Das Frühstück der Ruderer

Zu den Vorzügen meiner Kindheit gehörte, dass ich in der präschubladischen Ära groß werden durfte, was ich rückblickend sehr zu schätzen weiß. Ich bin in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Meine Urgroßeltern waren allesamt nicht Landwirte, sondern Kleinstbauern (die angemessene Bezeichnung wäre vermutlich „Selbstversorger“), meine Mutter hatte mit 14 Jahren die Schulbank gegen eine Schneiderlehre getauscht, mein Vater war mit 11 aus dem Familienumfeld gerissen, und ohne dass nach seinen Wünschen gefragt worden wäre, auf eine Kadettenschule geschickt worden, und war am Tage meiner Geburt, der meine bis dahin als Supermarktkassiererin arbeitende Mutter für den Rest ihres Lebens zur Hausfrau machte, eine Art Bürobote, was er noch einige Jahre bleiben sollte. Dass ich zur Literaturwissenschaftlerin und Kunstliebhaberin werden sollte, war alles andere als vorgezeichnet, denn ich stamme nach heutigen Maßstäben aus einer „armen“ und „bildungsfernen“ Schicht – nur wussten wir es damals nicht, weil es solche Etiketten nicht gab, und so ging ich meinen Weg, ohne mich darum zu kümmern und ohne zu ahnen, dass ich weniger Chancen hatte als andere. Tatsächlich habe ich es nie gemerkt oder gespürt, und meine Biographie spricht dafür, dass es nie so war.

Dementsprechend war es auch nicht selbstverständlich, dass ich mit Dingen der Kunst überhaupt in Berührung kam. Meine Eltern besaßen keine Bücher, Geld für Museumsbesuche wäre nicht vorhanden gewesen. Die Malerei entdeckte ich zufällig dank einer schokoladensüchtigen Großfamilie aus der Nachbarschaft, deren fünf Kinder über Monate eifrig Sammelpunkte aus Schokoladentafel-, Kakao- und Schokoladenkeksverpackungen ausschnitten, bis sie ein kleines Sammelalbum gefüllt hatten, einschickten und das entsprechende Geschenk bekamen: Es war eine spielkartengroße Schachtel voller Kärtchen zu allen möglichen berühmten Werken europäischer Malerei. Sie hatten kein Interesse daran, und ich bekam das wertvolle Päckchen, mit dem ich mich glücklich stundenlang beschäftigte und das ich wie einen Schatz hütete. Auf der Vorderseite einer jeden Karte war das Gemälde abgebildet, auf der Rückseite standen Titel, Künstler, eine kurze Biographie und Genreerklärung.
Ich war 6 Jahre alt, und dieses Werbegeschenk eröffnete mir ein fantastisches und offenbar unerschöpfliches Universum, das ich nie mehr verlassen sollte.
Wie Kinder nun einmal sind, kümmerte ich mich kaum um ein ausgewogenes und objektives Urteil, und schnell hatte ich – ein für allemal, wie ich damals dachte – insgeheim entschieden, welche Maler und welche Genres ich mochte und welche nicht. Turner, Watteau, Sisley, Constable, Gainsborough, Le Nain, Degas, Monet, Rembrandt etwa liebte ich ebenso innig wie die Stilleben der holländischen Meister. Cézannes Pfirsiche gefielen mir, seine Porträts allerdings überhaupt nicht, bei seinen Landschaften war ich mir nicht sicher, was ich davon halten sollte, denn seine Bäume waren in Ordnung, aber ich mochte keine Berge, und seine graue Nemesis traf bei mir auf achselzuckende Gleichgültigkeit. Toulouse-Lautrecs Werke fand ich gruselig bis abstoßend, Delacroix, Redon und Manet langweilten mich. Von Van Gogh und Picasso dachte die Unschuld meines Unwissens spontan, dass sie nicht malen konnten, und Renoirs Bilder fand ich wegen der vielen Pinktöne, der allgegenwärtigen Üppigkeit und der zu rosigen Bäckchen schlicht nur peinlich und kitschig.
Ein Gemälde jedoch faszinierte mich, und meine kindlich resolute Schwarz-Weiß-Sicht der Dinge konnte sich nicht erklären, wieso. Immer wieder griff ich zu der kleinen Karte: Ich konnte die Augen nicht davon lassen und konnte zugleich nicht glauben, dass das, was ich sah, wirklich von dem Mann stammen sollte, der so übertrieben adrette Mädchen auf Schaukeln, ordinär herausgeputzte Koketten oder Gärten voller unrealistischer Blütenpracht dargestellt hatte. Das Frühstück der Ruderer zog mich immer wieder in seinen Bann. Ich wusste nicht, warum, und ich konnte nichts dagegen tun.

Mit den Jahren, der damit unvermeidlichen Reife und mit zunehmender Bildung veränderte sich naturgemäß mein allzu undifferenziertes Urteil, und meine Meinung zu vielen Künstlern gewann selbstverständlich schnell und deutlich an Milde und Verstand.
Doch sollte es noch viele weitere Jahre dauern, bis ich begriff, warum ich zu diesem Werk, dessen Thema mich nicht einmal interessierte, das ich nicht einmal wirklich schön fand, eine so unerklärliche Verbindung gespürt hatte. Erst vor einiger Zeit, als mir das Bild, an das ich länger nicht mehr gedacht hatte, anlässlich einer Recherche zufällig wieder begegnete, wurde es mir auf einmal klar: Das Frühstück der Ruderer ist eine Momentaufnahme voller Geschichten. Es ist voller Geräusche und voller Lärm, voller Stimmen und Dialoge, voller Düfte und Gestank, voller Hitze und Wind, voller Lachen und Streit, voller Intrigen und Neugier, voller Fragen und Rätsel. Es ist Raum, Atmosphäre – es ist Text.

Zu den Bildern, die ich gerne besitzen würde, gehört es nach wie vor nicht. Aber heute weiß ich, dass ich an dem Tag, an dem ich dieses Kärtchen in Händen hielt, zum ersten Mal schrieb – ohne Stift, ohne Papier, ohne Worte zwar, aber ich schrieb. Was ich spürte, war, was mein Leben werden sollte. Daran zurückzudenken ist nicht schön, nicht rührend oder bestätigend, sondern vielmehr erschreckend. Es zeigt, wie unausweichlich Kunst bestimmen kann, was wir sind und werden, und wie wenig wir in dieser Gleichung zu sagen haben. Kunst und Schreiben habe ich mir nicht ausgesucht. Ich kann nicht anders – ob ich will oder nicht.