondenz, Austausch mit Interessenten, Erstellung von Kostenvoranschlägen können zum Beispiel die erste Hälfte des Arbeitstages bestimmen. Ein Auftrag unterbricht den erdachten Zeitplan und setzt die Prioritäten wieder „auf Null”. Bezahlte Arbeit geht immer vor und entscheidet auch darüber, wann und in welcher Form so etwas wie Nahrungsaufnahme möglich ist. Der theoretische Zeitpunkt hierfür ist 18 Uhr, also mehr sechs bis sieben Stunden nach dem Morgenkaffee, wenn die Konzentration nachzulassen beginnt. Die Betonung liegt natürlich auf „theoretisch”, zwei Stunden Verspätung sind hier nicht selten.

Nach dieser halbstündigen Pause geht die Arbeit weiter – in Form von Aufträgen, dem Verfassen von Blogposts, an manchen Tagen auch mit ein wenig Buchhaltung als krönendem Abschluss.
Gegen 2 Uhr nachts ist endlich Feierabend.

Liegt wiederum ein Blockauftrag oder eine Bewerbungsphase an, ist die Zeit zwischen Mittag und Mitternacht nach einem unverhandelbaren selbstbestimmten Arbeitsplan ausschließlich ihm vorbehalten. Post bleibt unbeachtet liegen, Nachrichten werden nicht mehr gelesen … die Welt steht still und verschwindet in die Ferne. Relevant ist nur noch die zu bewältigende Aufgabe. Haushalt und private Verpflichtungen geraten in den Hintergrund, Geburtstage werden vergessen … es zählen nur die Deadline, der Countdown und die kompromisslose Einhaltung der einzelnen selbstauferlegten Zwischenschritte. Es wird nach einer sehr genauen Tabelle gearbeitet, die zwar Spielräume für Notfälle mit einplant, allerdings keine für persönliche Belange zulässt.

Liegt kein Auftrag vor, ist das Wochenende die Zeit, in der alle Haushalts- und Mieterpflichten nachgeholt werden – zu zweit, weil es so schöner ist. Außerdem gibt es viel zu tun, denn meine Ansprüche sind nicht gerade niedrig.

Von einem durchschnittlichen Tag im TextLoft zu sprechen, ist also kein leichtes Unterfangen. Die am Schreibtisch verbrachte Zeit liegt zwischen 10 und 16 Stunden. Präziser lässt es sich nicht sagen. Typisch ist vielleicht, dass selten etwas typisch ist. Langweilig wird der Alltag nie – strukturiert ist er immer.