{"id":606,"date":"2014-05-08T11:50:11","date_gmt":"2014-05-08T10:50:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.textloft.de\/auf-papier\/?p=606"},"modified":"2024-09-04T12:23:14","modified_gmt":"2024-09-04T11:23:14","slug":"ein-violettes-madeleine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.textloft.de\/auf-papier\/ein-violettes-madeleine\/","title":{"rendered":"Ein violettes Madeleine"},"content":{"rendered":"<p>Es ist schon seltsam: Wenn ich an meine Kindheit zur\u00fcckdenke, verbinden sich meine Erinnerungen unweigerlich mit Papier, Tinte und Schrift. Ich sehe noch vor mir, wie sich die Seitenecken der Schulhefte unter dem zu starken Druck des Kugelschreibers widerspenstig zusammenrollen. Ich rieche noch den Duft frisch angespitzter Buntstifte. Ich h\u00f6re noch das leicht entnervte Kichern einer ganzen Klasse, wenn das hektische Scharren meines F\u00fcllers wieder einmal bis in die hintersten Reihen zu h\u00f6ren war.<br \/>\nUnvergleichlich aber bleibt ein Geruch, dem ich lange nachgetrauert habe.<\/p>\n<p>In der Ersten Klasse war zu meiner Zeit der Gebrauch von Stahlfedern Pflicht. Erst ein Jahr sp\u00e4ter wurde diese vermeintlich unzumutbare Art des Schreibenlernens als nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df verbannt, und eine von vielen Sch\u00fclern begr\u00fc\u00dfte Reform schrieb vor, dass in Grundschulen k\u00fcnftig der Kugelschreiber zu herrschen hatte, bis sie von der n\u00e4chsten abgel\u00f6st wurde und ab der 5. Klasse alle einen F\u00fcllfederhalter zu besitzen hatten. Diese kratzenden, etwas rostigen Dinger und die fleckigen T\u00fccher, mit denen sie abgewischt wurden, habe ich nicht vermisst. Ein wenig Wehmut aber sp\u00fcrte ich beim Anblick der in den kleinen Tischen eingelassenen Porzellann\u00e4pfchen, die nunmehr auf ewig leer, verlassen und nutzlos bleiben sollten. Hatte ich die st\u00e4ndig verschmutzten Finger und den ungleichm\u00e4\u00dfigen Tintenfluss der alten Federn gehasst, den ich zu beherrschen nie in der Lage war und der mir ein t\u00e4gliches \u00c4rgernis war, so hatte ich umso mehr den Duft der Tinte geliebt, die jeden Morgen, nur wenige Minuten, bevor wir den Klassenraum betraten, mit einer uralten Messingkanne, die den Rest des Tages ihr Dasein auf der Fensterbank neben einem halb vertrockneten Weihnachtskaktus fristete, in die kalten wei\u00dfen T\u00f6pfchen eingegossen wurde. Er f\u00fcllte die ganze Schule\u00a0&#8211; frisch, eisig, bei\u00dfend und vertraut. Jahre sp\u00e4ter hing er noch in der Luft, als w\u00fcrde das alte Holz der Tische ihn noch ausstr\u00f6men.<\/p>\n<p>Die Zeit verging, und ich hatte nicht erwartet, ihn jemals wieder zu erleben\u00a0&#8211; schlie\u00dflich haben heutige Tinten andere Zusammensetzungen\u00a0-, bis ich zuf\u00e4llig <em>Noodler&#8217;s North African Violet<\/em> entdeckte.<br \/>\nAls ich das Gl\u00e4schen \u00f6ffnete, entfloh eine ganze B\u00e4ckerei voller Proust&#8217;scher Madeleines, die mich zur\u00fcck zu den knisternden Kladden brachte, zur\u00fcck zu dem ungeduldigen Ticken der Kreide auf der damals wirklich schwarzen Tafel, zur\u00fcck zu dem kreischenden Tumult des Pausenhofs und seinen sch\u00fctzenden Platanen, zur\u00fcck zu der knarrenden T\u00fcr des Materialschranks, zur\u00fcck zu den weichen rosafarbenen L\u00f6schbl\u00e4ttern\u00a0\u2026<br \/>\nDie Farbe der Tinte stimmt \u00fcbrigens nicht mit der von damals \u00fcberein\u00a0&#8211; hier kommt Herbins <em>Stiefm\u00fctterchenviolett<\/em> der Sache bedeutend n\u00e4her. Aber ihr Duft schenkte mir eine magische Zeitreise.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist schon seltsam: Wenn ich an meine Kindheit zur\u00fcckdenke, verbinden sich meine Erinnerungen unweigerlich mit Papier, Tinte und Schrift. Ich sehe noch vor mir, wie sich die Seitenecken der Schulhefte unter dem zu starken Druck des Kugelschreibers widerspenstig zusammenrollen. Ich rieche noch den Duft frisch angespitzter Buntstifte. 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