Die Schere im Kopf

Kürzlich las ich im Blog einer Übersetzerin – leider weiß ich nicht mehr in welchem und konnte den Artikel auch nicht wiederfinden –, dass ganz allgemein die Ansicht vorherrsche, Übersetzerblogs seien sogenannte „Buhäää-Blogs“. Zugegeben: Der Ausdruck war mir kein Begriff, und ich brauchte einige Sekunden und weitere Zeilen, um zu begreifen, was damit überhaupt gemeint war, nämlich dass in einem Blog vorwiegend „gejammert“ wird. Übersetzer würden also nur über die negativen Aspekte ihres Berufs schreiben – die unterirdische Zahlungsmoral ihrer Kunden; die Unverschämtheit von Interessenten, die hochwertige Arbeit zum Discount-Preis haben möchten; den mangelnden Respekt, der ihrem Können entgegengebracht wird; den unrealistischen Fristvorstellungen, die ihnen zugemutet werden; die Schwierigkeiten, die ihnen im Alltag bei Banken, Versicherungen oder auf Wohnungssuche in Sachen Akzeptanz begegnen; die Unfähigkeit der Kunden, sich auch nur zu bedanken; die Schwierigkeiten, in Zeiten gesetzlich untersagter Kaltakquise neue Kunden zu finden; die Probleme, einigermaßen angemessene Honorare gegenüber Billigstangeboten auf einschlägigen Portalen durchzusetzen; die Unmöglichkeit, sich Krankheit, Mutterschutz oder Urlaub zu leisten. Ferner berichtete die Übersetzerin von regelrechten Anfeindungen in eMails und Kommentaren, die sie als Reaktion auf Posts zu solchen Themen erhalten hatte: Sie brauche doch nur „einen richtigen Job“ anzunehmen, wenn es ihr nicht passe, Freie seien eh nur zu faul, jeden Morgen wie alle anständigen Menschen aus dem Haus zu gehen, um „echte“ Arbeit zu verrichten.

Die Beschreibung überraschte mich wenig – nicht nur, weil Schreibende sich wirtschaftlich in einer identischen Situation befinden, und ich all diese Dinge nur zu gut kenne, sondern auch, weil mir solche Reaktionen leider vertraut sind. Als ich im letzten Jahr in der alten Version meines Blogs versuchte, auf ehrliche Weise zu schildern, wie Schreibende an Aufträge kommen und dass die Gleichung Qualität = Umsatz heute nicht mehr so aufgeht, wie sie es von zehn oder fünfzehn Jahren tat, bekam ich zwar einige bestärkende und aufmunternde Kommentare, die Mehrheit der Zuschriften aber ging in eine ganz andere Richtung, und ich könnte hier den Text besagter Übersetzerin wörtlich übernehmen.

Während sie sich überlegte, künftig in ihrem Blog erfundene positive Anekdoten zu veröffentlichen, um zu beweisen, dass sie nicht nur „jammere“, oder aber ihr Blog ganz abzuschaffen, war mein Weg seinerzeit ein anderer gewesen: Ich fühlte mich derart angegriffen und genötigt, mein Dasein als Nichtfestangestellte und mein Festhalten daran zu rechtfertigen, dass ich sogar eine ganze Artikelreihe ins Leben rief, und die Fakten – so dachte ich zumindest – realistisch und neutral darzustellen. Mein Blog verkam immer mehr zu einer Spirale aus Begründungen, bis ich gegen Ende des Jahres beschloss, einen Schlussstrich zu ziehen und solche Themen ganz herauszunehmen.

Nachdem ich den Post dieser Übersetzerin entdeckt hatte, stellte sich bei mir ein Gefühl der Erleichterung ein. Hatte ich zunächst geglaubt, mit meinen Artikeln „etwas falsch gemacht“ zu haben (ich hatte schließlich nicht „jammern“, sondern meinen Lesern ein nüchternes Bild einer sich im letzten Jahrzehnt verändert habenden Wirklichkeit geben wollen), so wurde mir vor Augen geführt, dass die Ursache woanders lag. Zusammenfassend ließe sie sich mit zwei Wörtern ausdrücken: „Armes Deutschland“.

Zum einen ist es eine der deutschen Blogwelt innewohnende Perversion, dass einerseits mit voyeuristischer Gier erwartet wird, dass Prominente, Freie und Künstler Einzelheiten ihres echten Alltags preisgeben. Ist dieser aber nicht von der rosigen Leichtigkeit einer Pippi Langstrumpf-Geschichte geprägt und ähnelt er nicht der Märchenwelt einer amerikanischen Comedy-Serie, darf die vielgepriesene „Authentizität“ – ein ohnehin selten unpassender Begriff – bitte fernbleiben, denn dann wird ja gejammert.
Des Weiteren ist es schon erstaunlich, wie das, was heute als „nachlassende Lesekompetenz“ schöngeredet wird – ich nenne es schlicht Dummheit, und kein sozialpädagogisch noch so aufklärender Gutmensch wird mich je dazu bringen, es nicht zu tun –, die Realität zu verändern vermag, wenn die wert- und gefühlsfreie Aufzählung konkreter Fakten schon als „Jammern“ gedeutet wird.
Schließlich ist es bemerkenswert, wie das Land der Dichter und Denker mittlerweile genau über jene denkt: Immer häufiger werden sie in Kommentaren zu Artikeln in Zeitungen und Zeitschriften wie Focus- oder Spiegel-Online als Hartz-IV-Schmarotzer und verantwortungslos beschimpft, um nur einige der Ausdrücke zu zitieren. Wer also jedes Jahr die Gewerkschaft oder den Betriebsrat vorschickt, um 3 % Lohnerhöhung in seinem Namen zu erbetteln, und sich für seine alten Tage auf den Staat verlässt, zeigt also mehr Eigenverantwortung als diejenigen, die täglich in direkten Verhandlungen den Kampf um das tägliche Brot aufnehmen. Es muss irgendwie einleuchten, nur das „wie“ zu finden, fällt etwas schwer. Wenn es nach dieser Logik ginge, hätten Descartes und Goethe nie geschrieben und Michelangelo nie gemalt. Schließlich hatten sie Mäzene, haben sich nicht an der Herstellung von Gegenständen oder der Verwaltung von Geldern beteiligt, also waren sie für die Gesellschaft Schmarotzer. Gut zu wissen.

Ich habe für mich beschlossen, alle wirtschaftlichen Aspekte meiner Arbeit aus meinem Blog zu entfernen und künftig wegzulassen. Die Schere im Kopf mag dazu führen, dass ich nicht mehr so häufig blogge und meine Seite dadurch für die Suchmaschinen irrelevant wird. Aber es kostet weniger Kraft, als seitenlang erklären zu müssen, dass man nie Sozialleistungen in Anspruch genommen hat und sehr wohl in der Lage ist, die eigene Unabhängigkeit zu sichern.
Im Gegensatz zu der Übersetzerin werde ich keine lustigen erfundenen Anekdoten einstreuen. Ein bisschen Restwürde darf’s schon sein.