{"id":890,"date":"2017-02-27T18:07:12","date_gmt":"2017-02-27T17:07:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.textloft.de\/auf-papier\/?p=890"},"modified":"2017-02-27T18:07:12","modified_gmt":"2017-02-27T17:07:12","slug":"papier-stift-positive-diskriminierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.textloft.de\/auf-papier\/papier-stift-positive-diskriminierung\/","title":{"rendered":"Papier &#038; Stift: positive Diskriminierung"},"content":{"rendered":"<p>In Blogs und Magazinen sind in letzter Zeit <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/stil\/schreibwaren-die-rueckkehr-von-stift-und-papier-a-1115345.html\">Artikel<\/a> ausgesprochen beliebt, die sich mit dem \u201eRevival\u201c von analogen Schreibwaren besch\u00e4ftigen, und auch B\u00fccher zu diesem Thema scheinen stark in Mode zu kommen.<br \/>\nDass die Attraktivit\u00e4t von Stift und Papier \u2013 ob sie nun als ungebrochen oder wiederentdeckt dargestellt wird \u2013 verschiedentlich immer h\u00e4ufiger unterstrichen wird, k\u00f6nnte ein Grund zur Freude sein, sollte es aber nicht.<\/p>\n<p>Begriffe wie \u201eRevival\u201c, \u201eNostalgie\u201c, \u201eSpleen\u201c, \u201eSehnsucht\u201c m\u00f6gen publikumswirksam sein, sie implizieren aber eine Verniedlichung, die eigentlich in mehrfacher Hinsicht beleidigend ist: Sie degradieren Papier und Handschrift zu einem anachronistischen Kuriosum, einem obsoleten Gegenstand aus vergessenen Zeiten, einem Sammelobjekt f\u00fcr seltsame Geeks, einem verstaubten Museumsst\u00fcck. Schlimmer noch, sie umgeben sie mit einem Hauch von Snobismus und elit\u00e4rem Flair und verleugnen damit die Legitimit\u00e4t ihres Platzes in einem ganz gew\u00f6hnlichen Alltag, machen sie zum Ausnahmefall und Au\u00dfenseiter, verschieben sie aus der Normalit\u00e4t in eine k\u00fcnstlich verschrullte, exaltierte Extravaganz.<\/p>\n<p>Die psychologisch-soziologische Analyse, der analoge Schreibmaterialien bei dieser Gelegenheit unterzogen werden, ist, auch wenn sie mitunter von den Schreibwarenbegeisterten selbst stammt, ein klassischer Fall von positiver Diskriminierung. In ihrem Bed\u00fcrfnis, das Interesse f\u00fcr Papier, Stift und deren Gebrauch begr\u00fcnden zu m\u00fcssen, unterstellt sie schlicht eine Abnormit\u00e4t, die streng genommen die Absonderung erst schafft, und erfindet aus dem Nichts, aus einer Selbstverst\u00e4ndlichkeit, ein untersuchungsw\u00fcrdiges Ph\u00e4nomen. Die so erzeugte Aufmerksamkeit wird unvermeidlich \u00fcberspitzt und impliziert, dass mit den \u00fcberzeugten Nutzern etwas nicht stimme: Es k\u00f6nnen Ewiggestrige, Anpassungsunf\u00e4hige, Unbelehrbare, Uneinsichtige, Technikverweigerer, Protestler, Fortschrittsfeinde, Entwicklungsgest\u00f6rte sein \u2013 von kauzig weltfremd bis skurril exzentrisch \u2026 jedenfalls handeln sie wider die Norm und wider die Mehrheit.<br \/>\nDie geschmeichelten Fans w\u00e4hnen sich ob der Beachtung gelobt und best\u00e4tigt und f\u00fchlen sich zu langen Kommentarschlachten gedr\u00e4ngt, die sie nicht n\u00f6tig haben sollten. In ausschweifenden Tiraden lassen sie sich zu Rechtfertigungen herab, und eine urspr\u00fcnglich oft neutrale, spontane, rein praktische Pr\u00e4ferenz ohne jegliche ideologische Konnotation verkommt zu einer streitf\u00e4higen Prinzipienreiterei, ja zu ausgewachsenen Glaubenskriegen, die das Image des Au\u00dfenseitertums leider nur noch mehr verst\u00e4rken.<\/p>\n<p>Papier und Stift haben solche Pl\u00e4doyers nicht verdient und brauchen sie auch nicht. Sie sind das Werkzeug der leisen T\u00f6ne und sollten es bleiben. Wenn Liebhaber und Kritiker sie gleicherma\u00dfen als Besonderheit betrachten, verliert ihre unaufgeregte Normalit\u00e4t und Nat\u00fcrlichkeit jede Glaubw\u00fcrdigkeit. Sie werden zu einem identit\u00e4tsstiftenden Hobby herabgesetzt, und das Interesse, das ihnen zuteilwird, besiegelt zugleich das Ende ihres Daseins als vollwertige, ernstzunehmende Werkzeuge, macht sie zu Aliens im Zoo.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Blogs und Magazinen sind in letzter Zeit Artikel ausgesprochen beliebt, die sich mit dem \u201eRevival\u201c von analogen Schreibwaren besch\u00e4ftigen, und auch B\u00fccher zu diesem Thema scheinen stark in Mode zu kommen. 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