{"id":156,"date":"2009-06-15T21:37:15","date_gmt":"2009-06-15T20:37:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.textloft.de\/auf-papier\/?p=156"},"modified":"2017-02-06T22:28:53","modified_gmt":"2017-02-06T21:28:53","slug":"mythos-moleskine%c2%ae","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.textloft.de\/auf-papier\/mythos-moleskine%c2%ae\/","title":{"rendered":"Mythos Moleskine\u00ae?"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.textloft.de\/auf-papier\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/moleskine12.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-159\" title=\"moleskine1\" src=\"https:\/\/www.textloft.de\/auf-papier\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/moleskine1-150x150.jpg\" alt=\"moleskine1\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a> Eigentlich ist es eher unscheinbar \u2013 ganz in schwarz gekleidet mit seinem unspektakul\u00e4ren Gummib\u00e4ndchen. Ein Notizbuch wie viele andere, k\u00f6nnte man meinen. Und doch umgibt es die Aura des Besonderen \u2013 dank einer geschickten Werbekampagne, die im Bereich der Papierwaren ihresgleichen sucht und es zum Kultobjekt erhob.<\/p>\n<p>Dass nicht einmal eindeutig feststeht, welche der K\u00fcnstler und Intellektuellen, die mit der Geschichte des Moleskine\u00ae in Verbindung gebracht werden, ein solches Heft verwendet haben und welche auf eines der zahlreichen \u00e4hnlichen Bl\u00f6ckchen mit Gummizug zur\u00fcckgegriffen haben, die seinerzeit in gro\u00dfen St\u00fcckzahlen vertrieben wurden, ist inzwischen kein Geheimnis mehr.<\/p>\n<p>Eine gr\u00fcndliche <a class=\"speziell\" href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/376\/316261\/text\/4\"><strong>Demontage<\/strong><\/a>, wie sie <a class=\"speziell\" href=\"http:\/\/eco.rue89.com\/2009\/03\/28\/le-moleskine-dhemingway-ou-la-magie-du-marketing\"><strong>immer h\u00e4ufiger<\/strong><\/a> versucht wird, ist allerdings \u00fcbertrieben und v\u00f6llig unn\u00f6tig.<br \/>\nAuch wenn die Geschichte, auf der das Marketingprojekt des heutigen Herstellers Modo &amp; Modo beruht, ein recht k\u00fcnstliches und bei n\u00e4herer Betrachtung wackeliges Konstrukt ist, und Moleskine\u00ae erst Anfang dieses Jahrhunderts als Marke entstand &#8211; es gab in franz\u00f6sischen Schreibwarenl\u00e4den in den vierziger und f\u00fcnfziger Jahren wirklich Hefte und Carnets, die mit einem damals als wertvoll und besonders sch\u00f6n empfundenen Stoff bezogen waren und sich durch die hervorragende Qualit\u00e4t von Papier und Verarbeitung, die Strapazierf\u00e4higkeit des Einbands und eine praktische hintere Falttasche auszeichneten. Sie mussten aufgrund der Feinheit des Stoffes in Handarbeit hergestellt werden und wurden dementsprechend zu m\u00e4rchenhaft hohen Preisen angeboten, was zu ihrem Untergang f\u00fchrte. Sie wurden allerdings nicht Moleskine\u00ae genannt, sondern &#8222;cahiers en molesquine&#8220; oder &#8222;carnets en molesquine&#8220;. Die Cahiers hatten ein Format von wahlweise 24 x 32 cm oder 32 x 40 cm, und das Papier im Inneren war jeweils 120 g-Zeichenpapier oder das, was wir heute als Fotokarton bezeichnen w\u00fcrden. Beide Modelle wurden oft f\u00fcr Collagen, Einklebungen, Stickmustersammlungen oder Herbarien verwendet. Die Carnets entsprachen in etwa der heutigen Gr\u00f6\u00dfe B5, das Papier war f\u00fcr das Schreiben mit der Feder hervorragend geeignet, und sie dienten als Tagebuch, Gesch\u00e4ftsbuch oder Notizblock. Noch zwei Jahrzehnte sp\u00e4ter gen\u00fcgte das Wort &#8222;molesquine&#8220; allein, um auf das Gesicht der &#8222;einfachen Leute&#8220; ein vertr\u00e4umtes L\u00e4cheln zu zaubern. Manch einer schw\u00e4rmte davon, ohne ein solches Heft je in der Hand gehabt oder gar gesehen zu haben.<\/p>\n<p>Kein Wunder also, dass es dem kleinen italienischen Verlag m\u00fchelos gelang, aus der Nostalgie eine Legende aufzubauen, die ganz unreflektiert rezipiert wurde und ausgesprochen erfolgreich funktioniert. Nur zu gern will man daran glauben, dass hier ein St\u00fcck Vergangenheit, das unwiederbringlich verloren schien, wieder da ist. Auch wenn die heutigen Hefte kaum noch etwas mit den damaligen gemein haben, tut es ihrer Popularit\u00e4t keinen Abbruch. Ein Moleskine\u00ae zu besitzen, ist einfach schick &#8211; aus welchen Gr\u00fcnden auch immer.<\/p>\n<p>Mittlerweile hat die Fangemeine weitweite Ausma\u00dfe angenommen. Es gibt neben der eigentlichen <a class=\"speziell\" href=\"https:\/\/www.moleskine.com\"><strong>Internetpr\u00e4senz<\/strong><\/a> verschiedene <a class=\"speziell\" href=\"https:\/\/www.moleskine.com\/mymoleskine\/community\/mymoleskine.php\"><strong>Communitys<\/strong><\/a>, <a class=\"speziell\" href=\"https:\/\/www.moleskinerie.com\/\"><strong>Blogs<\/strong><\/a>, <a class=\"speziell\" href=\"https:\/\/www.flickr.com\/groups\/moleskinerie\/\"><strong>Photosammlungen<\/strong><\/a>, <a class=\"speziell\" href=\"https:\/\/www.carnetsdinspiration.fr\/\"><strong>Projekte<\/strong><\/a> aller Art. Um dem Rechnung zu tragen, wird die Produktpalette immer wieder erweitert. Es gibt Kalender, Do-it-yourself-Reisef\u00fchrer, Skizzen- und Partiturbl\u00f6cke und vieles mehr &#8211; was dem Mythos Moleskine\u00ae sicherlich eher abtr\u00e4glich ist. Moleskine\u00ae ist der Beweis, dass das kollektive Bewusstsein sich nach den intellektuellen M\u00e4rchen sehnt.<\/p>\n<p>Fakt ist: Das Papier des heutigen Moleskine\u00ae vermittelt ein angenehmes und erholsames Schreibgef\u00fchl, die Hefte sind praktisch und \u00e4sthetisch klassisch. Die Einheitlichkeit des Einbands erm\u00f6glicht die Nutzung \u00fcber Jahre hinweg als Sammlung. Und das um das Produkt aufgebaute Marketing-Ger\u00fcst f\u00fchrt dazu, dass auch die junge Generation wieder zum Stift anstelle der Tastatur greift. Somit ist die Moleskinemania zweifelsohne eine der besten Erscheinungen, die Werbung und Snobismus gemeinsam zu Tage gebracht haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich ist es eher unscheinbar \u2013 ganz in schwarz gekleidet mit seinem unspektakul\u00e4ren Gummib\u00e4ndchen. Ein Notizbuch wie viele andere, k\u00f6nnte man meinen. 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